Russland

Ein Land? Ein Kontinent!

Das größte Land der Erde.  Kaum ein anderes Land weckt mehr Erfurcht, gepaart mit einer latenten Angst, Unsicherheit, Unberechenbarkeit. Es ist aber auch eines der letzten – zumindest für Westeuropäer- geheimnisvollen, unbekannten Länder in Europa oder sogar der nördlichen Hemisphäre überhaupt. Mit den zentralasiatischen GUS-Staaten, Laos und den Konfliktzonen des Nahen und Mittleren Ostens ist es sicherlich auch eines der Länder, das am wenigsten mit einem typischen “Urlauberparadis”  assoziiert wird. Obwohl es durchaus auch solche Gegenden gibt, die diese Bezeichnung ebenso verdient hätten, wie die Destinationen an der spanischen oder italienische Mittelmeerküste. Lediglich Pakistan, Afghanistan und Nordkorea dürften auf absehbare Zeit noch weniger Scharm versprühen und entsprechend „attraktiv“ auf den sonnenhungrigen, leichtgekleideten Mitteleuropäer wirken. Ist das so?

Wodka, Bräute und Ganoven

Es gibt sie wie Sand am Meer: die Klischees über Russland und “die Russen” schlechthin: Das Land, in dem die Frauen wunderschön, eine schöner als die andere, sind, während die Männer mit kürbisförmigen Köpfen herumlaufen, auf denen das ausgedünnte Haar in einem scharfen Scheitel zurechtgelegt wurde. Das Land, in dem die Autos und die Menschen gleichermassen mit Wodka laufen. Jeder Mann ist besoffen, während die Frauen in knappen Outfits und lasziven Posen –Prostituierten gleich- nichts weiter im Sinn haben, als sich einem noch so häßlichen Mann in den Arm zu werfen oder Jagd auf westliche Ausländer machen – in der Hoffnung auf eine Erlösung” im Westen. Die Schöne und das Biest auf Russisch.

Oder die Klitschko-Variante – ich weiss, das sind Ukrainer, aber das „ist doch alles das gleiche“, oder? Groß, stark mit starkem Akzent. Man kann stundenlang mit dem Hammer draufeindreschen, ohne daß sich nur ein Stirnrunzeln zeigt. Der Albtraum eines jeden Amerikaners. Der „Terminator“ schlechthin. Und nicht zu vergessen: die „Babuschka“, die russische „Omma“, die mit einer zum Kopftuch umfunktionierten Plastiktüte mit Buckel, Krückstock und Lumpen, samt Trolley um die knietiefen Schlaglöcher auf dem Fußgängerweg herumbalanciert. Abgesehen davon sind alle korrupt und brutal, abgesehen von einer genetischen determinierten Primitivität.

Das sind wahrscheinlich so die gängigsten Klischees, die man bei uns im Westen oft pflegt. Wir ergötzen uns förmlich an den Geschichten, die so wunderbar unsere zivilisatorischen Normen zu sprengen scheinen. Die „normalen“ Geschichten sind ja auch ein Stückweit langweilig.

"Machen Sie Urlaub in Osteuropa, Ihr Auto ist schon hier!". Gängige Vorverurteilung, entstanden in den 90er Jahren im Zuge der Überhandnahme der Kriminalität im post-sowjetischen Osteuropa.

“Machen Sie Urlaub in Osteuropa, Ihr Auto ist schon hier!”. Gängige Vorverurteilung, entstanden in den 90er Jahren im Zuge der Überhandnahme der Kriminalität im post-sowjetischen Osteuropa. Der Transporter (oben) aus Wittenberg (Brandenburg), fotogafiert in Kirow, 2800 km östlich, tief in Russland.

„In der Lüge steckt immer auch ein Stück Wahrheit“

Das sagt man so, obwohl es nicht unbedingt so ist. Vielmehr gibt es Aspekte, mit denen man rechtfertigt, dass die Lüge eine logische Schlussfolgerung aus einem Sammelsorium von eben diesen Aspekten und Fakten ist. Eine Rechtfertigung. Ein Vorurteil ist jedoch nicht mit einer Lüge gleichzusetzen, scheint aber strukturelle Ähnlichkeiten aufzuweisen.

So „wahr“ und „klar“ diese Vorurteile wirken, so sagen sie doch eigentlich mehr über uns selbst aus, als über den, den sie betreffen. Es stecken Bilder, Gefühle drin, Erwartungen. Im Fall Russland hat es sicherlich mit einer Menge Angst zu tun, weil man Russland nicht kennt. Es ist zu groß, zu fremd, nicht zu messen mit den Maßstäben, mit denen wir andere (westliche) Länder vermessen. Gleiches gilt für die arabischen Länder. Zudem war die Sowjetunion durch den Eisernen Vorhang ja auch wirklich kaum zugänglich.

Auch so ein Vorurteil: schlechte Strassen. Nein, die Strassen sind nicht schlecht, sie sind KATASTROPHAL !!!

Auch so ein Vorurteil: schlechte Strassen. Nein, die Strassen sind nicht schlecht, sie sind KATASTROPHAL !!!

Wir sprechen die Sprache nicht. Russisch ist und bleibt auf unabsehbare Zeit die lingua franca einer Region, die sich von der polnisch-weissrussischen Grenze bis zum Pazifik, vom (Nord-)Polarkreis bis an die iranische und chinesische Grenze erstreckt. Und wir, wenn wir in dieses Reich eintauchen, sind verloren mit unserem Englisch, das uns sonst in den meisten Fällen ausreicht. Russland zu bereisen ohne auch nur ein Kleinwenig Russisch zu sprechen? Keine Chance!

Ohne Russisch bleiben uns direkte Kanäle der Kommunikation verschlossen. Es wirkt wie eine Mauer, hinter der sich Dinge abspielen, die wir dadurch noch weniger verstehen. Das macht Angst, die ein wesentlicher Bestandteil unserer Vorurteile wird. „Fahr ja nicht nach Russland, das ist doch zu gefährlich!

Wo fährt der Zug nach Tomsk (Sibirien)? - Anzeige im Jaroslavski-Bahnhof, Moskau

Wo fährt der Zug nach Tomsk (Sibirien)? – Anzeige im Jaroslavski-Bahnhof, Moskau

 

Auch im „aufgeklärten freien“ Westen hat man sich nie besonders Mühe gegeben, fremde Völker und Kulturen verstehen zu wollen. Das scheint zu beschwerlich zu sein. Einfacher ist es hingegen, vom Sofa aus mit einer gewissen Leichtigkeit des westlichen Lebenstils zu urteilen. Und zu „vorurteilen“. Das macht sicherlich jeder und das ist auch in gewissem Maße normal. Niemand ist frei davon. Schlimm ist es jedoch, wenn Politiker keine bessere Strategie haben, zumal solche in wichtigen Positionen. Das Ergebnis sieht man in Afghanistan, Irak usw.

 

Und was heißt das jetzt für uns?

Russland ist ein Gebilde, das man nicht einfach verstehen kann. Es muß erarbeitet werden, und gerade hier liegt der Reiz für jene, die nicht das Vordergründige suchen, sondern das Abenteuer mit Tiefgang. Es kostet Kraft, Schweiß, Geduld. Aber man wird belohnt, reichlich!

Die vielen Vorurteile und vor allem Ängste, die wir haben, werden nicht unbedingt alle ausgeräumt. Wir müssen auch keinen Gefallen daran finden, an dem was wir sehen oder erleben. Aber mit unserem „aufgeklärten westlich-demokratischen“ Wesen sollten wir imstande sein unvoreingenommen Schitte in Richtung auf das Unbekannte zu gehen. Dann können wir nicht nur das z.T. extrem harte und arme Leben entdecken, sondern auch die vielen wunderbaren Menschen, den Reichtum an Geschichte und Zivilisation, Kultur und Natur. Wir sehen dann nicht die Alkoholiker und schönen „willigen“ Frauen, sondern Menschen. Menschen, die die gleichen Gaben haben wie wir, aber an einem unwirtlicheren Ort ums Überleben kämpfen und Erstaunliches schaffen und erschaffen. Man fühlt sich geehrt, einen Lebensausschnitt der Menschen mitzuerleben und eine Bewunderung zu entwickeln.

Natürlich gelten diese Gedanken nicht nur für Russland, sondern für jedes Land. Besonders aber fremde Länder und Kulturen stellen höhere Ansprüche an uns – und das dürfen sie auch. Man kann Menschen, Kulturen und Länder nicht konsumieren. Wir müssen uns schon etwas Mühe geben, um es wert zu sein, wunderbare Momente zu erleben und fantastische Menschen zu treffen.