Von der Kunst sich treu zu bleiben

Teil 3

Und jetzt? Nix mehr mit Unfallchirurgie? Keine Traumatologen-Karriere? Nun ja, wie ich ja bereits eingangs geschrieben hatte, wollte ich das weitere Vorgehen nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf abhängig machen – und natürlich von der Gesundheit. So war die Probezeit auch wirklich eine Probezeit. Kommen wir mal zum Positiven: Das Fach, das “Basteln”, die “Action”, das “Improvisieren”, Medizin zum Anfassen – die Unfallchirurgie ist wirklich eine tolle Sache! Unfallchirurgen sind praktische, lösungsorierte Personen (oder sollten es jedenfalls sein). Das hat mir gefallen und ich hätte es gerne weiter gemacht. Es hat mich begeistert und auch wenn der Druck hoch war, habe ich fast immer Freude gehabt an den praktischen Tätigkeiten.

Ich hatte jedoch nie vor, die Allgemeinmedizin aufzugeben (bei der Zeit, die ich dafür investiert habe, auch nicht besonders clever). Laut Landesärztekammer hätte ich mir das eine oder andere Halbjahr für die Unfallchirurgie auch anrechnen lassen können, sodaß ich nicht die 5 Jahre gebraucht hätte. Soweit die Theorie, welche sich aber an der Realität messen lassen muß.

Daß auch bei einem grassierendem Ärztemangel eklatante Arbeitsbedingungen herrschen, das kann man eigentlich kaum glauben. Damit meine ich aber nicht das Finanzielle! Ich habe in diesem Krankenhaus so gut wie noch nie in Deutschland verdient! (bin aber natürlich trotzdem kein “Schwerverdiener” 😉 ) Aber darum geht es hier nicht. Es geht um Ausbildung, Arbeitszeiten, Stress, der Umgang miteinander. Daß es früher nicht einfach war, einen Job, eine Ausbildung zum Facharzt zu bekommen oder zu durchlaufen, glaube ich sofort. Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als Ärzte in Deutschland Taxi fuhren, weil sie keinen Job bekamen. Und die, die einen hatten akzeptierten alles, um irgendwie durch die Facharztausbildung zu kommen. Jetzt haben wir einen massiven Ärztemangel. Und das Arbeitsklima? Wer geglaubt hat, das würde “der Markt schon alleine regeln”, hat falsch gedacht! Angebot und Nachfrage schön und gut, aber in den Köpfen sitzen immer noch alte Verhaltensmuster, zumal die Köpfe auch oft noch die alten sind. Natürlich wird versucht, Mitarbeiter anzuziehen und zu halten. Kindergärten für die Kinder der Angestellten, Hilfe bei der Wohnungssuche, Zuschuss bei den Umzugskosten, das sind schon wichtige Dinge, aber der Geist dahinter fehlt. “Ich will Dich hier haben, ausbilden, Dich zu einem guten, verläßlichen Mitarbeiter machen” – so müßte die Devise lauten. Eine Investition, die sich auszahlt, denn ein zufriedener Mitarbeiter ist leistungsstärker,  gesünder und fühlt eine größere Zugehörigkeit, als ein frustrierter. Alleine vom wirtschaftlichen Standpunkt her macht dies Sinn. Statt dessen klebt man große Zertifizierungssiegel auf die Türen “Familienfreundliches Krankenhaus, zertifiziert nach ISO 08/15”. Wenn mit Familie all die multiresistenten Keime im Krankenhaus gemeint sind, dann stimmt das wohl…

Daß man sich als Neuling hinten anstellen muß, Hierarchien beachten, nichts auf dem Silbertablett präsentiert bekommt und “ordentlich rangenommen” wird, versteht sich. Aber wenn man sich so sehr bücken muß, dass man anschließend tagelang nicht mehr gehen und sitzen kann, ist das nicht normal. Ich will den regen Phantasien jetzt nicht noch mehr Vorschub geben, ich meine das rein mental… 😉 Ich finde es auch gewissermassen richtig, dass man nicht zu sehr mit Samthandschuhen angefaßt wird, immerhin soll man merken, wie die Realität in dem gewählten Fach ist.

Die Kernfrage ist die Verhältnismäßigkeit, die Balance. Alles hat seinen Preis, egal was ich mache. Daraus ergibt sich ja auch irgendwie die Bedeutung und Sinnhaftigkeit. Wenn ich ein Hobby betreibe, kostet das Zeit, vielleicht auch Geld. Ich investiere, aber ich bekomme auch etwas zurück. Im Falle des Hobbys Freude, Zufriedenheit, Fitness z.B. Deswegen mache ich es ja. Wenn ich arbeite, bekomme ich Geld. Wenn ich etwas erreichen will, dann muß ich mich anstrengen, ganz klar (naja, vielleicht nicht überall und bei allen so klar…). Ich investiere Kraft und Zeit –  und noch viel mehr! In vielen Berufen hat man Druck und Verpflichtung mehr zu geben, als “Dienst nach Vorschrift”, aber im medizinischen Bereich steht noch mehr die Moral als Grundstimmung im Hintergrund. Oft wird über “das Wohl des Patienten” gefaselt, aber eigentlich geht es um wirtschaftliche Zwänge und vor allem um die politischen Kleinkriege und Intrigien des Krankenhausalltags, Hierarchiegerangel usw. Man kann sich dem als Einzelner quasie gar nicht entziehen, zumal man sich in einer absoluten Abhängigkeit befindet. Es reicht nicht, gewissenhaft und manchmal bis zur Erschöpfung seinen Dienst zu machen, man muß schon in der Gunst zumindest eines Höheren stehen, um auch einigermaßen weitergebildet zu werden. Das Gerangel, der Druck, die Zeitnot und der Umgangston verändert einen – zum Negativen. Man muß sich verbiegen, auf Dauer seine Bedürfnisse negieren… Wer kann das aushalten auf Dauer, ohne krank zu werden? Jeder kann eine Story über einen verkorksten Arzt mit Marotten berichten. Hat man sich schon mal gefragt, woher das kommt? Für die Fach- und Oberärzte ist das in keiner Weise anders. Sie haben bereits Jahre “gedient” und finden sich in einem System wieder, in dem sie sich nach wie vor korrekt bewegen müssen. Mit dem Facharzt ist also keineswegs Schluß mit der Quälerei.

 

Das “kranke Haus”

Ich habe den Eindruck, daß in keiner anderen Einrichtung der Welt so viele kranke Menschen arbeiten, die im Krankenhaus. Und das macht krank. Mein Hausarzt in Berlin sagte mir einmal, dass fast alle seiner ehemaligen Oberärzte in der chirurgischen Abteilung vor oder kurz nach dem Eintritt in das Rentenalter gestorben wären. Na herzlichen Glückwunsch! Gescheiterte Beziehungen, Kinder, die ihre Eltern nicht kennen, Ehepartner, die sich erst mit dem Beginn der Rente kennenlernen… – weil einer nie da war. Auf einer Internetseite las ich eine treffende Überschrift über Arztfrauen, die “Witwen mit Ehemann” seien.

In der Tat sehe ich viele Kollegen, auf die der Ausdruck “akzentuierte Persönlichkeit” zutreffen könnte. Gereizt, bisweilen cholerisch, depressiv, affektlabil. Erstaunlich viele sind sehr unsicher im Umgang mit Menschen, besonders, wenn sie jemanden neues treffen. Besonders in Bereichen mit viel Stress (Chirurgie, Kardiologie) hat man den Eindruck mit vielen Autisten zusammenzuarbeiten (wobei mir die Inselbegabung von vielen unerkenntlich war). Menschen, die gebildet (oder zumindest ausgebildet) sind, gutes Elternhaus, ausreichend Geld, und dann so etwas: kaum in der Lage die primitivsten zwischenmenschlichen Regeln zu befolgen. Das fängt mitunter schon beim “Guten Morgen” an. Manche sind gar richtig bösartige Charaktere. Waren die alle schon immer so? Ich glaube nicht. Gemäß dem Spruch “Umwelt formt den Menschen”, denke ich, dass die sich in dieses kranke System gezwängt haben. Freiwillig, im guten Glauben, dass man es so zu etwas bringen kann. Was sie meiner Meinung nach nicht auseichend bedacht haben: daß es sie verändert, mehr als man glauben mag. Wie kann es sonst so kluge, aber emotional und (sorry, daß ich jetzt so urteile) charakterlich degenerierte Menschen geben? Einmal für 3-4 Jahre drin, kann man wie bei einer Sekte nicht mehr aussteigen. Ein Aufbegehren würde die gesamten Errungenschaften schmälern. Man würde keine OPs mehr zugeteilt bekommen, Abstellgleis, Ende mit der Karriere. Karriere ist doch nicht alles, oder? Doch für jemanden, der alles aufgegeben hat ist es das Leben. Nie Abschalten können. Nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Kaum Freunde, keine oder eine kaputte Beziehung, keine Interessen, keine Hobbys. Für so jemanden ist hier das Leben psychisch zuende. Das ist der Preis, den man mitunter bezahlen muss. Aber selbst wenn man Karriere macht, was bleibt vom “echten Leben” übrig, wenn man alles aufgegeben hat?  – Einsame Menschen…

 

Akademische Hure im weißen Zwirn

In der heutigen Gesellschaft ist jeder mehr als früher gefordert, Verantwortung für sein Leben in die Hand zu nehmen. Einerseits, Ziele zu stecken und zu erreichen, andererseits bewußt auch Grenzen zu setzen. Ein jeder sollte bewußt Entscheidungen treffen. Auch wenn sich diese hinterher als falsch herausstellen, ist es allemal besser als sich passiv treiben zu lassen. Daher auch die Frage an Dich (ja genau DICH, den Leser): Welchen Preis bist DU bereit zu zahlen? Für was?

Für mich war der Preis zu hoch. Entfremdung von der Familie, meinen eigenen Bedürfnissen, aber auch ideellen Vorstellungen. Am schwersten wogen jedoch die individuellen Veränderungen: ich war zunehmend gereizt, nervös, ungeduldig. Einmal schreckte ich mitten in der Nacht auf. Olga versuchte mich zu beruhigen und ich fragte sie “Wer sind Sie?” Sie sagte “Ich bins, Olga, Deine Frau!”. “Ach so“, erwiderte ich und legte mich wieder hin.

Eine andere Horror-Vorstellung: Nico ist im Kindergarten und spielt Berufe-Raten mit einem anderen Kind. “Was macht Dein Papa so?”, fragt das andere Kind.  Nico beschreibt dann meinen Beruf so: “Also mein Papa ist immer weg, kommt total fertig nach Hause, ist Alkoholiker, psychisch total labil, hat mit vielen Leuten Kontakt, kriegt immer den Arsch voll und hat erhöhtes Risiko für ansteckende Krankheiten”. Das andere Kind feixt “Ach Dein Papa ist Stricher!”

Für den einen oder anderen habe ich nicht lange genug “durchgehalten”, oder ich hätte mangelnde “Integrationsfähigkeit” (um das mal modern auszudrücken). Ich gestatte es nur eben niemanden, mir zu nahe zu kommen und mich und mein Umfeld zu gefährden. Das musste ich auch erst lernen. Insofern ist meine Entscheidung für mich nur konsequent. Ich habe auch keine Angst vor Entscheidungen und den daraus resultierenden Veränderungen. Wenn man ernsthaft Allgemeinmedizin machen möchte, so bekommt man Übung darin, sich immer wieder verändern zu müssen. Man muss sich immer wieder anpassen, was zu einem gewissen Grad auch absolut richtig und wichtig ist. Man fängt immer wieder von Klein an zu lernen (in einem neuen Fach, neue Stelle), was mitunter frustrierend sein kann, andererseits verliert man mit der Zeit aber auch gewisse Ängste. Der häufige Stellenwechsel, das ständige Gefühl ein Neuling zu sein, keine große Karriereleiter emporzusteigen, das ist u.a. der Preis, den ich bezahlen muß – aber den bezahle ich gerne.

“Auf die harte Tour”

Teil 2 … und wie Deutschland für Fremde wohl sein mag

Da sind wir nun im sonnigen Osnabrück. Es ist der erste Juni 2017. Die Sonne wärmt den nicht vorhandenen Pelz, das Grün grünt und die Vögel zwitschern – wunderbar! Es ist der erste Arbeitstag in einem großen Krankenhaus in Osnabrück für mich. Heute fange ich an in der Unfallchirurgie eines Hauses der Maximalversorgung, d.h. Traumazentrum mit Hubschrauberlandeplatz usw. Vielleicht der Beginn einer länger währenden Liebe zur Chirurgie, einer handfesten soliden Tätigkeit ohne das mitunter “furchtlose Herumgedoktore” wie in der Allgemeinmedizin. Endlich klar geborstene Ellenbogen, die zusammengeschraubt werden, tropfendes Blut auf der Transportliege und “Action”, deren Ergebnis man noch am gleichen Tag, wenn nicht sogar wenige Stunden oder Augenblicke später bestaunen kann. Ja, ich will es noch einmal wissen, bevor ich zum “alten Eisen” gehöre. Wenn die Gleichung nicht aufgeht, kann ich wieder Allgemeinmedizin machen. Jetzt aber noch einmal richtig gefordert werden, an die Grenzen gehen, Nächte um die Ohren schlagen, amputieren, Köpfe zusammennähen (also nicht zwei verschiedene, sondern ein und denselben…na Ihr wißt schon)… Eben die ganze Bandbreite der Traumatologie.

Natürlich bin ich etwas aufgeregt, wie es heute wohl laufen wird, aber am ersten Tag ist ja sowieso meist erst einmal Kleidung, Schlüssel usw. abholen, die Abläufe kennenlernen. Den Rest der Woche dann Einarbeitung in den Alltag der Abteilung.

Doch weit gefehlt! Wenige Stunden später, ich habe mir kaum die neuen weißen Hosen hochgezogen, stehe ich auch schon in der Notaufnahme und bearbeite meine ersten Patienten! Was ich jetzt mit dem 3-Jährigen mache, der sich beide Unterarmknochen gebrochen hat? Oder der russischsprachige Handwerker, der sich zweimal (!) mit dem Hammer auf den linken Daumen gehau´n hat und nun ein großes Hämatom unter dem Nagel hat? Und die alte Dame, die heute früh gestürzt ist und ein verkürztes außenrotiertes linkes Bein hat? Wer bekommt welche OP, wenn überhaupt? Und dann: welches Verfahren? Nagel? Schraube? Prothese? Also theoretisch habe ich ja gewisse Grundlagen, aber praktisch…  Wen ruft man an zur OP-Anmeldung? Nebenan sitzt ein Kollege, der bereits Facharzt ist und recht nett wirkt. Schon bei meiner zweiten Frage antwortet er mir jedoch: “Also Du bist ja jetzt kein Student mehr, Du mußt jetzt lernen eigene Entscheidungen zu treffen!”. Hä? Während ich noch an der Antwort kaue, werde ich schon gereizt von einer Oberärztin gefragt, warum denn der kleine Patient noch nicht zur OP angemeldet sei. Wie bitte??? Später erklärt mir ein anderer Assistenzarzt, dass die OP-Indikationen hier von den Assistenten gestellt werden müssen (auch von Anfängern), und  diese Antworten zum normalen Umgangston gehörten. Also irgendwie hatte ich mir meinen ersten Tag anders vorgestellt. – Willkommen in Deutschland!

Wichtig: Röntgen-Demo

Apropos Deutschland. Neben dem einen Kollegen, der mich “etwas” einarbeiten soll, gibt es noch einen anderen deutschen Assistenzarzt. Alle anderen kommen aus anderen Ländern: dem Iran, arabischen Ländern, Indien, Serbien, Sudan. Mich stört das wenig, aber so manche andere Kollegen und Patienten sind verunsichert, dass es so wenige Deutsche gibt. Aber das ist die Situation in praktisch allen Einrichtungen in Deutschland! Mein sudanesischer Kollege hat in Saudi-Arabien vorher gearbeitet und als Kind verbrachte er sogar ein paar Jahre in Schweden! Wir plaudern etwas auf Schwedisch. Mann, ist die Welt klein! Er hat Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, aber keiner nimmt Rücksicht. Generell haben die Ausländer weniger Chancen als Deutsche, was man unter anderem daran merkt dass bestimmte Leute gewisse Operationen machen dürfen und andere nicht. Ich glaube nicht, dass das echter Rassismus ist, sondern eher eine gewisse Arroganz gepaart mit der Müdigkeit auf andere Menschen zuzugehen, vor allem, wenn diese dann auch noch eine kulturelle und vor allem sprachliche Unterstützung benötigen.  Auch für mich als Heimkehrer mutet das irgendwie eigenartig an und ich bekomme besonders in diesem Arbeisklima auch einen gewissen Kulturschock…

Der eine deutsche Kollege wird Oberarzt in einer anderen Stadt und verläßt uns. Und meine Einarbeitung? Fehlanzeige. In den kommenden Wochen arbeite ich mich meistens selbst ein, natürlich mit der dadurch verbundenen Mehrbelastung und aufkommenden Stress. Ich schlafe wenig und schlecht. Nach drei Wochen werden mir Gutachten ins Fach gelegt. Äh was? Gutachten? Ich? Als “qualifizierter Anfänger”? Ich gucke mir die Gutachten der Kollegen an und versuche mich daran zu orientieren. Schon trippelt die Oberärztin nervös. Wann ich denn den Patienten gedenke einzubestellen? Äh…

Der Tag beginnt praktisch immer mit einer Röntgenbesprechung. Ich halte das für ein sehr wichtiges Instrument, um zu lernen. Hier lerne ich jetzt jedoch die besondere Gruppendynamik meiner neuen Arbeitskollegen kennen. Die erste Reihe ist gefüllt mit Oberärzten, dahinter in zwei Reihen die (sofern vorhandenen) Assistenzärzte und Fachärzte. Ich nehme ganz hinten Platz. Kaugummikauend betritt der Chef den Raum und setzt sich auf einen für ihn freigehaltenen Platz. Jetzt geht es los. Der Radiologe wird zunehmend nervös, schwitzt vor sich hin, während die Fälle vorgestellt werden. Immer wieder kommen Querfragen aus der ersten Reihe, die mir etwas überzogen erscheinen. Der junge radiologische Assistenzarzt wird solange gefragt, bis er keine Antwort mehr hat. Der unfallchirurgische Assistenzarzt, der den nächsten Patienten vorstellt, kann kaum zuende reden. Schon intervenieren die Oberärzte und beginnen sich formell höflich, im Unterton jedoch missgünstig gegenseitig zu beharken. Scheinbar muß sich dort vorne jeder in irgendeiner Form besonders schlau präsentieren. Währenddessen ist der Rest in eine Art Schockstarre verfallen. Augen werden gerollt, die Uhr im Abstand von wenigen Sekunden wiederholt betrachtet. Hat sich der Zeiger wirklich weiterbewegt? Sind das wirklich 60 Striche auf der Uhr, die eine Minute darstellen? Abzählen hat ja auch etwas meditatives…

Nach dieser Show, die ich schon bald als “Gruselkabinett” bezeichne, geht es auf die Station. Visite. Kaum haben wir das erste Zimmer zu Ende visitiert, ruft der OP an. Der Kollege könne jetzt runter in den OP kommen. Grinsend verschwindet er. Nun sitzen wir anderen beiden hier und kämpfen uns Zimmer für Zimmer vorwärts. Und schon wenige Zeit später ruft die Notaufnahme an. Es wären schon ein Patient mit Kopfplatzwunde unter blutverdünnender Therapie und “ein Schenkelhals im Angebot”. Also führt uns der Weg nach unten. Und die Visite? Die muss warten. Also kümmern wir uns erst einmal um die Patienten in der Notaufnahme. Der Kopf-Patient wird genäht und bekommt ein CT, der “Schenkelhals” wird zum “Aufschlitzen” fertig gemacht. Schon sind die nächsten Patienten eingetroffen.

Die Station ruft an. Bis zu 20 mal am Tag. Ob ich denn das Medikament X bei Frau Y ansetzen könne. Und dann sei da noch die sabbernde Wunde von Frau K in Zimmer 32. Und Dies und Das und Jenes. Ja klar, ist ja kein Problem, ich habe da nur noch die 6 Patienten in der Notaufnahme… Anmerken läßt sich, dass nicht jeder, der die Notaufnahme aufsucht und sich als Notfall betrachtet auch tatsächlich einen medizinischer Notfall ist.

 

Eine Notaufnahme voller “Pummel-Elfen”

Alkoholisiert Feuerwerk in der Wohnung entzündet und es versucht “auszutreten”…. offene Frakturen, die Knochen lächelten mich an

Schon wenige Wochen später hat sich die Assistentenzahl deutlich reduziert. Einerseits durch geplante Wechsel, aber eben auch durch Kündigungen. Schwester Gaby berichtet, sie habe Im letzten Jahr 11 Assistenzärzte in der Unfallchirurgie kommen und gehen sehen. Aha, na das klingt ja ganz toll! Und ich dachte schon, der Chef hätte mich eingestellt, weil ich so genial bin 😉 …

Es klingelt. Es ist das Schockraumtelefon. Immer dann, wenn ein Notarzt meint, der Patient bräuchte die “volle Manpower”, wird ein Team zusammengetrommelt. In unserem Hause sind dies der federführende Unfallchirurg (diensthabende Assistenzarzt), Anästhesist, Radiologe. Bei Kindern noch der Kinderchirurg und oft auch der Neurochirurg. Inzwischen habe ich mir ein paar Schockraumeinsätze angeschaut. Heute soll ich den “Boss” spielen. Irgendwie ein komisches Gefühl: der Unerfahrenste zieht sich die rote Röntgenschürze mit der Aufschrift “Teamleader” an und sagt wo es lang geht. Was es denn heute gäbe frage ich. Pfleger Ralf schlüpft in die blaue Röntgenschürze und schaut mich über den Brillenrand an. “Roller gegen LKW”, um dann unverblühmt fortzufahren “Der LKW hat gewonnen”. An ein weißes Brett schreibt er “Rollerfahrerin, 50 Jahre, offene Fraktur rechter Unterschenkel, intubiert und beatmet. Ankunft 14.25 Uhr“. Das ist in fast 10 Minuten. Mit seinen 50 Jahren und 30 Jahren Erfahrungen in der Notaufnahme kann ich ne ganze Menge von ihm abgucken. Während wir auf den Schockraum zusteuern beschwert sich eine überernährte Patientin über die lange Wartezeit und warum wir schon wieder an ihr vorbeigehen. “Die Pummelelfe muß schön warten!”, murmelt Ralf nur in seinen Bart. Ja, das darf sie ruhig. Von diesem geistigen Kaliber gibt es viele in der Notaufnahme. Die meisten haben “Befindlichkeitsstörungen”, aber keine Erkrankungen mit Notfallcharakter. Gleichzeitig präsentiert sich diese Sorte Kundschaft laut, ungeduldig, pübelnd und in jedem Fall immer fordernd. Durchschnittlich ist die Polizei 3-4 mal pro Woche in der Notaufnahme, um uns zu helfen.

Als die Schockraumpatientin schließlich kommt, sehe ich auch das Ausmaß. Es sieht schlimm aus. Der Notarzt macht die Übergabe, ich moderiere das Procedere. Die Patientin wird auf den Tisch umgelagert, das Notarztteam verschwindet. Inzwischen ist auch meine Oberärztin, die heute für den Schockraum oberärztlich zuständig anwesen und greift beherzt ein, während ich versuche den Überblick zu bewahren. Es wird geröngt, Ultraschall gemacht, Zugänge in die Venen gelegt. Ich untersuche Kopf, den Brustkorb, Becken, die Extremitäten, den Bauch. Es ist doch mehr kaputt, als der erste Eindruck vermuten ließ. Irgendwie kriegen wir die Patientin soweit, dass sie in den OP gebracht werden kann. Während die Anästhesisten und die Oberärztin die Patientin begleiten, entledige ich mich der schwerden Bleiweste.

Typischer Schockraum

Etwa zwei Stunden später klingelt mein Telefon. Während ich über den Akten von Patienten hänge und ich nicht weiß, was ich zuerst machen soll, bittet meine Oberärztin zum Gespräch. Ich könne mir ja mal überlegen, was ich alles gut und nicht gut gemacht hätte bei dem Schockraum. Frau Oberlehrerin legt auf. Irgendwie bin ich im falschen Film. Ich habe tausend Dinge gleichzeitig zu machen, und sie denkt an Belehrungsstunde. Kurze Zeit später sitzt sie neben mir, schlägt die Beine übereinander und schaut mich fordernd an. “Und, was hast Du Dir überlegt? Was hast Du gut gemacht?” Ich versuche mich zusammenzureißen. Mein erster richtiger Schockraum war das. “Ich habe nicht im Weg rumgestanden!”. Sie guckt mich mit großen Augen an. “Also dann kürzen wir das hier mal ab” fährt sie fort, um bei erhobenen Kinn und gelangweiltem Blick aus dem Fenster Ratschläge zu geben. Auch wenn sie in meiner Beliebtheitsskala große Sprünge nach unten macht, höre ich ihr aufmerksam zu. Es lassen sich ja fast immer wichtige Infos gewinnen und Aufmerksamkeit braucht sie ja auch. Ich bin jedenfalls froh, ich habe meinen ersten Schockraumeinsatz erst einmal geschafft. Die Patientin leider nicht, sie verstirbt später.

 

…und Tschüß!

Die Wochen und Monate vergehen. Ich mache fast nur noch Dienste. Wenn wir Wochenenddienste machen, so sind das 12-15 Stunden. De facto arbeiten wir 12 Tage ununterbrochen durch. Ende November wegen personellen Engpässen fast 4 Wochen. Da die Arbeitsbelastung immer mehr zunimmt, die Bedenken und Warnungen der Assistenzärzte belächelt werden und ich schließlich von meiner “Favoritin” OP-Verbot erhalte, ist die Konsequenz  nur allzu logisch: Ich kündige!

Ich habe noch nie so gerne gekündigt wie hier!

 

Aufbruch in ein neues (altes) Land

Teil 1 – Abreise und physisches Ankommen

Wir sind angekommen. Etwas mehr als ein halbes Jahr nach dem Umzug haben wir uns langsam eingelebt in unserer neuen Heimat. Die Familie fast um die Ecke, die Arbeit 10 min mit dem Fahrrad entfernt, das Auto muss nur noch wenig bewegt werden (was den Geldbeutel und die Umwelt freut). Das sind doch schon mal gute Vorraussetzungen.

Das war´s, die Wohnung ist leer.

Allerdings war dieses halbe Jahr auch eregnisreich. Alles begann mit dem Umzug. Bereits im April begannen wir zu packen, die Wohnung wurde schrittweise “zurückgebaut”, bis nur noch Kisten übrig blieben. Leider musste ich bis zum vorletzten Tag arbeiten. Meine Chefin sah angeblich keine Möglichkeit, mir mehr Urlaub zu geben. Das machte alles nicht einfacher. Schließlich kam der Transport-LKW der Umzugsfirma, die wir beauftragt hatten und die Wohnung war leer.

Genau das richtige Abschiedswetter

Die letzten 2 Nächte schliefen wir auf einer aufblasbaren Matratze meines Kollegen Bert, bevor wir in eine Gästewohnung des schwedischen Mietervereins umzogen. Zur Übergabe hatten wir glücklicherweise eine Firma für die Reinigung unserer alten Wohnung beauftragt, was zwar teuer war, sich aber als sehr klug herausstellte. Unser Vermieter fand ständig etwas zum Aussetzen und ließ die Putztruppe mehrere Stunden nachputzen! Aufpreis kostete das für uns allerdings nicht.

Endlich mal Sonne und etwas Wärme…

Am Tag unserer Abreise war es nebelig-trüb und kalt. Das störte uns jedoch nicht. Neben Nico und den Katzen war unser Auto mit jeder Menge Zeug vollgestopf, alles jedoch generalstabsmäßig sortiert, ansonsten hätte man nur die Hälfte unterbringen können.

Unser Ziel war Göteborg am Mittag zu erreichen und am frühen Abend die Fähre nach Kiel zu befahren. Zunächst ging es durch die fast herbstlich-winterlich anmutende Landschaft Mittelschwedens. Bei weitgehend fehlender Autobahn und Tempo 90 zog sich die Strecke in die Länge. Etwa 200 km weiter südlich von Falun bekamen wir ihn erstmals in diesem Jahr zu Gesicht: den Frühling. Auf einem Rastplatz wurden die Katzen und Nico Gassi geführt. Was für ein Spass!

 

Nico freute sich an den wärmenden Sonnenstrahlen und einer herumsurrenden Hummel, während die Maggi und Tonia tatsächlich die Chance wahrnahmen und das Katzenklo benutzten. Anschließend ging es weiter gen Süden. Tatsächlich klappte alles ohne größere Schwierigkeiten, sodaß wir am Abend die “Kabine für Passagiere mit Haustieren” beziehen konnten.

Diese ist bei den Fähren meistens mittig angelegt, sodaß man also kein Meerblick hat.Statt Kabine hätte man jedoch eher von “Zelle” sprechen können. Auf engsten Raum hatten wir als zwei Erwachsene und Baby schon Probleme, nicht auszudenken, wenn dann noch ein Rottweiler hätte Platz finden müssen, oder Herrchen ein kleiner Elefant gewesen wäre…

Nico und Maggi “eingeparkt”.

Die Belüftung war auch nicht besonders, weshalb wir die Tür den halben Abend offen ließen. Nach kurzer Eingewöhnung hatten sich jedoch auch unsere beiden Fellnasen mit der neuen Umgebung angefreundet.

Nach einem kleinen Frühstück ging es pünklich gegen 9 Uhr von Bord, sodaß wir unsere Reise Richtung Berlin rasch fortsetzen konnten.
Während mein Bruder in Osnabrück bereits den Umzugs-LKW in Empfang nahm und fleissige Helfer alles entluden (Danke!!!), hatten wir das nächste kleine Projekt zu meistern: Auflösung unseres Lagers in Berlin und alles nach Osnabrück karren. Zum Glück hatten wir auch hier fleissige Helfer, ohne die wird das nicht so ohne weiteres geschafft hätten (Danke u.a. Oxana und Daniel!).

Erstaunlich (praktische) Kombination. Hier kann man sich sprichwörtlich zu Tode saufen. – gesehen am U-Bhf Berlin-Mariendorf, der Friedhof ist 150m weit weg…

Mit einem gemieteten Transporter ging es dann wieder auf die Piste zur letzten Etappe: Berlin-Osnabrück. Auf halben Wege hatten wir das Glück, wieder unsere Weggefährtin Kristin mit ihrem kleinen Justus zu treffen.

Treffen mit Kristin

Ach wie herrlich!!! Wieder einmal wurde uns bewusst, wie sehr uns Bahrain und Middle East generell fehlen…

In Osnabrück angekommen wurden wir wärmstens empfangen. Nach ein paar Nächten auf einer Matratze gings erst einmal in ein preiswertes schwedisches Möbelhaus. Alles musste sehr schnell gehen, da ich bereits nach ein paar Tagen meine neue Stelle antreten musste. Daher verzögerte sich so einiges, sodaß wir noch immer nicht vollständig eingerichtet sind, und im Flur immer noch eine nackte Glühbirne von der Decke baumelt…

Ich “liebe” Umzüge… (aber wen es oft in die weite Welt zieht, muss diese Kröte schlucken)

Wie es einem so geht, wenn man wieder nach Deutschland zurück kommt, könnt Ihr im nächsten Blog lesen. Dann auch, ob wir jetzt eine richtige Lampe im Flur haben und warum Überlebensstrategien noch genauso aktuell sind wie in der Steinzeit…