Sonne und wahrer Reichtum

Dubai und Bahrain دبي و البحرين

Endlich Urlaub! Nach einem anstrengenden Jahr war wieder eine “Erholungsreise” gepant. Naja, wenn wir unterwegs sind, dann ist das mit der Erholung nicht so einfach… Nico ist jetzt 3 Jahre alt und es ist doch recht “anspruchsvoll” das kleine Energiebündel zu kontrollieren.

Nach meiner Facharztprüfung – einem Mittwoch- hatte ich ganze 2 Werktage frei. Nach einem Wochenende ging es dann auch schon wieder los: in neuer Praxis, neuen Mitarbeiterinnen (ich bin der Hahn im Korb, Kikeriki!), neuen Kolleginnen und neuen Patienten. Bis auf eine Woche wurde der ganze Sommer durchgearbeitet, was ich aber gar nicht so schlimm fand, weil wir ja wieder einen wunderbaren Sommer hatten. Zum September hin, dünnten die Kraftreserven jedoch etwas aus und so freuten wir uns auf den Urlaub.

Tip: Egal ob Ihr Kinder habt oder nicht, nehmt immer einen Kinderwagen mit!

Während in Deutschland im September die letzten warmen Tage verstreichen und der Vorgeschmack auf Herbst sich breit macht, machen wir uns auf den Weg nach Frankfurt. Nach einer Nacht in einem Hotel am Flughafen geht es zum Checkin. Die Entscheidung, einen Kinderwagen mitzunehmen war goldrichtig gewesen! Bei der Gepäckaufgabe sagte man und, wir können den Wagen bis zum Gate mitnehmen, was angesichts der Entfernungen super war. Das Beste jedoch: Der Trolley fungiert ab jetzt als VIP-Ticket. Egal ob bei der Passkontrolle oder aber beim Security-Check, überall führt man uns direkt zu der Stelle, wo man mit Kinderwagen durchkommt. Wir können also an den stehenden Massen vorbeiziehen und müssen keine Sekunde warten!!! Herrlich! Ich verreise ab nun an nur noch mit Kinderwagen!

Wir wollen ein paar Tage in Dubai verbringen und anschliessend noch eine Woche in Bahrain. Freunde wiedersehen, auftanken. Nach einem Zwischenstopp in Bahrain geht es weiter nach Dubai. Was mich schon immer fasziniert hat, ist die ausgiebige Beleuchtung der nachts fast leeren Autobahnen in den Emiraten. Von Horizont zu Horizont ziehen sich die Lichterketten, mitunter kann man vereinzelte Lichter, die von Autos stammen, ausmachen.

Landung in Dubai (DXB)

Die Ankunft in Dubai verläuft reibungslos, trotz der schier unendlichen Größe des Flughafens. Eine kleine Metro bringt uns in die Ankunftshalle und da liegt auch schon der Kinderwagen und unsere beiden Taschen bzw. Koffer kommen auch schon. Ich war noch nie so schnell durch!

Auch die Abholung des Mietwagens gestaltet sich recht einfach. Neben uns ein Afrikaner mit französischem Pass. Lächelnd erklärt er dem Mann am Schalter, dass er nur eine Kopie seines Führerscheins hätte. Doch der Schaltermann winkt ab: keine Chance, das Original alleine zählt! Der Afrikaner zuckt gelassen mit den Schultern, lächelt und fragt noch, ob es hier Uber* gäbe, bevor er geht.

*Uber: Ein amerikanisches Unternehmen, das online Vermittlungsdienste für Personenbeförderung anbietet.

Der Mann hat mich beeindruckt! Diese Gelassenheit! Wenn mir das passiert wäre…. Da können wir ne ganze Menge von ihm lernen!

Ein junges Paar kommt mit zwei kleinen Mädchen. Mama trägt Kopftuch, Papa wirkt südländisch. Er spricht Englisch mit dem Schaltermann. Da sehe ich seinen deutschen Pass in den Händen. Es ist eine Familie aus Frankfurt mit marokkanischen Wurzeln. Arabisch spreche er lieber nicht, weil niemand seinen Dialekt hier verstehen würde… – so fühle ich mich auch, manchmal wenn ich einem Bayer gegenüber stehe (sorry Jungs, aber der passte jetzt gut! 😉 )

Ausblick aus dem 20.Stock

Wir bekommen unser Auto. Es ist ein Mitsubishi Pajero. Mit diesem Wagen haben wir im Oman gute (Offroad-) Erfahrungen gemacht. Dieses Mal wollen wir es lieber gelassener angehen, aber die Größe bringt gleich mehere Vorteile mit sich: man kann den Kinderwagen locker verstauen, hat mehr Knautschzone und durch den hohen Sitz auch einen besseren Überblick. Nach 20 min Fahrt durch das nächtliche Dubai über vielspurige Highways haben wir es endlich geschafft: ein 4-Sterne Hotel. Der Wagen wird am Eingang abgegeben und von einem Hotelangestellten geparkt. Auf Parkplatzsuche hätte ich jetzt eh keine Lust mehr gehabt.

Jeder hat seinen eigenen Fokus

Doch trotz der späten Stunde herrscht hier reger Verkehr – und das im doppelten Sinne: leicht bekleidete junge Damen, die mit faltigen Herren auf ihren Hotelzimmern verschwinden. Dass hier gearbeitet wird, liegt auf der Hand… Olga und ich gucken uns an und müssen schmunzeln.

Erst einmal ausschlafen! Wir haben ein Zimmer im 20. Stock, fast ganz oben. Eine Aussicht auf Highways und in der Ferne den Burj Al Arab.

Durch die Stadt der Superlativen

Am Morgen nehmen wir unser Auto wieder in Empfang und los geht’s – erstmal in die falsche Richtung. Das ist gar nicht so schwer hier! Die Stadt hast sich entlang der Küste ausgebreitet, scheinbar ganz ohne Stadtplanung. Dementsprechend gestaltet sich das Strassennetz. Während es aus der Entfernung eher schachbrettartig anmutet, so zeigt es sich bei näherer Betrachtung von seiner wahren Seite: Highways mit zahllosen Spuren (wie haben einmal 8 Spuren gezählt – in einer Richtung!), neben- und hintereinander liegenden Auf- und Abfahrten, Unterführungen und sog. “Flyovers” (Überführungen) – allesamt scheinen sie eine verkehrstechnische Arabeske zu bilden.

Für gute 100 Euro (!) hätten wir ein Navi dazumieten können, aber wir waren so schlau, unser GoogleMaps vom Handy zu nutzen. Eigentlich eine gute Idee, aber durch das viele Durcheinander kam das Satellitensignal im Verkehrsfluss oft nicht hinterher und oftmals stellte sich die Frage “ist es diese Spur oder die andere oder die da hinten?” So sind wir bestimmt 100 km insgesamt “falsch-gefahren”…

Auf der anderen Seite ist es ein Leichtes, durch die Architektur der Gebäude abgelenkt zu werden. Jedes ein Kunstwerk. Ebenso wie die Metro, die wir leider nicht schafften, auszuprobieren.

Burj Khalifa

Der absolute Wahnsinn: der Burj al Khalifa, das mit knapp 830m das welthöchste Gebäude. Eigentlich wollte ich da rauf, aber die Ticketpreise versalzten mir dann doch die Lust. Außerdem ein kritischer Gedanke: Muß man überall rauf? Und die Aussicht ist doch so ähnlich wie beim Anflug auf Dubai, oder?

Ebenso eine Superlative: Die Dubai Mall. Die (z.T.) größte Mall der Welt (je nachdem welche Statistik man betrachtet. Mit einem Aquarium, einer Skipiste und einer Eislauffläche, um nur drei verrückte Sachen zu nennen. Und: mehr als 1200 Geschäfte auf gut 500.000 Quadratmetern, mehr als 750.000 Besuchern pro Woche (2015: 92 Millionen Besucher!). Trotz der Massen hat man nicht den Eindruck vollkommen erdrückt zu werden, was erstaunlich ist.

Dubai Mall

Direkt dahinter erstreckt sich ein künstlich angelegter See und ein Areal aus emporsteigenden Neubauten mit dem Burj Khalifa als optischen Magneten. Es ist der pure Wahnsinn. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass alle 163 Etagen belegt sind… oder doch?

Wir lassen das alles auf uns wirken. Es sind fast 40°C und die Sonne knallt. Gleichzeitig ist die Luftfeuchtigkeit extrem hoch, sodass die Kamera erst einmal minutenlang beschlagen ist.

Langsam bekommen wir Hunger. Der Foodcourt ist noch größer als in anderen Malls – natürlich. Das heisst aber nicht, dass er unbedingt besser ist. Vor allem Fast-Food gibt es hier, aber auch ein Stand mit “Original German Döner”.

Hier noch ein paar mehr Eindrücke:

Noch viel zu lernen…

Nach einer Mittagspause im Hotel soll es am Abend zum Strand gehen. Wenigstens mal die Füße ins Wasser halten. Nico ist schon ganz verrückt nach Wasser. Pünktlich zum Sonnenuntergang parken wir das Auto an der Uferpromenade unweit des Burj Al-Arab.

Jumairah Public Beach mit Burj Al-Arab

Auch in Dubai muss man Parktickets bezahlen. Ich habe jedoch nur ganz wenige Münzen, nicht genügend für das Füttern der Parkuhr. Ich verdreh´die Augen entnervt. Per SMS könne man auch zahlen, aber das funktioniert irgendwie nicht. Nico wird schon ungeduldig, die Sonne neigt sich weiter. Also irgendwoher Münzen bekommen. Etwa 200m weiter gibt es am Strand ein Imbiss, also latsche ich bei 38°C dort hin. Das Wasserfläschchen kostet 2 Euro, das geht ja noch, aber ich bekomme einen Schein als Rückgeld. Ob sie mir nicht Münzen geben könne? “Sorry Sir, no coins!”, anwortet mir die junge Asiatin. Auch ihr Kollege habe keine Münzen, aber vielleicht der Eisverkäufer vor dem Stand. “No, sorry! Icecream?” Oh Mann, ich will kein Eis, ich will Münzen! Ich bin langsam am Ausrasten!!! Vielleicht der Getränkeverkäufer hinter dem Stand, doch der winkt ab. Aaaaaaaahhhhhh!!!! Ihr macht mich wahnsinnig!!!!! Aber auf der gegenüberliegenden Seite solle ich es mal versuchen, dort am Eingang des Parks. Und tatsächlich: ich bekomme Papier gegen Metall. Glücklich spurte ich zurück zum Parkautomaten, um festzustellen: Ich hätte auch mit Karte bezahlen können! Aaaaaaaahhhhhhh!!!!! Tief durchatmen….

OK, also Münzen rein und…. sie kommen wieder raus!!! Ich könnte kotzen!!!Die Sonne ist kurz über dem Wasser, Olga sieht verzweifelt aus und kann Nico kaum noch halten. Ich versuche es immer wieder und irgendwann klappt es dann auch. Ich jedoch war schon wieder vollkommen entnervt. Wie war das noch mal mit der Gelassenheit, die ich mir bei dem Afrikaner am Flughafen abgucken wollte? Grrrrrr! – Einfacher gesagt, als getan….

Auf geht´s zum Wasser. Eigentlich wollten wir nur mal die Füße reinhalten, aber Nico reißt sich los und läßt sich bauchlängs (gibt´s dieses Wort überhaupt?) in Wasser fallen. Der ganze kleine Mann ist naß! Das geht so bis es dunkel ist, aber da das Wasser sehr warm ist, brauchen wir uns keine großen Sorgen wegen Erkältung und Co machen. Nur die Klimaanlagen sind in diesem Zustand unsere Feinde. Da auch wir gut durchnässt sind geht’s wieder zurück ins Hotel.

Wo war noch mal meine Yacht?

Mit frischen Sachen geht es danach zur Marina Mall. Wir hatten eh nicht vor, einen klassischen Touri-Besuch mit Sehenswürdigkeit hier, Sehenswürdigkeit dort usw. zu machen. Wichtig war uns ein gewisser Tapetenwechsel. “Ausspannen” – so gut, wie das eben mit diesem kleinen Energiebündel eben geht. Also Malls anschauen (es gibt auch vieles für Kinder), am Meer sein, staunen, essen…

Blick vom Parkdeck der Dubai Mall: Röhren, die zur Metro führen (ca. 1km!) und im Hintergrund der Highway

Gotham City

Dubai ist erstaunlich: faszinierend und abstoßend zugleich. Diese vielen modernen Monumentalbauten, künstlich angelegte Natur und versiegelte Oberfläche erzeugt eine eigenartige Stimmung. Die Strassenschluchten erinnern mich auch ein Stück weit an Batman´s Gotham City – nur ohne die Kriminalität. In der Tat gehören die Emirate zu den sichersten Ländern der Welt. Zugleich auch zu den weltweiten Schmelztiegeln der Kulturen. Nur 15% der Bewohner sind einheimische Emiratis. Diese sieht man kaum. Das Strassenbild wird geprägt von Expats des indischen Subkontinents und Asiaten, z.B. aus den Philipinen. Dementsprechend findet man auch Konsumgüter aus aller Herren Länder. Auch in Dingen, die die Religion betreffen gibt es weitreichende Freiheiten, aber die größten Anbetungsstätten scheinen die Malls zu sein. Der Konsumwahn findet sich hier in seinen extremsten Auswüchsen.

Interessant ist es allemal und wir geniessen die Tage und das Sonderbare, aber hier leben möchten wir nicht. Alles ist zu künstlich für unseren Geschmack.

Kontrast: Jumairah Moschee

An zwei Tagen schaffen wir es aber immerhin auch mal in die Natur zu kommen. Keine 50 km vom Stadtzentrum entfernt steht man in der Wüste. Dazu muss man aber erst ausgedehnte Industriegebiete am Stadtrand hinter sich gebracht haben. Weiter Richtung Osten erstreckt sich das wunderschöne Hajjar-Gebirge, das wir ja schon von unseren Reisen im Oman her kennen. Es zieht sich bis rauf zur Strasse von Hormuz, der Engstelle am “Eingang” zum Persischen Golf. Die Emirate haben recht wenig Anteil an diesem Gebirge, aber doch sehr schöne Ecken aufzuweisen.

Im Hajjar-Gebirge

Wir schaffen es nur einen kleinen Teil zu sehen und verschnaufen in einer kleinen Oase zwischen Felswänden. Wir sind die einzigen und Nico kann in dem langsam fließenden Gewässer wieder einmal ausgiebig planschen und versuchen die Fische zu fangen.

The Frame

The Frame

Am Abend geht es zu einem nicht weniger spektalurären Bauwerk, das eigentlich gar keine Gebäude ist: The Frame. Einem Bilderrahmen ohne Bild nachtempfunden, erhebt es sich 150m aus der Ebene. Im Rahmen befindet sich jeweils ein Fahrstuhl, der die Besucher in Windeseile nach oben befördert. Oben angekommen wird man vom Personal über die Höhe, die Aussicht und den gläsernen Boden in der Mitte informiert – mit der Bitte: “Nicht auf dem Glas springen!”

The Frame…

Und, was glaubt Ihr, was Nico als erstes macht? Richtig: auf dem Glasboden herumhopsen! Also wird der “Drache ” eingefangen und erst jetzt können wir uns dem Ausblick zuwenden. Da es dunkel ist, kann man die vielen unzähligen Lichter bestaunen, aber der Glasbodenausblick wäre bei Helligkeit wahrscheinlich noch spektakulärer gewesen.

Futuristische Lichinstallationen innen spiegeln sich in den Fensterscheiben und machen ein schönes Foto von Dubai fast unmöglich. Trotzdem ist es ein gelungener und aufregender Abschluss des Tages.

Ausblick aus 150 m Höhe auf Dubai

Emirat Sharjah الشارقة

Einen kleinen Eindruck von Dubai haben wir jetzt bekommen, aber wie sieht es in den anderen Emiraten aus, z.B. im angrenzenden Sharjah?

Schon vom Strassenbild her merkt man schnell, dass man nicht mehr in Dubai ist. Die Gebäude sind niedriger und z.T. sogar normal! Einzig das verwirrende Strassensystem setzt sich fort und wir kämpfen uns durch den Nachmittagsverkehr. Wir parken das Auto in der Nähe der Altstadt. Wir finden liebevoll restaurierte Häuser der alten Bewohner vor, aber leider nichts Lebendiges. Eher einem Museum gleicht der kleine Komplex. Dahinter eine kleine Festung. Die umgebenden Häuserblocks erscheinen mir nahezu schäbig, aber das ist nur mein Eindruck. Umso schöner die zentrale Moschee und der Markthallenkomplex.

Festung in Sharjah

Sharjah ist ein kulturelles Zentrum der Emirate. Hier läuft es etwas anders. Im Gegensatz zu den anderen Emiraten ist hier Alkohol selbst in Hotels nicht gestattet. Vielleicht geht es auch deswegen etwas geruhsamer zu als im verrückten Dubai nebenan. Im Gegensatz zu diesem kann Sharjah auf eine 5000 Jahre alte Besiedelung zurückblicken und als in Dubai nur Fischer lebten, war Sharjah bereits eine wohlhabende Stadt. Zwei Universitäten gibt es hier. Trotzdem steht das Emirat wirtschaftlich noch im Schatten der Nachbarmetropole.

King Faizal Moschee in Sharjah

Die Zeit verfliegt. Immerhin schaffen wir es vor unserem Weiterflug noch einmal den Sonnenuntergang in der Wüste ungestört zu geniessen. Mit Wasser und Chips sitzen wir auf einer Düne unweit der Strasse. Ich habe dieses Mal keine Lust darauf, die Luft aus den Reifen zu lassen und weit querfeldein zu gurken, zumal ich die Gegend nicht kenne. Nico freut sich über den Sand und die Chips.

Noch sitzen wir hier oben und lassen uns den warmen Wind um die Nase wehen, morgen schon geht es weiter nach Bahrain. Wir freuen uns, unsere Freunde endlich wieder zu sehen!

Mehr Bilder zu Dubai/VAE: https://docmatti.com/?page_id=3321

Wiedersehen in Bahrain

Am nächsten Vormittag geht es wieder zum Flughafen. Mietwagen abgeben, Gepäck aufgeben etc. Endlich ist der langersehnte Moment da: es geht nach Bahrain. Zwei Jahre ist es her, dass wir das letzte Mal da waren. Was wird sich verändert haben? Wir sind gespannt!

Aussicht über den Dubai Creek

In Bahrain angekommen werden wir herzlichst von Verena und dem kleinen Yousha empfangen. Das Gepäck wird verstaut zusammen geht es erst mal zum Mittagessen in ein kleines sehr gemütliches Bahrainisches Restaurant in einem unscheinbaren Haus. Wir sind die einzigen Gäste in der “family section” des Restaurants. Es ist ruhig, leise Koran-Rezitationen ertönen aus den Lautsprechern. Hinter einer Trennwand hat ein lokaler Künstler sein Atelier eingerichtet. Sehen tuen wir den Meister nicht, aber seine Werke strahlen Anmut aus und ziehen den Betrachter in ihren Bann.

In Bahrain gibt es viele liebevoll gestaltete Cafés

Nach einem wunderbaren Essen geht’s weiter durch Bahrain. Auf der Fahrt entdecken wir Vieles, was wir von früher noch kennen, aber auch Neues. Bahrain ist bunter geworden, grüner. Neue Bepflanzungen lassen die Stadt noch einladender erscheinen. Es scheint sauberer geworden zu sein und die Menschen fahren vorsichtiger Auto. Die Strafen sind drakonisch erhöht worden.

Nicht nur, dass wir bei unseren Freunden umsonst Unterschlupf bekommen, sie organisieren und auch noch einen Wagen, mit dem wir die ganze Zeit unabhängig uns flexibel unterwegs sein können!

Vom wahren Reichtum

Am Nachmittag fahren wir zum Friedhof. Auf einem sandigen Boden haben wir 2015 unser erstes Kind – Daniel – begraben. Vor seiner Geburt, am Ende der Schwangerschaft, hatte er nicht mehr gelebt. Emotionsgeladen und mit Tränen in den Augen stehen wir am Grab streichen über die Glasfläche des Schildes. Neben ihm sind mehr kleine Kindergräber dazu gekommen. Die Katzen stromern auch noch wie damals um die kleinen Grabsteine herum. Natürlich ist die Erinnerung schmerzlich, aber auch angereichert mit Stolz und Glück: ihn gehabt und auch bereits geliebt zu haben – wenn auch nur kurz. Dazu kommt aber auch die Dankbarkeit und das Glücksgefühl durch unsere Freunde, die uns damals so beigestanden haben! Nie werden wir vergessen, wie Ibrahim uns geholfen hat, dass wir Daniel beerdigen konnten – oder auch mein geschätzter Kollege Heiner – der mir bei finanzieller Knappheit – seine Kreditkarte samt PIN in die Hand drückte und sagte “Nimm, so viel wie Du brauchst!”, damit ich die Rechnungen für Olgas Krankenhausaufenthalt bezahlen konnte.

All diese Aspekte geben uns in diesem Moment das Gefühl des Lebens, des Glücks, des Stolzes und der Dankbarkeit! Ein Begriff, der dies alles vielleicht zusammenfasst: Reichtum. Nicht materieller Art, sondern emotional, zwischenmenschlich… Danke!

Die Tage vergehen wieder einmal viel zu schnell. Alle Freunde können wir nicht treffen, aber einige. Bei allen, die wir treffen, überwiegt ein ganz bestimmtes Gefühl: Wir sind uns immer noch so vertraut, als ob wir uns zuletzt gestern gesehen hätten. Nicht so Dr. Steffen, einem unser Wirbelsäulenchirurgen, dem ich 2 Jahre lang assistierte, sagte bei der Begrüßung “Ach Mensch, hallo Michael!” – Steffen ! Ich heiße Martin! Nicht Michael!!! Und wir haben 2 Jahre lang zusammen stundenlang (einmal waren es gar 11 Stunden) am OP-Tisch gestanden!!! Aber böse sein kann ich ihm nicht, es amüsiert mich aufrichtig. Wir hatten eine tolle Zeit!

Profi am Werk…

Dr. Nico (der “große Nico”, nicht unser kleiner Nico) schließt und herzlich wie immer in die Arme. Zusammen spielt er mit dem kleinen Nico Fussball, nachdem dieser den Badminton-Schläger geschrottet hat. Anschließend geht es zum Billard-Tisch. Meine schlimmsten Befürchtungen bleiben Phantasie: alles bleibt heil.

Das Krankenhaus, in dem ich damals arbeitete steht natürlich auch auf der Besuchsliste. Hände werden geschüttelt, umarmt, Nico geknuddelt… schön!

Und Baden ist natürlich angesagt. Bei immer noch über 35°C im Schatten ist es ein ewiger Kampf mit Nico, dass er nicht zu lange im Wasser -und damit in der Sonne- bleibt. Immerhin soll er gesund bleiben und nicht als Grillhändl nach Hause kommen.

Am letzten Tag noch ein Highlight: ein Treffen von viele alten und neuen Kollegen des Krankenhauses in einer Mall zum Brunch. Auch wenn einige fehlten, weil sie z.B. schon nicht mehr in Bahrain leben, ist es unvergesslich, so viele auf einmal zu treffen. Es ist unbeschreiblich! Später erfahren wir, dass der eine oder andere extra für uns zum Treffen gekommen war. Wir können es kaum glauben, auch weil wir uns selbst nicht so wichtig nehmen. Aber es berührt uns sehr.

Nach diesen Sätzen wird sich die Frage wohl erübrigen, auf welchen Ort sich unser “Heimweh” bezieht…

Wegen unserer zurückliegenden Reisen nur ein paar Eindrück von Bahrain:

Portugiesisches Fort Bahrain
Alte Feestungsanlagen
Blick Richtung Stadtzentrum
Daniels Grab
So kann man auch Rohre transportieren
Kinderbespassung am Strand
Juffair – Stadtbezirk, wo wir damals zuerst gewohnt haben

Der ganz normale Wahnsinn

Nun sind so viele Monate vergangen, seitdem ich das letzte Mal etwas geschrieben habe… ich bitte den durchlauchten Leser um Verzeihung… 😉

Nein, ich habe keine „verlängerte Sommerpause“ gemacht mit meinem Blog. Nein, keine Reise, kein Strand und auch keine Faulheit oder Frustration haben mich vom Schreiben abgehalten. Es waren „seriöse“ Gründe, fernab von Leichtigkeit, Unbeschwertheit oder gar inspirierendem Frohsinn.

Das große Projekt für 2019 war die Facharztprüfung. Um es vorweg zu nehmen: ja, ich habe sie bestanden.

Jahrelange Sklavendienste, Erniedrigung und Zweifel sollten endlich ein Ende haben – zumindest in der Vorstellung. Den praktischen Arzt gibt es in Deutschland seit den 90er Jahren nicht mehr, also muß man mindestens Facharzt sein, will man sich niederlassen und nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken. Das ist natürlich alles etwas überspitzt („Sklaverei…“), aber in Zeiten, in denen der „gute Onkel Doktor“ vom „Menschenkenner“ zum Dienstleister verkommen ist, (Pseudo-) Leistung und Zertifizierungen sich besser „auszahlen“ als Empathie, kann man sich dem Druck (erst einmal) nur fügen.

 

Programmierte Arbeitslosigkeit

Ja, Ihr lest richtig, ich war dieses Jahr arbeitslos! Mein bisheriger Arbeitsvertrag endete Ende April, da er an die Förderung von Krankenkassen (KK) und Kassenärztliche Verinigung (KV) gebunden ist.

Es ist so: Es würde kein Hausarzt mit eigener Praxis einen Weiterbildungsassistenzen (das ist ein Arzt in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in einer Praxis) für ausreichend Geld anstellen können bzw. wollen: er kostet nur, aber man kann nicht mit diesem angestellten Arzt abrechnen. Das bestimmt die KV, die im ambulanten Bereich entscheidet, wer sich wie und wo niederlassen darf.

Da wir bekanntermassen zu wenige Allgemeinmediziner haben, wurde vor Jahren von KK und KVen (jedes Bundesland hat seine eigene) eine Initiative gegründet, um für mehr Allgemeinärzte zu sorgen: ein Förderprogramm, bei dem KKen und KVen jeweils zur Hälfte das Einkommen des Weiterbildungsassistenten zahlen. Damit soll erreicht werden, dass Praxisärzte in etwa so viel bekommen, wie die Klinikärzte. Somit würden sich auch mehr Ärzte in finanzieller Hinsicht wieder für die Allgemeinmedizin entscheinden (können).

Die KV+KK bestimmen nun, nur so lange zu zahlen, bis der Weiterbildungsassistent mit seiner Ausbildungszeit zu Ende ist und nur noch die Prüfung machen muss. Wann das der Fall ist, bestimmt wiederum die Ärztekammer.

Zur Prüfung selber kann man sich erst kurze Zeit vor Ablauf der Weiterbildungszeit anmelden, ABER die Wartezeit BIS zur Prüfung selbst kann locker 3 Monate betragen!!! In dieser Zeit wartet (und lernt) man und wird nicht mehr bezahlt.

Also bleibt nur der Gang zum Arbeitsamt.

 

“Haben Sie Migrationshintergrund?” – Wo der Kunde nicht König ist

Sie gehen durch die Tür dort, setzen sich an einen Computer, machen eine Anmeldung mit dem Login und Passwort, das hier auf dem Blatt Papier steht, folgen den Anweisungen auf dem Computer und warten dann bis ein Kollege Sie aufruft.“ Ich bin am Thresen des Empfangs der Arbeitsagentur, bedanke mich bei der freundlichen Dame und tue wie mir geheißen. Ich gehe durch die Tür, melde mich an und warte. Ich werde jetzt als “Kunde“ der Arbeitsagentur geführt, ein Begriff, der an Verhöhnung eigentlich kaum zu überbieten ist. Nicht etwa, dass ich das persönlich nehme, aber jemand, der wirklich Arbeit sucht und in der Klemme sitzt, sieht das sicherlich nicht so entspannt.

Ich bin dran. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, der meine Daten überprüft. Die erste Frage überrascht mich: „Haben Sie Migrationshintergrund?“ Jetzt bin ich aber baff! „Natürlich!“, antworte ich, „ich komme aus Berlin!“. Er muss grinsen, wahrscheinlich muss er die Frage stellen, aber warum eigentlich? Also wenn ich Abdullah oder Bruschnekowski heißen würde, hätte ich das ja noch verstanden, aber ich habe noch nicht einmal berlinert. Vielleicht hätte ich ihn mit einem illustren „Grüeziwohl!“ auf schwyzerdütsch begrüßen sollen? Damit hätte ich ihn wohl überfordert…

Obwohl der Kunde König ist, wird mir nichts zum Trinken angeboten. Naja, was soll`s, ich will hier eh schnell wieder weg und lernen. Immerhin bekomme ich den Antrag auf Arbeitslosengeld zusammengeschustert und einen Termin bei der zuständigen Sachbearbeiterin.

Zwei Wochen später habe ich dann den Termin. Sie sei hauptsächlich mit Juristen und Ärzten beschäftigt und kenne das ganze Prozedere bereits. Da ich bereits eine Stelle in Aussicht habe, erübrigen sich Interventionen der Arbeitsagentur. Wir unterhalten uns sehr nett eine halbe Stunde. Wie sich herausstellt wohnt sie in dem Dorf, in dem ich anfangen werde zu arbeiten. Die Welt ist klein, vor allem in Osnabrück.

 

„Lerne, lerne, Facharzt baue“ *

*in Anlehnung an „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ 😉

Die Tage und Wochen haben es in sich. Ich werde zwar nicht mehr so bezahlt, wie ein Klinikarzt, der auf seine Facharztprüfung wartet, aber ich muss auch nicht mehr arbeiten und kann lernen auf Kosten der Arbeitsagentur. In wechselnden Bibliotheken und auch Cafés lerne ich stundenlang. Ich lese Prüfungsprotokolle und die schiere Vielfalt und Grenzenlsogkeit des Faches Allgemeinmedizin lassen mich das ein oder andere Mal verzweifeln. Egal, weitermachen, den Kopf vollstopfen, bis der mentale Würgereiz kommt, getrost der alten Weisheit: “Immer rin in die hohle Birne!”

klo

“Klo-Lektüre”, Unibibliothek Osnabrück. Nicht von mir wohlgemerkt! Und: alle WCs, sogar im Bürgeramt sind in schummriges blaues Licht getaucht, sieht man den Dreck nicht so…

Ich gehe in die Mensa neben der einen Bibliothek hier in Osnabrück. Ein komisches Gefühl: all die jungen Leute hier, nur die “Brigade” an der Kasse und am Thresen erinnert daran, dass wir in einer alternden Gesellschaft leben. „Das macht dann 9,50 Euro“ wirft mir die Kassiererin hektisch entgegen. Hinter mir stehen dutzende Studenen mit ihrem Futter. Auf meiner Mensakarte finden sich nur 4 Euro, den Rest will ich bar bezahlen. „Ja das geht nicht“, raunt sie mir ungeduldig entgegen. „Das geht so nicht, das musst Du blablabla“ Also diese Stimme und Art erregt mich schon auf unschöne Weise. Bin ich hier im Osten?, denke ich mir. In solchen Lern-Stressphasen rege ich mich innerlich schnell auf, ich sage in diesem Fall aber nichts. „Hast Du das nicht anders?Du? Hat sie gerade Du gesagt???? Wieso duzt die mich jetzt??? Ich bin geflasht, der Herzschlag geht hoch und ich stelle mir vor, wie mir schon die kleinen Äderchen im Weiß des Augapfels hervortreten. Ich fühle mich irgendwie beleidigt…

Ich löse das monetäre Problem, indem ich zum Automaten renne, diese scheiß Essenskarte mit zu viel Geld auflade (ging technisch nicht anders) und mir endlich mein Mittagessen hole. Ich setze mich an einen Tisch mit meheren Studenten mit zu großem Selbstbewußtsein: kaum einer schaut auf, geschweigedenn eine verbale Regung. Egal,… aber diese Kassierin… Die Frage, die mich vor allem beschäftigt: Warum regt es mich so auf, dass sie mich geduzt hat? Bin ich nicht zu alt für so was??? NEIN! Mir wird es plötzlich glasklar: Ich bin so jung, dass sie mich geduzt hat! Wow, ein geiles Gefühl, und schon sitze ich grinsend zwischen alle den anderen jungen Wilden und genieße mein Mittagessen….

Denkbares zum Jahresende

Ich bin müde. Kaputt. Fertig. An Tagen wie diesen will man morgens gar nicht erst aufstehen. Ich habe Urlaub  – noch ein Grund mehr, um liegen zu bleiben, wenn da nicht dieser kleine laufende Wecker auf zwei kleinen Beinchen wäre. Nico klettert inzwischen gerne aus dem Gitterbettchen. Stolz steht er dann in unserem Zimmer und feixt, wie toll er das Hindernis überwunden hat. Olga muss sich schnell fertig machen, geht zur Schule. Sie macht seit einigen Monaten eine Ausbildung zur Physiotherapeutin, etwas was sie schon immer machen wollte.

Ich schäle mich aus dem Bett, im Rücken steif wie ein alter Mann. Aber es nutzt nichts. Eine Windel sollte man wechseln, bevor sie explodiert und die Reste an Decke und Wänden kleben. Olga ich kämpfen uns zusammen durch den brutalen Tagesbeginn. Das kleine Männchen wird fertiggemacht, wir kämpfen uns durchs Frühstück und das anschliessende Zähneputzen. Immerhin wollen ich nicht, dass er vorschnell eine regelmäßige Bekanntschaft mit dem Zahnarzt macht. Das Anziehen ist dann der nächste Akt in diesem Kräftezehrenden Drama. Er will die Jacke nicht anziehen, der eine Winterstiefel streift beim Vorbeifliegen mein rechtes Ohr und das andere Trommelfell wird durch lautes Geschrei fast weggepustet. Warum können Kinder denn nicht einfach im Ultraschallwellenbereich schreien??? Nach einigem Herumwälzen und beherztem Durchgreifen, schaffen wir es dennoch.

Die Tür geht auf, ich will mir die Schuhe anziehen, da rauscht Maggy – unsere schwarze Katze – raus in den Hausflur, eine Etage nach oben. Dort stehen die Blumen unseres Nachbarn zum Überwintern im Flur. Genüßlich und zielstrebig beginnt sie daran herumzuknabbern wie eine Ziege. Ich könnte ausrasten, aber die Kraft fehlt mir. Also Katze einfangen und dann weiter. Nico steht grinsend wie ein kleines Engelchen an der Treppe – der Herr möchte nach unten getragen werden. Na klar, was denn sonst. Und ich mit meinem Rücken…. Aber wenn wir jetzt noch diskutieren, dauerts noch länger. So geht das weiter, bis er endlich in der Kita angekommen ist. Und abends wieder anders herum. So ist das eben. Mit 2,5 Jahren geht´s rund, einer dreht immer am Rad.

Seit dem Sommer quälen wir uns allerdings mit unseren eigenen Wehwehchen. Ich hab bereits zwei Mal Antibiotika wegen Nasennebenhöhlenentzündungen schlucken müssen, sogar ein CT habe ich bekommen. Zwischendurch auch wiederholt eine Kehlkopfentzündung, wo mir nicht nur die Stimme, sondern auch die Luft etwas wegblieb. Also Kortison noch dazu geschluckt. Fast zeitgleich hatte Olga ähnliche Probleme. Nico hat`s gefreut, er konnte alleine schreien 😉

Und dann noch der Rücken: Vor ca. 2-3 Monaten habe ich mich irgendwie verhoben. Plötzlich ging nix mehr so richtig. Das ISG schmerzte und es dauerte Wochen, bis es endlich besser ging. Trotzdem merke ich immer wieder Beschwerden in diesem Bereich. Nico immer wieder auch ungünstig zu heben, macht es auch nicht besser.  Um es kurz zu machen: Ihr seht, ich werde alt!

Aber derlei Dinge nicht genug. Wenn der Chef auf Arbeit nicht versteht, warum man mit Fieber zu Hause ist und “krank macht”, dann habe ich dafür auch keine Worte mehr.

Wat mutt dat mutt! – Wirklich?

Jetzt sitze ich im Cafe und lasse die Situation auf mich wirken. Meine Nebenhöhlenentzündung klingt nur langsam ab und wird durch meine Hausstauballergie immer wieder etwas unterhalten. Antihistaminika helfen da. Ich möchte einfach wieder fit sein und Sport machen können! Das Leben spüren und nicht nur dessen Vergänglichkeit.

Und jetzt  noch angeschlagen im Urlaub. Warum im Dezember Urlaub? Nun ja, ich habe gemerkt, dass ich einfach eine Auszeit brauchte. Zum Nachdenken. Zum Planen. Nächstes Jahr stehen einige Veränderungen an: Facharztprüfung, neue Stelle suchen, dann wollen wir spätestens im Herbst wieder ein paar Tage in Bahrain verbringen,…

Jetzt mit einer heißen Schokolade in der Hand beginne ich den Morgen zu genießen. Ich beobachte die Leute, die das Cafe füllen. Kohlenhydratbomben und Heißgetränke gehen über die Theke, formelle und mitunter auch ehrliche Nettigkeiten werden ausgetauscht.

Ich werfe einen Blick auf meine Tasche, in der ein Notizzettel mit Erinnerungen an all die Sachen, die ich in dieser Woche machen soll, steckt. So viele Sachen sollte ich schon längst erledigt haben und warten sehnsüchtig auf meine Aufmerksamkeit. Ich habe keine Lust ihn herauszuholen. Ich will nicht. Ich habe keine Kraft. Ich bin müde. Ich will  einfach nicht! Der Alltag ist übersät mit Pflichten und Zwängen. Dies und Das und Jenes. Alles Dinge, die sein “müssen“, die “zum Leben” gehören, wie man sagt.

Ich werde philosophisch in meinen Gedanken, jetzt, da ich gerade hier sitze und den Augenblick genieße. Besser gesagt: ich lebe diesen Augenblick, diesen  unscheinbaren Moment und er kommt mir hundertmal wichtiger vor, als all die “wichtigen” Dinge, die “doch das Leben” ausmachen. Warum? Weil ich gerade ganz bei  mir bin.

Müssen, müssen, müssen, immer nur müssen. Um jemand zu sein, etwas zu schaffen, darstellen zu können, oder “ein gutes Leben” zu haben. Was ist ein gutes Leben? Arbeiten um zu leben, aber eigentlich lebt man nur für die Arbeit. Das habe ich ja schon im Krankenhaus immer wieder erlebt. “Ja, aber sie  bekommen ja dies und das und jenes gezahlt…”  Immer wieder wird das finanzielle Argument ins Feld geführt. Wenn man dieses Geschäft eingeht “zahlt” man jedoch drauf: die Kraft, Zeit, das psychische Wohlergehen und die sozialen Kontakte, die man dafür opfert sind zu wertvoll. So viel kann man gar nicht gezahlt bekommen! Und: kein Geld der Welt kann diese Dinge ersetzen oder kompensieren! Man verausgabt sich im Hamsterrad der Gesellschaft. Der Versuch, menschliche, psychische Bedürfnisse durch Geld und Konsum zu befriedigen, scheitert. Es ist Selbstbetrug.

Natürlich ist es das nur dann, wenn man nicht gelernt bzw. geschafft hat, Grenzen zu ziehen. Und das können erfahrungsgemäß nur die allerwenigsten Menschen, egal in welcher Branche.

“Kacke Attacke!” – Mitten im Leben

Meine Gedanken schweifen ab, als ich ein kleines Mädchen sehe, das genauso herumzetert wie Nico heute Morgen. Was in diesen kleinen Köpfchen so vor sich gehen mag? Wie wenig meine Gedanken gerade von Belang sind für solche kleinen Würmchen. Die sind voll und ganz im Hier und Jetzt. Gelebte Achtsamkeit könnte man sagen. Die brauchen keine Anleitung dazu, wir schon. Genausowenig die Ehrlichkeit: da wird alles herausposaunt, was einem gerade durch den Kopf geht. Nico zum Beispiel: gestern saß er auf seinem Stühlchen, hob plötzlich den Arm und schrie “Kacke, Attacke!!!” und amüsierte sich köstlich.

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“Kacke Attacke!” – Kein Autonomer vom schwarzen Block, einfach Nico…

Ich muss grinsen bei diesem Gedanken und dann tauchen wieder  die kräftezehrenden Bilder von heute morgen auf. “Mitten im Leben” kann man sagen. Mir fällt immer wieder auf, wie sensibel diese Kleinen sind. Sie nehmen alles wahr, auf und  können vieles noch nicht richtig deuten. Sie sind empfindsam, zerbrechlich, aber auch stark und manchmal auch brutal. Momentan sind wir ständig dabei, Nico in seine Schranken zu weisen: “Nein, der Teller wird nicht durch die Küche geworfen!” oder “Mama wird nicht gehauen!” sind nur zwei von unzähligen Beispielen. Natürlich machen diese Dinge Sinn, zweifelsohne, aber wir beschneiden auch viel von der Spontanität und einer gewissen (manchmal nervigen) Ehrlichkeit dieses kleinen Menschen, wenn wir ständig sagen “mach Dies oder Das” oder “Laß Das und Jenes!”.

In dem von mir kürzlich absolvierten “Kurs der psychosomatischen Grundversorgung” berichtete ein Psychoanalytiker über das Beispiel eines Kindes, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts als Tochter einer Apothekerin aufgewachsen war. Als das Mädchen 1-3 Jahre alt war, nahm es die Mutter immer mit in die Apotheke zur Arbeit. Dort breitete sie eine kleine Decke aus, auf der sie das Mädchen setzte. Es durfte sich aber keineswegs von der Decke wegbewegen, nichts anfassen nicht schreien, nicht pupsen, gar nichts. Schließlich saß die Kleine stundenlang nur noch still auf der Decke und wippte von einer Seite auf die andere, in sich gekehrt. Später entwickelte sie eine Zwangserkrankung, so der Psychotherapeut. Das Mädchen wurde quasi aller spontaner altersgemäßer Bewegungen geraubt, Impulse massiv unterdrückt und dem Zwang so der Weg geebnet.

Firlefanz

Natürlich entwickelt nicht jeder eine Zwangserkrankung, aber es rüttelte mich etwas wach, da ich Nico schon sehr in die Schranken wies, wenn er zu sehr plärrte, zu viel irgendwo rumpopelte usw. Aber: Was ist zu viel? In erster Linie war es mir zu viel, nicht ihm. Ich bin eher nur nach meinen Bedürfnissen gegangen, weil ich müde war und zur Arbeit musste, oder Ähnliches. Ich hatte “keine Nerven für Firlefanz“, weil meine Energie und Kraft von der Arbeit gebunden waren… Für ihn war es aber irgendwie ja kein “Firlefanz“, gemessen an seiner Entwicklung eben.

Bei dem Gedanken, daß Nico ja auch von mir lernt, wie man mit Stress umgeht, wird mir fast übel. In diesem Moment also, wo ich gestresst war und so reagierte wie ich eben reagierte, zeigte ich ihm unbeabsichtigt meinen Weg, Stress zu verarbeiten. Und diesen Weg versuche ich eigentlich zu ändern, weil er mir nicht gut tut.

Also, wie soll ich mein Kind erziehen? Es soll ein “anständiger”, “gesellschafts-konformer Bürger” werden, aber er soll doch auch die Freiheiten haben, die er braucht, um sich zu entfalten, oder?

Und trotzdem muss ich ihn schon hier in gesellschaftliche Normen pressen, die ja auch vernünftig sind. Er soll ja auch ein Mitglied der Gesellschaft werden und kein “störendes Randgruppenelement”, kein Aussenseiter. Er “soll Etwas werden“, vor allem aber soll er glücklich werden. Und das ist natürlich an gewisse Umgangsstandards gebunden – aber auch an Entwicklungsfreiräume, die uns vielleicht unsinnig erscheinen.

“Eben mal” das Kind erziehen – WICHTIGER als der Job

Also bin ich in meiner Elternrolle gefragt, ganz klar. Das erwarte ich auch von jedem anderen Vater. Trotzdem steht dies in einem (immer noch) ganz starken Kontrast zum gelebten gesellschaftlichen Ansehen und Wertschätzung.  Es wird verlangt, dass Erziehung “nebenbei” stattfindet. Wenn der Chef komisch guckt, weil Mutti oder Vati beim kranken Kind zu Hause sind, dann ist das nur ein Beispiel. Andere sagen ganz ehrlich, sie stellen keine jungen Mütter ein – und das im 21. Jahrhundert!

Die Hauptpflicht ist die Erfüllung der Arbeitsaufgaben, was man mit der Familie macht ist egal, Hauptsache diese ist untergeordnet!  Wir erleben es bereits mit einem Kind, wieviel Aufmerksamkeit es braucht, wie oft man sich die Zeit nehmen muss, Geduld aufbringen muss, um ihm die Welt zu erklären, die so viel Schönes, aber auch Schmerzhaftes bereithält. Es ist einfach schwierig für solche kleinen Zweibeiner und unsere Hauptaufgabe ist nun mal, bei ihnen zu sein und ihnen dabei zu helfen groß zu werden. Und das ist wichtiger als der Job und irgendwelche anderen Verpflichtungen!

Was passiert, wenn man die Familie unterordnet sehen wir ja: Kindergarten und vor allem Schule müssen das nachholen, was Eltern nicht gemacht oder geschafft haben: eine vernünftige Sozialisierung eines jungen Menschen, die zu Hause anfängt. Interpersonelle Kommunikation, das Erleben von Gefühlen und der Umgang mit ihnen. Und das braucht Zeit! Aufmerksamkeit! Geduld! Und die gibt es in unserem “modernen” Leben nur noch in homöopathischen Dosen.

Spätestens aber ab der Schulzeit beginnt aber, wie ich meine, etwas Verhängnisvolles: Indem wir im Laufe der Jahre immer strenger in unserer Leistung bewertet werden und wir eigentlich nur noch über die erbrachte Leistung als Bewertungsmaßstab wahrgenommen werden, lernen wir, ausschließlich über unsere Leistung gewertschätzt zu werden. Mathe, Physik, Englisch, Sport usw., das sind alles nur schmale Bereiche des menschlichen Lebens, gemessen an der Vielzahl von Qualitäten und Fähigkeiten eines Menschen, der Persönlichkeit. Ihn faktisch also nur darüber eine de facto alleinige Wertschätzung zukommen zu lassen, kann doch nur irgendwie unfair sein. Wer benotet schon “Empathie” oder gar “Nettsein”? 😉

Besonders durch immer steigende Ansprüche an Schüler und Studenten vergrößern wir auch die Möglichkeit, dass Menschen diesen nicht gerecht werden können und eine entsprechende Ablehnung ihrer Person empfinden. Der Absturz oder die “verbockte Weiterentwicklung” ist abzusehen. Würdevolles Selbstverständnis und ebensolcher Umgang mit anderen lassen sich nicht anhand von PISA-Studien messen.

Abgestellt auf dem Schrottplatz der menschlichen Individuen?

Auf der anderen Seite finden wir die eigentlich erfolgreichen Menschen der Student, der seit x-Semestern nicht mehr “weiterkommt” mit seiner Bachelor-Arbeit, der darüber so verzweifelt ist, dass er depressiv vor mir sitzt und an ein Ende des Lebens denkt. Oder der Abteilungsleiter, der “ausgebrannt” ist, der aber zu Hause noch die dicken Akten von der Arbeit zu liegen hat und sich Gedanken um die Reaktionen des Chefs macht.  Beide definieren sich über ihre Arbeit, haben Ansprüche, die in keinem Verhältnis zu ihren Ressourcen und menschlichen Eigenschaften stehen. Auch sie haben es “erfolgreich” gelernt, sich anscheinend hauptsächlich über ihre Leistung zu definieren.

“Pass auf Dich auf!”

Und jetzt? Abgehängt, ausrangiert, erledigt, nutzlos? “Notschlachtung“? Das trifft übrigens auch auf all die älteren Arbeitnehmer zu, auch wenn sie noch “in Kraft und Saft” stehen. Der “Leistungs-TÜV” wartet nicht und wird mit jedem Lebensjahr immer schärfer… Die “Ausrangierten” –  das ist auch so eine Parallelgesellschaft. Und bedroht deren Ausgrenzung und “Kranksein/Krankgemacht-Sein” uns nicht mehr, als die Migrantenfrage?

Was sie bei all dem Studium und Arbeiten nicht gelernt haben: auf sich selber aufzupassen. Was tut mir gut, was nicht? Das lernt man leider nicht auf der Schule und auch nicht auf der Uni, dabei wäre es doch eines der wichtigsten und auch praktischten Fächer überhaupt.

Um mal zum “greifbaren Körperlichen” zurückzukommen. Erst kürzlich kam ein Patient zu mir, etwa Ende 50. Leicht untersetzt, graue Haare, Hemd, Jeans. Dicke Brillengläser machten seine Augen beim Blick durch die Brille ganz klein, so wie die Knopfaugen von Nicos Teddybär. Das Gesicht gerötet, leicht hektisch, ungeduldig wirkend, gefühlt “Typ Choleriker“. Er habe vor kurzem immer wieder bei einem Bekannten den Blutdruck gemessen, und dieser sei zu hoch gewesen. “Das hatte ich doch noch nie!”, sagte er entrüstet, ganz als ob er enttäuscht über sich selbst wäre. Er sei in der Manager-Etage eines großen Unternehmens, hätte Führungsaufgaben und Personalverantwortung. Obwohl ich die Antwort schon absehen konnte, fragte ich, ob er denn viel Stress hätte. Ich hatte eigentlich ein “Ja, natürlich! Was für eine Frage!” erwartet. Statt dessen sagte er mit funkelnden Augen und mit leicht überheblicher Stimme: “Stress ist eine Krankheit der Leistungsschwachen!” Er sei ein Machertyp, keiner, der sich mit Stress abgebe…

“Stress ist eine Krankheit der Leistungsschwachen”

Dieser eine Satz war frappierend ehrlich. Er sagte so viel aus über ihn, mehr als über die anscheinend verachteten “Anderen”. Ich muß ehrlich gestehen, dass ich selten so glücklich darüber war, zu den Leistungsschwachen zu gehören…

Um es einmal ganz simpel auszudrücken: Egal ob Student, Abteilungsleiter oder “ausrangierter” Schüler, wir  “leisten” es uns, zunächst massenhaft kranke Menschen zu “produzieren” um diese dann “teuer zu therapieren“.  Macht das Sinn? Ist das der Sinn von Nachhaltigkeit, von der ja so viel gesprochen wird? Wenn wir nicht gelernt haben, nachhaltig mit uns selber umzugehen, wie soll das dann bloss mit der Natur funktionieren? Nicht, dass ich das für unlösbar halte, aber für überlegenswert…

Hasta la Vista, Baby!

Es ist Abend. Nico hat zuende gespielt, gegessen (manchmal das gleiche wie Spielen), Zähne geputzt (was für ein Kraftakt!), Windel gewechselt, Schlafanzug angezogen, Schlafsack drüber. Heute hat Fiona´s Mama Geburtstag. Fiona ist Nicos Babysitterin und Nico mag sie sehr. Manchmal ruft er im Hausflur nach ihr oder fragt “Kommt heute Fiona?” Wir klopfen, Glückwünsche werden ausgetauscht und nach einem kurzen Gespräch soll es eigentlich wieder nach oben gehen. Fiona kriegt von Nico ein Küsschen, die Mama, sogar der Papa von Fiona und Nico wundert sich noch über die kratzenden Bartstoppeln in Helmuts Gesicht und muß gleich mal bei mir nachprüfen, ob das so richtig ist. Doch Fiona hat Besuch: zwei junge Mädchen kommen aus ihrem Zimmer und wollen gehen. Klar, Nico knutscht die beiden auch noch ab! Er freut sich, im Mittelpunkt zu stehen und so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Auf dem Treppenabsatz wirft er “seiner” Fiona noch ein Luftküsschen zu und plötzlich ruft er “Hasta la Vista, Baby!” Alle lachen und er gluckst vor Freude. Natürlich hatte ich das vorher aus Spass zu ihm gesagt und er freut sich über neue Sprüche. Beim Ins-Bettchen-Legen, verrate ich ihm einen neuen Spruch: “Good night, Baby!” Er grinst und flüstert “Good nacht, Baby“…

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Geschafft: Im Heierchen mit Hund und Schlange

 

Liebesgruesse aus ¨Piter¨

 Es ist mal wieder soweit: Urlaub. Dieses Mal steht eine Reise an, die eigentlich schon längst überfällig ist: ein Besuch in Russland. Drei ganze Jahre sind wir nicht dort gewesen, Nicos Ur-Oma kennt “Nico-Mann” nur von Skype bzw. What’sApp-Telefonaten. Kränklich und fast 92 Jahre auf dem Buckel, kann jeder Tag der letzte sein. Überhaupt ein Wunder, dass sie so lange durchgehalten hat. Vielleicht treibt sie auch der Wunsch an, in ihrem Leben Nico mal im Arm zu halten, bevor sie das Zeitliche segnet.
Drei Jahre etwa ist es auch her, dass sie sich das letzte Mal aus der Wohnung getraut hat. Zu weit ist der Weg aus dem fünften Stock durch das dunkle Treppenhaus, unklar, ob sie den Rückweg schafft. Und auf der Strasse vor dem Haus: tausend Stolperfallen, nicht nur für ältere Menschen.

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Nico studiert schon mal die Sicherheitshinweise

Für Nico, unseren ¨kleinen Russen¨, ist es die erste Russland-Reise, für mich wird es das erste Mal sein, mit einer russischen Fluglinie zu fliegen.

Solche und solche – also welche?

Los geht es ab Düsseldorf. Mit unseren Pässen in der Hand stellen wir uns in die lange Schlange vor der Passkontrolle. Ungefähr 80 Leute stehen da aus allen möglichen Ländern. Zwei Beamte kontrollieren im üblichen Beamtentempo die Pässe. Neben uns zwei weitere Schalter für EU-Bürger, an denen nur wenig los ist. Wegen Olgas russischem Pass müssten wir ja getrennt durchgehen, aber Familien zu trennen macht -für den normalen Verstand- wenig Sinn, zumindest mit kleinen Kindern. Zudem hat Olga ja einen gültigen Aufenthaltstitel und würde daher auch nicht ganz mit den anderen zusammen passen.

Ich gehe zu einem der Kontrollhäuschen und frage den jungen Beamten, ob wir denn nicht als Familie und Aufenthaltstitel usw. zusammen hier durchgehen könnten. Er guckt mich grimmig an. ¨Nein, das geht nicht!¨ sagt er. In seiner Stimme schwingen Machtbewusstsein und eine gewisse Überheblichkeit mit. Wenn man einen Teil seiner Kindheit in der DDR aufgewachsen ist, weiss man, wann es Sinn macht zu diskutieren und wann nicht. Ich stelle mich wieder zu Olga und Nico in die Schlange. Wie wir so stehen, wird Nico so langsam ungeduldig und beginnt zu quängeln. Zudem sind auch noch die Windeln voll und ausgeschlafen ist er zu so früher Stunde auch nicht. Also entscheiden wir uns dazu, dass Nico (deutscher Pass) und ich zusammen durchgehen. Ich gehe dieses Mal zu dem anderen Schalter und lege die Pässe vor.

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Wenn man’s erst einmal geschafft hat…

Irgendwie kann ich es mir doch nicht verkneifen, eine gewisse Diskriminierung anzumerken. Der junge Beamte guckt hoch und fragt freundlich: ¨Wo ist denn die Mama?¨ Ich zeige in die Schlange. ¨Sie soll kommen!¨, er winkt. Nun stehen wir also unerhofft wieder zusammen an dem Häuschen, die Unterlagen werden bearbeitet und Olga bekommt noch ein paar Tipps zu ihrem Aufenthaltstitel. Ich zwinkere noch dem anderen grimmigen Beamten zu, der uns zuerst weggeschickt hatte. Und dann sind wir durch, ganz schnell. Geht doch! Alles nur Willens- und Ermessensfrage! Und: es gibt immer solche und solche.

Fliegen mit “Äroflöt

Es ist das erste Mal, dass Nico ein eigenen Sitzplatz hat im Flugzeug, eine Erleichterung für uns, weil er jetzt nicht mehr auf unserem Schoß sitzen muss. Wir fliegen mit Россия (Rossija), einem Ableger von  Аэрофлот (Aeroflot). Es war die einzige günstige Verbindung nach St.Petersburg mitten in der Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft, die wir noch bekommen konnten. Der Flug ist recht kurz, wir lassen schnell Polen unter uns vorbeiziehen und schon erstreckt sich die Ostsee unter uns. Getränke und Knabbereien werden sparsam verteilt. Es ist eben eine low-cost oder Budget-Airline.
Kurz vor der Landung kommt Olga mit einer anderen Passagierin ins Gespräch. Sie heißt Anna, stammt aus St. Petersburg und hat gerade Ihren Verlobten in der Nähe von Osnabrück besucht – ach nee, so klein ist die Welt. Sie spricht bereits etwas Deutsch und wartet auf die Dokumente für die Hochzeit. Die Landung verläuft problemlos, ich habe meinen Jungfernflug mit einer russischen Fuglinie überlebt. Nach der Landung klatschen die meisten Passagiere. Eine eigenartig anmutende Sitte. Nur ein Relikt aus der Vergangenheit oder doch nur Glück? Ich denke, es ist Ersteres.

“Ленинград город герой” – Leningrad, Stadt der Helden”


Wir rollen über das Flugfeld, vorbei am Tower und an endlosen Flughafengebäuden. Mit lateinischen und kyrillischen Buchstaben begrüßt die Stadt die Besucher: St. Petersburg -Leningrad-Heldenstadt. Schon hier soll der Ankömmling die Bedeutung der Stadt für die russische Seele beginnen zu begreifen , doch dazu später mehr.

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Leningrad, Stadt der Helden – Begrüßung am Flughafen

Im Terminal gibt es die Möglichkeit, ein Taxi zu einem Festpreis zu bestellen. Immerhin haben wir einen großen Koffer dabei, den Buggy für Nico und die ein oder andere Tasche. Anna begleitet uns noch ein Stück Richtung Taxistand, dann trennen sich unsere Wege. Unser Taxifahrer heisst Marat und kommt aus Usbekistan. Er ist ein typischer Gastarbeiter aus Zentralasien. In den grossen Städen Russlands, vor allem aber Moskau gibt es zunehmende fremdenfeindliche Gewalt gegen Gastarbeiter aus diesen ehemaligen Sowjetrepubliken. Besonders natürlich die vielen Illegalen habe darunter zu leiden, aber auch jene, die einfach so aussehen, weil die Eltern oder Grosseltern einst aus diesen Regionen stammten. In Moskau -und vielleicht nicht nur dort- gibt es regelrechte organisierte Gruppierungen, die sich zur Aufgabe gemacht haben, Illegale oder vermeintliche Kriminelle aus auf solchen Regionen aufzuspüren und zu melden, zu bedrängen, zu bedrohen. Doch nicht nur das. Gewalt spielt zunehmend eine Rolle, Schutz können sich diese Menschen nicht erhoffen.

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Neue Autobahn


Marat versichert uns, solche Probleme nicht zu haben. ¨Piter¨, wie St. Petersburg liebevoll von seinen Bürgern genannt wird, sei anders als Moskau, freundlicher. Eben anders.
Sicher und mit ruhigem Gaspedal fährt er uns der mit 5 Millionen Einwohnern zweitgrössten Stadt Russlands entgegen. Auf einer neuen grossen Autobahn, die sicherlich für die Fussball-WM gebaut wurde, geht es vorbei an unzähligen Baustellen. In der Ferne sieht man noch grössere Bauprojekte. Bei diesem Anblick und ohne Schlaglöchern (!), hat man fast das Gefühl in einem anderen Land zu sein.
Mit Mühe finden wir in der Nähe eines Handelshafens und einem Industriegebiet unser Hotel, das “Baltiskaya”. Es scheint ein typischer 60er Jahre-Bau zu sein mit dem konservierten Charme der Sowjetzeit. Mit dem Koffer um die hier wieder reichlich gesäten Schlaglöcher herummanövrierend, die grossen Treppenstufen hinauf, sind wir bereits das erste Mal verschwitzt.
Die Dame an der Rezeption nimmt unsere Pässe entgegen und wir bekommen die Schlüssel. Der Fahrstuhl ist so klein, dass wir nicht alle zusammen (selbst ohne Buggy) hineinpassen. Drinnen empfängt uns schlechte Luft und Dimmerlicht. Aber er fährt. Im Zimmer setzt sich der Charme von unten fort, um im Bad harmonisch auszuklingen…

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Hotel “Baltiskaya”

Die Fensterscheiben haben anscheinend schon länger keinen Kontakt mehr mit Wasser gehabt, aber die Bettwäsche ist sauber. Na gut, immerhin ist es schwer in dieser Metropole ein Hotelzimmer zu einem vernünftigen Preis zu finden und jetzt zur WM hätten wir locker das Vielfache ausgeben können.
Ich drehe den Wasserhahn auf, möchte mir Hände und Gesicht waschen. Doch das Wasser riecht, nein stinkt regelrecht nach Metall! Es ist ekelig! Auf dem Gang hatte ich einen Wasserpender gesehen, der mit frischen Wasserflasche befüllt wurde. Mit 3 Flaschen à 1,5l melke ich also diesen Wasserspender. Jetzt kann ich mir die Hände waschen… Herrlich!

Immer den Chinesen hinterher!

Nach einer kurzen Ruhepause zieht es uns nach draussen, wir müssen ein paar Lebensmittel kaufen. Anschliessend wollen wir einen ersten Eindruck von der Stadt bekommen. An der Rezeption erkundigen wir uns nach dem einfachsten Weg ins Zentrum.

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Das Gebäude einer verlassenen Marine-Akademie

¨Wenn Ihr ganz viele Chinesen seht, dann seid Ihr da!¨, sagt die Dame und wir machen uns auf Richtung Bushaltestelle. Pfützen, Schlaglöcher, lose Steine säumen unseren Weg. An dem verlassenen und fast verfallenen Gebäude einer Marineakademie warten wir auf den Bus. Man merkt, St.Peterburg ist eine Metropole, deren Geschichte eng mit dem Meer verbunden ist. Gelegen an der Newa, mitten im sumpfigen Delta des Flusses, wurde sie 1703 von Peter dem Grossen gegründet. Aber schon vorher gab es Siedlungen und das Gebiet war Zankapfel zwischen dem (damals) starken Schweden und einem russischen Staat namens Nowgorod (nicht die Nischnij Nowgorord), der sich zwischenzeitlich zwischen Ostsee und dem nördlichen Ural ausdehnte.

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Seitenstrasse mit Blick auf die Admiralität

Die Siedlung auf der vorgelagerten Insel Kotlin trägt seitdem den schwedischen Namen Kronstadt . Auch andere schwedische Siedlungen hat es hier gegeben. Der grosse Peter wollte aber gerne Zugang zum Meer für sein riesiges Reich haben. Zeitgleich wollte er aber auch seine Hauptstadt hier bauen, die als ¨Fenster nach Europa¨ wirken sollte. Durch die unwirtlichen Naturverhältnisse und die brutal-ärmlichen Bedingungen zur damaligen Zeit, fanden Zehntausende Zwangsarbeiter bei der Verwirklichung Peters Vorhaben den Tod.

Der Bus kommt, wir steigen ein. Die Fahrt geht vorbei an den Fabrikanlagen, von denen einige sehr sehr alt wirken, modernen Bürogebäuden, und herrlichen Altbauten. Immer wieder trifft man auf Zeugnisse der Seefahrt, sei es die zivile oder die Kriegsmarine. Der Bus hält an einer Art Marinemuseeum, davor stehen eindrucksvoll mehrere kugelige Stahlungeheuer, die kleine Noppen oder Stacheln zu haben scheinen. Das müssen Seeminen sein. Daneben eine Art Taucherglocke, so wie sie vor Urzeiten verwendet wurde. Und dann ist da noch ein kleines Modell eines U-Boots. Leute steigen aus, andere ein und der “Konduktor“, die Fahrkartenkontrolleurin, geht rum und verkauft Fahrkarten. Die Busse sind neu, sauber, ein Monitor zeigt die Strecke und die nächste Haltestelle an.

Venedig des Nordens

Wir nähern uns dem Zentrum: grosse, stattliche, bisweilen prunkvolle Gebäude zu beiden Seiten, unzählige Kanäle mit Brücken bringen uns der ¨Admiralitayskaya¨ näher, der Admiralität und dem zentralen Punkt. “Olga, hier gibt es Chinesen! Wir sind im Zentrum!¨, sage ich. Wir steigen aus und lassen uns treiben in dem Fluss der Passanten und lassen die Eindrücke der ersten Schritte in dieser Riesenstadt wirken.
Nach mehreren Kilometern zwingen uns Müdigkeit und Erschöpfung nach einem Abendessen zur Rückkehr. Nico hängt auch schon auf halb acht im Buggy, den wir uns von der Familie meines Bruders ausgeliehen hatten. Auf russischen Strassen ist es wie ein Härtetest für dieses Leichtgerät. Mal schauen, ob dieser zu einem Crashtest mutiert…

Am nächsten Morgen sind wir etwas gerädert. “Etwas” ist noch untertrieben. Irgendwie war das gestern doch etwas anstrengend, zumal Nico nicht einschlafen und das Gezeter und ¨Geflöte¨ (Rumquaken, rumschreien etc.) gefühlt gar kein Ende nehmen wollte. Während wir unsere Knochen ¨zusammensuchen¨ ist Nico natürlich putzmunter: Nachttischlampen werden bewegt, Lichtschalter geknipst wie Stroboskoplampen in der Disko und Steckdosen untersucht. Boah, ich könnte ausrasten!

Nach einem Frühstück mit Gezappel und Gezeter und Chinesen (die bevölkern auch das Hotel)geht es langsam los.
Es hat geregnet, die Pfützen vor dem Haus sind gut gefüllt, aber die Sonne kommt raus und bringt das Wasser eines nahen Flussarms der Newa zum Glitzern. Mit dem Bus geht es wieder in die Innenstadt. Bei herrlichem Wetter geht es über recht gute Gehwege zur Admiralität.

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Admiralität mit Schiffchen auf der Turmspitze

Hübsche Parke erstrecken sich hier, Blumen blühen, die Menschen flanieren.
Das imposante Gebäude, dass nach seinem Bau zu Beginn des 18. Jahrhunderts zunächst als Werft gedient hatte, wurde später zum Hauptquartier der Russischen Marine: zunächst der des Zaren und nach einer Unterbrechung während der Sowjetzeit ist sie seit 2012 auch nun wieder das Hauptquartier der Marine der Russischen Förderation. Die vergoldete Kuppel, die an der Spitze ein kleines Schiff trägt, ist weithin sichtbar. Von diesem zentralen Punkt aus wurden die grossen Prachtstrassen -die Prospekte– ausgerichtet, von denen aus man auch in kilometerweiter Entfernung die Kuppel sehen kann.

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Spaaaaaaß!

Wir passieren joggende Soldaten, Seemänner in Marineuniform. Nico ist beeindruckt und versucht mit den kräftigen Mannen Schritt zu halten – und wir mit ihm. Er hat sichtlichen Spass daran. Wir sind kaputt. Wir entdecken einen kleinen netten Spielplatz neben der Admiralität. Nico und Olga schaukeln und ich vertiefe mich in den Reiseführer.
Beim Durchblättern -ich hatte vorher leider keine Zeit mich wirklich vorzubereiten- wird mir noch deutlicher, wie gross diese Stadt ist und wie viel sie zu bieten hat. Wahnsinn! Mir wird klar, wir werden nur einen kleinen Teil sehen können. Hier muss man wirklich viel Zeit mitbringen!

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Der Eherne Reiter: Sieg über die Schweden

Nach einem Eis geht es weiter zur Newa. Hier steht der Eherne Reiter, neben der Admiralität eines der Wahrzeichen der Stadt. Auf einem riesiger Findling, der als Sockel dient erhebt sich Peter der Grosse auf einem Pferd in den Himmel. Die Vorderhufen in die Luft hebend, steht das Pferd auf den Hinterbeinen und zertritt dabei eine Schlange. Dies soll den Sieg über die Schweden darstellen, die Schlange symbolisiert die Schweden. Die Inschrift am Sockel ¨Peter dem Ersten – Katharina der Zweiten¨ verrät, wie sehr sich die einstige Grande Dame emporheben und verewigen wollte.
Wir schlendern weiter Richtung Isaaks-Kathedrale. Am Abend zuvor konnte ich sehen, wie Menschen auf die Plattform hoch über der Stadt geklettert waren. Das will ich auch.
Das Gotteshaus gehört mit ihren 101,5 m Höhe zu den grössten sakralen Kuppelbauten der Welt.

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Die Isaaks-Kathedrale

Die Besucherplattform ist natürlich nicht so hoch, aber sicherlich trotzdem interessant. Nico und Olga wollen lieber unten bleiben. Eine Wendeltreppe führt in unzähligen Biegungen nach oben auf ein Zwischenpodest. Anschliessend geht es über ein Dach und einer weiteren Treppe noch ein paar Meter höher. Von allen Seiten hat man einen wunderbaren Ausblick, unter anderem, weil die Befestigungen nicht so streng sind. Das nutzen einige aus. Ein Mann schiebt sich an mir vorbei, klettert über das Geländer und posiert mit emporgehobenen Armen für ein Foto – zwei Schritte hinter ihm geht es steil abwärts….

 

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Ausblick von der Besucherplattform

In den Sommermonaten ist es möglich bis ca. 4 Uhr hier oben zu sein! Das wäre sicherlich fantastisch, aber für uns leider momentan nicht drin.
In die Kathedrale kommt man heute leider nicht rein, obwohl dies sicherlich sehr interessant gewesen wäre.

 

Gebeine unter den Füssen

Was mich bei St. Peterburg immer wieder erstaunt ist die “Internationalität” bereits in der Anfangszeit. Dass heutzutage eine Vernetzung und reger Austausch zwischen Menschen in unterschiedlichen Ländern besteht, daran haben wir uns gewöhnt und ist auch Teil der sog. Globalisierung. Doch umso erstaunlicher ist der überaus rege Austausch vor 200, 300 Jahren. Der Zar hat unzählige Bauwerke von französischen, deutschen und vor allem italienischen Architekten und Baumeistern bauen lassen, Wettbewerbe zwischen diesen “Experten¨ ausgeschrieben und hat scheinbar ein reges Kommen und Gehen am Hofe befeuert. Natürlich gab es das in anderen Städten Europas auch und stellt für sich ja keine Besonderheit dar. Aber in diesem Fall St. Petersburg erstaunt es mich angesichts der Grösse der Stadt, die aus dem Sumpf gestampft wurde, besonders. Es war ein ehrgeiziges Projekt an einem sehr unwirtlichen Ort, zumal noch umkämpft. Die Ambitionen eines reichen Mannes, Herr über ein riesiges Reich -z.T. Noch nicht richtig erforscht- mit einer sehr armen Bevölkerung, der ein ¨Fenster zur Welt¨ erschaffen wollte. Er wollte Russland an den Fortschritt im restlichen Europa der damaligen Zeit anschliessen, zumindest aber sich selber ¨connecten¨ – und darstellen. Daher das emsige Bestreben, Künstler und Baumeister von Rang und Namen der damaligen Zeit herbeizuzitieren. Man könnte von einer “historischen Arbeitsmigration” sprechen, zugegeben kein Massenphänomen im eigentlichen Sinne. Was die Arbeiter betraf, die den sumpfigen Untergrund trockenlegten und durch Arbeit krank wurden und ihr Leben lassen mussten, so war es schon ein ¨Massenphänomen¨. Man kann sagen, dass weite Teile der historischen Stadt auf Knochen gebaut wurden. Zehntausende liessen ihr Leben. Zumeist handelte es sich um zwangsrekrutierte Leibeigene.

Von einer Jägerin und Sammlerin

Nach dem Mittagessen in einem hübschen usbekischen Lokal geht es weiter zum Winterpalast, in dem die Eremitage untergebracht ist. Die Eremitage stellt nach dem Louvre in Paris die zweitgrösste Kunstaustellung der Welt dar.

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Die Eremitage

Zum Vergleich: die Ausstellungsfläche des Bayrischen Nationalmuseums beträgt 13.000 Quadratmeter (die grösste in Deutschland, international Platz 43), die der Eremitage 67.000 und der Louvre mit 73.000 noch ein ¨Quäntchen¨ mehr. 1764 gegründet, ist sie sogar noch knappe 30 Jahre älter als der Louvre. Ursächlich für den Reichtum dieser Ausstellung ist der Sammlertrieb Katharinas. Würde es sich nicht um wertvolle Gegenstände handeln, wäre sie wohl der erste “adlige Messie der Geschichte”… Was für andere Damen Handtaschen oder Schuhe sind, waren für sie eben (ausserdem noch) Kunstgegenstände – und Männer

 

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Der Palastplatz vor der Eremitage

Nicht etwa, das wir nicht in die Eremitage reingewollt hätten, aber stundenlang mit Nico-Mann in der Schlange zu stehen und dann noch das arme schreiende Kind durch die vollen Gänge zu schleifen, ohne, dass er irgendwo hätte dran herumpopeln oder herumklettern könnte – nein, das wäre auch uns zu viel gewesen. Also müssen wir da mal rein, wenn Nico schon grösser ist. Die Wahnsinns-Sammlung und den Gebäudekomplex von innen wollen wir auf jeden Fall mal sehen.
Das Äussere und der Platz vor dem Winterpalast ist nicht weniger imposant: 5,4 Hektar gross und damit mehr als doppelt so gross wie der Rote Platz in Moskau! Umrahmt wird die grosse Fläche von Teilen des Eremitage-Komplexes. Gegenüber, halbrund, eine ebenso beeindruckende Fassade im Stil des Empires, in der sich ein doppelter Triumphbogen befindet. In der Mitte des Platzes befindet sich die 47,5 m hohe Alexandersäule aus rotem Granit.

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Alexandersäule

Sie soll die höchste ihrer Art weltweit sein und 500 Tonnen wiegen. Auf diesem Platz ereigneten sich in der Vergangenheit historische Ereignisse wie der Petersburger Blutsonntag 1905, als Arbeiter gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen demonstrierten, oder auch die Oktoberrevolution von 1917, als die Bolschewiki die Macht übernahmen.
Neben der Säule steht ein junger Mann mit Gitarre, eine Schar Menschen um ihn herum lauschen den Klängen und den russischen Liedern. Nico hält es nicht länger im Kinderwagen, der kurze Schlaf ist vorbei. Schon rennt er los, quietscht vergnügt, das ganze Gesichtchen sieht aus wie das einer Grinsekatze. Abwechselnd bewachen wir Kinderwagen und rennen Nico hinterher. Tanzend läuft er im Kreis. Nach etwa 45 min setzt dann die Müdigkeit ein – bei uns wohlgemerkt, Nico könnte noch länger herumtoben…

 

Petergof*

Am nächsten Tag geht es aufs Wasser: Wir wollen mit dem Boot nach Peterhof fahren. (*Im Russischen gibt es kein “H”, daher wird es mit “G” ersetzt.)  Pünktlich legt das Boot ab und saust nur so über das Wasser.

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Peterhof

Nach etwa 40 min haben wir unser Ziel erreicht. Hier, etwa 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, befindet sich einer der bedeutesten Schloss- und Parkanlagen, die gerne als ¨Russisches Versaille¨ bezeichnet wird. Zunächst nur als Landhaus und eine Art Rastplatz auf dem Weg zur Festung Kronstadt geplant, baute der Zar Peter der I. hier eine Residenz. Diese wurde in den folgenden Jahrzehnten noch weiter ausgebaut.

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Ausmaß der Zerstörung und Wiederaufbau

Genauso wie im restlichen St. Petersburg gestalteten auch hier internationale Baumeister und Gartenbaumeister Park und Gebäudekomplexe. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Areal von der Wehrmacht besetzt und die wertvollen Gegenstände geplündert. Die Gebäude selber nahmen im Zuge der Kämpfe schweren Schaden, doch schon direkt nach Kriegsende begannen bereits die Wiederaufbaumassnahmen.

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Die “Große Kaskade”

Heutzutage kann sich der Besucher wieder an diesem wunderschönen Ort erfreuen: Grandiose Architektur, viel Gold und herrliche Parkanlagen, in denen zahlreiche Springbrunnen den Besucher erfrischen. Diese kommen übrigens seit jeher ohne Pumpen aus (also die Springbrunnen), da Druck und Wasser aus höheren Lagen genutzt wird.

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Unbeschreiblich…

 

Nico rennnt durch die Gegend, wir geniessen ein herrliches Wetter. Nach meheren Stunden machen wir uns wieder auf den Weg zum Steg, um das Boot zurück in die Stadt zu nehmen. Anschliessend bummeln wir auf dem Weg zu einem Lokal für das Abendessen noch durch die Stadt. Heute ist das WM-Spiel Schweden gegen Schweiz. Plötzlich stehen wir inmitten jubelnder und gröhlender Fussballfans beider Mannschaften, die sich in den Armen liegen und amusiert die Strassen bevölkern. Eine interessante Athmosphäre.

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Tritonfontäne

 

Es geht den Nevskij-Prospekt rauf und runter, entlang zahlreicher Nobelboutiken und auch kleinerer Shops. Der Verkehr stockt, Luxuskarossen schieben sich langsam vorwärts. Diese Prachtstrasse, benannt nach Alexander Nevsky, strotzt vor imposanten Bauten.

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Am Nevskij-Prospekt, links das Singerhaus

Unter anderm finden sich hier eine historische Shopping Mall aus dem 18.Jh. (Gostiny Dvor), Statuten, das Singer-Haus, der von Rastrelli erbaute Stroganov Palast, ein halbes Dutzend Kirchen aus dem 17. Jh und vieles andere mehr. Es soll an die Champs-Elisee erinnernt, was es auch tut. Auch Prominente der damaligen Zeit verweilten gerne hier, so z.B. Alexander Puschkin, aber auch Dostoyevski, der einen Teil seiner Werke hier spielen liess.
Irgendwann sind wir durch. Wir sind fertig. Also geht es langsam Richtung Hotel.

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Nicht umsonst als “Venedig des Nordens” bezeichnet

 

Immer munter rauf und runter

Am nächsten Tag hat es sich das Wetter anders überlegt. Es regnet. Und wir müssen auschecken. Heute Abend soll es mit dem Zug vom Ladoshkij Woksal am anderen Ende der Stadt Richtung Osten, nach Kirov gehen. Zuvor wollen wir uns aber noch mit Julia, einer alten Freundin von Olga treffen. Sie hat inzwischen drei Kinder und wohnt mit dem Mann in der 5 Millionen-Metropole.

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Prachtvolle Gebäude soweit das Auge reicht

Wir nehmen ein Taxi bis zum Bahnof. Wir wollen zunächst am Vormittag das sperrige Gepäck dort verstauen und uns dann mit Julia treffen. Ohne Koffer geht es zur Metro. Eigentlich graut mir bereits davor, da mir die Moskauer Metro noch sehr gut in Erinnerung geblieben ist: lange Rolltreppen, die in die Tiefe führen, wahnsinnig viele Menschen, Gedränge und Gerempel bei Ein- und Ausstieg, aber auch eine unschlagbare Effektivität und Geschwindigkeit. Den Koffer haben wir abgegeben, jetzt bleibt uns noch der Kinderwagen und Rucksäcke. Wir rollen auf die erste Treppe zu, die uns in die Tiefe führt. Menschen strömen an uns vorbei.

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Härtetest für Mensch und Material

Zusammen tragen wir Nico im Kinderwagen nach unten. Er findet das alles sehr amüsant, bestaunt aus seiner ¨Sänfte¨ die Vorgänge und unsere Schufterei, zuweilen gibt er noch unverständliche Anweisungen. Aha, na super… An der nächsten Treppe gibt es zwei Eisenstangen, die eine Art Rampe für Kinderwagen darstellt. Leider ist unser etwas zu schmal, so dass die Räderchen mal etwas verbogen sind, mal auf der Kante nach unten geschoben werden. Mein Bruder hat sich den Wagen bei Rückgabe glücklicherweise nicht so genau angeschaut (ach Quatsch, war nen Spass, Digger!).
Dann geht es weiter durch endlose Gänge bis wir zu den Rolltreppen gelangen. Um es mal vorweg zu nehmen: die Rolltreppen in Deutschland sind geschwindigkeitstechnisch ¨geriatrische Rolltreppen¨. Hier laufen sie wirklich schnell, sodass man beim Betreten sehr aufpassen muss.
Aber schnell müssen sie auch sein, ansonsten würde man nie ankommen: die U-Bahnschächte liegen in unvorstellbarer Tiefe. Mehere Minuten (!) rollt die Treppe steil (also wirklich steil!) in die Tiefe. Man kann zunächst nicht das Ende sehen. Um die Menschenmassen zu bewältigen laufen gleich mehere parallel, weiter drüben auf der anderen Seite gehts nach oben. Nico sitzt auf meinem Arm und jubelt.

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Kontrollposten

Er findet das alles toll und zupft mir vor Begeisterung an den Haaren, während ich mich mit der anderen Hand festhalte.
Es geht immer weiter nach unten, fast schon unheimlich. Aufgrund der ursprünglichen sumpfigen Gegend musste die Petersburger Metro sehr tief verlegt werden: durchschnittich liegt das Streckennetz 50-75 m unter der Erdoberfläche, die Tiefe der tiefstgelegendsten Station, der Admiraliteyskaya wird je nach Quelle mal mit 86 m, mal mit 102 m unter Null angegeben. “Da musste erst mal hinkommen” – deswegen also die Rolltreppen.

 

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Nico müde in der Metro – mit Papa-Mütze

Eigentlich ein idealer Schutz vor Bomben im Krieg, jedoch wurde die Metro hier im Gegensatz zu der in Moskau erst 1955 in Betrieb genommen. Gemeinsam haben beide Tunnelbahnen jedoch die reiche Ausschmückung der Bahnhöfe und die kilometerlangen Gänge, die Rolltreppen und die scheinbare Unpassierbarkeit für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen. Zumindest in der Hauptverkehrszeit wird es zur Qual.
Wir haben es aber schliesslich doch geschafft, Julia und eines der drei Kinder zu treffen. Wir spazieren durch den strömenden Regen. Nico und die kleine Victoria beäugen sich zunächst vorsichtig, nehmen dann aber doch etwas Kontakt auf. Wir laufen zur Haseninsel am gegenüberliegendem Newa-Ufer. Hier liegt der historische Kern der Stadt: die Peter-und-Paul-Festung, eine sternförmige Anlage aus dem 18. Jahrhundert. Zunächst militärische Anlage im Krieg gegen die Schweden, so was sie später unter anderem Gefängnis und Hinrichtungsort des Zaren, wie auch der Kommunisten.  Hier wurden auch prominente Personen gefangen gehalten, so beispielsweise Dostojewski, Maxim Gorki und Lenins Bruder Alexander.

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Auf der Peter-und-Paul-Festung

Heutzutage befinden sich hier einige Museen. Trotz Regenwetters entladen grosse Reisebusse immer wieder Menschenmengen. Wir strömen gemeinsam in den Innenhof. Hier finden sich Tafeln, die an die Schlacht von Stalingrad erinnern, auf einer das Foto des kapitulierenden Generalfeldmarschalls Paulus. Der Zusammenhang ist mir momentan nicht ganz klar. Stalingrad, das heutige Wolgograd, ist fast 1700 km weit weg. Das einzige, was diese beiden Städte verbindet sind das blutige Schicksal während des Zweiten Weltkriegs und die ehemalige Namensgebung zu Sowjetzeiten: Aus Stalingrad wurde später Wolgograd und aus Leningrad wieder St. Petersburg.

“Süsse Erde”

Eigentlich hatte ich eher eine Dokumentation über die Zeit der Belagerung, die fast 900 Tage dauerte (Sept. 1941 – Jan. 1944), erwartet. Während die deutschen Truppen zunächst die Nordwestfront der Roten Armee zurückdrängen konnte, gerieten sie aber bald ins Stocken. Nach vollständiger Umzingelung auf den Uferseiten blieb lediglich einzig der Ladogasee als Versorgungsroute für die eingeschlossene Bevölkerung. Die deutschen Angriffe verlagerten sich auf Bombaredements und Artilleriebeschuss, wobei auch gezielt Lebensmittellager beschossen wurden.

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Paulus kapituliert in Stalingrad

Die Folge war eine Hungerkatastrophe ungeheuren Ausmasses. Auf dem Schwarzmarkt wurde Erde, in die geschmolzener Zucker gelaufen war, als ¨süsse Erde¨ zu horrenden Preisen verkauft. SS-Sicherheitsdienstchef Heydrich bekräftigte in einem Schreiben an Hitler höchstpersönlich die “Auslöschung¨ der Stadt als Ziel. Die Menschen begannen alles, was organisch war, zu essen: Leder wurde ausgekocht, Klebstoffe, Schmierfett und Tapetenkleister verzehrt, Ratten und Krähen gegessen. Bald kamen Fälle von Kannibalismus hinzu (Februar 1942 waren es über 1000 Fälle). Da die Menschen zu entkräftet waren, um die Toten zu den Friedhöfen zu transportieren, lebten sie mit den Leichnamen weiter in den Häusern. Täglich schwärmten Brigaden von meist jungen Frauen aus, um nach Waisenkindern in den Wohnungen zu suchen. Trotz der Zerstörung versuchten die Bewohner das Leben weiterzuführen. Kinder besuchten so gut wie möglich die Schule, Studenten die Universität und es wurden kulturelle Veranstaltungen organisiert.

Einzige Versorgungsmöglichkeit stellte die Route über den Ladogasee dar, der im Winter für Lastwagen befahrbar war. Natürlich war der Weg gefährlich Tausende starben bei der Flucht und die Versorgung reichte selbstverständlich nicht aus. Insgesamt kamen rund 1,1 Millionen Menschen (Zivilisten!) ums Leben. Wikipedia (engl.) gibt 642.000 Tote durch die Belagerung an, 400.000 bei Evakuierungsmassnahmen. An Truppen standen auf russischer Seite 900.000 Soldaten etwa 700.000 deutschen, finnischen und spanischen Soldaten gegenüber.

Волково кладбище

Tote werden begraben, 1. Oktober 1942 – Quelle: RIA Novosti archive, image #216 / Boris Kudoyarov / CC-BY-SA 3.0, RIAN archive 216 The Volkovo cemetery, CC BY-SA 3.0

Über die Opfer der Wehrmacht und der assoziierten Truppen aus anderen Ländern gibt die englische Seite knapp 580.000 Fälle an, die deutschsprachige Seite kennt hingegen keine Angaben. Sie gibt aber Informationen über die grobe Tötungsursache: 16.470 tote Zivilisten durch Beschuss oder Bomben, aber etwa 1 Million durch Hunger!

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Weiteres Kriegsgerät, Artilleriemuseum

Nicht nur anhand der Geschichte dieser Stadt im WWII kann man den Vernichtungskrieg etwas begreifen. Wohlgemerkt hat jeder Krieg etwas Vernichtendes, baut ja geradezu auf Vernichtung auf. Wer, wen, warum und wann sind die Kriterien, die uns bei der Bewertung beeinflussen. Gott sei Dank haben wir jüngere Generationen keine eigenen Erfahrungen machen müssen!

Das Wetter ist schlecht, wir laufen etwas herum und nachdem die Kleinen auch langsam nass sind, beschliessen wir das Treffen in einem Restaurant ausklingen zu lassen.
Julia begleitet uns anschliessend noch zum Bahnhof. Hier verabschieden wir uns von ihr und der kleinen Victoria und auch von dieser herrlich interessanten Stadt, die uns wirklich in ihren Bann gezogen hat.
Die ¨Weissen Nächte¨ haben wir leider ebensowenig erlebt, wie das Heraufziehen der Brücken, die es den Schiffen ermöglicht, in die Stadt zu gelangen und wieder aus ihr heraus. Aber mit einem kleinen Nico werden eh die Nächte mehr zum Tag gemacht, als man erwarten könnte – zumindest, wenn es sich nicht um das heimische Bettchen handelt.

Go East!

Nach einer “hochwichtigen” Fahrkartenkontrolle besteigen wir den Zug nach Kirov. Über 1200 km und etwas mehr als 21 Stunden sind es bis dorthin. Wir werden also etwas Zeit verbringen an Bord des Zuges. Mal sehen, wie es mit Nico wird. Glücklicherweise müssen wir nicht über Moskau fahren, sondern die Strecke ist eine der wenigen direkten Ost-West-Verbindungen.

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St.Petersburg – Jekaterinenburg


Es geht los ab dem Ladoshky Woksal (Ladoga Bahnhof im Osten). Schier endlos sucht sich der Zug seinen Weg durch die Aussenbezirke. Hässliche Industrieanlagen, dann fahren wir ein letztes Mal über die Newa und bald geht es nur noch durch endlose Landschaft.
Die Schaffnerin kommt herein, kontrolliert noch einmal die Fahrkarten und überreicht Nico ein kleines Rucksäckchen mit Malsachen, Puzzle usw. Ganz so wie im Flugzeug. Nico freut sich und fängt gleich an alles auseinander zu nehmen. Der Zug ist sehr bequem. Alles ist sauber, ruhig, aufgeräumt. Über der Tür ein Fernseher, die Fernbedienung liegt auf dem Tisch. Dann kommt auch schon das Abendessen. Wir können zwischen zwei Gerichten wählen. Das Essen ist übrigens im Preis inbegriffen und lecker. Nico stiefelt noch durch den Waggon und dann beginnt die kräfteraubende Zeremonie das kleine Drachenbaby schlafen zu legen. Es fällt ihm schwer. Er ist zwar hundemüde, aber so viele Eindrücke, die Menschen und dann auch noch der fahrende Zug, das ist schon nicht so leicht für so einen kleinen Mann. Irgendwann hat er es aber geschafft und Olga und ich können auch endlich mal entspannen.
Ich schlafe schlecht, Olga auch. Nur Nico pennt recht gut – bei Mama.

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Waffen während der WM verboten?

Deswegen hat Olga keinen Platz und eben auch keinen Schlaf. Nach dem Frühstück geht es den Waggon rauf und runter. Zusammen wird aus dem Fenster geguckt und die russische Weite bestaunt. Wir sind zwar noch in Westrussland und damit im eher dicht besiedelten Teil des grössten Landes der Erde, aber es fühlt sich leer an. Dann und wann mal ein Dorf, ein Gehöft, wenige Städte. Dann wieder lange nichts. Zum Mittagessen geht es in den Speisewagen. Hier ist nichts los, wir sind die einzigen Gäste. Vielleicht sind wir etwas früh, vielleicht sind es aber auch die Preise. Für uns ist es gut erschwinglich und sogleich kommt der Küchenchef und Kellner herbeigeeilt und hört gar nicht mehr auf zu reden. Er hat Gesprächsbedarf, anscheindend ist es immer so leer hier. Entweder weil er so viel redet, oder er redet weil es immer so leer ist.

Aber im Ernst: Er ist sehr nett, macht Scherze und serviert uns ein köstliches Essen. Eigentlich sei er Arzt, Infektiologe, aber von dem Geld konnte er nicht leben, deshalb arbeite er hier bei der Bahn. Seit 15 Jahren schon und es gefalle ihm gut, er bekomme gut Geld.
Dann am Nachmittag kommen wir in Kirov an. Der Zug selbst wird noch weiter nach Jekaterinenburg in Sibirien fahren. Auf dem Bahnsteig wartet Olgas Mama, Maxim und Nastja. Endlich angekommen. Nico gluckst vor Freude.

(K)ein Urlaub

Dass es kein Entspannungsurlaub werden würde, war uns vorher klar, aber dass es so anstrengend würde, das hatten wir uns auch nicht gedacht. Im Garten gibt es viel zu tun. Etwa 30 min von der Wohnung weg, liegt er 1-2 km abseits der Hauptstrasse.

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Typisch Russland: alles findet Verwendung

Wir wollen Olgas Mama helfen, den Garten zu ordnen, Unkraut zu jäten usw. Der zugewachsene Garten macht es meinem unbeholfenen Stadtauge schwer, die angebauten Pflanzen vom Unkraut zu unterscheiden. Erdbeeren erkenne ich jedoch noch.
Nachdem wir angefangen haben den Wildbewuchs zu “roden”, offenbart sicht und eine richtige ökologische Katastrophe: hier liegen Plastik neben Metallteilen, dann verrostete Fässer mit unbekanntem Inhalt, Teermatten oder Bitumen und alte Plastikflaschen mit Öl oder sonst irgendetwas. Teilweise sind diese Stoffe bereits fest mit dem Boden und den Pflanzen verbacken. All diese Abfälle und Schrott stammen noch vom Vorbesitzer. Alles wurde in die Landschaft und eben auch in die Gärten gekippt. Olgas Mama konnte das mit ihren 1,50 m nicht berwerkstelligen. Warum hat sie den Garten dann nicht verkauft? Oder eben ein anderes Grundstück? Der Blick in die Nachbargärten verrät: es sieht ürberall so aus. Zudem wird gesammelt, was man gerade hat.  Wieso? Nun, für die meisten Russen ist der Garten die “letzte Verteidigungslinie”. In den 90er Jahren hat Olga gelernt, was es heisst zu hungern, tagelang mit leerem Magen ins Bett zu gehen. Das ist für mich in unserer heutigen Zeit unvorstellbar! Viele Russen konnten diese Zeit nur überleben, weil die einen Garten hatten und alles anbauten, was ging. Und der ganze Unrat? Naja, was man hat, das hat man. Eine Logik der Mangelsituation, die wir gar nicht mehr kennen. Doch mal im Ernst: bei uns wird alles, was nicht mehr glänzt gleich weggeworfen. Ist das besser?

Wenn der Urlaub so schön ist, dass man auf die Heimreise wartet…

Wir arbeiten so gut wie wir können. Immer wieder werden wir von heftigen Schauern und Gewittern unterbrochen. Dann kommt wieder die Sonne raus und heizt die Luft auf 29 Grad auf. Dazu die unbeschreibliche Luftfeuchtigkeit. Es ist Wahnsinn! Eigentlich wie in Indien, nur dass wie hier sehr viel weiter nördlich sind, etwa auf der Höhe von Stockholm!
Als wir zurück zur Wohnung kommen, wartet schon Nico auf uns. Er hat gespielt, mit Oma und Uroma getanzt. Momentan ist er manchmal gereizt und widerspenstig. Es hat eine Trotzphase begonnen. Noch schlimmer ist das Schlafengehen, eine Tortur für alle.
Das “Maloche” geht so mehere Tage lang. Wir sind fertig. Körperlich wie emotional. Wir warten auf die Heimfahrt.
Immerhin haben wir trotzdem noch etwas Spass und Freude, wirklich! Wir unternehmen viel mit Olgas Mama und dem Rest der Familie. Olgas Oma kann den Urenkel endlich mal richtig in den Arm nehmen. Die beiden verstehen sich prächtig.

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Destillen: “Männliches Hobby” steht auf dem Schild


An einem Abend fahren wir zu Igor und Maxim. Die Mama von Max hat sich gerade den Arm gebrochen und wurde operiert. Igor stellt uns stolz seine neue Destille vor: ein Topf mit Druck und Temperaturanzeige, von seinem Kumpel Sascha mit einem Auspuff zusammengeschweisst, dazu Rohre, Chemieflaschen. Hier wird Schnaps gebrannt! Seit Kurzem ist das ganz legal in Russland. Es gibt sogar eigens spezialisierte Geschäfte.

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Z.T. selbstgebaut mit Auspuff

Igor ist inzwischen bekannt in dieser 400.00 Einwohnerstadt. Die Leute kennen seinen Schnaps, er ist beliebt – noch sei keiner erblindet, scherzt Olga. Es macht ihm sichtlich Spass  und stolz zeigt er den Saft, der sicherlich alle Mikroben vernichten könnte. Er hat nur das Druckgefäß (oder was es auch immer sein soll) gekauft, der Rest ist zusammengeschustert und mit dem Auspuff gibt es eine ganz besondere Note…

Noch ein paar Tage und es geht wieder heimwärts. Diese Besuche in Olgas alter Heimat sind kein Zuckerschlecken und das kennt sicherlich jeder, der Heimatbesuche machen muss, weil er woanders lebt. Aber es ist wichtig.

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Geschafft!

Zurück geht es über Moskau. Dieses Mal haben wir ein ganzes Abteil alleine und die Fahrt ist auch nicht so lang. Dieses Mal schläft Nico bei mir. Wieder kein Schlaf. Naja. Der Zug ist wieder sehr sauber, selbst die Toiletten laden zum Verweilen ein. Mindestens einmal geht während der Fahrt die Fahrkartendame mir dem Staubsauger durch den Wagon und reinigt die Toilette. Da kann die Deutsche Bahn noch einiges lernen…

Am Vormittag kommen wir in der russischen Hauptstadt an. Hier entschliessen wir uns wegen des Verkehrs, abermals die Metro zu nehmen. Die richtige Entscheidung. Auch mit dem grossen Koffer klappt es auf den Rolltreppen gut und Nico erfreut sich wieder an der ¨wilden Fahrt¨.

Recht schnell sind wir am Flughafen und ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus: aufgerüstet haben sie hier für die WM. Nicht nur, dass man an Automaten T-Shirts, Kaviar und Kontaktlinsen kaufen kann, sondern auch eine “Boutique” der Firma “Kalashnikow” gibt es hier…ggg

Der Rückflug wird von Aeroflot durchgeführt. Der Flug ist ruhig, das Essen üppiger als bei der billigeren Tochter-Airline. Und schon sind wir wieder in Deutschland…

Insgesamt war es natürlich kein Urlaub im eigentlichen Sinne, aber ein wichtiger Besuch bei der Familie. Allerdings waren die Tage in St. Petersburg wirklich wunderbar. Jetzt werde ich mich erst einmal auf der Arbeit vom Urlaub erholen…

 

P.S.: Demnächst folgen  noch mehr Fotos!

 

 

Joa, seid’s denn närrisch???

Nach laengerer Pause melde ich mich zurueck. Nicht etwa, dass ich die ganze Zeit Urlaub gehabt hätte (schön wär’s), aber mir hat schlichtweg die Zeit gefehlt. Der Sommer ist vorbei, der sogenannte “Urlaub” auch und ganz langsam nähern wir uns dem beschaulichen, “nach Harmonie lechzenden Jahresende” mit dem “Fest der Liebe”… Oje, wie schmalzig das klingt, aber immerhin kann man schon Weihnachtsgebäck bekommen, was ich für Anfang September schon abartig halte. Und nach Harmonie sieht es leider überhaupt nicht aus in diesem Lande.

Die Menschen sind zerstrittener denn je bzw. die Gesellschaft zeigt Risse, genauso wie Europa. Amerika spinnt eh und der Rest der Welt wirkt auch nicht ruhiger. Stimmt das so, oder sind das nur die dramatisierenden Eindrücke durch die Presse, die uns 24/7 nur mit Negativmeldungen zu überfluten schein?

Zumindest in Deutschland geht das politische und gesellschaftliche Chaos in eine neue Runde. Seit Wochen beschäftigt uns bereits das Thema des Chefs des Verfassungsschutzes und Rumgeeiere eigentlich aller Parteien. Die Demokratie wird auf eine harte Probe gestellt, ebenso wie das gemeine Volk, das sich jetzt nicht mehr blind auf die Politik verlassen kann. Was ist da los? Was erzürnt uns so? Nun, ich kann hauptsächlich nur für mich selber sprechen, auch wenn ich denke, dass der ein oder andere meine Gedanken teilen wird.

Da gibt es Vorkommnisse in deutschen Städten, die mich irgendwie leicht an die Situation in Rostock 1993 erinnern: aufgebrachte Menschen jagen in einem Video andere. Dann wird spekuliert, ob es eine Hetzjagd sei und ein Verfassungsschutzchef stellt dies in Frage. Die Reaktionen kommen wie vorprogrammiert, es wird gelärmt und protestiert, die Entlassung gefordert.

Nun, zunächst einmal hat zweierlei Gewalt stattgefunden: gegen einen Deutschen und gegen Ausländer bzw. solche, die so aussehen. Beides ist inakzeptabel. Punkt. Aus. Ende. Dass man sich dann um die Begrifflichkeiten streitet ist wirklich grotesk, und ob das Video wirklich echt sei, das ändert nichts an der Wirkung, wenn es erst einmal ausgestrahlt ist!

Dass von Teilen der Migranten Gewalt ausgeht kann man natürlich nicht schönreden und mit schlechter Kindheit begründen. Auch ein erittenes schweres Trauma kann nicht als Rechtfertigung dienen, höchstens als Erklärung für manche Denkmuster, die zu Gewalt führen. Auch hat jemand -meiner Meinung nach- seine Chance auf Aufenthalt verspielt, wenn er Gewalt ausübt, oder kriminell in Erscheinung tritt. Das hat nichts mit dem regelmäßig reflexartig vorgeworfenen Rassismus, sondern mit Fairness denjenigen Migranten zu tun, die sich korrekt verhalten und bemühen – und eben auch uns Deutschen gegenüber.

Genauso verachtenswert sind Übergriffe auf Migranten. Das ist ganz klar und bedarf keiner Diskussion. Gewalt jeglicher Form, egal woher und gegen wen und was ist immer abzulehnen. Punkt.

Braunes Sumpfland Ostdeutschland?

Wenn in Deutschland tausende von Menschen gegen Rechts und für unsere Werte demonstrieren, dann ist das gut und wichtig. Dabei sollte nicht der Fehler gemacht werden, dem In- und Ausland den Eindruck zu vermitteln, dass der Osten einzig ein braunes Sumpfland ist!

In der ZDF-WOCHENSHOW, die ich wegen der Rundumschläge schätze (jeder kriegt etwas ab, auch wenn ich nicht Mit allem übereinstimme) tingelte die Schweizerin Hazel Brugger als “Journalistin” in die Ostprovinz und interviewte wenige Demonstranten auf Pegida-Seite. In die Kamera sprach sie dabei mit einem herrlich schweizer Dialekt zu einem fiktiven schweizer Publikum, das sich die Frage stellt, wie unsicher es für schweizer Touristen hier wohl sein möge. Auch wenn anders beabsichtigt, so konnte der aufmerksame Zuschauer deutlich sehen, dass bei weitem nicht jeder rechtsgerichtet ist, der dort anzutreffen war, sondern dass sich abgehängte, frustrierte und alleingelassene Menschen vor der Kamera äußerten. Auch wenn sich hier keiner als Rechter oder gar als Nazi sieht, müssen sie sich den Vorwurf des “Rechts-Sein” gefallen lassen, da sie sich ja auf einer rechtsgerichtet Demonstration befinden. Sie hätten ja auch eine alternative Demonstration organisieren können, oder?

Sind wir die Guten?

Doch mal anders herum: Sind wir, die Toleranten und Offenen dieser Welt und dieses Landes wirklich allseits fair?

Ich würde mir wünschen, dass die “Zivilgesellschaft” weniger selektiv auf Gewalt, Ausgrenzung usw. reagieren und ihre selbst gesteckten Werte wirklich jedem gewähren würde. Denn auch hier gibt es Ausgrenzung von Menschen anderer Meinung! Hätten die o.g. frustrierten Pegida-“Mitläufer” wirklich eine alternative Demonstration abgehalten mit Distanz zu rechtsradikalen Strukturen, so darf man vermuten, das man ihnen eben dies trotzdem unterstellt hätte. Man hätte sie also trotzdem in die rechte Ecke geschoben.

Die Forderung z.B. kriminelle Migranten abzuschieben ist per se nicht rechtsradikal oder menschenverachtend – erst der geistige Überbau und entsprechende Forderungen bzw. Handlungen (Hetzjagden) sind es.

Das bedeutet, dass sich auch die sich als liberal und tolerante Gesellschaft Kritik gefallen lassen muss.

Interessant ist hierbei auch der öffentlich sprachliche Wandel. Während es früher verpönt und scheinbar unmoralisch war, von “Kriminellen Ausländern” zu berichten (so übrigens auch in der Schule!), so wurde plötzlich -vielleicht weil man die Wut der Bevölkerung bemerkte- z.B. über die Übergriffe von Migranten auf Frauen in Köln in der Sylvesternacht 2016 (?)berichtet. Der radikal offene Stil zu berichten hat sicherlich nicht zur Beruhigung der Lage beigetragen.

Ein anderes Beispiel für noch verbeserungswürdige Werteverteidigung: Ich kann mich nicht an Großdemonstrationen erinnern, die sich gegen die Zerstörung durch 1.Mai-Krawalle richteten. Diese hatten manchmal Strassenkämpfen geähnelt.

Diskriminierung mal anders: Fremd im eigenen Land

Ich selbst wurde in der Grundschule (!) wegen meiner Ostberliner Herkunft gemobbt, sogar zu körperlichen Auseinandersetzungen kam: vom Bedrohen durch Mehrere, Anspucken und Tritte. Die Täter waren dabei sowohl Deutsche, wie auch Schüler mit Migrationshintergund. Ist so etwas nicht genauso verachtenswert, wie rechtsmotivierte Gewalt?

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wegen seiner Herkunft diskriminiert zu werden.

Diskutieren und kritisieren darf und muß man sogar. Die Welle, auf der Nationalisten und Rechte reiten, ist zu gewissem Umfang das Resultat arroganter und ignorante Politik fast aller großer Parteien in Deutschland! Keine dieser Parteien hat in den letzten 40 Jahren sich mehr als nur um sich selbst gekümmert. Zumindest ist das das Gefühl der Menschen.

Diejenigen, die jetzt vorgeben z.B. als bayrische Kreuzritter das Abendland so heroisch zu verteidigen, saßen auch vor Jahrzehnten in den Regierungen, die Gastarbeiter nach Deutschland einluden, sich aber keine Gedanken darum gemacht haben, was mit der zweiten und dritten Generation wird.

Ein Hartzer ist kein Käse

Genausowenig konstruktiv haben sich die kleineren Parteien verhalten. Unter dem “Deckmantel der Toleranz” hat auch das linke Spektrum der Politik sich nie wirklich für die Menschen interessiert, weder für die Migranten, noch für sozial und wirtschaftlich benachteiligte Einheimische. Ignoranz und Arroganz aller Akteure. Das Resultat sind jahrzehntelange Hinterhofmoscheen, ältere Damen, die ohne jegliche Deutschkenntnisse seit 30-40 Jahren in Deutschland leben, Jugendliche, die weder richtig Deutsch noch Türkisch sprechen können und direkt nach der Schule “Hartzer” werden (Hartz IV). Sie haben weder in Deutschland noch in der Türkei noch auf dem Mond eine Chance. Einige von ihnen machen eine kriminelle Karriere durch.

Hierzu gab es erst diesen Samstag einen interessanten Beitrag im Deutschlandfunk

Hier gehts zum Link: www.dlf.de Kriminalität in Berlin – Die Macht der Clans

Beschrieben wurde u.a., wie in den 80er Jahren geflüchtet libanesische Großfamilie zunächst weder arbeiten durften, die Kinder nicht schulpflichtig waren (wie geht das eigentlich?) und vor allem auf sie Clanstrukturen angewiesen waren, um zu überleben. Die Folge war die kriminelle Parallelgesellschaft. Aber daran störte sich anscheinend kein Politiker, oder etwa doch?

Ein Pendant auf deutscher Seite: Menschen in sozialen Randgruppen, die nichts oder kaum etwas vom Wirtschaftswachstum abbekommen. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob die Situation selbst verschuldet ist oder nicht. Auch das sind “Abgehängte”. Auch das ist eine Parallelgesellschaft

Das Gefühl, das diese Menschen haben, zählt an der Wahlurne.

Allerdings wurde auch in den Jahren vor der Flüchtlingskrise eine Verrohung der Gesellschaft diskutiert und Problemviertel und z.T. “No-go-Areas” wurden auch schon früher beschrieben. Umso unverständlicher dann, dass jetzt mit Straftätern, “Gefährdern” und “Intensivtätern” so falsch-nachsichtig weiter umgegangen wird wie bisher – oder ist das dann das Konsequente der Politik?

Fordern, Fördern, Richtlinien vorgeben. Dafür gab es jahrzehntelang viel Zeit. Genutzt wurde sie nicht, oder kaum.

Wir mit unseren freiheitlichen Werten, die ja mit Akzeptanz und dem selbstverständlichen Recht auf Unversehrtheit einhergehen, büßen gewaltig an Glaubwürdigkeit ein , wenn wir Gewalt egal welcher Form zulassen. Genauer gesagt: wir lassen es de facto zu, indem Vergehen nicht adäquat geahndet werden.

Gewaltvoyeurismus – oder: die Pornographie der Gewalt

Auch präventiv wird zu viel “digitalisiert” (Kameras), zuviel protokolliert, statt wirkliche Präsenz zu zeigen und zu handeln. Es ist wie eine Form der unterlassenen Hilfeleistung: der Staat guckt lieber zu. Die Täter können sich dann noch über mediale Aufmerksamkeit freuen, wenn ihre Schandtat im Netz oder im Fernsehen ausgestrahlt werden.

Die Gültigkeit unserer Werte und Gesetzte erlischt damit teilweise oder vollständig und wird zur Farce – zumindest gefühlt vom Opfer. Wenn Menschen schwere Verletzungen erleiden, die Täter dann aber nur zu Bewährungsstrafen oder Sozialstunden verurteilt werden, dann hebelt das ganz gewaltig unsere Werte aus!

Als ich zur Schule ging, war es üblich, dass die Polizei Jugendliche, die nach 22 Uhr draußen angetroffen wurden, einsammelte und die Eltern ermahnte. Heutzutage gibt es das nicht mehr, oder?

Viel zu oft wird mit der Sorge vor dem Polizeistaat und der deutschen Vergangenheit argumentiert. Dass diese Gedanken grundsätzlich nicht falsch sind, versteht sich. Nichtstun ist ebenso gefährlich. Gepaart mit dem Einsparungswahn der 90er und 2000er Jahre ist daraus ein -wenn auch zugegeben kleines- Machtvakuum entstanden.

Hatte man gehofft, dass sich der Mensch selbst zügelt?

Wenn man der Mehrheit von uns beim Essen zusieht, dann glaube ich nicht recht daran.

Und die Maßlosigkeit beim Essen findet ach so oft ein Pendant in anderen Lebensbereichen. Zumal bei solchen Zeitgenossen, die das Gespür für Respekt, Friedfertigkeit und Gerechtigkeit verloren haben.

Sollte man erwarten, dass die Autofahrer brav am Stoppschild halten, auch wenn kein Polizist danebensteht? Wir sind doch im geordneten Deutschland, möchte man meinen…

Der Hofstaat rebelliert

Zurück zum Fall Maaßen: reflexmässig wird immer lauthals nach Rücktritt von der jeweiligen Opposition gerufen, ganz egal wer gerade regiert und was eigentlich vorgefallen ist. Glauben die wirklich selber, das sich durch den Fall eines Behördenchefs oder eines Ministers etwas Grundlegendes ändert? Bestimmt nicht, aber man will uns weismachen, dass “man ja etwas getan hat”. Grundsatzfragen werden kaum angegangen.

Was dann anschließend geschah war bewundernswert und genial: der “Eiserne Horst” hatte es geschafft, den Spieß umzudrehen: der Verfassungsdienstchef stürzte – allerdings fiel er die Treppe nach oben. Für die “Zartstimmige Andrea”, die ja dauerheiser klingt, wäre es auch zum Jubeln gewesen, da das “Hasskind Maaßen” ja nicht mehr im Amt wäre. Und “Mutti” hätte wieder Ruhe im Laden gehabt. Dumm nur, dass das alles auffiel. Der Volksmund spricht bei solchen Vorkommnissen von Vetternwirtschaft – man verschiebt Posten, wie es die Beziehungen ergeben. Das gehört zum Spektrum der Korruption. Was für ein böses Wort! Das heißt natürlich “Kompromiss”, wie konnte ich das vergessen, ich Dummchen…

Geiz ist geil?

Doch was hat das alles zu bedeuten? Gewalt, Migration, Rechtsruck usw. sind die aktuellen Schlagworte. Wie hängt das alles mit uns zusammen?

Also, insgeheim glaube ich, dass wir in Europa nur deshalb ein angenehmes Leben führen können, weil es anderen Leuten schlecht geht. Stichwort Verteilung der Güter, knallharte Machtinteressen der (auch deutschen) Wirtschaft, die international vermutlich genauso korrupt und blutig agiert wie die Mafia in Italien oder Kolumbien aber auch unsere Gier nach Luxus. Bullig muss es sein und sofort verfügbar!

Mein laienhaftes Hirn kann das natürlich natürlich nur begrenzt erahnen, doch gewisse Bestätigung bekommt es durch z.B. einen Beitrag des Deutschlandfunks vor ein paar Wochen. Hierin wird versucht eine Antwort auf unsere Fragen zu geben. Ich kann ihn wärmstens empfehlen!

Hier gehts zum Link: www.dlf.de Leben im Überfluss – Luxus – eine verbrannte Perspektive?

Die Welt ist doch eine Scheibe – oder eine plattgedrückte Kugel

Nico und ich stehen vor einem Geschäft und gucken den vorbeifahrenden Autos hinterher. Olga ist drinnen noch beschäftigt, aber Nico war so unruhig gewesen, daß ich mich entschlossen hatte, mit ihm raus zu gehen. Die Sonne blinzelt hin und wieder einmal schüchtern zwischen den Wolken hervor. Ein Bus hält an der Haltestelle, die sich direkt vor dem Geschäft befindet und gibt einen Teil seiner Ladung frei. Ein paar wenige Leute steigen ein. Es ist Freitag Nachmittag und die Menschen wollen ins ersehnte Wochenende. Der Bus schließt seine Türen und fährt ab.

Eine alte Dame mit Kapuze und einem Beutel schleppt sich mühevoll auf ihren Stock gestützt heran. Welcher Bus das denn gerade gewesen sei, fragt sie. Ich weiß es nicht, ich hatte darauf nicht geachtet. Jetzt fahren die doch nur noch alle 30 min und es lohne sich für sie nicht die Haltestelle zu verlassen. Wenigstens regne es nicht und es sei ja glücklicherweise keiner dieser kalten Apriltage, mache ich ihr Mut und stelle mir vor, wie anstrengend das für sie vielleicht  sein mag, mit Gangunsicherheit und vielleicht Schmerzen. Ja das stimme, sagt sie und freut sich über unser kurzes Gespräch.

Nico hört dabei gespannt zu, als ob er alles verstehen würde. Dann berichtet sie über die Hitzetage der letzten Woche, wo wir 28°C hatten – und das im April! Wie das Klima sich doch ändere und die Welt und die Menschen wahrscheinlich auch. Sie verstehe das nicht, wie das in der Welt so vor sich gehe. Sie lese die Zeitung und verstehe nicht, wie es uns z.B. schon “zu gut” gehe und woanders Krieg, Elend und Hunger herrsche. Während sie spricht wirkt sie keineswegs dement, sie weiß genau wovon sie spricht und ich muß ihr Recht geben. So viele Dinge passieren und ich kann sie immer weniger nachvollziehen. Vielleicht bin ich ja langsam dement und habe jetzt eine Leidensgenossin getroffen?

Geht es Euch auch so?  Der Abgasskandal und die Art, wie damit umgegangen wird (Entschädigungen in den USA, heiße Luft für die Kunden in Europa) ist nur ein Thema, das mich erstaunen läßt. Früher hat man sich doch irgendwie etwas Mühe gegeben, die Menschen wenigstens etwas elegant über den Tisch zu ziehen, sodass sie im Glauben waren, es sei alles fair gelaufen, oder?

Doch nun zu anderen, genauso “lustigen” Themen. Dieses Mal werde ich mich allerdings kürzer fassen, ich möchte ernsten Themen nicht zu viel Raum in meinem Blog geben.

  • 1. Akt: Liebesgrüße aus Moskau
  • And the winner is…
  • 2. Akt: Ein Deja-vu rouge
  • Ein bisschen hier, ein bisschen dort…
  • Intermezzo: Der orange Agent
  • Fazit? Selbstkritik schadet nicht – Vorsicht auch nicht

 

1. Akt: Liebesgrüße aus Moskau

Da ist zum Beispiel der spektakuläre Fall Skripal in Großbrittanien. Ein ehemaliger Doppelagent, der zusammen mit seiner Tochter mithilfe eines geheimen Giftstoffes umgebracht werden soll, was jedoch misslingt. Beide überleben und ganz Europa ist entsetzt über die Tat. Sogleich wird von der britischen Regierung Russland als Täter gebranntmarkt, welches natürlich seine Unwissenheit und Unschuld beteuert. Die Rethorik schaukelt sich hoch, Diplomaten werden hin- und hergschickt. Das Ganze erinnert schon irgendwie an “Frauentausch”, Gezicke inklusive. “Nowishok” soll das Wundermittel heißen, das nicht das schlaffe Fleisch erstarren läßt, sondern uns als Ganzes. Es soll nur von der Sowjetunion produziert worden sein.

Sean Connery spielte sechs mal  007 – auch im Film “Liebesgrüße aus Moskau”, dem zweiten Bond-Film (1963)
[Mieremet, Rob / Anefo, Sean Connery 1971 (cropped), CC BY-SA 3.0 NL]

Was regt uns so auf an diesem Mordversuch? Es geht scheinbar um das Hinterhältige, Nicht-Transparente, Geheime, “das Böse”. Ein Kampf der Berichterstattungen. Es baut sich Angst auf – oder wird aktiv aufgebaut. Jemand wird vom Geheimdienst ermordet in einem westlichen, freien, demokratischen Land. Das ist in der Tat erschreckend und wenn das wirklich so ist, dann darf man das nicht akzeptieren!

Das erinnert natürlich an vergangene Zeiten und schnell spricht man von einer “Neuauflage des Kalten Krieges” oder “Kalter Krieg 2.0“. Kalter Krieg Reloaded wäre auch noch ein netter Titel für einen Aktionfilm. Dabei darf man nicht vergessen, dass auch der Westen damals (und heute) unsaubere Aktionen durchgeführt hat. Nach US-Angaben ermordeten die CIA und später auch die Navy Seals während des Vietnamkrieges gezielt rund 6500 führende kommunistische Personen mit Führungsaufgaben hinter den feindlichen Linien! Nett ist das auch nicht.  Die Briten haben ihre Spezialeinheiten für Spezialaufträge und die Franzosen haben mit ihrer Légion étrangère (Fremdenlegion) ja eine ganz besondere traditionelle Zirkustruppe, die gerne auf Reisen geht und im Geheimen auf anderen Kontinenten für die Grand Nation kämpft – und tötet. Also: Ball flach halten und insgesamt kann ja niemand an einem solchen Szenario aus den alten Zeiten Interesse haben. Warum dann dieses Rumgetue und Rumgezicke?

Natürlich bestätigen britische Labore die Zusammensetzung und es gebe schwer belastendes Material, das Russlands Schuld beweise. Diese Beweise seien aber so hart und brenzlig und geheim, dass man sie der Öffentlichkeit nicht präsentieren könne. Man müsse es einfach glauben. Aha

Selbst ein deutscher Politiker, der im Radio interviewt wurde (ich weiß leider nicht mehr, wie er heißt –  ich glaube er sprach im Deutschlandfunk), sagte mit Nachdruck, es müsse Russland gewesen sein und man müsse die britische Regierung unterstützen. Die Frage, ob er denn die Beweise kenne, die wie er meint unbedingt geheim gehalten werden müssten, beantwortet er mit “Nein” – er spricht also über etwas, das er nicht kennt – schickt sich das für einen Politiker? Ei, ei….. Die Journalistin fragt noch einmal nach, ob denn das auch wirklich logisch wäre. Er bleibt bei seiner Meinung. Noch Fragen?

 

And the winner is…

Wer sind also die Täter und Drahtzieher des Mordversuchs? Jede präsentierte Antwort sollte uns doch bitte auch mit annähernd transparenten Fakten schmackhaft gemacht werden. Dass diese dann nicht unbedingt der Wahrheit ensprechen, damit haben wir uns abgefunden. Nur: Liebe Politiker, etwas Mühe müßt Ihr Euch schon geben, ganz so minderbemittelt sind (selbst) wir noch nicht! Beweise, die wir nicht kennen, können wir nicht beurteilen und blind jemandem zu folgen… hatten wir das nicht schon mal?

Unterhaltsam ist auch die Theorie, das Gift sei in die Hände von Kriminellen geraten. Gruselig! James Bond läßt grüßen.

Der nächste Fall von zweifelhafter Seriosität ist bereits auf der internationalen Bühne präsent: Der israelische Premierminister Netanyahu legte angebliche Beweise dafür vor, dass der Iran das Atomabkommen hintergehe und heimlich weiter an der Bombe bastele. Beifall kommt natürlich aus den USA und insgesamt war es ja schon länger bekannt, dass vor allem diese beiden Akteure das Abkommen zunichte machen wollen. Laut der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA gab es aber bisher keinerlei Beweise dafür.

In jedem schlechten Krimi bringt der Verdächtige im Polizeiverhör immer den gleichen Satz: “Das müssen Sie mir glauben!”. Bin mal gespannt, wann der aus Washington kommt. Und: wie werden dieses Mal die Europäer reagieren? Und das mit dem “glauben” ist ja eh eine religiöse Sache und keine politische. Oder wie war das doch gleich mit den Massenvernichtungswaffen des Saddam H. aus Baghdad? Da wurde auch vieles geglaubt und am Ende ein noch viel größerer Schaden angerichtet. Also: “Obacht!”

 

2. Akt: Ein Déjà-vu rouge

Am Abend sehen wir wieder einmal die blonde Mähne des amerikanischen Präsidenten im Fernsehen. Mein Gott bin ich froh, dass er so weit weg ist und nur auf dem Bildschirm zappelt! Er kündigt Vergeltungsschläge für den aktuellen Giftgaseinsatz in Syrien an. Als diese dann in den nächsten Tagen durchgeführt werden, und ich den smarten französischen Präsidenten höre, glaube ich ein Deja-vu zu haben: Er spricht von einer “roten Linie”, die überschritten wurde. Äh Moment, das hatten wir doch schon einmal. Ja genau: der Friedensnobelpreisträger aus dem Weißen Haus hatte darüber schon einmal gesprochen, etwa 2012 oder 2013, als der Krieg in Syrien noch überschaubar und vor allem jung war. Wofür bekam er doch gleich den Friedensnobelpreis? Auch Obama hatte damals von den roten Linien gesprochen, die im Rahmen einer “wenn, dann aber!”-Rhetorik verdeutlicht wurden. Nun ja, das Ergebnis kennen wir ja: gebombt wurde weiter, hin und wieder mal mit Gas.

Wir empören uns höflich, stampfen vielleicht sogar mitdem Fuß auf. Davon werden die Menschen im Bombenhagel vermutlich nicht viel mehr profitieren werden, als von dem feuchten Klopapier, mit dem ich Nico den Hintern abwische – reine Spekulation versteht sich. Überhaupt: welche praktische Unterstützung haben wir den Aufständischen in Syrien damals angeboten, bevor Russland einschritt und auch danach? Und Aleppo? Unser damaliger Aussenminister Gabriel schlug mal eine Luftbrücke vor. Diese Idee verschwand schnell. Warum? Was haben wir unternommen, “der zarte Pflanze der Demokratie, unserem moralischen Exportschlager, der Freiheit dort zum Keimen zu verhelfen?”

Wir haben kommentiert, gelobt, kritisiert, geguckt. Sonst nichts. Eine reine Gaffermentalität! Und das ist beschämend für alle Gesellschaften, die sich als demokratisch bezeichnen und moralische Überlegenheit an den Tag legen – und sich anschließend darüber beschweren, daß andere Länder Fakten schaffen.

 

Intermezzo: Der orange Agent

Eine Anmerkung zu chemischen Kampfstoffen: Wie war das doch gleich mit Agent Orange? Sicher, es ist schon eine Weile her und es handelt sich nicht um Giftgas im eigentlichen Sinne, aber als Folge des massenhaften Einsatzes im Vietnamkrieg zwischen 1961-71 zur Entlaubung (Operation Ranch Hand) wurden 3 Mio Hektar Land inkl. landwirtschaftlicher Fläche besprüht. Bis zu 4 Mio Menschen litten (und leiden, sofern sie noch leben) in der Folge unter z.T. erheblichen Gesundheitsschäden. Auch bei exponierten Veteranen wurden vermehrt Leukämien, Hodgkin-Lymphome und andere Tumore verzeichnet. Übrigens: die Briten verwendeten dieses Entlaubungsmittel zuerst in Südostasien…

 

Ein bisschen hier, ein bisschen dort…

Und jetzt? Strategische Luftschläge, die am ehesten einem Ausdrücken von einzelnen Pickeln gleichkommen. Die Briten sind natürlich auch mit dabei und unser etwas schmalhalsig wirkender neuer Außenminister unterstreicht immer wieder die Unterstützung für diese Vergeltungsschläge. Fast wirkt er so, als bedauere er es, daß die Bundeswehr nicht auch “mitgespielt” hätte. Vermutlich waren wieder Triebwerke, Flügel, Scheibenwischer oder Steuerknüppel nicht einsatzbereit…

Aber noch einmal zur Rechtfertigung: Vergeltung. Wurden wir angegriffen? Wen oder was vergelten wir? Ach ja, ein Angriff auf unsere westlichen Werte -als ob andere Kulturen diese nicht hätten-  die Bevölkerung, die 40, 100 oder 500 Menschen, die durch Gas getötet wurden. Ei, ei, wie unmenschlich! Da hatten es ja die 470.000 anderen Todesopfer gleich viel besser! So viele sind nämlich neueren Schätzungen zufolge bisher in Syrien gestorben. Also über was reden wir? Menschlichkeit? Image? Moral? Verantwortung der “freien, westlichen Welt”?  Womöglich wird auch noch unsere Verantworung für die deutsche Geschichte herangezogen…

 

Fazit? Selbstkritik schadet nicht – Vorsicht auch nicht

Auch wenn wir gerechtfertigt Verbrechen anderer anklagen, so sollte man nicht nur sicher sein, dass diese auch die Täter sind, sondern wir müssen uns auch an unseren eigenen Maßstäben messen lassen. Beispielsweise mit Despoten jahrzehntelang Geschäfte machen und anschließend mit den Finger auf sie zeigen, ist ebenso wie Gaffen und Kommentieren kein Zeichen von Charakterstärke. Wohl aber das Sprechen und Handeln, das unseren eigenen Werten entspricht, jenseits von moralischer Überheblichkeit.

Für die Gesellschaft wie auch für jeden Einzelnen ist der nüchterne Umgang mit Informationen wichtig. Die Aufregung um Fehl- und Desinformation in den letzten Jahren, die Angst vor totaler Überwachung -sei sie nun real oder nicht- fordert uns alle auf, vorsichtig mit Meldungen und Bildern umzugehen…