Liebesgruesse aus ¨Piter¨

 Es ist mal wieder soweit: Urlaub. Dieses Mal steht eine Reise an, die eigentlich schon längst überfällig ist: ein Besuch in Russland. Drei ganze Jahre sind wir nicht dort gewesen, Nicos Ur-Oma kennt “Nico-Mann” nur von Skype bzw. What’sApp-Telefonaten. Kränklich und fast 92 Jahre auf dem Buckel, kann jeder Tag der letzte sein. Überhaupt ein Wunder, dass sie so lange durchgehalten hat. Vielleicht treibt sie auch der Wunsch an, in ihrem Leben Nico mal im Arm zu halten, bevor sie das Zeitliche segnet.
Drei Jahre etwa ist es auch her, dass sie sich das letzte Mal aus der Wohnung getraut hat. Zu weit ist der Weg aus dem fünften Stock durch das dunkle Treppenhaus, unklar, ob sie den Rückweg schafft. Und auf der Strasse vor dem Haus: tausend Stolperfallen, nicht nur für ältere Menschen.

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Nico studiert schon mal die Sicherheitshinweise

Für Nico, unseren ¨kleinen Russen¨, ist es die erste Russland-Reise, für mich wird es das erste Mal sein, mit einer russischen Fluglinie zu fliegen.

Solche und solche – also welche?

Los geht es ab Düsseldorf. Mit unseren Pässen in der Hand stellen wir uns in die lange Schlange vor der Passkontrolle. Ungefähr 80 Leute stehen da aus allen möglichen Ländern. Zwei Beamte kontrollieren im üblichen Beamtentempo die Pässe. Neben uns zwei weitere Schalter für EU-Bürger, an denen nur wenig los ist. Wegen Olgas russischem Pass müssten wir ja getrennt durchgehen, aber Familien zu trennen macht -für den normalen Verstand- wenig Sinn, zumindest mit kleinen Kindern. Zudem hat Olga ja einen gültigen Aufenthaltstitel und würde daher auch nicht ganz mit den anderen zusammen passen.

Ich gehe zu einem der Kontrollhäuschen und frage den jungen Beamten, ob wir denn nicht als Familie und Aufenthaltstitel usw. zusammen hier durchgehen könnten. Er guckt mich grimmig an. ¨Nein, das geht nicht!¨ sagt er. In seiner Stimme schwingen Machtbewusstsein und eine gewisse Überheblichkeit mit. Wenn man einen Teil seiner Kindheit in der DDR aufgewachsen ist, weiss man, wann es Sinn macht zu diskutieren und wann nicht. Ich stelle mich wieder zu Olga und Nico in die Schlange. Wie wir so stehen, wird Nico so langsam ungeduldig und beginnt zu quängeln. Zudem sind auch noch die Windeln voll und ausgeschlafen ist er zu so früher Stunde auch nicht. Also entscheiden wir uns dazu, dass Nico (deutscher Pass) und ich zusammen durchgehen. Ich gehe dieses Mal zu dem anderen Schalter und lege die Pässe vor.

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Wenn man’s erst einmal geschafft hat…

Irgendwie kann ich es mir doch nicht verkneifen, eine gewisse Diskriminierung anzumerken. Der junge Beamte guckt hoch und fragt freundlich: ¨Wo ist denn die Mama?¨ Ich zeige in die Schlange. ¨Sie soll kommen!¨, er winkt. Nun stehen wir also unerhofft wieder zusammen an dem Häuschen, die Unterlagen werden bearbeitet und Olga bekommt noch ein paar Tipps zu ihrem Aufenthaltstitel. Ich zwinkere noch dem anderen grimmigen Beamten zu, der uns zuerst weggeschickt hatte. Und dann sind wir durch, ganz schnell. Geht doch! Alles nur Willens- und Ermessensfrage! Und: es gibt immer solche und solche.

Fliegen mit “Äroflöt

Es ist das erste Mal, dass Nico ein eigenen Sitzplatz hat im Flugzeug, eine Erleichterung für uns, weil er jetzt nicht mehr auf unserem Schoß sitzen muss. Wir fliegen mit Россия (Rossija), einem Ableger von  Аэрофлот (Aeroflot). Es war die einzige günstige Verbindung nach St.Petersburg mitten in der Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft, die wir noch bekommen konnten. Der Flug ist recht kurz, wir lassen schnell Polen unter uns vorbeiziehen und schon erstreckt sich die Ostsee unter uns. Getränke und Knabbereien werden sparsam verteilt. Es ist eben eine low-cost oder Budget-Airline.
Kurz vor der Landung kommt Olga mit einer anderen Passagierin ins Gespräch. Sie heißt Anna, stammt aus St. Petersburg und hat gerade Ihren Verlobten in der Nähe von Osnabrück besucht – ach nee, so klein ist die Welt. Sie spricht bereits etwas Deutsch und wartet auf die Dokumente für die Hochzeit. Die Landung verläuft problemlos, ich habe meinen Jungfernflug mit einer russischen Fuglinie überlebt. Nach der Landung klatschen die meisten Passagiere. Eine eigenartig anmutende Sitte. Nur ein Relikt aus der Vergangenheit oder doch nur Glück? Ich denke, es ist Ersteres.

“Ленинград город герой” – Leningrad, Stadt der Helden”


Wir rollen über das Flugfeld, vorbei am Tower und an endlosen Flughafengebäuden. Mit lateinischen und kyrillischen Buchstaben begrüßt die Stadt die Besucher: St. Petersburg -Leningrad-Heldenstadt. Schon hier soll der Ankömmling die Bedeutung der Stadt für die russische Seele beginnen zu begreifen , doch dazu später mehr.

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Leningrad, Stadt der Helden – Begrüßung am Flughafen

Im Terminal gibt es die Möglichkeit, ein Taxi zu einem Festpreis zu bestellen. Immerhin haben wir einen großen Koffer dabei, den Buggy für Nico und die ein oder andere Tasche. Anna begleitet uns noch ein Stück Richtung Taxistand, dann trennen sich unsere Wege. Unser Taxifahrer heisst Marat und kommt aus Usbekistan. Er ist ein typischer Gastarbeiter aus Zentralasien. In den grossen Städen Russlands, vor allem aber Moskau gibt es zunehmende fremdenfeindliche Gewalt gegen Gastarbeiter aus diesen ehemaligen Sowjetrepubliken. Besonders natürlich die vielen Illegalen habe darunter zu leiden, aber auch jene, die einfach so aussehen, weil die Eltern oder Grosseltern einst aus diesen Regionen stammten. In Moskau -und vielleicht nicht nur dort- gibt es regelrechte organisierte Gruppierungen, die sich zur Aufgabe gemacht haben, Illegale oder vermeintliche Kriminelle aus auf solchen Regionen aufzuspüren und zu melden, zu bedrängen, zu bedrohen. Doch nicht nur das. Gewalt spielt zunehmend eine Rolle, Schutz können sich diese Menschen nicht erhoffen.

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Neue Autobahn


Marat versichert uns, solche Probleme nicht zu haben. ¨Piter¨, wie St. Petersburg liebevoll von seinen Bürgern genannt wird, sei anders als Moskau, freundlicher. Eben anders.
Sicher und mit ruhigem Gaspedal fährt er uns der mit 5 Millionen Einwohnern zweitgrössten Stadt Russlands entgegen. Auf einer neuen grossen Autobahn, die sicherlich für die Fussball-WM gebaut wurde, geht es vorbei an unzähligen Baustellen. In der Ferne sieht man noch grössere Bauprojekte. Bei diesem Anblick und ohne Schlaglöchern (!), hat man fast das Gefühl in einem anderen Land zu sein.
Mit Mühe finden wir in der Nähe eines Handelshafens und einem Industriegebiet unser Hotel, das “Baltiskaya”. Es scheint ein typischer 60er Jahre-Bau zu sein mit dem konservierten Charme der Sowjetzeit. Mit dem Koffer um die hier wieder reichlich gesäten Schlaglöcher herummanövrierend, die grossen Treppenstufen hinauf, sind wir bereits das erste Mal verschwitzt.
Die Dame an der Rezeption nimmt unsere Pässe entgegen und wir bekommen die Schlüssel. Der Fahrstuhl ist so klein, dass wir nicht alle zusammen (selbst ohne Buggy) hineinpassen. Drinnen empfängt uns schlechte Luft und Dimmerlicht. Aber er fährt. Im Zimmer setzt sich der Charme von unten fort, um im Bad harmonisch auszuklingen…

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Hotel “Baltiskaya”

Die Fensterscheiben haben anscheinend schon länger keinen Kontakt mehr mit Wasser gehabt, aber die Bettwäsche ist sauber. Na gut, immerhin ist es schwer in dieser Metropole ein Hotelzimmer zu einem vernünftigen Preis zu finden und jetzt zur WM hätten wir locker das Vielfache ausgeben können.
Ich drehe den Wasserhahn auf, möchte mir Hände und Gesicht waschen. Doch das Wasser riecht, nein stinkt regelrecht nach Metall! Es ist ekelig! Auf dem Gang hatte ich einen Wasserpender gesehen, der mit frischen Wasserflasche befüllt wurde. Mit 3 Flaschen à 1,5l melke ich also diesen Wasserspender. Jetzt kann ich mir die Hände waschen… Herrlich!

Immer den Chinesen hinterher!

Nach einer kurzen Ruhepause zieht es uns nach draussen, wir müssen ein paar Lebensmittel kaufen. Anschliessend wollen wir einen ersten Eindruck von der Stadt bekommen. An der Rezeption erkundigen wir uns nach dem einfachsten Weg ins Zentrum.

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Das Gebäude einer verlassenen Marine-Akademie

¨Wenn Ihr ganz viele Chinesen seht, dann seid Ihr da!¨, sagt die Dame und wir machen uns auf Richtung Bushaltestelle. Pfützen, Schlaglöcher, lose Steine säumen unseren Weg. An dem verlassenen und fast verfallenen Gebäude einer Marineakademie warten wir auf den Bus. Man merkt, St.Peterburg ist eine Metropole, deren Geschichte eng mit dem Meer verbunden ist. Gelegen an der Newa, mitten im sumpfigen Delta des Flusses, wurde sie 1703 von Peter dem Grossen gegründet. Aber schon vorher gab es Siedlungen und das Gebiet war Zankapfel zwischen dem (damals) starken Schweden und einem russischen Staat namens Nowgorod (nicht die Nischnij Nowgorord), der sich zwischenzeitlich zwischen Ostsee und dem nördlichen Ural ausdehnte.

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Seitenstrasse mit Blick auf die Admiralität

Die Siedlung auf der vorgelagerten Insel Kotlin trägt seitdem den schwedischen Namen Kronstadt . Auch andere schwedische Siedlungen hat es hier gegeben. Der grosse Peter wollte aber gerne Zugang zum Meer für sein riesiges Reich haben. Zeitgleich wollte er aber auch seine Hauptstadt hier bauen, die als ¨Fenster nach Europa¨ wirken sollte. Durch die unwirtlichen Naturverhältnisse und die brutal-ärmlichen Bedingungen zur damaligen Zeit, fanden Zehntausende Zwangsarbeiter bei der Verwirklichung Peters Vorhaben den Tod.

Der Bus kommt, wir steigen ein. Die Fahrt geht vorbei an den Fabrikanlagen, von denen einige sehr sehr alt wirken, modernen Bürogebäuden, und herrlichen Altbauten. Immer wieder trifft man auf Zeugnisse der Seefahrt, sei es die zivile oder die Kriegsmarine. Der Bus hält an einer Art Marinemuseeum, davor stehen eindrucksvoll mehrere kugelige Stahlungeheuer, die kleine Noppen oder Stacheln zu haben scheinen. Das müssen Seeminen sein. Daneben eine Art Taucherglocke, so wie sie vor Urzeiten verwendet wurde. Und dann ist da noch ein kleines Modell eines U-Boots. Leute steigen aus, andere ein und der “Konduktor“, die Fahrkartenkontrolleurin, geht rum und verkauft Fahrkarten. Die Busse sind neu, sauber, ein Monitor zeigt die Strecke und die nächste Haltestelle an.

Venedig des Nordens

Wir nähern uns dem Zentrum: grosse, stattliche, bisweilen prunkvolle Gebäude zu beiden Seiten, unzählige Kanäle mit Brücken bringen uns der ¨Admiralitayskaya¨ näher, der Admiralität und dem zentralen Punkt. “Olga, hier gibt es Chinesen! Wir sind im Zentrum!¨, sage ich. Wir steigen aus und lassen uns treiben in dem Fluss der Passanten und lassen die Eindrücke der ersten Schritte in dieser Riesenstadt wirken.
Nach mehreren Kilometern zwingen uns Müdigkeit und Erschöpfung nach einem Abendessen zur Rückkehr. Nico hängt auch schon auf halb acht im Buggy, den wir uns von der Familie meines Bruders ausgeliehen hatten. Auf russischen Strassen ist es wie ein Härtetest für dieses Leichtgerät. Mal schauen, ob dieser zu einem Crashtest mutiert…

Am nächsten Morgen sind wir etwas gerädert. “Etwas” ist noch untertrieben. Irgendwie war das gestern doch etwas anstrengend, zumal Nico nicht einschlafen und das Gezeter und ¨Geflöte¨ (Rumquaken, rumschreien etc.) gefühlt gar kein Ende nehmen wollte. Während wir unsere Knochen ¨zusammensuchen¨ ist Nico natürlich putzmunter: Nachttischlampen werden bewegt, Lichtschalter geknipst wie Stroboskoplampen in der Disko und Steckdosen untersucht. Boah, ich könnte ausrasten!

Nach einem Frühstück mit Gezappel und Gezeter und Chinesen (die bevölkern auch das Hotel)geht es langsam los.
Es hat geregnet, die Pfützen vor dem Haus sind gut gefüllt, aber die Sonne kommt raus und bringt das Wasser eines nahen Flussarms der Newa zum Glitzern. Mit dem Bus geht es wieder in die Innenstadt. Bei herrlichem Wetter geht es über recht gute Gehwege zur Admiralität.

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Admiralität mit Schiffchen auf der Turmspitze

Hübsche Parke erstrecken sich hier, Blumen blühen, die Menschen flanieren.
Das imposante Gebäude, dass nach seinem Bau zu Beginn des 18. Jahrhunderts zunächst als Werft gedient hatte, wurde später zum Hauptquartier der Russischen Marine: zunächst der des Zaren und nach einer Unterbrechung während der Sowjetzeit ist sie seit 2012 auch nun wieder das Hauptquartier der Marine der Russischen Förderation. Die vergoldete Kuppel, die an der Spitze ein kleines Schiff trägt, ist weithin sichtbar. Von diesem zentralen Punkt aus wurden die grossen Prachtstrassen -die Prospekte– ausgerichtet, von denen aus man auch in kilometerweiter Entfernung die Kuppel sehen kann.

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Spaaaaaaß!

Wir passieren joggende Soldaten, Seemänner in Marineuniform. Nico ist beeindruckt und versucht mit den kräftigen Mannen Schritt zu halten – und wir mit ihm. Er hat sichtlichen Spass daran. Wir sind kaputt. Wir entdecken einen kleinen netten Spielplatz neben der Admiralität. Nico und Olga schaukeln und ich vertiefe mich in den Reiseführer.
Beim Durchblättern -ich hatte vorher leider keine Zeit mich wirklich vorzubereiten- wird mir noch deutlicher, wie gross diese Stadt ist und wie viel sie zu bieten hat. Wahnsinn! Mir wird klar, wir werden nur einen kleinen Teil sehen können. Hier muss man wirklich viel Zeit mitbringen!

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Der Eherne Reiter: Sieg über die Schweden

Nach einem Eis geht es weiter zur Newa. Hier steht der Eherne Reiter, neben der Admiralität eines der Wahrzeichen der Stadt. Auf einem riesiger Findling, der als Sockel dient erhebt sich Peter der Grosse auf einem Pferd in den Himmel. Die Vorderhufen in die Luft hebend, steht das Pferd auf den Hinterbeinen und zertritt dabei eine Schlange. Dies soll den Sieg über die Schweden darstellen, die Schlange symbolisiert die Schweden. Die Inschrift am Sockel ¨Peter dem Ersten – Katharina der Zweiten¨ verrät, wie sehr sich die einstige Grande Dame emporheben und verewigen wollte.
Wir schlendern weiter Richtung Isaaks-Kathedrale. Am Abend zuvor konnte ich sehen, wie Menschen auf die Plattform hoch über der Stadt geklettert waren. Das will ich auch.
Das Gotteshaus gehört mit ihren 101,5 m Höhe zu den grössten sakralen Kuppelbauten der Welt.

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Die Isaaks-Kathedrale

Die Besucherplattform ist natürlich nicht so hoch, aber sicherlich trotzdem interessant. Nico und Olga wollen lieber unten bleiben. Eine Wendeltreppe führt in unzähligen Biegungen nach oben auf ein Zwischenpodest. Anschliessend geht es über ein Dach und einer weiteren Treppe noch ein paar Meter höher. Von allen Seiten hat man einen wunderbaren Ausblick, unter anderem, weil die Befestigungen nicht so streng sind. Das nutzen einige aus. Ein Mann schiebt sich an mir vorbei, klettert über das Geländer und posiert mit emporgehobenen Armen für ein Foto – zwei Schritte hinter ihm geht es steil abwärts….

 

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Ausblick von der Besucherplattform

In den Sommermonaten ist es möglich bis ca. 4 Uhr hier oben zu sein! Das wäre sicherlich fantastisch, aber für uns leider momentan nicht drin.
In die Kathedrale kommt man heute leider nicht rein, obwohl dies sicherlich sehr interessant gewesen wäre.

 

Gebeine unter den Füssen

Was mich bei St. Peterburg immer wieder erstaunt ist die “Internationalität” bereits in der Anfangszeit. Dass heutzutage eine Vernetzung und reger Austausch zwischen Menschen in unterschiedlichen Ländern besteht, daran haben wir uns gewöhnt und ist auch Teil der sog. Globalisierung. Doch umso erstaunlicher ist der überaus rege Austausch vor 200, 300 Jahren. Der Zar hat unzählige Bauwerke von französischen, deutschen und vor allem italienischen Architekten und Baumeistern bauen lassen, Wettbewerbe zwischen diesen “Experten¨ ausgeschrieben und hat scheinbar ein reges Kommen und Gehen am Hofe befeuert. Natürlich gab es das in anderen Städten Europas auch und stellt für sich ja keine Besonderheit dar. Aber in diesem Fall St. Petersburg erstaunt es mich angesichts der Grösse der Stadt, die aus dem Sumpf gestampft wurde, besonders. Es war ein ehrgeiziges Projekt an einem sehr unwirtlichen Ort, zumal noch umkämpft. Die Ambitionen eines reichen Mannes, Herr über ein riesiges Reich -z.T. Noch nicht richtig erforscht- mit einer sehr armen Bevölkerung, der ein ¨Fenster zur Welt¨ erschaffen wollte. Er wollte Russland an den Fortschritt im restlichen Europa der damaligen Zeit anschliessen, zumindest aber sich selber ¨connecten¨ – und darstellen. Daher das emsige Bestreben, Künstler und Baumeister von Rang und Namen der damaligen Zeit herbeizuzitieren. Man könnte von einer “historischen Arbeitsmigration” sprechen, zugegeben kein Massenphänomen im eigentlichen Sinne. Was die Arbeiter betraf, die den sumpfigen Untergrund trockenlegten und durch Arbeit krank wurden und ihr Leben lassen mussten, so war es schon ein ¨Massenphänomen¨. Man kann sagen, dass weite Teile der historischen Stadt auf Knochen gebaut wurden. Zehntausende liessen ihr Leben. Zumeist handelte es sich um zwangsrekrutierte Leibeigene.

Von einer Jägerin und Sammlerin

Nach dem Mittagessen in einem hübschen usbekischen Lokal geht es weiter zum Winterpalast, in dem die Eremitage untergebracht ist. Die Eremitage stellt nach dem Louvre in Paris die zweitgrösste Kunstaustellung der Welt dar.

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Die Eremitage

Zum Vergleich: die Ausstellungsfläche des Bayrischen Nationalmuseums beträgt 13.000 Quadratmeter (die grösste in Deutschland, international Platz 43), die der Eremitage 67.000 und der Louvre mit 73.000 noch ein ¨Quäntchen¨ mehr. 1764 gegründet, ist sie sogar noch knappe 30 Jahre älter als der Louvre. Ursächlich für den Reichtum dieser Ausstellung ist der Sammlertrieb Katharinas. Würde es sich nicht um wertvolle Gegenstände handeln, wäre sie wohl der erste “adlige Messie der Geschichte”… Was für andere Damen Handtaschen oder Schuhe sind, waren für sie eben (ausserdem noch) Kunstgegenstände – und Männer

 

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Der Palastplatz vor der Eremitage

Nicht etwa, das wir nicht in die Eremitage reingewollt hätten, aber stundenlang mit Nico-Mann in der Schlange zu stehen und dann noch das arme schreiende Kind durch die vollen Gänge zu schleifen, ohne, dass er irgendwo hätte dran herumpopeln oder herumklettern könnte – nein, das wäre auch uns zu viel gewesen. Also müssen wir da mal rein, wenn Nico schon grösser ist. Die Wahnsinns-Sammlung und den Gebäudekomplex von innen wollen wir auf jeden Fall mal sehen.
Das Äussere und der Platz vor dem Winterpalast ist nicht weniger imposant: 5,4 Hektar gross und damit mehr als doppelt so gross wie der Rote Platz in Moskau! Umrahmt wird die grosse Fläche von Teilen des Eremitage-Komplexes. Gegenüber, halbrund, eine ebenso beeindruckende Fassade im Stil des Empires, in der sich ein doppelter Triumphbogen befindet. In der Mitte des Platzes befindet sich die 47,5 m hohe Alexandersäule aus rotem Granit.

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Alexandersäule

Sie soll die höchste ihrer Art weltweit sein und 500 Tonnen wiegen. Auf diesem Platz ereigneten sich in der Vergangenheit historische Ereignisse wie der Petersburger Blutsonntag 1905, als Arbeiter gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen demonstrierten, oder auch die Oktoberrevolution von 1917, als die Bolschewiki die Macht übernahmen.
Neben der Säule steht ein junger Mann mit Gitarre, eine Schar Menschen um ihn herum lauschen den Klängen und den russischen Liedern. Nico hält es nicht länger im Kinderwagen, der kurze Schlaf ist vorbei. Schon rennt er los, quietscht vergnügt, das ganze Gesichtchen sieht aus wie das einer Grinsekatze. Abwechselnd bewachen wir Kinderwagen und rennen Nico hinterher. Tanzend läuft er im Kreis. Nach etwa 45 min setzt dann die Müdigkeit ein – bei uns wohlgemerkt, Nico könnte noch länger herumtoben…

 

Petergof*

Am nächsten Tag geht es aufs Wasser: Wir wollen mit dem Boot nach Peterhof fahren. (*Im Russischen gibt es kein “H”, daher wird es mit “G” ersetzt.)  Pünktlich legt das Boot ab und saust nur so über das Wasser.

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Peterhof

Nach etwa 40 min haben wir unser Ziel erreicht. Hier, etwa 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, befindet sich einer der bedeutesten Schloss- und Parkanlagen, die gerne als ¨Russisches Versaille¨ bezeichnet wird. Zunächst nur als Landhaus und eine Art Rastplatz auf dem Weg zur Festung Kronstadt geplant, baute der Zar Peter der I. hier eine Residenz. Diese wurde in den folgenden Jahrzehnten noch weiter ausgebaut.

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Ausmaß der Zerstörung und Wiederaufbau

Genauso wie im restlichen St. Petersburg gestalteten auch hier internationale Baumeister und Gartenbaumeister Park und Gebäudekomplexe. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Areal von der Wehrmacht besetzt und die wertvollen Gegenstände geplündert. Die Gebäude selber nahmen im Zuge der Kämpfe schweren Schaden, doch schon direkt nach Kriegsende begannen bereits die Wiederaufbaumassnahmen.

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Die “Große Kaskade”

Heutzutage kann sich der Besucher wieder an diesem wunderschönen Ort erfreuen: Grandiose Architektur, viel Gold und herrliche Parkanlagen, in denen zahlreiche Springbrunnen den Besucher erfrischen. Diese kommen übrigens seit jeher ohne Pumpen aus (also die Springbrunnen), da Druck und Wasser aus höheren Lagen genutzt wird.

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Unbeschreiblich…

 

Nico rennnt durch die Gegend, wir geniessen ein herrliches Wetter. Nach meheren Stunden machen wir uns wieder auf den Weg zum Steg, um das Boot zurück in die Stadt zu nehmen. Anschliessend bummeln wir auf dem Weg zu einem Lokal für das Abendessen noch durch die Stadt. Heute ist das WM-Spiel Schweden gegen Schweiz. Plötzlich stehen wir inmitten jubelnder und gröhlender Fussballfans beider Mannschaften, die sich in den Armen liegen und amusiert die Strassen bevölkern. Eine interessante Athmosphäre.

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Tritonfontäne

 

Es geht den Nevskij-Prospekt rauf und runter, entlang zahlreicher Nobelboutiken und auch kleinerer Shops. Der Verkehr stockt, Luxuskarossen schieben sich langsam vorwärts. Diese Prachtstrasse, benannt nach Alexander Nevsky, strotzt vor imposanten Bauten.

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Am Nevskij-Prospekt, links das Singerhaus

Unter anderm finden sich hier eine historische Shopping Mall aus dem 18.Jh. (Gostiny Dvor), Statuten, das Singer-Haus, der von Rastrelli erbaute Stroganov Palast, ein halbes Dutzend Kirchen aus dem 17. Jh und vieles andere mehr. Es soll an die Champs-Elisee erinnernt, was es auch tut. Auch Prominente der damaligen Zeit verweilten gerne hier, so z.B. Alexander Puschkin, aber auch Dostoyevski, der einen Teil seiner Werke hier spielen liess.
Irgendwann sind wir durch. Wir sind fertig. Also geht es langsam Richtung Hotel.

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Nicht umsonst als “Venedig des Nordens” bezeichnet

 

Immer munter rauf und runter

Am nächsten Tag hat es sich das Wetter anders überlegt. Es regnet. Und wir müssen auschecken. Heute Abend soll es mit dem Zug vom Ladoshkij Woksal am anderen Ende der Stadt Richtung Osten, nach Kirov gehen. Zuvor wollen wir uns aber noch mit Julia, einer alten Freundin von Olga treffen. Sie hat inzwischen drei Kinder und wohnt mit dem Mann in der 5 Millionen-Metropole.

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Prachtvolle Gebäude soweit das Auge reicht

Wir nehmen ein Taxi bis zum Bahnof. Wir wollen zunächst am Vormittag das sperrige Gepäck dort verstauen und uns dann mit Julia treffen. Ohne Koffer geht es zur Metro. Eigentlich graut mir bereits davor, da mir die Moskauer Metro noch sehr gut in Erinnerung geblieben ist: lange Rolltreppen, die in die Tiefe führen, wahnsinnig viele Menschen, Gedränge und Gerempel bei Ein- und Ausstieg, aber auch eine unschlagbare Effektivität und Geschwindigkeit. Den Koffer haben wir abgegeben, jetzt bleibt uns noch der Kinderwagen und Rucksäcke. Wir rollen auf die erste Treppe zu, die uns in die Tiefe führt. Menschen strömen an uns vorbei.

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Härtetest für Mensch und Material

Zusammen tragen wir Nico im Kinderwagen nach unten. Er findet das alles sehr amüsant, bestaunt aus seiner ¨Sänfte¨ die Vorgänge und unsere Schufterei, zuweilen gibt er noch unverständliche Anweisungen. Aha, na super… An der nächsten Treppe gibt es zwei Eisenstangen, die eine Art Rampe für Kinderwagen darstellt. Leider ist unser etwas zu schmal, so dass die Räderchen mal etwas verbogen sind, mal auf der Kante nach unten geschoben werden. Mein Bruder hat sich den Wagen bei Rückgabe glücklicherweise nicht so genau angeschaut (ach Quatsch, war nen Spass, Digger!).
Dann geht es weiter durch endlose Gänge bis wir zu den Rolltreppen gelangen. Um es mal vorweg zu nehmen: die Rolltreppen in Deutschland sind geschwindigkeitstechnisch ¨geriatrische Rolltreppen¨. Hier laufen sie wirklich schnell, sodass man beim Betreten sehr aufpassen muss.
Aber schnell müssen sie auch sein, ansonsten würde man nie ankommen: die U-Bahnschächte liegen in unvorstellbarer Tiefe. Mehere Minuten (!) rollt die Treppe steil (also wirklich steil!) in die Tiefe. Man kann zunächst nicht das Ende sehen. Um die Menschenmassen zu bewältigen laufen gleich mehere parallel, weiter drüben auf der anderen Seite gehts nach oben. Nico sitzt auf meinem Arm und jubelt.

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Kontrollposten

Er findet das alles toll und zupft mir vor Begeisterung an den Haaren, während ich mich mit der anderen Hand festhalte.
Es geht immer weiter nach unten, fast schon unheimlich. Aufgrund der ursprünglichen sumpfigen Gegend musste die Petersburger Metro sehr tief verlegt werden: durchschnittich liegt das Streckennetz 50-75 m unter der Erdoberfläche, die Tiefe der tiefstgelegendsten Station, der Admiraliteyskaya wird je nach Quelle mal mit 86 m, mal mit 102 m unter Null angegeben. “Da musste erst mal hinkommen” – deswegen also die Rolltreppen.

 

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Nico müde in der Metro – mit Papa-Mütze

Eigentlich ein idealer Schutz vor Bomben im Krieg, jedoch wurde die Metro hier im Gegensatz zu der in Moskau erst 1955 in Betrieb genommen. Gemeinsam haben beide Tunnelbahnen jedoch die reiche Ausschmückung der Bahnhöfe und die kilometerlangen Gänge, die Rolltreppen und die scheinbare Unpassierbarkeit für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen. Zumindest in der Hauptverkehrszeit wird es zur Qual.
Wir haben es aber schliesslich doch geschafft, Julia und eines der drei Kinder zu treffen. Wir spazieren durch den strömenden Regen. Nico und die kleine Victoria beäugen sich zunächst vorsichtig, nehmen dann aber doch etwas Kontakt auf. Wir laufen zur Haseninsel am gegenüberliegendem Newa-Ufer. Hier liegt der historische Kern der Stadt: die Peter-und-Paul-Festung, eine sternförmige Anlage aus dem 18. Jahrhundert. Zunächst militärische Anlage im Krieg gegen die Schweden, so was sie später unter anderem Gefängnis und Hinrichtungsort des Zaren, wie auch der Kommunisten.  Hier wurden auch prominente Personen gefangen gehalten, so beispielsweise Dostojewski, Maxim Gorki und Lenins Bruder Alexander.

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Auf der Peter-und-Paul-Festung

Heutzutage befinden sich hier einige Museen. Trotz Regenwetters entladen grosse Reisebusse immer wieder Menschenmengen. Wir strömen gemeinsam in den Innenhof. Hier finden sich Tafeln, die an die Schlacht von Stalingrad erinnern, auf einer das Foto des kapitulierenden Generalfeldmarschalls Paulus. Der Zusammenhang ist mir momentan nicht ganz klar. Stalingrad, das heutige Wolgograd, ist fast 1700 km weit weg. Das einzige, was diese beiden Städte verbindet sind das blutige Schicksal während des Zweiten Weltkriegs und die ehemalige Namensgebung zu Sowjetzeiten: Aus Stalingrad wurde später Wolgograd und aus Leningrad wieder St. Petersburg.

“Süsse Erde”

Eigentlich hatte ich eher eine Dokumentation über die Zeit der Belagerung, die fast 900 Tage dauerte (Sept. 1941 – Jan. 1944), erwartet. Während die deutschen Truppen zunächst die Nordwestfront der Roten Armee zurückdrängen konnte, gerieten sie aber bald ins Stocken. Nach vollständiger Umzingelung auf den Uferseiten blieb lediglich einzig der Ladogasee als Versorgungsroute für die eingeschlossene Bevölkerung. Die deutschen Angriffe verlagerten sich auf Bombaredements und Artilleriebeschuss, wobei auch gezielt Lebensmittellager beschossen wurden.

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Paulus kapituliert in Stalingrad

Die Folge war eine Hungerkatastrophe ungeheuren Ausmasses. Auf dem Schwarzmarkt wurde Erde, in die geschmolzener Zucker gelaufen war, als ¨süsse Erde¨ zu horrenden Preisen verkauft. SS-Sicherheitsdienstchef Heydrich bekräftigte in einem Schreiben an Hitler höchstpersönlich die “Auslöschung¨ der Stadt als Ziel. Die Menschen begannen alles, was organisch war, zu essen: Leder wurde ausgekocht, Klebstoffe, Schmierfett und Tapetenkleister verzehrt, Ratten und Krähen gegessen. Bald kamen Fälle von Kannibalismus hinzu (Februar 1942 waren es über 1000 Fälle). Da die Menschen zu entkräftet waren, um die Toten zu den Friedhöfen zu transportieren, lebten sie mit den Leichnamen weiter in den Häusern. Täglich schwärmten Brigaden von meist jungen Frauen aus, um nach Waisenkindern in den Wohnungen zu suchen. Trotz der Zerstörung versuchten die Bewohner das Leben weiterzuführen. Kinder besuchten so gut wie möglich die Schule, Studenten die Universität und es wurden kulturelle Veranstaltungen organisiert.

Einzige Versorgungsmöglichkeit stellte die Route über den Ladogasee dar, der im Winter für Lastwagen befahrbar war. Natürlich war der Weg gefährlich Tausende starben bei der Flucht und die Versorgung reichte selbstverständlich nicht aus. Insgesamt kamen rund 1,1 Millionen Menschen (Zivilisten!) ums Leben. Wikipedia (engl.) gibt 642.000 Tote durch die Belagerung an, 400.000 bei Evakuierungsmassnahmen. An Truppen standen auf russischer Seite 900.000 Soldaten etwa 700.000 deutschen, finnischen und spanischen Soldaten gegenüber.

Волково кладбище

Tote werden begraben, 1. Oktober 1942 – Quelle: RIA Novosti archive, image #216 / Boris Kudoyarov / CC-BY-SA 3.0, RIAN archive 216 The Volkovo cemetery, CC BY-SA 3.0

Über die Opfer der Wehrmacht und der assoziierten Truppen aus anderen Ländern gibt die englische Seite knapp 580.000 Fälle an, die deutschsprachige Seite kennt hingegen keine Angaben. Sie gibt aber Informationen über die grobe Tötungsursache: 16.470 tote Zivilisten durch Beschuss oder Bomben, aber etwa 1 Million durch Hunger!

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Weiteres Kriegsgerät, Artilleriemuseum

Nicht nur anhand der Geschichte dieser Stadt im WWII kann man den Vernichtungskrieg etwas begreifen. Wohlgemerkt hat jeder Krieg etwas Vernichtendes, baut ja geradezu auf Vernichtung auf. Wer, wen, warum und wann sind die Kriterien, die uns bei der Bewertung beeinflussen. Gott sei Dank haben wir jüngere Generationen keine eigenen Erfahrungen machen müssen!

Das Wetter ist schlecht, wir laufen etwas herum und nachdem die Kleinen auch langsam nass sind, beschliessen wir das Treffen in einem Restaurant ausklingen zu lassen.
Julia begleitet uns anschliessend noch zum Bahnhof. Hier verabschieden wir uns von ihr und der kleinen Victoria und auch von dieser herrlich interessanten Stadt, die uns wirklich in ihren Bann gezogen hat.
Die ¨Weissen Nächte¨ haben wir leider ebensowenig erlebt, wie das Heraufziehen der Brücken, die es den Schiffen ermöglicht, in die Stadt zu gelangen und wieder aus ihr heraus. Aber mit einem kleinen Nico werden eh die Nächte mehr zum Tag gemacht, als man erwarten könnte – zumindest, wenn es sich nicht um das heimische Bettchen handelt.

Go East!

Nach einer “hochwichtigen” Fahrkartenkontrolle besteigen wir den Zug nach Kirov. Über 1200 km und etwas mehr als 21 Stunden sind es bis dorthin. Wir werden also etwas Zeit verbringen an Bord des Zuges. Mal sehen, wie es mit Nico wird. Glücklicherweise müssen wir nicht über Moskau fahren, sondern die Strecke ist eine der wenigen direkten Ost-West-Verbindungen.

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St.Petersburg – Jekaterinenburg


Es geht los ab dem Ladoshky Woksal (Ladoga Bahnhof im Osten). Schier endlos sucht sich der Zug seinen Weg durch die Aussenbezirke. Hässliche Industrieanlagen, dann fahren wir ein letztes Mal über die Newa und bald geht es nur noch durch endlose Landschaft.
Die Schaffnerin kommt herein, kontrolliert noch einmal die Fahrkarten und überreicht Nico ein kleines Rucksäckchen mit Malsachen, Puzzle usw. Ganz so wie im Flugzeug. Nico freut sich und fängt gleich an alles auseinander zu nehmen. Der Zug ist sehr bequem. Alles ist sauber, ruhig, aufgeräumt. Über der Tür ein Fernseher, die Fernbedienung liegt auf dem Tisch. Dann kommt auch schon das Abendessen. Wir können zwischen zwei Gerichten wählen. Das Essen ist übrigens im Preis inbegriffen und lecker. Nico stiefelt noch durch den Waggon und dann beginnt die kräfteraubende Zeremonie das kleine Drachenbaby schlafen zu legen. Es fällt ihm schwer. Er ist zwar hundemüde, aber so viele Eindrücke, die Menschen und dann auch noch der fahrende Zug, das ist schon nicht so leicht für so einen kleinen Mann. Irgendwann hat er es aber geschafft und Olga und ich können auch endlich mal entspannen.
Ich schlafe schlecht, Olga auch. Nur Nico pennt recht gut – bei Mama.

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Waffen während der WM verboten?

Deswegen hat Olga keinen Platz und eben auch keinen Schlaf. Nach dem Frühstück geht es den Waggon rauf und runter. Zusammen wird aus dem Fenster geguckt und die russische Weite bestaunt. Wir sind zwar noch in Westrussland und damit im eher dicht besiedelten Teil des grössten Landes der Erde, aber es fühlt sich leer an. Dann und wann mal ein Dorf, ein Gehöft, wenige Städte. Dann wieder lange nichts. Zum Mittagessen geht es in den Speisewagen. Hier ist nichts los, wir sind die einzigen Gäste. Vielleicht sind wir etwas früh, vielleicht sind es aber auch die Preise. Für uns ist es gut erschwinglich und sogleich kommt der Küchenchef und Kellner herbeigeeilt und hört gar nicht mehr auf zu reden. Er hat Gesprächsbedarf, anscheindend ist es immer so leer hier. Entweder weil er so viel redet, oder er redet weil es immer so leer ist.

Aber im Ernst: Er ist sehr nett, macht Scherze und serviert uns ein köstliches Essen. Eigentlich sei er Arzt, Infektiologe, aber von dem Geld konnte er nicht leben, deshalb arbeite er hier bei der Bahn. Seit 15 Jahren schon und es gefalle ihm gut, er bekomme gut Geld.
Dann am Nachmittag kommen wir in Kirov an. Der Zug selbst wird noch weiter nach Jekaterinenburg in Sibirien fahren. Auf dem Bahnsteig wartet Olgas Mama, Maxim und Nastja. Endlich angekommen. Nico gluckst vor Freude.

(K)ein Urlaub

Dass es kein Entspannungsurlaub werden würde, war uns vorher klar, aber dass es so anstrengend würde, das hatten wir uns auch nicht gedacht. Im Garten gibt es viel zu tun. Etwa 30 min von der Wohnung weg, liegt er 1-2 km abseits der Hauptstrasse.

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Typisch Russland: alles findet Verwendung

Wir wollen Olgas Mama helfen, den Garten zu ordnen, Unkraut zu jäten usw. Der zugewachsene Garten macht es meinem unbeholfenen Stadtauge schwer, die angebauten Pflanzen vom Unkraut zu unterscheiden. Erdbeeren erkenne ich jedoch noch.
Nachdem wir angefangen haben den Wildbewuchs zu “roden”, offenbart sicht und eine richtige ökologische Katastrophe: hier liegen Plastik neben Metallteilen, dann verrostete Fässer mit unbekanntem Inhalt, Teermatten oder Bitumen und alte Plastikflaschen mit Öl oder sonst irgendetwas. Teilweise sind diese Stoffe bereits fest mit dem Boden und den Pflanzen verbacken. All diese Abfälle und Schrott stammen noch vom Vorbesitzer. Alles wurde in die Landschaft und eben auch in die Gärten gekippt. Olgas Mama konnte das mit ihren 1,50 m nicht berwerkstelligen. Warum hat sie den Garten dann nicht verkauft? Oder eben ein anderes Grundstück? Der Blick in die Nachbargärten verrät: es sieht ürberall so aus. Zudem wird gesammelt, was man gerade hat.  Wieso? Nun, für die meisten Russen ist der Garten die “letzte Verteidigungslinie”. In den 90er Jahren hat Olga gelernt, was es heisst zu hungern, tagelang mit leerem Magen ins Bett zu gehen. Das ist für mich in unserer heutigen Zeit unvorstellbar! Viele Russen konnten diese Zeit nur überleben, weil die einen Garten hatten und alles anbauten, was ging. Und der ganze Unrat? Naja, was man hat, das hat man. Eine Logik der Mangelsituation, die wir gar nicht mehr kennen. Doch mal im Ernst: bei uns wird alles, was nicht mehr glänzt gleich weggeworfen. Ist das besser?

Wenn der Urlaub so schön ist, dass man auf die Heimreise wartet…

Wir arbeiten so gut wie wir können. Immer wieder werden wir von heftigen Schauern und Gewittern unterbrochen. Dann kommt wieder die Sonne raus und heizt die Luft auf 29 Grad auf. Dazu die unbeschreibliche Luftfeuchtigkeit. Es ist Wahnsinn! Eigentlich wie in Indien, nur dass wie hier sehr viel weiter nördlich sind, etwa auf der Höhe von Stockholm!
Als wir zurück zur Wohnung kommen, wartet schon Nico auf uns. Er hat gespielt, mit Oma und Uroma getanzt. Momentan ist er manchmal gereizt und widerspenstig. Es hat eine Trotzphase begonnen. Noch schlimmer ist das Schlafengehen, eine Tortur für alle.
Das “Maloche” geht so mehere Tage lang. Wir sind fertig. Körperlich wie emotional. Wir warten auf die Heimfahrt.
Immerhin haben wir trotzdem noch etwas Spass und Freude, wirklich! Wir unternehmen viel mit Olgas Mama und dem Rest der Familie. Olgas Oma kann den Urenkel endlich mal richtig in den Arm nehmen. Die beiden verstehen sich prächtig.

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Destillen: “Männliches Hobby” steht auf dem Schild


An einem Abend fahren wir zu Igor und Maxim. Die Mama von Max hat sich gerade den Arm gebrochen und wurde operiert. Igor stellt uns stolz seine neue Destille vor: ein Topf mit Druck und Temperaturanzeige, von seinem Kumpel Sascha mit einem Auspuff zusammengeschweisst, dazu Rohre, Chemieflaschen. Hier wird Schnaps gebrannt! Seit Kurzem ist das ganz legal in Russland. Es gibt sogar eigens spezialisierte Geschäfte.

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Z.T. selbstgebaut mit Auspuff

Igor ist inzwischen bekannt in dieser 400.00 Einwohnerstadt. Die Leute kennen seinen Schnaps, er ist beliebt – noch sei keiner erblindet, scherzt Olga. Es macht ihm sichtlich Spass  und stolz zeigt er den Saft, der sicherlich alle Mikroben vernichten könnte. Er hat nur das Druckgefäß (oder was es auch immer sein soll) gekauft, der Rest ist zusammengeschustert und mit dem Auspuff gibt es eine ganz besondere Note…

Noch ein paar Tage und es geht wieder heimwärts. Diese Besuche in Olgas alter Heimat sind kein Zuckerschlecken und das kennt sicherlich jeder, der Heimatbesuche machen muss, weil er woanders lebt. Aber es ist wichtig.

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Geschafft!

Zurück geht es über Moskau. Dieses Mal haben wir ein ganzes Abteil alleine und die Fahrt ist auch nicht so lang. Dieses Mal schläft Nico bei mir. Wieder kein Schlaf. Naja. Der Zug ist wieder sehr sauber, selbst die Toiletten laden zum Verweilen ein. Mindestens einmal geht während der Fahrt die Fahrkartendame mir dem Staubsauger durch den Wagon und reinigt die Toilette. Da kann die Deutsche Bahn noch einiges lernen…

Am Vormittag kommen wir in der russischen Hauptstadt an. Hier entschliessen wir uns wegen des Verkehrs, abermals die Metro zu nehmen. Die richtige Entscheidung. Auch mit dem grossen Koffer klappt es auf den Rolltreppen gut und Nico erfreut sich wieder an der ¨wilden Fahrt¨.

Recht schnell sind wir am Flughafen und ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus: aufgerüstet haben sie hier für die WM. Nicht nur, dass man an Automaten T-Shirts, Kaviar und Kontaktlinsen kaufen kann, sondern auch eine “Boutique” der Firma “Kalashnikow” gibt es hier…ggg

Der Rückflug wird von Aeroflot durchgeführt. Der Flug ist ruhig, das Essen üppiger als bei der billigeren Tochter-Airline. Und schon sind wir wieder in Deutschland…

Insgesamt war es natürlich kein Urlaub im eigentlichen Sinne, aber ein wichtiger Besuch bei der Familie. Allerdings waren die Tage in St. Petersburg wirklich wunderbar. Jetzt werde ich mich erst einmal auf der Arbeit vom Urlaub erholen…

 

P.S.: Demnächst folgen  noch mehr Fotos!

 

 

Joa, seid’s denn närrisch???

Nach laengerer Pause melde ich mich zurueck. Nicht etwa, dass ich die ganze Zeit Urlaub gehabt hätte (schön wär’s), aber mir hat schlichtweg die Zeit gefehlt. Der Sommer ist vorbei, der sogenannte “Urlaub” auch und ganz langsam nähern wir uns dem beschaulichen, “nach Harmonie lechzenden Jahresende” mit dem “Fest der Liebe”… Oje, wie schmalzig das klingt, aber immerhin kann man schon Weihnachtsgebäck bekommen, was ich für Anfang September schon abartig halte. Und nach Harmonie sieht es leider überhaupt nicht aus in diesem Lande.

Die Menschen sind zerstrittener denn je bzw. die Gesellschaft zeigt Risse, genauso wie Europa. Amerika spinnt eh und der Rest der Welt wirkt auch nicht ruhiger. Stimmt das so, oder sind das nur die dramatisierenden Eindrücke durch die Presse, die uns 24/7 nur mit Negativmeldungen zu überfluten schein?

Zumindest in Deutschland geht das politische und gesellschaftliche Chaos in eine neue Runde. Seit Wochen beschäftigt uns bereits das Thema des Chefs des Verfassungsschutzes und Rumgeeiere eigentlich aller Parteien. Die Demokratie wird auf eine harte Probe gestellt, ebenso wie das gemeine Volk, das sich jetzt nicht mehr blind auf die Politik verlassen kann. Was ist da los? Was erzürnt uns so? Nun, ich kann hauptsächlich nur für mich selber sprechen, auch wenn ich denke, dass der ein oder andere meine Gedanken teilen wird.

Da gibt es Vorkommnisse in deutschen Städten, die mich irgendwie leicht an die Situation in Rostock 1993 erinnern: aufgebrachte Menschen jagen in einem Video andere. Dann wird spekuliert, ob es eine Hetzjagd sei und ein Verfassungsschutzchef stellt dies in Frage. Die Reaktionen kommen wie vorprogrammiert, es wird gelärmt und protestiert, die Entlassung gefordert.

Nun, zunächst einmal hat zweierlei Gewalt stattgefunden: gegen einen Deutschen und gegen Ausländer bzw. solche, die so aussehen. Beides ist inakzeptabel. Punkt. Aus. Ende. Dass man sich dann um die Begrifflichkeiten streitet ist wirklich grotesk, und ob das Video wirklich echt sei, das ändert nichts an der Wirkung, wenn es erst einmal ausgestrahlt ist!

Dass von Teilen der Migranten Gewalt ausgeht kann man natürlich nicht schönreden und mit schlechter Kindheit begründen. Auch ein erittenes schweres Trauma kann nicht als Rechtfertigung dienen, höchstens als Erklärung für manche Denkmuster, die zu Gewalt führen. Auch hat jemand -meiner Meinung nach- seine Chance auf Aufenthalt verspielt, wenn er Gewalt ausübt, oder kriminell in Erscheinung tritt. Das hat nichts mit dem regelmäßig reflexartig vorgeworfenen Rassismus, sondern mit Fairness denjenigen Migranten zu tun, die sich korrekt verhalten und bemühen – und eben auch uns Deutschen gegenüber.

Genauso verachtenswert sind Übergriffe auf Migranten. Das ist ganz klar und bedarf keiner Diskussion. Gewalt jeglicher Form, egal woher und gegen wen und was ist immer abzulehnen. Punkt.

Braunes Sumpfland Ostdeutschland?

Wenn in Deutschland tausende von Menschen gegen Rechts und für unsere Werte demonstrieren, dann ist das gut und wichtig. Dabei sollte nicht der Fehler gemacht werden, dem In- und Ausland den Eindruck zu vermitteln, dass der Osten einzig ein braunes Sumpfland ist!

In der ZDF-WOCHENSHOW, die ich wegen der Rundumschläge schätze (jeder kriegt etwas ab, auch wenn ich nicht Mit allem übereinstimme) tingelte die Schweizerin Hazel Brugger als “Journalistin” in die Ostprovinz und interviewte wenige Demonstranten auf Pegida-Seite. In die Kamera sprach sie dabei mit einem herrlich schweizer Dialekt zu einem fiktiven schweizer Publikum, das sich die Frage stellt, wie unsicher es für schweizer Touristen hier wohl sein möge. Auch wenn anders beabsichtigt, so konnte der aufmerksame Zuschauer deutlich sehen, dass bei weitem nicht jeder rechtsgerichtet ist, der dort anzutreffen war, sondern dass sich abgehängte, frustrierte und alleingelassene Menschen vor der Kamera äußerten. Auch wenn sich hier keiner als Rechter oder gar als Nazi sieht, müssen sie sich den Vorwurf des “Rechts-Sein” gefallen lassen, da sie sich ja auf einer rechtsgerichtet Demonstration befinden. Sie hätten ja auch eine alternative Demonstration organisieren können, oder?

Sind wir die Guten?

Doch mal anders herum: Sind wir, die Toleranten und Offenen dieser Welt und dieses Landes wirklich allseits fair?

Ich würde mir wünschen, dass die “Zivilgesellschaft” weniger selektiv auf Gewalt, Ausgrenzung usw. reagieren und ihre selbst gesteckten Werte wirklich jedem gewähren würde. Denn auch hier gibt es Ausgrenzung von Menschen anderer Meinung! Hätten die o.g. frustrierten Pegida-“Mitläufer” wirklich eine alternative Demonstration abgehalten mit Distanz zu rechtsradikalen Strukturen, so darf man vermuten, das man ihnen eben dies trotzdem unterstellt hätte. Man hätte sie also trotzdem in die rechte Ecke geschoben.

Die Forderung z.B. kriminelle Migranten abzuschieben ist per se nicht rechtsradikal oder menschenverachtend – erst der geistige Überbau und entsprechende Forderungen bzw. Handlungen (Hetzjagden) sind es.

Das bedeutet, dass sich auch die sich als liberal und tolerante Gesellschaft Kritik gefallen lassen muss.

Interessant ist hierbei auch der öffentlich sprachliche Wandel. Während es früher verpönt und scheinbar unmoralisch war, von “Kriminellen Ausländern” zu berichten (so übrigens auch in der Schule!), so wurde plötzlich -vielleicht weil man die Wut der Bevölkerung bemerkte- z.B. über die Übergriffe von Migranten auf Frauen in Köln in der Sylvesternacht 2016 (?)berichtet. Der radikal offene Stil zu berichten hat sicherlich nicht zur Beruhigung der Lage beigetragen.

Ein anderes Beispiel für noch verbeserungswürdige Werteverteidigung: Ich kann mich nicht an Großdemonstrationen erinnern, die sich gegen die Zerstörung durch 1.Mai-Krawalle richteten. Diese hatten manchmal Strassenkämpfen geähnelt.

Diskriminierung mal anders: Fremd im eigenen Land

Ich selbst wurde in der Grundschule (!) wegen meiner Ostberliner Herkunft gemobbt, sogar zu körperlichen Auseinandersetzungen kam: vom Bedrohen durch Mehrere, Anspucken und Tritte. Die Täter waren dabei sowohl Deutsche, wie auch Schüler mit Migrationshintergund. Ist so etwas nicht genauso verachtenswert, wie rechtsmotivierte Gewalt?

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wegen seiner Herkunft diskriminiert zu werden.

Diskutieren und kritisieren darf und muß man sogar. Die Welle, auf der Nationalisten und Rechte reiten, ist zu gewissem Umfang das Resultat arroganter und ignorante Politik fast aller großer Parteien in Deutschland! Keine dieser Parteien hat in den letzten 40 Jahren sich mehr als nur um sich selbst gekümmert. Zumindest ist das das Gefühl der Menschen.

Diejenigen, die jetzt vorgeben z.B. als bayrische Kreuzritter das Abendland so heroisch zu verteidigen, saßen auch vor Jahrzehnten in den Regierungen, die Gastarbeiter nach Deutschland einluden, sich aber keine Gedanken darum gemacht haben, was mit der zweiten und dritten Generation wird.

Ein Hartzer ist kein Käse

Genausowenig konstruktiv haben sich die kleineren Parteien verhalten. Unter dem “Deckmantel der Toleranz” hat auch das linke Spektrum der Politik sich nie wirklich für die Menschen interessiert, weder für die Migranten, noch für sozial und wirtschaftlich benachteiligte Einheimische. Ignoranz und Arroganz aller Akteure. Das Resultat sind jahrzehntelange Hinterhofmoscheen, ältere Damen, die ohne jegliche Deutschkenntnisse seit 30-40 Jahren in Deutschland leben, Jugendliche, die weder richtig Deutsch noch Türkisch sprechen können und direkt nach der Schule “Hartzer” werden (Hartz IV). Sie haben weder in Deutschland noch in der Türkei noch auf dem Mond eine Chance. Einige von ihnen machen eine kriminelle Karriere durch.

Hierzu gab es erst diesen Samstag einen interessanten Beitrag im Deutschlandfunk

Hier gehts zum Link: www.dlf.de Kriminalität in Berlin – Die Macht der Clans

Beschrieben wurde u.a., wie in den 80er Jahren geflüchtet libanesische Großfamilie zunächst weder arbeiten durften, die Kinder nicht schulpflichtig waren (wie geht das eigentlich?) und vor allem auf sie Clanstrukturen angewiesen waren, um zu überleben. Die Folge war die kriminelle Parallelgesellschaft. Aber daran störte sich anscheinend kein Politiker, oder etwa doch?

Ein Pendant auf deutscher Seite: Menschen in sozialen Randgruppen, die nichts oder kaum etwas vom Wirtschaftswachstum abbekommen. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob die Situation selbst verschuldet ist oder nicht. Auch das sind “Abgehängte”. Auch das ist eine Parallelgesellschaft

Das Gefühl, das diese Menschen haben, zählt an der Wahlurne.

Allerdings wurde auch in den Jahren vor der Flüchtlingskrise eine Verrohung der Gesellschaft diskutiert und Problemviertel und z.T. “No-go-Areas” wurden auch schon früher beschrieben. Umso unverständlicher dann, dass jetzt mit Straftätern, “Gefährdern” und “Intensivtätern” so falsch-nachsichtig weiter umgegangen wird wie bisher – oder ist das dann das Konsequente der Politik?

Fordern, Fördern, Richtlinien vorgeben. Dafür gab es jahrzehntelang viel Zeit. Genutzt wurde sie nicht, oder kaum.

Wir mit unseren freiheitlichen Werten, die ja mit Akzeptanz und dem selbstverständlichen Recht auf Unversehrtheit einhergehen, büßen gewaltig an Glaubwürdigkeit ein , wenn wir Gewalt egal welcher Form zulassen. Genauer gesagt: wir lassen es de facto zu, indem Vergehen nicht adäquat geahndet werden.

Gewaltvoyeurismus – oder: die Pornographie der Gewalt

Auch präventiv wird zu viel “digitalisiert” (Kameras), zuviel protokolliert, statt wirkliche Präsenz zu zeigen und zu handeln. Es ist wie eine Form der unterlassenen Hilfeleistung: der Staat guckt lieber zu. Die Täter können sich dann noch über mediale Aufmerksamkeit freuen, wenn ihre Schandtat im Netz oder im Fernsehen ausgestrahlt werden.

Die Gültigkeit unserer Werte und Gesetzte erlischt damit teilweise oder vollständig und wird zur Farce – zumindest gefühlt vom Opfer. Wenn Menschen schwere Verletzungen erleiden, die Täter dann aber nur zu Bewährungsstrafen oder Sozialstunden verurteilt werden, dann hebelt das ganz gewaltig unsere Werte aus!

Als ich zur Schule ging, war es üblich, dass die Polizei Jugendliche, die nach 22 Uhr draußen angetroffen wurden, einsammelte und die Eltern ermahnte. Heutzutage gibt es das nicht mehr, oder?

Viel zu oft wird mit der Sorge vor dem Polizeistaat und der deutschen Vergangenheit argumentiert. Dass diese Gedanken grundsätzlich nicht falsch sind, versteht sich. Nichtstun ist ebenso gefährlich. Gepaart mit dem Einsparungswahn der 90er und 2000er Jahre ist daraus ein -wenn auch zugegeben kleines- Machtvakuum entstanden.

Hatte man gehofft, dass sich der Mensch selbst zügelt?

Wenn man der Mehrheit von uns beim Essen zusieht, dann glaube ich nicht recht daran.

Und die Maßlosigkeit beim Essen findet ach so oft ein Pendant in anderen Lebensbereichen. Zumal bei solchen Zeitgenossen, die das Gespür für Respekt, Friedfertigkeit und Gerechtigkeit verloren haben.

Sollte man erwarten, dass die Autofahrer brav am Stoppschild halten, auch wenn kein Polizist danebensteht? Wir sind doch im geordneten Deutschland, möchte man meinen…

Der Hofstaat rebelliert

Zurück zum Fall Maaßen: reflexmässig wird immer lauthals nach Rücktritt von der jeweiligen Opposition gerufen, ganz egal wer gerade regiert und was eigentlich vorgefallen ist. Glauben die wirklich selber, das sich durch den Fall eines Behördenchefs oder eines Ministers etwas Grundlegendes ändert? Bestimmt nicht, aber man will uns weismachen, dass “man ja etwas getan hat”. Grundsatzfragen werden kaum angegangen.

Was dann anschließend geschah war bewundernswert und genial: der “Eiserne Horst” hatte es geschafft, den Spieß umzudrehen: der Verfassungsdienstchef stürzte – allerdings fiel er die Treppe nach oben. Für die “Zartstimmige Andrea”, die ja dauerheiser klingt, wäre es auch zum Jubeln gewesen, da das “Hasskind Maaßen” ja nicht mehr im Amt wäre. Und “Mutti” hätte wieder Ruhe im Laden gehabt. Dumm nur, dass das alles auffiel. Der Volksmund spricht bei solchen Vorkommnissen von Vetternwirtschaft – man verschiebt Posten, wie es die Beziehungen ergeben. Das gehört zum Spektrum der Korruption. Was für ein böses Wort! Das heißt natürlich “Kompromiss”, wie konnte ich das vergessen, ich Dummchen…

Geiz ist geil?

Doch was hat das alles zu bedeuten? Gewalt, Migration, Rechtsruck usw. sind die aktuellen Schlagworte. Wie hängt das alles mit uns zusammen?

Also, insgeheim glaube ich, dass wir in Europa nur deshalb ein angenehmes Leben führen können, weil es anderen Leuten schlecht geht. Stichwort Verteilung der Güter, knallharte Machtinteressen der (auch deutschen) Wirtschaft, die international vermutlich genauso korrupt und blutig agiert wie die Mafia in Italien oder Kolumbien aber auch unsere Gier nach Luxus. Bullig muss es sein und sofort verfügbar!

Mein laienhaftes Hirn kann das natürlich natürlich nur begrenzt erahnen, doch gewisse Bestätigung bekommt es durch z.B. einen Beitrag des Deutschlandfunks vor ein paar Wochen. Hierin wird versucht eine Antwort auf unsere Fragen zu geben. Ich kann ihn wärmstens empfehlen!

Hier gehts zum Link: www.dlf.de Leben im Überfluss – Luxus – eine verbrannte Perspektive?

Die Welt ist doch eine Scheibe – oder eine plattgedrückte Kugel

Nico und ich stehen vor einem Geschäft und gucken den vorbeifahrenden Autos hinterher. Olga ist drinnen noch beschäftigt, aber Nico war so unruhig gewesen, daß ich mich entschlossen hatte, mit ihm raus zu gehen. Die Sonne blinzelt hin und wieder einmal schüchtern zwischen den Wolken hervor. Ein Bus hält an der Haltestelle, die sich direkt vor dem Geschäft befindet und gibt einen Teil seiner Ladung frei. Ein paar wenige Leute steigen ein. Es ist Freitag Nachmittag und die Menschen wollen ins ersehnte Wochenende. Der Bus schließt seine Türen und fährt ab.

Eine alte Dame mit Kapuze und einem Beutel schleppt sich mühevoll auf ihren Stock gestützt heran. Welcher Bus das denn gerade gewesen sei, fragt sie. Ich weiß es nicht, ich hatte darauf nicht geachtet. Jetzt fahren die doch nur noch alle 30 min und es lohne sich für sie nicht die Haltestelle zu verlassen. Wenigstens regne es nicht und es sei ja glücklicherweise keiner dieser kalten Apriltage, mache ich ihr Mut und stelle mir vor, wie anstrengend das für sie vielleicht  sein mag, mit Gangunsicherheit und vielleicht Schmerzen. Ja das stimme, sagt sie und freut sich über unser kurzes Gespräch.

Nico hört dabei gespannt zu, als ob er alles verstehen würde. Dann berichtet sie über die Hitzetage der letzten Woche, wo wir 28°C hatten – und das im April! Wie das Klima sich doch ändere und die Welt und die Menschen wahrscheinlich auch. Sie verstehe das nicht, wie das in der Welt so vor sich gehe. Sie lese die Zeitung und verstehe nicht, wie es uns z.B. schon “zu gut” gehe und woanders Krieg, Elend und Hunger herrsche. Während sie spricht wirkt sie keineswegs dement, sie weiß genau wovon sie spricht und ich muß ihr Recht geben. So viele Dinge passieren und ich kann sie immer weniger nachvollziehen. Vielleicht bin ich ja langsam dement und habe jetzt eine Leidensgenossin getroffen?

Geht es Euch auch so?  Der Abgasskandal und die Art, wie damit umgegangen wird (Entschädigungen in den USA, heiße Luft für die Kunden in Europa) ist nur ein Thema, das mich erstaunen läßt. Früher hat man sich doch irgendwie etwas Mühe gegeben, die Menschen wenigstens etwas elegant über den Tisch zu ziehen, sodass sie im Glauben waren, es sei alles fair gelaufen, oder?

Doch nun zu anderen, genauso “lustigen” Themen. Dieses Mal werde ich mich allerdings kürzer fassen, ich möchte ernsten Themen nicht zu viel Raum in meinem Blog geben.

  • 1. Akt: Liebesgrüße aus Moskau
  • And the winner is…
  • 2. Akt: Ein Deja-vu rouge
  • Ein bisschen hier, ein bisschen dort…
  • Intermezzo: Der orange Agent
  • Fazit? Selbstkritik schadet nicht – Vorsicht auch nicht

 

1. Akt: Liebesgrüße aus Moskau

Da ist zum Beispiel der spektakuläre Fall Skripal in Großbrittanien. Ein ehemaliger Doppelagent, der zusammen mit seiner Tochter mithilfe eines geheimen Giftstoffes umgebracht werden soll, was jedoch misslingt. Beide überleben und ganz Europa ist entsetzt über die Tat. Sogleich wird von der britischen Regierung Russland als Täter gebranntmarkt, welches natürlich seine Unwissenheit und Unschuld beteuert. Die Rethorik schaukelt sich hoch, Diplomaten werden hin- und hergschickt. Das Ganze erinnert schon irgendwie an “Frauentausch”, Gezicke inklusive. “Nowishok” soll das Wundermittel heißen, das nicht das schlaffe Fleisch erstarren läßt, sondern uns als Ganzes. Es soll nur von der Sowjetunion produziert worden sein.

Sean Connery spielte sechs mal  007 – auch im Film “Liebesgrüße aus Moskau”, dem zweiten Bond-Film (1963)
[Mieremet, Rob / Anefo, Sean Connery 1971 (cropped), CC BY-SA 3.0 NL]

Was regt uns so auf an diesem Mordversuch? Es geht scheinbar um das Hinterhältige, Nicht-Transparente, Geheime, “das Böse”. Ein Kampf der Berichterstattungen. Es baut sich Angst auf – oder wird aktiv aufgebaut. Jemand wird vom Geheimdienst ermordet in einem westlichen, freien, demokratischen Land. Das ist in der Tat erschreckend und wenn das wirklich so ist, dann darf man das nicht akzeptieren!

Das erinnert natürlich an vergangene Zeiten und schnell spricht man von einer “Neuauflage des Kalten Krieges” oder “Kalter Krieg 2.0“. Kalter Krieg Reloaded wäre auch noch ein netter Titel für einen Aktionfilm. Dabei darf man nicht vergessen, dass auch der Westen damals (und heute) unsaubere Aktionen durchgeführt hat. Nach US-Angaben ermordeten die CIA und später auch die Navy Seals während des Vietnamkrieges gezielt rund 6500 führende kommunistische Personen mit Führungsaufgaben hinter den feindlichen Linien! Nett ist das auch nicht.  Die Briten haben ihre Spezialeinheiten für Spezialaufträge und die Franzosen haben mit ihrer Légion étrangère (Fremdenlegion) ja eine ganz besondere traditionelle Zirkustruppe, die gerne auf Reisen geht und im Geheimen auf anderen Kontinenten für die Grand Nation kämpft – und tötet. Also: Ball flach halten und insgesamt kann ja niemand an einem solchen Szenario aus den alten Zeiten Interesse haben. Warum dann dieses Rumgetue und Rumgezicke?

Natürlich bestätigen britische Labore die Zusammensetzung und es gebe schwer belastendes Material, das Russlands Schuld beweise. Diese Beweise seien aber so hart und brenzlig und geheim, dass man sie der Öffentlichkeit nicht präsentieren könne. Man müsse es einfach glauben. Aha

Selbst ein deutscher Politiker, der im Radio interviewt wurde (ich weiß leider nicht mehr, wie er heißt –  ich glaube er sprach im Deutschlandfunk), sagte mit Nachdruck, es müsse Russland gewesen sein und man müsse die britische Regierung unterstützen. Die Frage, ob er denn die Beweise kenne, die wie er meint unbedingt geheim gehalten werden müssten, beantwortet er mit “Nein” – er spricht also über etwas, das er nicht kennt – schickt sich das für einen Politiker? Ei, ei….. Die Journalistin fragt noch einmal nach, ob denn das auch wirklich logisch wäre. Er bleibt bei seiner Meinung. Noch Fragen?

 

And the winner is…

Wer sind also die Täter und Drahtzieher des Mordversuchs? Jede präsentierte Antwort sollte uns doch bitte auch mit annähernd transparenten Fakten schmackhaft gemacht werden. Dass diese dann nicht unbedingt der Wahrheit ensprechen, damit haben wir uns abgefunden. Nur: Liebe Politiker, etwas Mühe müßt Ihr Euch schon geben, ganz so minderbemittelt sind (selbst) wir noch nicht! Beweise, die wir nicht kennen, können wir nicht beurteilen und blind jemandem zu folgen… hatten wir das nicht schon mal?

Unterhaltsam ist auch die Theorie, das Gift sei in die Hände von Kriminellen geraten. Gruselig! James Bond läßt grüßen.

Der nächste Fall von zweifelhafter Seriosität ist bereits auf der internationalen Bühne präsent: Der israelische Premierminister Netanyahu legte angebliche Beweise dafür vor, dass der Iran das Atomabkommen hintergehe und heimlich weiter an der Bombe bastele. Beifall kommt natürlich aus den USA und insgesamt war es ja schon länger bekannt, dass vor allem diese beiden Akteure das Abkommen zunichte machen wollen. Laut der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA gab es aber bisher keinerlei Beweise dafür.

In jedem schlechten Krimi bringt der Verdächtige im Polizeiverhör immer den gleichen Satz: “Das müssen Sie mir glauben!”. Bin mal gespannt, wann der aus Washington kommt. Und: wie werden dieses Mal die Europäer reagieren? Und das mit dem “glauben” ist ja eh eine religiöse Sache und keine politische. Oder wie war das doch gleich mit den Massenvernichtungswaffen des Saddam H. aus Baghdad? Da wurde auch vieles geglaubt und am Ende ein noch viel größerer Schaden angerichtet. Also: “Obacht!”

 

2. Akt: Ein Déjà-vu rouge

Am Abend sehen wir wieder einmal die blonde Mähne des amerikanischen Präsidenten im Fernsehen. Mein Gott bin ich froh, dass er so weit weg ist und nur auf dem Bildschirm zappelt! Er kündigt Vergeltungsschläge für den aktuellen Giftgaseinsatz in Syrien an. Als diese dann in den nächsten Tagen durchgeführt werden, und ich den smarten französischen Präsidenten höre, glaube ich ein Deja-vu zu haben: Er spricht von einer “roten Linie”, die überschritten wurde. Äh Moment, das hatten wir doch schon einmal. Ja genau: der Friedensnobelpreisträger aus dem Weißen Haus hatte darüber schon einmal gesprochen, etwa 2012 oder 2013, als der Krieg in Syrien noch überschaubar und vor allem jung war. Wofür bekam er doch gleich den Friedensnobelpreis? Auch Obama hatte damals von den roten Linien gesprochen, die im Rahmen einer “wenn, dann aber!”-Rhetorik verdeutlicht wurden. Nun ja, das Ergebnis kennen wir ja: gebombt wurde weiter, hin und wieder mal mit Gas.

Wir empören uns höflich, stampfen vielleicht sogar mitdem Fuß auf. Davon werden die Menschen im Bombenhagel vermutlich nicht viel mehr profitieren werden, als von dem feuchten Klopapier, mit dem ich Nico den Hintern abwische – reine Spekulation versteht sich. Überhaupt: welche praktische Unterstützung haben wir den Aufständischen in Syrien damals angeboten, bevor Russland einschritt und auch danach? Und Aleppo? Unser damaliger Aussenminister Gabriel schlug mal eine Luftbrücke vor. Diese Idee verschwand schnell. Warum? Was haben wir unternommen, “der zarte Pflanze der Demokratie, unserem moralischen Exportschlager, der Freiheit dort zum Keimen zu verhelfen?”

Wir haben kommentiert, gelobt, kritisiert, geguckt. Sonst nichts. Eine reine Gaffermentalität! Und das ist beschämend für alle Gesellschaften, die sich als demokratisch bezeichnen und moralische Überlegenheit an den Tag legen – und sich anschließend darüber beschweren, daß andere Länder Fakten schaffen.

 

Intermezzo: Der orange Agent

Eine Anmerkung zu chemischen Kampfstoffen: Wie war das doch gleich mit Agent Orange? Sicher, es ist schon eine Weile her und es handelt sich nicht um Giftgas im eigentlichen Sinne, aber als Folge des massenhaften Einsatzes im Vietnamkrieg zwischen 1961-71 zur Entlaubung (Operation Ranch Hand) wurden 3 Mio Hektar Land inkl. landwirtschaftlicher Fläche besprüht. Bis zu 4 Mio Menschen litten (und leiden, sofern sie noch leben) in der Folge unter z.T. erheblichen Gesundheitsschäden. Auch bei exponierten Veteranen wurden vermehrt Leukämien, Hodgkin-Lymphome und andere Tumore verzeichnet. Übrigens: die Briten verwendeten dieses Entlaubungsmittel zuerst in Südostasien…

 

Ein bisschen hier, ein bisschen dort…

Und jetzt? Strategische Luftschläge, die am ehesten einem Ausdrücken von einzelnen Pickeln gleichkommen. Die Briten sind natürlich auch mit dabei und unser etwas schmalhalsig wirkender neuer Außenminister unterstreicht immer wieder die Unterstützung für diese Vergeltungsschläge. Fast wirkt er so, als bedauere er es, daß die Bundeswehr nicht auch “mitgespielt” hätte. Vermutlich waren wieder Triebwerke, Flügel, Scheibenwischer oder Steuerknüppel nicht einsatzbereit…

Aber noch einmal zur Rechtfertigung: Vergeltung. Wurden wir angegriffen? Wen oder was vergelten wir? Ach ja, ein Angriff auf unsere westlichen Werte -als ob andere Kulturen diese nicht hätten-  die Bevölkerung, die 40, 100 oder 500 Menschen, die durch Gas getötet wurden. Ei, ei, wie unmenschlich! Da hatten es ja die 470.000 anderen Todesopfer gleich viel besser! So viele sind nämlich neueren Schätzungen zufolge bisher in Syrien gestorben. Also über was reden wir? Menschlichkeit? Image? Moral? Verantwortung der “freien, westlichen Welt”?  Womöglich wird auch noch unsere Verantworung für die deutsche Geschichte herangezogen…

 

Fazit? Selbstkritik schadet nicht – Vorsicht auch nicht

Auch wenn wir gerechtfertigt Verbrechen anderer anklagen, so sollte man nicht nur sicher sein, dass diese auch die Täter sind, sondern wir müssen uns auch an unseren eigenen Maßstäben messen lassen. Beispielsweise mit Despoten jahrzehntelang Geschäfte machen und anschließend mit den Finger auf sie zeigen, ist ebenso wie Gaffen und Kommentieren kein Zeichen von Charakterstärke. Wohl aber das Sprechen und Handeln, das unseren eigenen Werten entspricht, jenseits von moralischer Überheblichkeit.

Für die Gesellschaft wie auch für jeden Einzelnen ist der nüchterne Umgang mit Informationen wichtig. Die Aufregung um Fehl- und Desinformation in den letzten Jahren, die Angst vor totaler Überwachung -sei sie nun real oder nicht- fordert uns alle auf, vorsichtig mit Meldungen und Bildern umzugehen…

Dahoam is dahoam – Jetzt aber mal ernsthaft!

Teil 2

Menschen wie Olga und ich sind gerne in der Welt unterwegs. Wir können daher ruhig sagen, fast überall könnte unser Zuhause werden. Das ist das Privileg desjenigen, der mit den minimal nötigen finanziellen Mitteln ausgestattet ist und jederzeit die Möglichkeit hat, sich anders zu entscheiden. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass es immer auch eine emotionale Anstrengung ist, sich an einem neuen Ort zurecht zu finden, zumal wenn es sich um ein anderes Land handelt. Ausgehend von diesen Gedanken möchte ich mich mal zur aktuellen Situation in Deutschland äußern, zu der Flüchtlingskrise und was dazu gehört.

Folgende Abschnitte erwarten Euch:

  1. Vom Äußeren kann man (manchmal) doch auf`s Innere schließen.
  2. “Ein Kessel Buntes”
  3. Flüchtlinge – Opfer? Täter?
  4. Pubertät
  5. Parallelen – mal anders vergesellschaftet
  6. Der lange Weg zur Identität
  7. “Deutsche Lei(d)tkultur”
  8. “Gehört der Islam zu Deutschland”?
  9. CDU und Islamisten sind eine Familie!
  10. Des Emirs Wunderland
  11. Palermo in Deutschland

 

1. Vom Äußeren kann man (manchmal) doch auf`s Innere schließen.

Wir waren fast 4 Jahre im Ausland und mit der Zeit bekommt eine Distanz und einen anderen Blick auf das eigene Land. Als wir letztes Jahr zurückkamen, fanden wir ein zerrissenes Land vor. Insgesamt scheint Deutschland sehr hektisch, ungeduldig und so chaotisch durchstrukturiert zu sein, dass man keinen Überblick mehr hat (v.a. die Bürokratie). In diese Hektik mischen sich starke emotionale Diskussionen, allen voran die “Flüchtlingsfrage”, und der Streit um Aussagen wie “der Islam gehört zu Deutschland”. Die Themen sind ernst, die Art und Weise, wie diese Themen diskutiert werden erschreckend. Man vermisst Ideenreichtum und Weitsichtigkeit bei der Lösung der Probleme. Bei ALLEN Parteien! Nicht nur optisch gleicht die deutsche Politikerlandschaft einem Grusekabinett…

 

2. “Ein Kessel Buntes”

Nein, ich meine hier weder die alte DDR-Unterhaltungssendung, die samstags die Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates in Wallung brachte, noch den Karneval der Kulturen alljährlich in Berlin und schon gar nicht eine zünftige Gullaschsuppe. Vielmehr meine ich das “intellektuelle Durcheinander” in der deutschen Politik, deren Akteure den Bürger verwirren. “Flüchtlinge”, “AfD”, “Nazis“, “Linke Medien”, “Wirtschaftsflüchtlinge”, “Lügenpresse”, “Islamisten”, “Der Islam gehört / gehört nicht zu Deutschland”, “Integration”, “Integrationsunvermögen”, “Steinzeitdenken”, “Mutti“, “Heilsbringer”, “Sozialschmarotzer”, “Vergwaltiger“…. das sind nur ein paar Stichworte. Die Emotionen kochen beständig mit hoher Gradzahl, möchte man meinen. Deutschland scheint sich zu polarisieren. Die einen meinen, dieses Land macht sich in großen Schritten auf den Weg in ein “4. Reich”, die anderen spüren den Zeitpunkt des “Befreiungsschlags”, dem Aufbruch in ein Zeitalter gegen die “verlogene Presse” und das “Gutmenschentum”. Endlich dürfe man wieder “die Wahrheit” sagen, man wagt es. Was ist dran an all diesem Wirrwarr?

 

3. Flüchtlinge – Opfer? Täter?

Schauen wir uns mal einen Aspekt an. “Es kommen ja nur junge Männer”, hört man viele oft sagen. Auch ich habe die Beobachtung gemacht, dass sich v.a. junge Männer aus dem Nahen und Mittleren Osten und aus Nordafrika auf den Weg zu uns gemacht zu haben scheinen. Und im Fernsehen sieht man Warteschlangen mit nur wenigen Frauen zwischen vielen Männern. Wo sind die Frauen geblieben? Wer sind diese jungen Männer, die da kommen? Alles Vergewaltiger? Messerstecher? Kriminelle? Verdeckte IS-Kämpfer, die nur darauf warten, loszuschlagen? Oder alles politisch Verfolgte? Alles Opfer von Polizei und Geheimdienst in ihren Heimatländern? Alles Demokraten? Menschen, auf die bei Rückkehr der Tod wartet?

In der Tat wissen wir doch sehr wenig über diese Menschen, die da vor allem seit 2015 zu uns gekommen sind, um nicht zu sagen: Wir wissen gar nichts! Wir können weder nachvollziehen, woher sie tatsächlich kommen, noch wie sie nach Europa wirklich gekommen sind, und erst recht nicht, was auf der Reise oder Flucht tatsächlich passiert ist. Das ist Fakt. Fakt ist aber auch, dass nicht jeder ein Verbecher ist, aber auch nicht jeder ein bloßes Opfer sein kann. Die Wahrheit kennen nur diese Menschen selber. Verbrecher gibt es überall auf der Welt. Auch wir in Deutschland haben genug davon. Allerdings ist mir kein Land bekannt, in dem die Kriminellen die absolute Mehrheit bilden. Das verbietet per se die Gesamtheit der Geflüchteten mehrheitlich als Verbrecher einzustufen. Genauso gibt es kein einziges Land auf der Erde, in dem nur zahme Schafe leben, die sich nur lieb haben und keins dem anderen ein Wollhaar auszupft. Insofern darf man schon auf respektvolle Weise die Herkunft eines Menschen hinterfragen, ohne, dass dies als Anklage oder Menschenrechtsverletzung gilt. – Keine einfache Sache.

Und warum dann vor allem Männer? Ich habe keine Ahnung. Möglich wäre, dass sie die größere Chancen haben, eine Flucht zu überleben. Auf der anderen Seite sind sie es vor allem, die zum Militärdienst und damit zum Schießen auf die eigene Bevölkerung verdammt sind – und dann natürlich zum Sterben. Also ab aufs Meer und weg? Genauso unklar sind die Wege und Mittel der Flucht. Sicher haben viele Familienangehörige Geld zusammengelegt, damit einer von ihnen flüchten kann, aber dann? Wir wissen nicht, was sie taten oder gezwungen waren zu tun, um diese Flucht überleben zu können. Haben sie Mißhandlungen erlebt oder selbst getötet, vergewaltigt? Oder beides: Opfer und Täter? Wir wissen es schlichtweg nicht. – Wiederum: keine einfache Sache!

Und jetzt? Alle abschieben, oder alle aufnehmen? Es gibt keine einfachen Antworten in solch komplexen Fragen. Jeder, der eine einfache Lösung anbietet, muß generell als unseriös gelten und das ungeachtet der politischen Couleur.

4. Pubertät

Die Art und Weise, wie diese Diskussion geführt wird, ist jedoch viel interessanter. Dieser Disput um die Frage der Flüchtlingskrise sagt mehr über uns aus, als über die Flüchtlinge. Überhaupt ist diese Krise eher eine Identitätskrise diesen Landes, die schon viel älter ist, sozusagen eine prolongierte Pubertät. Es wird mit Emotionen gespielt, mit Ängsten, Enttäuschungen, Minderwertigkeitskomplexen, die von der anderen Seite wie ein Ping-Pong-Spiel bedient und damit verstärkt werden. Konkret meine ich das an den vielen AfD-Wählern auszumachen. Sind die alle rechtsradikal? So einfach ist das nicht, auch wenn das einen die politischen Gegenspieler so erklären. Man muß sich schon etwas Mühe geben. Rein statistisch ist das nicht einleuchtend, dass alle Nazis sind. Ansonsten hätten ja schon vorher die Republikaner (gibt´s die überhaupt noch?) und die NPD im Bundestag viele Sitze erhalten müssen. Auch wenn viele der älteren Generation unter den Wählern sind, so ist nicht zwangsläufig von einer Demenz-Epidemie auszugehen, die diese Menschen in die Arme der AfD treibt. Was ist es dann? Es sind v.a. negative Emotionen: Angst z.B. Die Menschen fühlen sich bedroht, z.B. vom Islam, von “Überfremdung” usw. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob diese Angst real ist oder nicht, sie haben Angst! Die etablierten Parteien hätten hier die Möglichkeit gehabt, Bürgernähe und Verständigung am real-existierenden Bundesbürger zu üben. Aus Eitelkeit und Gewohnheit geschah und geschieht dies aber nicht. Statt dessen überläßt man dem rechten Parteienspektrum das Feld. Mehr noch: durch Verunglimpfung von Bürgern, die den Wohlstand diesen Landes aufgebaut haben (wenn auch nicht aleine), treibt man diese Menschen erst recht nach rechts. Am rechten Rand hingegen warten bereits geschulte Akteure, die die Situation gekonnt auszunutzen wissen, die Gelegenheit am Schopfe packen und die Lage weiter anheizen.

 

5. Parallelen – mal anders vergesellschaftet

Die Menschen, über die wir hier sprechen, haben Angst vor Parallelgesellschaften – und meinen damit Ausländer oder Menschen “mit Migrationshintergrund”, die sich abschotten. Dass es diese gibt ist Realität, auch wenn diese immer wieder bezweifelt wird. Sie merken dabei gar nicht, daß viele von ihnen selbst bereits in einer Parallelgesellschaft leben: nämlich in der, der “Abgehängten”: Menschen, die von der Rente nicht leben können, die arbeitslos sind, keine Perspektive haben. Diese Menschen fühlen sich abgehängt von der Entwicklung. Sie verstehen nicht, wie der “Ausbau von schnellem Internet” wichtiger sein kann, als bezahlbarer Wohnraum. Menschen, die nicht mehr Teil der “Leistungsgesellschaft” sind. Das Schlimme dabei: die Politik merkt es auch nicht, wie sie Menschen ausgrenzt, vergisst… Diese Politik ist es auch, die ihnen nun ihr scheinbar Letztes nehmen möchte: ihre Identität, indem sie das Gefühl vermittelt, dass sie nicht mehr “Herr im eigenen Hause” sind, die Selbstbestimmung der Bevölkerung. Die etablierten Parteien müssen sich also auch fragen lassen, ob das ihre Form der Toleranz, Fürsorge und Offenheit ist, die sie propagieren. Daß eine “Partei” wie der AfD keine tragfähige Lösung bietet, liegt auf der Hand, aber sie bietet Gehör und simuliert Verständnis. Rechte Parteien versuchen das Bedürfnis nach Identität zu bedienen. Das ist keine Stärke der Rechten, sondern eine fundamentale und sträfliche Schwäche der eigentlich demokratischen Parteien!

6. Der lange Weg zur Identität

Ich kann mich daran erinnern, wie es in meiner Gymnasialzeit fast schon verschrien war, eine Deutschlandfahne bei einem Fußball-Länderspiel aus dem Fenster zu hängen. Nicht, dass ich dieses gerne getan hätte, war ich doch kein so großer Fußballfan. Später mußte ich mich dann rechtfertigen, warum ich Wehrdienst und nicht Zivildienst machte und wurde schon deshalb eher leicht-rechts eingeordnet. Heute ist es dagegen einfacher, es hat sich also etwas getan im Selbstverständnis von uns Deutschen. Trotzdem haben wir Deutschen es scheinbar schwer, uns selbst zu definieren. Auf unsere Geschichte stolz zu sein ist schwierig, weil immer die NS-Zeit allgegenwärtig zu sein scheint. Dass das aber vor allem von uns selbst so wahrgenommen wird, zeigte mit ein Gespräch mit den schwedischen Kollegen oder auch Bekanntschaften unterschiedlicher Herkunft, die ich in einem Hostel in Mumbai kennengelernt hatte. Sie verstanden nicht so richtig, warum wir uns so sehr mit einer schandhaften Episode unserer Landesgeschichte identifizieren.

Zur Identitätsfindung gehört auch eine ehrliche Diskussion bzgl. der Frage, ob wir überhaupt weitergehend ein Einwanderungsland sein möchten. Die Diskussion um diese Frage wurde schlichtweg übersprungen. Wenn ja, dann sollte man auch ehrlich diskutieren, wie dies aussehen soll, um eine sozial friedliche Zukunft zu gestalten. Wer, wieviel, auch wie lange? Es muß nicht jeder eingebürgert werden. Ein Heimatministerium ist unnütz und nur institutionalisierte Fassade. Menschen in Not zu helfen und somit auch vorübergehend (wenn auch Jahre), sollte hingegen möglich sein, zumal das ja auch den vielzitierten christlichen Werten in Deutschland entspricht. Man muß eben nur klären, auf welcher Grundlage und mit welchem Status. Darüber hinaus verurteilt man eine große Anzahl von Menschen, die sich erfolgreich in unsere Gesellschaft hineingearbeitet haben und wirklich angekommen sind! Und: Deutschland ist sicherlich kein Land, daß es willigen Menschen leicht macht, ihren Platz zu finden! (siehe dazu auch weiter unten das erwähnte Interview). Diese Menschen werden mit “Integrationsverweigerern” und denen, die die sozialen Systeme schlichtweg ausnutzen gleichgestellt, was eine Ungeheuerlichkeit darstellt!

 

7. “Deutsche Lei(d)tkultur”

Im letzten Jahr sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz (SPD) im „Tagesspiegel“: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Damit war ein weiterer Tiefpunkt des politischen Spektakels erreicht und Herr Gauland ließ nicht lange auf sich warten. Ein solcher Satz von einer Integrationsbeauftragten des Bundes (!) ist inakzeptabel und sollte den sofortigen Rücktritt nach sich ziehen. Wie soll man Neuankömmlingen, Integrationswilligen und “Integrationspflichtigen” Deutschland erklären? Ein Land, das sich selbst zerstört? Dann wären wir wieder bei Thilo Sarazzin (“Deutschland schafft sich ab“). Daß Deutschland fast schon gesellschaftszerstörerische Tendenzen besitzt, zeigt sich alleine bereits in der Rechtssprechung, doch dazu später.

Zur Rolle der Migranten und der Notwendigkeit der Anpassung von  gab der syrische Arzt Dr. Salem El-Hamid ein Interview der Jungen Freiheit. Er, als erfolgreicher Migrant in der Position eines Chefarztes, erklärt sehr eindrucksvoll, wie schwer es ist, sich in einem Land zurechtzufinden, und wie viel Anstrengung und Eigeninitiative es von Seiten der Migranten bedarf. Er sieht vor allem diese in der Pflicht sich anzupassen und nicht andersherum, wie es seit langem geschehe. Interessant ist, dass er das sehr prägnant auf den Punkt bringt. Er relativiert eine hierzulande scheinbar lange gepflegte Kultur der Aufweichung von europäischen Normen und des übermäßigen Entgegenkommens. Ein interessanter Standpunkt, auch wenn ich nicht in allen Details mit ihm übereinstimme. Was Syrien anbelangt, so hat er als anscheinender Assad-Anhänger natürlich weniger zu fürchten, als Gegner oder Geflüchtete. Ein interessantes Interview, das bei mir die Frage aufwirft: Warum in der Jungen Freiheit? Warum greifen dies nicht die großen “etablierten” Blätter auf, die sich selbst in der “Mitte der Gesellschaft” sehen? Schade und zeitgleich eine vergebene Chance!

 

8. CDU und Islamisten sind eine Familie!

Bezogen auf die von mir erwähnten Nuancen, Spielarten, fällt mir spontan das Tragen des Niqabs ein, das in den meisten arabischen Ländern eher von der Minderheit der Frauen getragen wird und das wir -so scheint es- akzeptieren sollen. Während mich ein Kopftuch in keinster Art und Weise stört, so finde ich den Niqab bei uns fehl am Platze. Eine eindeutige Positionierung der Politik ist hier, wie auch in anderen Fragen erforderlich!

Daß sich die Politik aber lieber nicht zu sehr Mühe geben will wird, sieht man nicht nur an der Auswahl der o.g. Integrationsbeauftragten. Auch die neuerdings nach rechts driftenden “christlichen” Parteien -am ehesten um Machtverlust zu vermeiden- haben sich schon so manches Mal von ihrer schlechten Seite gezeigt: Zum Beispiel hielt die CDU-Bundetagsabgeordnete Ursula Heinen bereits im Jahr 2000 auf der Hauptversammlung der türkisch-islamischen Organisation Milli Görüs vor ca. 40.000 Menschen eine Rede, in der sie die Gleichheit der Familienwerte zwischen CDU und der Milli Görüs betonte. Häh? Zur Erinnerung: die Milli Görüs ist eine vom Verfassungsschutz beobachtete türkisch-islamistische Vereinigung. Ich bin mir sicher, dass die 40.000 Zuschauer auf ihre Kosten gekommen sind.

 

9. “Gehört der Islam zu Deutschland?”

Der Begriff der “deutschen Leitkultur” ist hingegen denkwürdig. Hier auch wieder die Frage: was ist die deutsche Kultur? Was macht Deutschland aus? In diese Diskussion warf ein Politiker den Satz “Der Islam gehört zu Deutschland”. Dieser Satz war ein weiteres Beispiel für das unheilbare Tun von Politikern. Er hat de facto die gleiche Sinnhaftigkeit wie die Aussage “Die blaue Farbe gehört zum Auto”. Äh ja, kann schon sein, dass ein Auto blau ist, aber was soll der Unsinn? Müssen jetzt alle ihre Autos blau anstreichen? Und genau hier liegt der fatale Punkt: Sehr leicht kann man denken, daß der Islam zur Leitkultur in Deutschland erhoben werden soll, obwohl das gar nicht gesagt wurde! Das kann auch gar nicht der Sinn sein! Viel eher hätte man sagen sollen “Die integrierten Muslime, Buddhisten, Atheisten usw. mit Migrationshintergrund gehören zu Deutschland”. Dies wäre ein klarer Satz gewesen, der eher einenden Charakter gehabt hätte.

10. Des Emirs Wunderland

Wenig später verkündete der bayrische Emir, daß Deutschland durch christliche Werte geprägt ist, und das auch so bleiben soll. Historisch ist das absolut richtig. Nur: welche christlichen Werte sind hier gemeint? Nächstenliebe und Rücksichtnahme können es in einer Ellbogengesellschaft -wie der unsrigen- wohl nicht sein. Insgesamt besteht seit über 20 Jahren eine zunehmende Verrohung. Werte und Normen werden -unabhängig von Migration und Religion!- ausgehöhlt. Es besteht ein Gefühl der Unsicherheit und des Ausgeliefertseins auch im rechtlichen Sinne in Deutschland in großen Bevölkerungsanteilen. Schauen wir und das mal an:

Beispiel 1: “Ich will Spass, ich geb Gas!”

Die WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) berichtet im Mai 2016 über das Urteil eines Verkehrsunfalls, bei dem der Angeklagte der fahrlässigen Tötung und gefährlicher Körperverletzung beschuldigt wird. Im Baustellenbereich einer Autobahn war es bei regennasser Fahrbahn zu einem Crash gekommen, bei dem ein BMW-Fahrer auf einen Fiat auffuhr. Der Fiat überschlug sich und flog durch die Luft in den Stau hinein. Der 43jährige Fahrer und Vater starb, die beiden Kinder sind seitdem querschnittsgelähmt. Das Urteil: Freispruch! Es sei ja gar nicht erwiesen, dass er mehr als 80 km/h gefahren sei, und ob die Fahrbahn wirklich so naß gewesen sei, daß man hätte vorsichtig fahren müssen… Die Staatsanwaltschafte hätte bei einem Schuldspruch eh nur 2700 Euro Strafe gefordert. – Komische Anklage und vernichtendes Urteil für die Angehörigen und Betroffenen.

Beispiel 2.: “Und immer weiter feste druff!”

Im Januar diesen Jahres kommt eine 26-jährige schwangere Syrerin mit einem 27-jährigen Afghanen am Alexanderplatz in Berlin in Streit. Der Mann schubst sie in einen Regionalzug und tritt ihr gegen den Bauch. Der Begleiter der Frau (ein Palästinenser) greift ein, es kommt zu einer Schlägerei. Es stellt sich heraus, daß der Täter polizeilich bekannt war, und sich laut Gericht der Frau nicht hätte nähern dürfen. Die Polizei nimmt wegen gefährlicher Körperverletzung die Daten auf, der Täter wird wieder auf freien Fuß gesetzt.

In beiden Beispielen handelt es sich um gesellschaftliche Probleme: Gewalt in beiden Fällen bzw. in Kauf genommener Schaden von anderen Menschen im ersten, dazu noch gepaart mit zerstörerischer Egozentrik des BMW-Fahrers (sinngemäß: “warum soll man auch vorsichtig fahren, wenn ich komme, müssen alle verschwinden”). Daß es sich um gesamt-gesellschaftliche Probleme handelt ist sehr schön zu sehen: Es handelt sich nicht um Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und “Migranten” und das Problem besteht trotzdem! – Übrigens: warum hat keiner der Passanten am Alexanderplatz eingegriffen? Es ist der gesellschaftliche Raum, die Akzeptanz von Gewalt, die es möglich macht sich gewalttätig durchzusetzen – oder soll ich eher sagen “sich zu entfalten“? – By the way: Hätte ich eingegriffen? Oder Du? Wahrscheinlich nicht, denn am Ende wären ich dann derjenige, der vor Gericht aussagen soll, dessen Familie bedroht wird und das Gericht zu meinem Schutze eines wahrscheinlich schlagkräftigsten Waffen eingesetzt hätte: ein Annäherungsverbot

Wie kann man bei solchen Urteilen ein Heimatgefühl wünschen oder ein Bekenntnis zum demokratischen Deutschland einfordern? Wenn das die Konsequenz der demokratischen Werte sind, dann ist ein logischer Schluß, dass sich bestimmte Anteile der Gesellschaft ausgrenzen: sowohl frustrierte Deutsche (AfD), als auch nicht-integrationswillige Migranten. Wer bietet Schutz? Der deutsche Staat anscheinend nicht, kampferprobte Großfamilien und Strukturen am rechten Rand als vermeintliche Heilsbringer sind da verlockender. Zudem machen diese Verhältnisse Deutschland zu einer wunderbaren Spielwiese und Kampfarena ausländischer Dienste und Handlanger.

Mehr noch: Deutschland ist auch ein Land des Mobbings, der Ausbeutung. Die Kassiererin, die nach der Anzahl der abkassierten Kunden berurteilt wird oder die junge Friseurin, die wegen angeblich geringem Umsatz an jedem Monatsende ein Schreiben mit einem riesigen weinenden Smiley von ihrer Chefin zugeschickt bekommt mit den Worten “wieder nicht gut genug”. Darüber hinaus wurde ihr ständig gesagt, dass sie “zu fett” sei für so einen Beruf, bei dem es so sehr ums Aussehen gehe. Diese junge Frau habe ich tatsächlich getroffen. Sie ist fertig mit der Welt – mit Anfang 20.

Patienten, die nur als Kostenfaktor abgerechnet werden, Polizisten, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, und nur verhöhnt werden. Oder die Menschen, die sich in tiefer Depression das Leben nehmen, weil sie mit 50 Jahren arbeitslos werden und keinen Job mehr finden. Lehrer, die “in die Klapse” gehen, weil sie von Schülern fertig gemacht werden, Sozialarbeiter, die fast zu Tode geschlagen werden, willige Migranten, die trotz nachweislicher Eignung und Qualifikation abgeschoben werden, während nebenan ein Krimineller bleiben darf, weil sein Heimatland sich weigert ihn aufzunehmen. Oder Menschen, die wir “aus humanitäen Gründen” aufnehmen, aber dann aus Deinteresse vollkommen sich selbst überlassen und dieses dann als “Freiheit” verkaufen? Sind das die Werte und Normen, die wir uns selbst schmackhaft machen wollen und die wir Fremden als “deutsche Kultur” andrehen wollen?

11. Palermo in Deutschland

Versetzen wir uns doch mal in einen Fremden hinein. Wie könnte dieser Deutschland sehen? [Cave: Damit niemand etwas in den falschen Hals bekommt: Im Folgenden handelt es sich nicht um eine Unterstellung, sondern um eine überspitzte Darstellung als stilistisches Mittel zur Verdeutlichung!] 😉

Deutschland ist ein Land der Ellenbogen, der Workaholics und der Pessimisten und Nörgler und Ewig-Rechthaber. – Aber: Hier gibt es Freiheit! Hier gibt es sogar die Freiheit sich tot zu saufen, im Bus ungeniert auf den Sitz zu brechen und bei illegalen Autorennen mit Todesfolge glimpflich davonzukommen! Wenn sich jemand beschwert, ballert man dem einfach eine rein! Das machen ja die Deutschen auch so. Die meisten Zeugen haben ja eh Angst und schauen weg. Man muß nur etwas von schlechter Kindheit erzählen. Super! Und: Ein Land, das hoch und heilig für die Rechte der Frauen zu kämpfen scheint, duldet die Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau. Mehr noch: für wenig Geld ist man hier im internationalen Paradies der Prostitution. Sogar an der Straße stehen die z.T. Minderjährigen aus Bulgarien oder Sonstwoher und können benutzt werden. Wichtig ist nur, dass möglichst viele von denen Steuern zahlen, wenn überhaupt. – So viel kann doch eine Frau nicht wert sein! Und die Polizisten sind dann so etwas von nett, richtige Schoßhündchen, wie putzig! Die können einem schon leid tun. Das ist ja besser, als in Palermo, und wie heißen noch mal die Länder wo so viel Korruption herrscht? Komisch ist nur, dass Politik und Gesellschaft in Deutschland die streng-islamischen Vorschriften in manchen muslimischen Ländern und Familien kritisieren. Komisches Land, dieses Deutschland. Es weiß anscheinend selber nicht, was es will…

Dann gibt es aber wiederum die (jugendlich-männlichen!) Migranten, die sich aus Not selber prostituieren (Tiergarten Berlin z.B.). Ist das die Gastfeundschaft, die Offenheit, die wir ausstrahlen wollen?

Ein syrischer (christlicher!) Kommilitone, der damals noch nicht lange in Deutschland war, sagte mir einmal, dass er das Leben hier (noch) nicht verstehe. Er kenne die Grenzen nicht, was gesellschaftlich in Ordnung ist und was nicht, verstehe das nicht, dass Unverheiratete miteinander eine Beziehung haben und wieder auflösen können, aber auch, wie sich die Menschen in unserem Land öffentlich so betrinken können, auch Jugendliche! Wie wenig sich doch die Eltern kümmerten, sagte er… – Eine interessante Sichtweise, die mir zu denken gab. Scheinbar würde uns allen, v.a. uns Deutschen, eine Rückkehr zu Normen und Grenzen gut tun. Warum uns Deutschen vor allem? Weil wir die Mehrheit sind, auch bei allen so großen Überfremdungsängsten! Und ob wir es glauben oder nicht: Wir sind diejenigen, die das alles in der Hand haben und gestalten können.

Wenn Ihr es bis hierher geschafft habt, dann bin ich stolz auf Euch! Meine Texte müssen micht jedem gefallen, weder inhaltlich noch sprachlich. Gleichzeitig muß ich mich generell für Rechtschreibfehler usw. entschuldigen – 4 Jahre in anderen Sprachen sprechen und schreiben hinterläßt anscheinend Spuren… Allerdings hält sich mein Schamgefühl auch in Grenzen: große Medien (v.a. online) schreiben hemmungslos den größten grammatikalischen und Rechtschreib-Müll zusammen (u.a. Deutsche Welle). In diesem Sinne!

 

Quellen (Auszug):

Focus: Mann zerrt schwangere Frau plötzlich in Zug – dann tritt er ihr brutal in den Bauch

Westdeutsche Allgemeine Zeitung: BMW-Fahrer nach Horrorunfall auf der A43 freigesprochen

Junge Freiheit: “Eine Bringschuld gibt es nicht”, Dr. S. El-Hamid (via dessen Internetpräsenz)

DGB Bildungswerk: Ahmed Senyurt: Besonderheiten des Lebens von Muslimen in Deutschland


Dahoam is dahoam! – Und wo is dahoam? – Teil 1

Teil 1 – Zeitreise

Dahoam – Ja, so sagen das die Bayern, wenn sie über ihr Zuhause sprechen. Im Laufe unseres persönlichen “Nomadentums” stellt sich natürlich immer mal wieder die Frage: Wo ist mein Zuhause? Ist das auch die Heimat? Was ist Heimat oder Zuhause? Ist es der gleiche Ort wie der von Olga?

Ein gewisses heimatliches Gefühl stellt sich immer wieder dann ein, wenn wir nach Berlin fahren, so wie jetzt Anfang März. Berlin bleibt einfach im Herzen – sowohl bei mir, wie auch bei Olga. Olga sagt, es sei “ihre” Stadt, und dabei schwingt eine ganz tiefe Verbundenheit mit. Berlin ist schön, aufregend, aber auch hart, es verletzt und kann auch krank machen. Continue reading

Auszeit – Up ´n away

Endlich, es ist der 14.11.2017, der Geburtstag meiner Mutter und der Beginn des langersehnten Urlaubs. Der letzte Arbeitstag in dem alten Krankenhaus ist vorbei, jetzt sind Ferien!

Wie lange ist das her, dass wir das letzte Mal verreist sind? Also ich meine jetzt mal nicht diesen anstrengenden Umzug von “Sverige” nach Deutschland, oder die Heimaturlaube, die wir von Schweden aus unternommen haben. 2015 muß das gewesen sein, als wir auf unserem Weg nach Schweden durch Jordanien, Istanbul und Russland tingelten. Eine tolle Reise, über die ich vielleicht auch etwas schreiben werde, aber dazu später einmal.

Jetzt geht es los. Die Wohnung wird noch einmal aufgeräumt, das Katzenklo gemacht. Ich packe das Auto mit zwei großen Taschen, während Olga Nico anzieht. Nico ist genervt und trötet etwas vor sich hin. Ich nehme ihn auf den Arm und will gerade nach unten gehen, als ich eine kleine Druckwelle an meinem Arm spüre. Nico hat ein Häufchen gemacht und grinst mich an. Na toll! Also wieder Retour, Baby “gewechselt” und “gepudert” und wieder nach unten. Um halb eins am Mittag sitzen wir endlich im Auto. Wahnsinn, wie lange das gedauert hat! Und wir haben ja “nur” 350 km bis nach Frankfurt mit massenhaft Baustellen vor uns…  Kaum sind wir losgefahren kommt schon das nächste Hindernis. “Mjamjam” macht Nico und bedeutet damit, dass er Hunger hat. Oh nee, denke ich, aber eigentlich habe ich auch schon Appettit. So endet unsere erste Etappe bei einem Inder – noch innerhalb Osnabrücks!

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