Dahoam is dahoam – Jetzt aber mal ernsthaft!

Teil 2

Menschen wie Olga und ich sind gerne in der Welt unterwegs. Wir können daher ruhig sagen, fast überall könnte unser Zuhause werden. Das ist das Privileg desjenigen, der mit den minimal nötigen finanziellen Mitteln ausgestattet ist und jederzeit die Möglichkeit hat, sich anders zu entscheiden. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass es immer auch eine emotionale Anstrengung ist, sich an einem neuen Ort zurecht zu finden, zumal wenn es sich um ein anderes Land handelt. Ausgehend von diesen Gedanken möchte ich mich mal zur aktuellen Situation in Deutschland äußern, zu der Flüchtlingskrise und was dazu gehört.

Folgende Abschnitte erwarten Euch:

  1. Vom Äußeren kann man (manchmal) doch auf`s Innere schließen.
  2. “Ein Kessel Buntes”
  3. Flüchtlinge – Opfer? Täter?
  4. Pubertät
  5. Parallelen – mal anders vergesellschaftet
  6. Der lange Weg zur Identität
  7. “Deutsche Lei(d)tkultur”
  8. “Gehört der Islam zu Deutschland”?
  9. CDU und Islamisten sind eine Familie!
  10. Des Emirs Wunderland
  11. Palermo in Deutschland

 

1. Vom Äußeren kann man (manchmal) doch auf`s Innere schließen.

Wir waren fast 4 Jahre im Ausland und mit der Zeit bekommt eine Distanz und einen anderen Blick auf das eigene Land. Als wir letztes Jahr zurückkamen, fanden wir ein zerrissenes Land vor. Insgesamt scheint Deutschland sehr hektisch, ungeduldig und so chaotisch durchstrukturiert zu sein, dass man keinen Überblick mehr hat (v.a. die Bürokratie). In diese Hektik mischen sich starke emotionale Diskussionen, allen voran die “Flüchtlingsfrage”, und der Streit um Aussagen wie “der Islam gehört zu Deutschland”. Die Themen sind ernst, die Art und Weise, wie diese Themen diskutiert werden erschreckend. Man vermisst Ideenreichtum und Weitsichtigkeit bei der Lösung der Probleme. Bei ALLEN Parteien! Nicht nur optisch gleicht die deutsche Politikerlandschaft einem Grusekabinett…

 

2. “Ein Kessel Buntes”

Nein, ich meine hier weder die alte DDR-Unterhaltungssendung, die samstags die Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates in Wallung brachte, noch den Karneval der Kulturen alljährlich in Berlin und schon gar nicht eine zünftige Gullaschsuppe. Vielmehr meine ich das “intellektuelle Durcheinander” in der deutschen Politik, deren Akteure den Bürger verwirren. “Flüchtlinge”, “AfD”, “Nazis“, “Linke Medien”, “Wirtschaftsflüchtlinge”, “Lügenpresse”, “Islamisten”, “Der Islam gehört / gehört nicht zu Deutschland”, “Integration”, “Integrationsunvermögen”, “Steinzeitdenken”, “Mutti“, “Heilsbringer”, “Sozialschmarotzer”, “Vergwaltiger“…. das sind nur ein paar Stichworte. Die Emotionen kochen beständig mit hoher Gradzahl, möchte man meinen. Deutschland scheint sich zu polarisieren. Die einen meinen, dieses Land macht sich in großen Schritten auf den Weg in ein “4. Reich”, die anderen spüren den Zeitpunkt des “Befreiungsschlags”, dem Aufbruch in ein Zeitalter gegen die “verlogene Presse” und das “Gutmenschentum”. Endlich dürfe man wieder “die Wahrheit” sagen, man wagt es. Was ist dran an all diesem Wirrwarr?

 

3. Flüchtlinge – Opfer? Täter?

Schauen wir uns mal einen Aspekt an. “Es kommen ja nur junge Männer”, hört man viele oft sagen. Auch ich habe die Beobachtung gemacht, dass sich v.a. junge Männer aus dem Nahen und Mittleren Osten und aus Nordafrika auf den Weg zu uns gemacht zu haben scheinen. Und im Fernsehen sieht man Warteschlangen mit nur wenigen Frauen zwischen vielen Männern. Wo sind die Frauen geblieben? Wer sind diese jungen Männer, die da kommen? Alles Vergewaltiger? Messerstecher? Kriminelle? Verdeckte IS-Kämpfer, die nur darauf warten, loszuschlagen? Oder alles politisch Verfolgte? Alles Opfer von Polizei und Geheimdienst in ihren Heimatländern? Alles Demokraten? Menschen, auf die bei Rückkehr der Tod wartet?

In der Tat wissen wir doch sehr wenig über diese Menschen, die da vor allem seit 2015 zu uns gekommen sind, um nicht zu sagen: Wir wissen gar nichts! Wir können weder nachvollziehen, woher sie tatsächlich kommen, noch wie sie nach Europa wirklich gekommen sind, und erst recht nicht, was auf der Reise oder Flucht tatsächlich passiert ist. Das ist Fakt. Fakt ist aber auch, dass nicht jeder ein Verbecher ist, aber auch nicht jeder ein bloßes Opfer sein kann. Die Wahrheit kennen nur diese Menschen selber. Verbrecher gibt es überall auf der Welt. Auch wir in Deutschland haben genug davon. Allerdings ist mir kein Land bekannt, in dem die Kriminellen die absolute Mehrheit bilden. Das verbietet per se die Gesamtheit der Geflüchteten mehrheitlich als Verbrecher einzustufen. Genauso gibt es kein einziges Land auf der Erde, in dem nur zahme Schafe leben, die sich nur lieb haben und keins dem anderen ein Wollhaar auszupft. Insofern darf man schon auf respektvolle Weise die Herkunft eines Menschen hinterfragen, ohne, dass dies als Anklage oder Menschenrechtsverletzung gilt. – Keine einfache Sache.

Und warum dann vor allem Männer? Ich habe keine Ahnung. Möglich wäre, dass sie die größere Chancen haben, eine Flucht zu überleben. Auf der anderen Seite sind sie es vor allem, die zum Militärdienst und damit zum Schießen auf die eigene Bevölkerung verdammt sind – und dann natürlich zum Sterben. Also ab aufs Meer und weg? Genauso unklar sind die Wege und Mittel der Flucht. Sicher haben viele Familienangehörige Geld zusammengelegt, damit einer von ihnen flüchten kann, aber dann? Wir wissen nicht, was sie taten oder gezwungen waren zu tun, um diese Flucht überleben zu können. Haben sie Mißhandlungen erlebt oder selbst getötet, vergewaltigt? Oder beides: Opfer und Täter? Wir wissen es schlichtweg nicht. – Wiederum: keine einfache Sache!

Und jetzt? Alle abschieben, oder alle aufnehmen? Es gibt keine einfachen Antworten in solch komplexen Fragen. Jeder, der eine einfache Lösung anbietet, muß generell als unseriös gelten und das ungeachtet der politischen Couleur.

4. Pubertät

Die Art und Weise, wie diese Diskussion geführt wird, ist jedoch viel interessanter. Dieser Disput um die Frage der Flüchtlingskrise sagt mehr über uns aus, als über die Flüchtlinge. Überhaupt ist diese Krise eher eine Identitätskrise diesen Landes, die schon viel älter ist, sozusagen eine prolongierte Pubertät. Es wird mit Emotionen gespielt, mit Ängsten, Enttäuschungen, Minderwertigkeitskomplexen, die von der anderen Seite wie ein Ping-Pong-Spiel bedient und damit verstärkt werden. Konkret meine ich das an den vielen AfD-Wählern auszumachen. Sind die alle rechtsradikal? So einfach ist das nicht, auch wenn das einen die politischen Gegenspieler so erklären. Man muß sich schon etwas Mühe geben. Rein statistisch ist das nicht einleuchtend, dass alle Nazis sind. Ansonsten hätten ja schon vorher die Republikaner (gibt´s die überhaupt noch?) und die NPD im Bundestag viele Sitze erhalten müssen. Auch wenn viele der älteren Generation unter den Wählern sind, so ist nicht zwangsläufig von einer Demenz-Epidemie auszugehen, die diese Menschen in die Arme der AfD treibt. Was ist es dann? Es sind v.a. negative Emotionen: Angst z.B. Die Menschen fühlen sich bedroht, z.B. vom Islam, von “Überfremdung” usw. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob diese Angst real ist oder nicht, sie haben Angst! Die etablierten Parteien hätten hier die Möglichkeit gehabt, Bürgernähe und Verständigung am real-existierenden Bundesbürger zu üben. Aus Eitelkeit und Gewohnheit geschah und geschieht dies aber nicht. Statt dessen überläßt man dem rechten Parteienspektrum das Feld. Mehr noch: durch Verunglimpfung von Bürgern, die den Wohlstand diesen Landes aufgebaut haben (wenn auch nicht aleine), treibt man diese Menschen erst recht nach rechts. Am rechten Rand hingegen warten bereits geschulte Akteure, die die Situation gekonnt auszunutzen wissen, die Gelegenheit am Schopfe packen und die Lage weiter anheizen.

 

5. Parallelen – mal anders vergesellschaftet

Die Menschen, über die wir hier sprechen, haben Angst vor Parallelgesellschaften – und meinen damit Ausländer oder Menschen “mit Migrationshintergrund”, die sich abschotten. Dass es diese gibt ist Realität, auch wenn diese immer wieder bezweifelt wird. Sie merken dabei gar nicht, daß viele von ihnen selbst bereits in einer Parallelgesellschaft leben: nämlich in der, der “Abgehängten”: Menschen, die von der Rente nicht leben können, die arbeitslos sind, keine Perspektive haben. Diese Menschen fühlen sich abgehängt von der Entwicklung. Sie verstehen nicht, wie der “Ausbau von schnellem Internet” wichtiger sein kann, als bezahlbarer Wohnraum. Menschen, die nicht mehr Teil der “Leistungsgesellschaft” sind. Das Schlimme dabei: die Politik merkt es auch nicht, wie sie Menschen ausgrenzt, vergisst… Diese Politik ist es auch, die ihnen nun ihr scheinbar Letztes nehmen möchte: ihre Identität, indem sie das Gefühl vermittelt, dass sie nicht mehr “Herr im eigenen Hause” sind, die Selbstbestimmung der Bevölkerung. Die etablierten Parteien müssen sich also auch fragen lassen, ob das ihre Form der Toleranz, Fürsorge und Offenheit ist, die sie propagieren. Daß eine “Partei” wie der AfD keine tragfähige Lösung bietet, liegt auf der Hand, aber sie bietet Gehör und simuliert Verständnis. Rechte Parteien versuchen das Bedürfnis nach Identität zu bedienen. Das ist keine Stärke der Rechten, sondern eine fundamentale und sträfliche Schwäche der eigentlich demokratischen Parteien!

6. Der lange Weg zur Identität

Ich kann mich daran erinnern, wie es in meiner Gymnasialzeit fast schon verschrien war, eine Deutschlandfahne bei einem Fußball-Länderspiel aus dem Fenster zu hängen. Nicht, dass ich dieses gerne getan hätte, war ich doch kein so großer Fußballfan. Später mußte ich mich dann rechtfertigen, warum ich Wehrdienst und nicht Zivildienst machte und wurde schon deshalb eher leicht-rechts eingeordnet. Heute ist es dagegen einfacher, es hat sich also etwas getan im Selbstverständnis von uns Deutschen. Trotzdem haben wir Deutschen es scheinbar schwer, uns selbst zu definieren. Auf unsere Geschichte stolz zu sein ist schwierig, weil immer die NS-Zeit allgegenwärtig zu sein scheint. Dass das aber vor allem von uns selbst so wahrgenommen wird, zeigte mit ein Gespräch mit den schwedischen Kollegen oder auch Bekanntschaften unterschiedlicher Herkunft, die ich in einem Hostel in Mumbai kennengelernt hatte. Sie verstanden nicht so richtig, warum wir uns so sehr mit einer schandhaften Episode unserer Landesgeschichte identifizieren.

Zur Identitätsfindung gehört auch eine ehrliche Diskussion bzgl. der Frage, ob wir überhaupt weitergehend ein Einwanderungsland sein möchten. Die Diskussion um diese Frage wurde schlichtweg übersprungen. Wenn ja, dann sollte man auch ehrlich diskutieren, wie dies aussehen soll, um eine sozial friedliche Zukunft zu gestalten. Wer, wieviel, auch wie lange? Es muß nicht jeder eingebürgert werden. Ein Heimatministerium ist unnütz und nur institutionalisierte Fassade. Menschen in Not zu helfen und somit auch vorübergehend (wenn auch Jahre), sollte hingegen möglich sein, zumal das ja auch den vielzitierten christlichen Werten in Deutschland entspricht. Man muß eben nur klären, auf welcher Grundlage und mit welchem Status. Darüber hinaus verurteilt man eine große Anzahl von Menschen, die sich erfolgreich in unsere Gesellschaft hineingearbeitet haben und wirklich angekommen sind! Und: Deutschland ist sicherlich kein Land, daß es willigen Menschen leicht macht, ihren Platz zu finden! (siehe dazu auch weiter unten das erwähnte Interview). Diese Menschen werden mit “Integrationsverweigerern” und denen, die die sozialen Systeme schlichtweg ausnutzen gleichgestellt, was eine Ungeheuerlichkeit darstellt!

 

7. “Deutsche Lei(d)tkultur”

Im letzten Jahr sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz (SPD) im „Tagesspiegel“: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Damit war ein weiterer Tiefpunkt des politischen Spektakels erreicht und Herr Gauland ließ nicht lange auf sich warten. Ein solcher Satz von einer Integrationsbeauftragten des Bundes (!) ist inakzeptabel und sollte den sofortigen Rücktritt nach sich ziehen. Wie soll man Neuankömmlingen, Integrationswilligen und “Integrationspflichtigen” Deutschland erklären? Ein Land, das sich selbst zerstört? Dann wären wir wieder bei Thilo Sarazzin (“Deutschland schafft sich ab“). Daß Deutschland fast schon gesellschaftszerstörerische Tendenzen besitzt, zeigt sich alleine bereits in der Rechtssprechung, doch dazu später.

Zur Rolle der Migranten und der Notwendigkeit der Anpassung von  gab der syrische Arzt Dr. Salem El-Hamid ein Interview der Jungen Freiheit. Er, als erfolgreicher Migrant in der Position eines Chefarztes, erklärt sehr eindrucksvoll, wie schwer es ist, sich in einem Land zurechtzufinden, und wie viel Anstrengung und Eigeninitiative es von Seiten der Migranten bedarf. Er sieht vor allem diese in der Pflicht sich anzupassen und nicht andersherum, wie es seit langem geschehe. Interessant ist, dass er das sehr prägnant auf den Punkt bringt. Er relativiert eine hierzulande scheinbar lange gepflegte Kultur der Aufweichung von europäischen Normen und des übermäßigen Entgegenkommens. Ein interessanter Standpunkt, auch wenn ich nicht in allen Details mit ihm übereinstimme. Was Syrien anbelangt, so hat er als anscheinender Assad-Anhänger natürlich weniger zu fürchten, als Gegner oder Geflüchtete. Ein interessantes Interview, das bei mir die Frage aufwirft: Warum in der Jungen Freiheit? Warum greifen dies nicht die großen “etablierten” Blätter auf, die sich selbst in der “Mitte der Gesellschaft” sehen? Schade und zeitgleich eine vergebene Chance!

 

8. CDU und Islamisten sind eine Familie!

Bezogen auf die von mir erwähnten Nuancen, Spielarten, fällt mir spontan das Tragen des Niqabs ein, das in den meisten arabischen Ländern eher von der Minderheit der Frauen getragen wird und das wir -so scheint es- akzeptieren sollen. Während mich ein Kopftuch in keinster Art und Weise stört, so finde ich den Niqab bei uns fehl am Platze. Eine eindeutige Positionierung der Politik ist hier, wie auch in anderen Fragen erforderlich!

Daß sich die Politik aber lieber nicht zu sehr Mühe geben will wird, sieht man nicht nur an der Auswahl der o.g. Integrationsbeauftragten. Auch die neuerdings nach rechts driftenden “christlichen” Parteien -am ehesten um Machtverlust zu vermeiden- haben sich schon so manches Mal von ihrer schlechten Seite gezeigt: Zum Beispiel hielt die CDU-Bundetagsabgeordnete Ursula Heinen bereits im Jahr 2000 auf der Hauptversammlung der türkisch-islamischen Organisation Milli Görüs vor ca. 40.000 Menschen eine Rede, in der sie die Gleichheit der Familienwerte zwischen CDU und der Milli Görüs betonte. Häh? Zur Erinnerung: die Milli Görüs ist eine vom Verfassungsschutz beobachtete türkisch-islamistische Vereinigung. Ich bin mir sicher, dass die 40.000 Zuschauer auf ihre Kosten gekommen sind.

 

9. “Gehört der Islam zu Deutschland?”

Der Begriff der “deutschen Leitkultur” ist hingegen denkwürdig. Hier auch wieder die Frage: was ist die deutsche Kultur? Was macht Deutschland aus? In diese Diskussion warf ein Politiker den Satz “Der Islam gehört zu Deutschland”. Dieser Satz war ein weiteres Beispiel für das unheilbare Tun von Politikern. Er hat de facto die gleiche Sinnhaftigkeit wie die Aussage “Die blaue Farbe gehört zum Auto”. Äh ja, kann schon sein, dass ein Auto blau ist, aber was soll der Unsinn? Müssen jetzt alle ihre Autos blau anstreichen? Und genau hier liegt der fatale Punkt: Sehr leicht kann man denken, daß der Islam zur Leitkultur in Deutschland erhoben werden soll, obwohl das gar nicht gesagt wurde! Das kann auch gar nicht der Sinn sein! Viel eher hätte man sagen sollen “Die integrierten Muslime, Buddhisten, Atheisten usw. mit Migrationshintergrund gehören zu Deutschland”. Dies wäre ein klarer Satz gewesen, der eher einenden Charakter gehabt hätte.

10. Des Emirs Wunderland

Wenig später verkündete der bayrische Emir, daß Deutschland durch christliche Werte geprägt ist, und das auch so bleiben soll. Historisch ist das absolut richtig. Nur: welche christlichen Werte sind hier gemeint? Nächstenliebe und Rücksichtnahme können es in einer Ellbogengesellschaft -wie der unsrigen- wohl nicht sein. Insgesamt besteht seit über 20 Jahren eine zunehmende Verrohung. Werte und Normen werden -unabhängig von Migration und Religion!- ausgehöhlt. Es besteht ein Gefühl der Unsicherheit und des Ausgeliefertseins auch im rechtlichen Sinne in Deutschland in großen Bevölkerungsanteilen. Schauen wir und das mal an:

Beispiel 1: “Ich will Spass, ich geb Gas!”

Die WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) berichtet im Mai 2016 über das Urteil eines Verkehrsunfalls, bei dem der Angeklagte der fahrlässigen Tötung und gefährlicher Körperverletzung beschuldigt wird. Im Baustellenbereich einer Autobahn war es bei regennasser Fahrbahn zu einem Crash gekommen, bei dem ein BMW-Fahrer auf einen Fiat auffuhr. Der Fiat überschlug sich und flog durch die Luft in den Stau hinein. Der 43jährige Fahrer und Vater starb, die beiden Kinder sind seitdem querschnittsgelähmt. Das Urteil: Freispruch! Es sei ja gar nicht erwiesen, dass er mehr als 80 km/h gefahren sei, und ob die Fahrbahn wirklich so naß gewesen sei, daß man hätte vorsichtig fahren müssen… Die Staatsanwaltschafte hätte bei einem Schuldspruch eh nur 2700 Euro Strafe gefordert. – Komische Anklage und vernichtendes Urteil für die Angehörigen und Betroffenen.

Beispiel 2.: “Und immer weiter feste druff!”

Im Januar diesen Jahres kommt eine 26-jährige schwangere Syrerin mit einem 27-jährigen Afghanen am Alexanderplatz in Berlin in Streit. Der Mann schubst sie in einen Regionalzug und tritt ihr gegen den Bauch. Der Begleiter der Frau (ein Palästinenser) greift ein, es kommt zu einer Schlägerei. Es stellt sich heraus, daß der Täter polizeilich bekannt war, und sich laut Gericht der Frau nicht hätte nähern dürfen. Die Polizei nimmt wegen gefährlicher Körperverletzung die Daten auf, der Täter wird wieder auf freien Fuß gesetzt.

In beiden Beispielen handelt es sich um gesellschaftliche Probleme: Gewalt in beiden Fällen bzw. in Kauf genommener Schaden von anderen Menschen im ersten, dazu noch gepaart mit zerstörerischer Egozentrik des BMW-Fahrers (sinngemäß: “warum soll man auch vorsichtig fahren, wenn ich komme, müssen alle verschwinden”). Daß es sich um gesamt-gesellschaftliche Probleme handelt ist sehr schön zu sehen: Es handelt sich nicht um Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und “Migranten” und das Problem besteht trotzdem! – Übrigens: warum hat keiner der Passanten am Alexanderplatz eingegriffen? Es ist der gesellschaftliche Raum, die Akzeptanz von Gewalt, die es möglich macht sich gewalttätig durchzusetzen – oder soll ich eher sagen “sich zu entfalten“? – By the way: Hätte ich eingegriffen? Oder Du? Wahrscheinlich nicht, denn am Ende wären ich dann derjenige, der vor Gericht aussagen soll, dessen Familie bedroht wird und das Gericht zu meinem Schutze eines wahrscheinlich schlagkräftigsten Waffen eingesetzt hätte: ein Annäherungsverbot

Wie kann man bei solchen Urteilen ein Heimatgefühl wünschen oder ein Bekenntnis zum demokratischen Deutschland einfordern? Wenn das die Konsequenz der demokratischen Werte sind, dann ist ein logischer Schluß, dass sich bestimmte Anteile der Gesellschaft ausgrenzen: sowohl frustrierte Deutsche (AfD), als auch nicht-integrationswillige Migranten. Wer bietet Schutz? Der deutsche Staat anscheinend nicht, kampferprobte Großfamilien und Strukturen am rechten Rand als vermeintliche Heilsbringer sind da verlockender. Zudem machen diese Verhältnisse Deutschland zu einer wunderbaren Spielwiese und Kampfarena ausländischer Dienste und Handlanger.

Mehr noch: Deutschland ist auch ein Land des Mobbings, der Ausbeutung. Die Kassiererin, die nach der Anzahl der abkassierten Kunden berurteilt wird oder die junge Friseurin, die wegen angeblich geringem Umsatz an jedem Monatsende ein Schreiben mit einem riesigen weinenden Smiley von ihrer Chefin zugeschickt bekommt mit den Worten “wieder nicht gut genug”. Darüber hinaus wurde ihr ständig gesagt, dass sie “zu fett” sei für so einen Beruf, bei dem es so sehr ums Aussehen gehe. Diese junge Frau habe ich tatsächlich getroffen. Sie ist fertig mit der Welt – mit Anfang 20.

Patienten, die nur als Kostenfaktor abgerechnet werden, Polizisten, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, und nur verhöhnt werden. Oder die Menschen, die sich in tiefer Depression das Leben nehmen, weil sie mit 50 Jahren arbeitslos werden und keinen Job mehr finden. Lehrer, die “in die Klapse” gehen, weil sie von Schülern fertig gemacht werden, Sozialarbeiter, die fast zu Tode geschlagen werden, willige Migranten, die trotz nachweislicher Eignung und Qualifikation abgeschoben werden, während nebenan ein Krimineller bleiben darf, weil sein Heimatland sich weigert ihn aufzunehmen. Oder Menschen, die wir “aus humanitäen Gründen” aufnehmen, aber dann aus Deinteresse vollkommen sich selbst überlassen und dieses dann als “Freiheit” verkaufen? Sind das die Werte und Normen, die wir uns selbst schmackhaft machen wollen und die wir Fremden als “deutsche Kultur” andrehen wollen?

11. Palermo in Deutschland

Versetzen wir uns doch mal in einen Fremden hinein. Wie könnte dieser Deutschland sehen? [Cave: Damit niemand etwas in den falschen Hals bekommt: Im Folgenden handelt es sich nicht um eine Unterstellung, sondern um eine überspitzte Darstellung als stilistisches Mittel zur Verdeutlichung!] 😉

Deutschland ist ein Land der Ellenbogen, der Workaholics und der Pessimisten und Nörgler und Ewig-Rechthaber. – Aber: Hier gibt es Freiheit! Hier gibt es sogar die Freiheit sich tot zu saufen, im Bus ungeniert auf den Sitz zu brechen und bei illegalen Autorennen mit Todesfolge glimpflich davonzukommen! Wenn sich jemand beschwert, ballert man dem einfach eine rein! Das machen ja die Deutschen auch so. Die meisten Zeugen haben ja eh Angst und schauen weg. Man muß nur etwas von schlechter Kindheit erzählen. Super! Und: Ein Land, das hoch und heilig für die Rechte der Frauen zu kämpfen scheint, duldet die Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau. Mehr noch: für wenig Geld ist man hier im internationalen Paradies der Prostitution. Sogar an der Straße stehen die z.T. Minderjährigen aus Bulgarien oder Sonstwoher und können benutzt werden. Wichtig ist nur, dass möglichst viele von denen Steuern zahlen, wenn überhaupt. – So viel kann doch eine Frau nicht wert sein! Und die Polizisten sind dann so etwas von nett, richtige Schoßhündchen, wie putzig! Die können einem schon leid tun. Das ist ja besser, als in Palermo, und wie heißen noch mal die Länder wo so viel Korruption herrscht? Komisch ist nur, dass Politik und Gesellschaft in Deutschland die streng-islamischen Vorschriften in manchen muslimischen Ländern und Familien kritisieren. Komisches Land, dieses Deutschland. Es weiß anscheinend selber nicht, was es will…

Dann gibt es aber wiederum die (jugendlich-männlichen!) Migranten, die sich aus Not selber prostituieren (Tiergarten Berlin z.B.). Ist das die Gastfeundschaft, die Offenheit, die wir ausstrahlen wollen?

Ein syrischer (christlicher!) Kommilitone, der damals noch nicht lange in Deutschland war, sagte mir einmal, dass er das Leben hier (noch) nicht verstehe. Er kenne die Grenzen nicht, was gesellschaftlich in Ordnung ist und was nicht, verstehe das nicht, dass Unverheiratete miteinander eine Beziehung haben und wieder auflösen können, aber auch, wie sich die Menschen in unserem Land öffentlich so betrinken können, auch Jugendliche! Wie wenig sich doch die Eltern kümmerten, sagte er… – Eine interessante Sichtweise, die mir zu denken gab. Scheinbar würde uns allen, v.a. uns Deutschen, eine Rückkehr zu Normen und Grenzen gut tun. Warum uns Deutschen vor allem? Weil wir die Mehrheit sind, auch bei allen so großen Überfremdungsängsten! Und ob wir es glauben oder nicht: Wir sind diejenigen, die das alles in der Hand haben und gestalten können.

Wenn Ihr es bis hierher geschafft habt, dann bin ich stolz auf Euch! Meine Texte müssen micht jedem gefallen, weder inhaltlich noch sprachlich. Gleichzeitig muß ich mich generell für Rechtschreibfehler usw. entschuldigen – 4 Jahre in anderen Sprachen sprechen und schreiben hinterläßt anscheinend Spuren… Allerdings hält sich mein Schamgefühl auch in Grenzen: große Medien (v.a. online) schreiben hemmungslos den größten grammatikalischen und Rechtschreib-Müll zusammen (u.a. Deutsche Welle). In diesem Sinne!

 

Quellen (Auszug):

Focus: Mann zerrt schwangere Frau plötzlich in Zug – dann tritt er ihr brutal in den Bauch

Westdeutsche Allgemeine Zeitung: BMW-Fahrer nach Horrorunfall auf der A43 freigesprochen

Junge Freiheit: “Eine Bringschuld gibt es nicht”, Dr. S. El-Hamid (via dessen Internetpräsenz)

DGB Bildungswerk: Ahmed Senyurt: Besonderheiten des Lebens von Muslimen in Deutschland


Dahoam is dahoam! – Und wo is dahoam? – Teil 1

Teil 1 – Zeitreise

Dahoam – Ja, so sagen das die Bayern, wenn sie über ihr Zuhause sprechen. Im Laufe unseres persönlichen “Nomadentums” stellt sich natürlich immer mal wieder die Frage: Wo ist mein Zuhause? Ist das auch die Heimat? Was ist Heimat oder Zuhause? Ist es der gleiche Ort wie der von Olga?

Ein gewisses heimatliches Gefühl stellt sich immer wieder dann ein, wenn wir nach Berlin fahren, so wie jetzt Anfang März. Berlin bleibt einfach im Herzen – sowohl bei mir, wie auch bei Olga. Olga sagt, es sei “ihre” Stadt, und dabei schwingt eine ganz tiefe Verbundenheit mit. Berlin ist schön, aufregend, aber auch hart, es verletzt und kann auch krank machen. Continue reading

Auszeit – Up ´n away

Endlich, es ist der 14.11.2017, der Geburtstag meiner Mutter und der Beginn des langersehnten Urlaubs. Der letzte Arbeitstag in dem alten Krankenhaus ist vorbei, jetzt sind Ferien!

Wie lange ist das her, dass wir das letzte Mal verreist sind? Also ich meine jetzt mal nicht diesen anstrengenden Umzug von “Sverige” nach Deutschland, oder die Heimaturlaube, die wir von Schweden aus unternommen haben. 2015 muß das gewesen sein, als wir auf unserem Weg nach Schweden durch Jordanien, Istanbul und Russland tingelten. Eine tolle Reise, über die ich vielleicht auch etwas schreiben werde, aber dazu später einmal.

Jetzt geht es los. Die Wohnung wird noch einmal aufgeräumt, das Katzenklo gemacht. Ich packe das Auto mit zwei großen Taschen, während Olga Nico anzieht. Nico ist genervt und trötet etwas vor sich hin. Ich nehme ihn auf den Arm und will gerade nach unten gehen, als ich eine kleine Druckwelle an meinem Arm spüre. Nico hat ein Häufchen gemacht und grinst mich an. Na toll! Also wieder Retour, Baby “gewechselt” und “gepudert” und wieder nach unten. Um halb eins am Mittag sitzen wir endlich im Auto. Wahnsinn, wie lange das gedauert hat! Und wir haben ja “nur” 350 km bis nach Frankfurt mit massenhaft Baustellen vor uns…  Kaum sind wir losgefahren kommt schon das nächste Hindernis. “Mjamjam” macht Nico und bedeutet damit, dass er Hunger hat. Oh nee, denke ich, aber eigentlich habe ich auch schon Appettit. So endet unsere erste Etappe bei einem Inder – noch innerhalb Osnabrücks!

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Von der Kunst sich treu zu bleiben

Teil 3

Und jetzt? Nix mehr mit Unfallchirurgie? Keine Traumatologen-Karriere? Nun ja, wie ich ja bereits eingangs geschrieben hatte, wollte ich das weitere Vorgehen nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf abhängig machen – und natürlich von der Gesundheit. So war die Probezeit auch wirklich eine Probezeit. Kommen wir mal zum Positiven: Das Fach, das “Basteln”, die “Action”, das “Improvisieren”, Medizin zum Anfassen – die Unfallchirurgie ist wirklich eine tolle Sache! Unfallchirurgen sind praktische, lösungsorierte Personen (oder sollten es jedenfalls sein). Das hat mir gefallen und ich hätte es gerne weiter gemacht. Es hat mich begeistert und auch wenn der Druck hoch war, habe ich fast immer Freude gehabt an den praktischen Tätigkeiten.

Ich hatte jedoch nie vor, die Allgemeinmedizin aufzugeben (bei der Zeit, die ich dafür investiert habe, auch nicht besonders clever). Laut Landesärztekammer hätte ich mir das eine oder andere Halbjahr für die Unfallchirurgie auch anrechnen lassen können, sodaß ich nicht die 5 Jahre gebraucht hätte. Soweit die Theorie, welche sich aber an der Realität messen lassen muß.

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“Auf die harte Tour”

Teil 2 … und wie Deutschland für Fremde wohl sein mag

Da sind wir nun im sonnigen Osnabrück. Es ist der erste Juni 2017. Die Sonne wärmt den nicht vorhandenen Pelz, das Grün grünt und die Vögel zwitschern – wunderbar! Es ist der erste Arbeitstag in einem großen Krankenhaus in Osnabrück für mich. Heute fange ich an in der Unfallchirurgie eines Hauses der Maximalversorgung, d.h. Traumazentrum mit Hubschrauberlandeplatz usw. Vielleicht der Beginn einer länger währenden Liebe zur Chirurgie, einer handfesten soliden Tätigkeit ohne das mitunter “furchtlose Herumgedoktore” wie in der Allgemeinmedizin. Endlich klar geborstene Ellenbogen, die zusammengeschraubt werden, tropfendes Blut auf der Transportliege und “Action”, deren Ergebnis man noch am gleichen Tag, wenn nicht sogar wenige Stunden oder Augenblicke später bestaunen kann. Ja, ich will es noch einmal wissen, bevor ich zum “alten Eisen” gehöre. Wenn die Gleichung nicht aufgeht, kann ich wieder Allgemeinmedizin machen. Jetzt aber noch einmal richtig gefordert werden, an die Grenzen gehen, Nächte um die Ohren schlagen, amputieren, Köpfe zusammennähen (also nicht zwei verschiedene, sondern ein und denselben…na Ihr wißt schon)… Eben die ganze Bandbreite der Traumatologie…. Continue reading

Aufbruch in ein neues (altes) Land

Teil 1 – Abreise und physisches Ankommen

Wir sind angekommen. Etwas mehr als ein halbes Jahr nach dem Umzug haben wir uns langsam eingelebt in unserer neuen Heimat. Die Familie fast um die Ecke, die Arbeit 10 min mit dem Fahrrad entfernt, das Auto muss nur noch wenig bewegt werden (was den Geldbeutel und die Umwelt freut). Das sind doch schon mal gute Vorraussetzungen.

Das war´s, die Wohnung ist leer.

Allerdings war dieses halbe Jahr auch eregnisreich. Alles begann mit dem Umzug. Bereits im April begannen wir zu packen, die Wohnung wurde schrittweise “zurückgebaut”, bis nur noch Kisten übrig blieben. Leider musste ich bis zum vorletzten Tag arbeiten. Meine Chefin sah angeblich keine Möglichkeit, mir mehr Urlaub zu geben. Das machte alles nicht einfacher. Schließlich kam der Transport-LKW der Umzugsfirma, die wir beauftragt hatten und die Wohnung war leer.

Genau das richtige Abschiedswetter

Die letzten 2 Nächte schliefen wir auf einer aufblasbaren Matratze meines Kollegen Bert, bevor wir in eine Gästewohnung des schwedischen Mietervereins umzogen. Zur Übergabe hatten wir glücklicherweise eine Firma für die Reinigung unserer alten Wohnung beauftragt, was zwar teuer war, sich aber als sehr klug herausstellte. Unser Vermieter fand ständig etwas zum Aussetzen und ließ die Putztruppe mehrere Stunden nachputzen! Aufpreis kostete das für uns allerdings nicht.

Endlich mal Sonne und etwas Wärme…

Am Tag unserer Abreise war es nebelig-trüb und kalt. Das störte uns jedoch nicht. Neben Nico und den Katzen war unser Auto mit jeder Menge Zeug vollgestopf, alles jedoch generalstabsmäßig sortiert, ansonsten hätte man nur die Hälfte unterbringen können.

Unser Ziel war Göteborg am Mittag zu erreichen und am frühen Abend die Fähre nach Kiel zu befahren. Zunächst ging es durch die fast herbstlich-winterlich anmutende Landschaft Mittelschwedens. Bei weitgehend fehlender Autobahn und Tempo 90 zog sich die Strecke in die Länge. Etwa 200 km weiter südlich von Falun bekamen wir ihn erstmals in diesem Jahr zu Gesicht: den Frühling. Auf einem Rastplatz wurden die Katzen und Nico Gassi geführt. Was für ein Spass!

 

Nico freute sich an den wärmenden Sonnenstrahlen und einer herumsurrenden Hummel, während die Maggi und Tonia tatsächlich die Chance wahrnahmen und das Katzenklo benutzten. Anschließend ging es weiter gen Süden. Tatsächlich klappte alles ohne größere Schwierigkeiten, sodaß wir am Abend die “Kabine für Passagiere mit Haustieren” beziehen konnten.

Diese ist bei den Fähren meistens mittig angelegt, sodaß man also kein Meerblick hat.Statt Kabine hätte man jedoch eher von “Zelle” sprechen können. Auf engsten Raum hatten wir als zwei Erwachsene und Baby schon Probleme, nicht auszudenken, wenn dann noch ein Rottweiler hätte Platz finden müssen, oder Herrchen ein kleiner Elefant gewesen wäre…

Nico und Maggi “eingeparkt”.

Die Belüftung war auch nicht besonders, weshalb wir die Tür den halben Abend offen ließen. Nach kurzer Eingewöhnung hatten sich jedoch auch unsere beiden Fellnasen mit der neuen Umgebung angefreundet.

Nach einem kleinen Frühstück ging es pünklich gegen 9 Uhr von Bord, sodaß wir unsere Reise Richtung Berlin rasch fortsetzen konnten.
Während mein Bruder in Osnabrück bereits den Umzugs-LKW in Empfang nahm und fleissige Helfer alles entluden (Danke!!!), hatten wir das nächste kleine Projekt zu meistern: Auflösung unseres Lagers in Berlin und alles nach Osnabrück karren. Zum Glück hatten wir auch hier fleissige Helfer, ohne die wird das nicht so ohne weiteres geschafft hätten (Danke u.a. Oxana und Daniel!).

Erstaunlich (praktische) Kombination. Hier kann man sich sprichwörtlich zu Tode saufen. – gesehen am U-Bhf Berlin-Mariendorf, der Friedhof ist 150m weit weg…

Mit einem gemieteten Transporter ging es dann wieder auf die Piste zur letzten Etappe: Berlin-Osnabrück. Auf halben Wege hatten wir das Glück, wieder unsere Weggefährtin Kristin mit ihrem kleinen Justus zu treffen.

Treffen mit Kristin

Ach wie herrlich!!! Wieder einmal wurde uns bewusst, wie sehr uns Bahrain und Middle East generell fehlen…

In Osnabrück angekommen wurden wir wärmstens empfangen. Nach ein paar Nächten auf einer Matratze gings erst einmal in ein preiswertes schwedisches Möbelhaus. Alles musste sehr schnell gehen, da ich bereits nach ein paar Tagen meine neue Stelle antreten musste. Daher verzögerte sich so einiges, sodaß wir noch immer nicht vollständig eingerichtet sind, und im Flur immer noch eine nackte Glühbirne von der Decke baumelt…

Ich “liebe” Umzüge… (aber wen es oft in die weite Welt zieht, muss diese Kröte schlucken)

Wie es einem so geht, wenn man wieder nach Deutschland zurück kommt, könnt Ihr im nächsten Blog lesen. Dann auch, ob wir jetzt eine richtige Lampe im Flur haben und warum Überlebensstrategien noch genauso aktuell sind wie in der Steinzeit…

Der Countown läuft…

Jetzt geht es ans Eingemachte. Die Tage vergehen wie im Flug und schneller als man (wieder einmal) dachte, beginnt die heiße Phase, die letzten Tage hier in Schweden. Nachdem wir Ende des letzten Jahres den Entschluss gefaßt hatten wieder in die Heimat zurückzukehren, stellte sich natürlich erst einmal die Frage “Wohin?”. Die Frage war schnell beantwortet: Berlin ist zwar meine Heimatstadt und ich werde im Herzen immer ein Berliner bleiben, aber für kleine Kinder ist das kein guter Ort, um groß zu werden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie zwei Mütter sich fast geprügelt hatten, weil verständlicherweise jede mit ihrem Kinderwagen in den Bus wollte. Und im U-Bahnhof die Stufen nach unten oder nach oben tragen ist bei Weitem keine Vergnügen, wenn kaum einer hilft und alle nur vorbeieilen. Zu gewissen Tageszeiten scheint es gar gänzlich unmöglich mit den Öffentlichen zu fahren und das Auto kann man sowieso vergessen (zumindest in Zentrumnähe). Von der gestressten Art wollen wir erst gar nicht reden.

Das Eis des gefrorenen Siljansees sieht aus wie gefrorene Wellen

Also war die Antwort klar: Osnabrück. Dort lebt ein wichtiger Teil der Familie, kleine Kinder inklusive. Also genau das Richtige für Nico. Hier in Schweden haben wir auch die Unterstützung der Familie vermisst, auch wenn wir wunderbare Menschen kennengelernt haben, die wir inzwischen zu unseren Freundeskreis zählen dürfen.

Nico zum ersten Mal im Flugzeug (Stockholm-Düsseldorf)

Die Stadt hat bei früheren Besuchen auf uns einen sympathischen Eindruck gemacht und die Osnabrücker scheinen generell etwas entspannter und freundlicher als die Berliner zu sein.

Bei unserem letzten Besuch im  haben wir diese -wie die Osnabrücker selber sagen- “große Kleinstadt” oder “kleine Großstadt” etwas genauer unter die Lupe genommen. Von Stockholm aus waren wir nach Düsseldorf geflogen. Die erste Flugreise mit Nico. Der hat allerdings die meiste Zeit gepennt, während die Zugfahrt über Dortmund wesentlich interessanter für ihn war.

Wir hatten das Glück die Nachbarwohnung von Gisela, einer Kollegin meines Bruders und seiner Frau zu nutzen. Die Einrichtung einer Wohnung sagt bekanntlich viel über den Bewohner aus, so auch hier. Die sorgfältig gewählten Bilder zogen gleich meine Aufmerksamkeit auf sich: Tierfotografien, Zeichnungen mit Wüstenmotiven. In den Vitrinen im Wohnzimmer eine Fülle von Gegenständen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten.

Allerlei Schmuck aus dem subsaharischen Raum

Holzmasken, Ketten, Muscheln und allerlei andere kunstvolle Utensilien vor allem aus dem subsaharischen Afrika und Bilder von Himba-Frauen Namibias, wie sie stolz den Schmuck tragen. An die Wand gelehnt ein kleines Heftchen, ein “Trecking Permit” für Kathmandu, Nepal, ausgestellt im Namen von “His Majesty”, Jahrzehnte alt.

Permit für Kathmandu, Nepal

Gisela hatte ihren leider vor Jahren verstorbenen Mann auf Reisen kennengelernt. Wenn man die Gegenstände und Fotos sah, so dann kann man getrost sagen, dass beide richtige Weltenbummler waren. Im Gespräch mit ihr merkte man, dass in ihrer Brust immer noch kräftig das Herz eines Entdeckers schlägt.

Mit dem Bulli durch die Wüste – herrlich!!!

Die Ecke zur Küche hatte es mir besonders angetan: Bilder von einem VW-Bus (einem alten Bulli), der mitten in der Wüste steht. Giselas Mann ist wohl oft durch die Sahara gereist, genauso, wie ich es mir immer vorgestellt hatte! Ein Vorbild! Ich bin immer noch begeistert, während ich diese Zeilen schreibe! Und endlich kann ich meinen Eltern beweisen, dass ich nicht der einzige bin, der solche Pläne hatte und vor allem, dass es auch funktionieren kann (wenngleich es heutzutage wegen Terror und Kriminalität momentan nicht besonders schlau ist). Schade, dass wir ihn nicht kennenlernen konnten…

Reifenpanne in der Wüste. Wunderbare Zeichnung von Giselas Mann

In Osnabrück hatte ich zwei Vorstellungsgespräche, die beide sehr gut liefen. Zugegeben: Bei der aktuellen Situation ist es aber auch nicht besonders schwer, eine Stelle zu bekommen.

In den wenigen Tagen hatten wir viel zu tun, aber auch eine Menge Spass mit den kleinen und nicht mehr ganz so kleinen Würstchen. Nico fand es sehr spannend mit seinen Cousins Zeit zu verbringen. So kann man sich gegenseitig Blödsinn beibringen und Tipps austauschen, wie man die Eltern am besten “zur Weißglut” bringt. Naja, so schlimm ist es (noch?) nicht.

Hübsch: die Altstadt von Osnabrück

Und tschüß…!

Nachdem wir wieder zurück waren, habe ich sofort meine Kündigung abgegeben. Mann, wie sich das anfühlt! Jetzt mussten noch 3 Monate überstanden werden.

Die letzten Wochen hatten es in sich gehabt. Viele sehr kranke Patienten, die ich -wie schon früher beschrieben- nicht an Spezialisten überweisen kann. Diese Detektivarbeit, die Arbeit als “Buschdoktor” werde ich vermissen. Ebenso die kleinen praktischen Tätigkeiten, wie zum Beispiel Rektoskopien (Nutella! 😉 ) und vor allem kleine Eingriffe. Meistens schneidet man nur unbedeutende Veränderungen heraus oder macht eine Stanzbiopsie (Gewebeprobeentnahme). Hin und wieder ergeben sich dabei aber auch erstaunliche Dinge. Bei einem Mann habe ich vor Kurzem eine unbedeutend aussehende Hautveränderung, eher einem Pickel ähnelnd aber ohne Entzündungszeichen, herausgeschnitten. Die Pathologie zeigte ein Malignes Melanom (schwarzer Hautkrebs). Da man seit Kurzem eine Art “Überholspur” für eine Reihe von Krebsdiagnosen und hochgradig krebsverdächtige Erkrankungen eingeführt hat, hat sich die Behandlung für solche Patienten deutlich verbessert. Solche Patienten müssen zum Glück nicht mehr warten, sondern alles geht sehr zügig. Also mal etwas wirklich Positives im hiesiegen Gesundheitssystem.

Ich bin schon gespannt, was sich alles in Deutschland verändert hat, immerhin habe ich nicht vergessen, daß es auch dort Probleme gibt.

Während der Arbeitsrythmus also weitergeht, krempeln wir zu Hause die Bude um. Sachen werden weggeworfen, verpackt, Kisten in den Keller gebracht,… Während wir so vor uns hinwurschteln hören wir meist Musik.

Party oder Marschmusik?

Nico – sobald er Musik auch nur von Weitem hört

Nico mag Musik, gleich welcher Art. Seit wenigen Wochen kann er auf seinen kleinen Beinchen stehen und hält sich an einem Gitter, dem “Knast” fest. Sobald er Musik hört gibt er quietschende Laute von sich, hebt ein Ärmchen und die kleinen Beinchen beginnem im Tackt zu zappeln. Er lacht und hat sichtlich Spass. Vorgestern waren wir im Stadtzentrum. Es war recht schön, “so mit Sonne und so” (ist momentan ja etwas Besonderes hier oben). Wie wir so an einer Ampel warteten fuhr ein Volvo (was sonst) mit zwei Jugendlichen vorbei. Die Fenster unten, die Musik voll aufgedreht. Nico hatte sie noch gar nicht gesehen, aber gehört: schon gingen die beiden kleinen Ärmchen nach oben und er machte mit den Fingern eine Art schnipsende Bewegung. Das ganze kleine Gesichtchen war ein einziges Grinsen, die beiden kleinen Schneidezähnchen lachten uns an. Herrlich!!!

Vor wenigen Tagen hatten wir ja den 1. Mai. Auch im “sozialistischen” Schweden wird der 1. Mai begangen. Ähnlich wie bei uns in Deutschland wird auch hier demonstriert. Allerdings bleibt es dann friedlich, nicht so wie der 1. Mai traditionell in Berlin mit Strassenschlachten. Allerdings hatten sich wie schon im letzten Jahr die Rechtsradikalen angemeldet. Während sie 2016 im benachbarten Borlänge (20 km, von hier kommen u.a. Musiker wie Mando Diao) aufmarschierten wollten sie dieses Jahr Falun beglücken. Während wir uns zunächst die bunten Kostüme der Gegenbewegung anschauten, erhaschten wir dann doch noch einen Blick auf die “strammen Jungs”.

Martialisch und zum Fürchten: Eigene Ordner mit Schutzschilden

Durch Absperrungen streng getrennt von den Gegendemonstranten lauschten die der Kundgebung ihrer Führerriege. Ich verstand nicht genau, was sie sagten, aber dem Tonfall nach war es wahrscheinlich eine auswendig gelernte Wochenschau von 1941. Schon irgendwie gruselig. Auch einige Mädels mit Röcken und Zöpfen, genauso wie die Mädels beim BDM… Wikipedia weiß zu berichten, dass die hier erstarkende “Nordischen Widerstandsbewegung” (Nordisk motståndsrörelse, NMR) sektenähnliche Züge aufweist und vornehmlich aus verurteilten Gewalttätern bestehen soll. Ziel ist es mittels einer Revolution eine “Nordische Republik” zu errichten. Aha. Na klar. Es ist irgendwie komisch, dass denen überhaupt erlaubt wurde zu spechen, und vor allem im Stadtzentrum der Gebietshauptstadt. Den wenigen hundert braunen Brüdern, die sogar eigene mit Schildern bewaffnete Ordner und  eine eigene Presseabteilung hatten, standen natürlich wesentlich mehr, lautstark protestierende Gegendemonstranten gegenüber. Wir entschlossen uns weiterzuziehen, der Sonne entgegen.

“NMR = Eine Schande für Schweden”. Gegendemonstrantin am Rande der Demo

Nico fand das alles lustig, besonders die laut schreienden Leute, die trotz allem gelöste, lockere Athmosphäre und die bunten Farben. Ich erklärte ihm, dass die lustigen netten Menschen alle gekommen waren, um seinen ersten Geburtstag zu feiern! Ob er´s verstanden hat? Immerhin schien er viel Spass gehabt zu haben und fiel hundemüde ins Bettchen… So ein Geburtstag ist schon anstrengend, vor allem, wenn man so viele schöne Geschenke bekommt, deren Verpackung zunächst viel interessanter ist, als der eigentliche Inhalt. Und: der liebe Gott war gnädig gewesen und hat ihm zum Geburtstag ein paar Haare auf die kleine Glatze gezaubert…