Eindrücke aus dem Schwarzwald

Das wartet auf Euch:

  1. Schliffkopf
  2. Wasserfälle Allerheiligen
  3. Hornisgrinde
  4. Baden-Baden
  5. Hausach im Kinzigtal
  6. Schiltach
  7. Vogesenblick
  8. Alpirsbach
  9. Freudenstadt

1. Schliffkopf – Wanderung im Nebel und üppiger Vegetation

2. Wasserfälle Allerheiligen – Wie im Regenwald

3. Hornisgrinde: höchster Berg des Nordschwarzwalds und Hochmoor

4. Baden-Baden: Römerbäder und UNESCO-Weltkulturerbe seit 2021

5. Hausach im Kinzigtal

6. Schiltach

7. Vogesenblick

8. Alpirsbach

9. Freudenstadt

…hat den größten von Gebäuden umgebenen Marktplatz in Deutschland und eine Kirche, die “ums Eck geht” – und kostenlose benutzbare Toilettenhäuschen!

“Das Grauen der Menschheit”

Morgens halb zehn in Deutschland“, so fing früher in der Werbung der Spot für das “Knoppers” an, in dem sich Handwerker in einer ersten Arbeitspause stärkten. Morgens halb zehn in der Arztpraxis habe ich schon einige Patienten “hinter mir”, vom Schulschwänzer bis zum Blinddarm oder was es sonst noch so gibt.

Vor mir sitzt ein älterer Herr, etwa Anfang 80. Er warte noch auf seine Frau. Die Tür geht auf und eine ebenso alte Dame tritt ein. Liebevoll blinzelt er ihr zu und sagt “Da kommt sie ja: meine Frau – das Grauen der Menschheit” und kichert in sich hinein. Sie ist aber auch nicht auf den Mund gefallen, droht ihm mit den Tabletten, die sie ihm immer zuteilt. Den ganzen Tag über würden sie sich so gegenseitig necken, sagt er. Irgendwie süß die beiden. Wenn doch nur alle Patienten so unterhaltsam wären – und so rüstig vor allem. Das Grauen der Menschheit findet sich zwar hier nicht, aber die Abgründe des menschlichen Daseins werden einem schon präsentiert. Man ist Arzt, Kummerkasten, Psychologe, Priester… ach ja, natürlich auch mal Mülleimer für die chronisch Unzufriedenen, für die alle Anderen Schuld an ihrem Dasein haben. Egal, jetzt steht erst einmal der Urlaub an. Sagenhaft ganze 5 Tage Urlaub haben wir dieses Jahr zusammen. Die restlichen Tage musste ich mir anderweitig aufteilen. Die Zeit war aufregend: erst im August den Notarztkurs in Düsseldorf, dann alleine in der Praxis arbeiten und jetzt kurzentschlossen in den Schwarzwald. Ganz spontan, 4 Tage vorher gebucht, hatten wir echt Glück gehabt, noch etwas zu bekommen.

Blick von Hornisgrinde nach Westen (1164 m) – höchster Berg des Nordschwarzwald

“Rückwärts essen” – Autoweihe

Da wir unser neues Auto nicht gleich wieder “einsauen” wollen, haben wir uns selber bestimmte Grenzen auferlegt: es wird nicht gegessen und getrunken im Auto. Naja, um das alles praktikabel zu halten gestatten wir uns zunächst Wasser im Auto zu trinken. Im Stau kann dann auch mal Hunger dazu kommen und nun ja, der Kakao ist doch im Becher ganz sicher untergebracht… So geht das ne Weile gut mit nur wenigen Klecksen. Im Nordschwarzwald abseits der geraden Autobahn wird Nico aber wegen der vielen Kurven schlecht. Schnell noch der leere Kaffeebecher zum Auffangen nach hinten gereicht und schon sprudelt es hervor – retrograde Magenentleerung. Na super, das Auto ist eigeweiht. Wie war das noch mit dem nix essen und trinken im Auto? Naja, von Erbrechen hatten wir nichts gesagt…

Blick auf den Mummelsee

Im schönen Alpirsbach, unweit von Freudenstadt haben wir uns einquartiert. Das Hotel liegt oberhalb des Ortes an einem Hang, an dem sich ein schmaler Weg hochzieht. Es ist wunderbar idyllisch und für ausländische Besucher bestimmt typisch “schwarzwälderisch”. Leider gibt es hier sehr viele Raucher, der Nachbar raucht um halb fünf morgens die erste Zigarette auf dem Balkon. Ansonsten gefällt uns der Ort. Von hier aus machen wir unsere Tagesausflüge. Wir sind hungrig nach Natur und bekommen davon reichlich.

Wasserspiele in Freudenstadt

Zunächst erklimmen wir ein paar bekannte Berge nahe der “Schwarzwald Hochstrasse“. Das Wetter ist anfangs trübe, wir laufen durch Nebel, Regen und tief hängende Wolken. Wir freuen uns trotzdem über die Natur, die Luft.

In den nächsten Tagen kommt aber mehr die Sonne raus, wir haben Glück und können einen wunderbaren Spätsommer erleben.

Blick von Burg Husen auf Hausach im Kinzigtal

Stierkampf im Schwarzwald

Der Abreisetag beginnt mit einem Schrecken: Wir haben die Taschen gepackt und ich will das Auto nach oben fahren, um das Gepäck einzuladen. Auf dem schmalen Bergweg, auf dem auch Kinder spielen, kommt mir ein Kleintransporter entgegen gerast. Ob er die Bremse findet? Da ich nicht ausweichen kann, muss einer von uns rückwärts fahren. Da er aber so dicht aufgefahren ist, dass ich kaum sein Nummernschild sehen kann, bin ich es, der vorsichtig rückwärts fährt. Er bleibt aber genauso dicht an mir dran, als ob er mich runterschieben möchte. Als er in einer Haltebucht vorbeirasen möchte, hupe ich. Er springt raus und schreit mich an, was ich für ein Problem hätte, dann reisst er die Tür auf, kommt mit seinem bulligen Gesicht ins Auto und bedroht mich auf`s Übelste. “Ich breche Dir das Genick!”. Seine Augen sind aufgerissen, der Blick wie auf Droge oder psychotisch. Ich merke, wie hauchdünn seine Nerven sind, es fehlt nur ein Nanometer und dann rastet er aus! Im Bruchteil einer Sekunde schätze ich meine Chancen ein. Das läuft wie irgendwie programmiert, unbewußt ab, jenseits einer intellektuellen Ebene: Ich im Auto, er ein Bulle auf Adrenalin, mit dem Oberkörper in meinem Auto steckend – da habe ich keine guten Optionen. Also andere Strategie: ich entschuldige mich mehrmals, die Hände beschwichtigend erhoben, ihm zustimmend. De-Eskalation nennt man so etwas ja. Und zum Glück hat das funktioniert! Er haut noch einmal mit der Faust gegen das Auto und rast los. Puh, das war knapp.

Was hätte ich anders machen sollen? Diskutieren? Ihn darauf hinweisen, dass ich ihm nicht das “Du” angeboten habe? Oder vielleicht noch auf die Maskenpflicht und das Abstandsgebot aufmerksam machen? Bei der Nähe hätte ich glatt eine Zahnreinigung seines Raubtiergebisses durchführen können, allerdings hätte ich mir dann sicherlich auch eine Politur meiner Kauleiste eingefangen. Also alles richtig gemacht, ich habe keine Schramme und bis auf den Schreck nichts abbekommen. Allerdings merke ich mir das Kennzeichen. Zwar habe ich keine Zeugen, aber wenn Nico dabei gewesen wäre, hätte er den Schock seines Lebens bekommen.

Ehemaliges Benediktinerkloster Alpirsbach

Nach unserer Abreise aus dem Hotel fahren wir zur Polizeistation dieser Kleinststadt. “Montag bis Freitag von 9-12 und nachmittags… blablabla” lesen wir an der Tür. Und heute ist Samstag. Was für ein “ulkiger” Tag, wie lustig…. Also fahren wir nach Freudenstadt. Auch hier muss ich 20 min auf die Polizeibeamten warten, aber die waren immerhin auf Streife. Eine junge Polizistin und ihr ebenso junger Kollege nehmen meine Anzeige auf. Sie sind sehr nett und wirken kompetent. Sie zeigen mir Fotos von Personen, die auf meine Beschreibung passen und im Zusammenhang mit dem Fahrzeug stehen. Einer von denen könnte es sein. Sie dürfen zwar nichts sagen, aber lassen durchleuchten, dass dieser Mann der Polizei bereits bekannt ist. Nebenbei erwähnen sie, dass es hier in der Gegend sehr viele psychisch Kranke gibt… Na das beruhigt mich ja für den nächsten Urlaub hier…

Sicherlich wird die Anzeige im Sand verlaufen, aber wichtig war mir der Hinweis, dass dort auch kleine Kinder leben und spielen, die nicht verletzt (oder gar oder getötet) werden sollen durch so einen Verrückten.

Trotz dieses Erlebnisses war es eine wunderbare Woche in einer wunderschönen Region!

Wieso heißt der Wald noch mal Schwarzwald…?

Es werden demnächst noch ein paar Bilder folgen, freut Euch drauf!

Die Mutante Mensch

Das nächste Auto wird ein U-Boot! Jupp, das wärs wirklich: Corona kommt und man taucht einfach ab. Man macht sich aus dem Staub und hat mit dem Mist nichts zu tun. Eine Angel sollte man schon mitnehmen, falls das Proviant ausgeht. Und ne kleine Meerwasser-Entsalzungsanlage an Bord wäre auch nicht schlecht. Also: das nächtste Auto wird ein U-Boot mit Anhänger!

Oder man läßt sich auf den Mond schiessen – im wahrsten Sinne des Wortes. Während die Seuche auf dem Planeten grassiert, sitzt man wortwörtlich “kontaktbeschränkt” und mit einem Vielfachen des Mindestabstands da oben und guckt runter.

Na gut, das wäre auch keine Option für mich. Dann lieber auf der Erde, am besten in der Wüste…. (natürlich in der Wüste, wo denn sonst 😉

Jetzt bloß nicht schlapp machen!

Jetzt haben wir schon fast Ende Februar und die Tage werden schon wieder etwas länger. Klar: Normalität ist noch lange nicht in Sicht, aber ich sehe es mal so: von der dunklen kalten Jahreszeit (ich rechne Oktober-März) haben wir bereits 2/3 geschafft!

Mutationen und das Impfstoff-Debakel sind zwar Dämpfer, allerdings muss man auch mal etwas feststellen: bei allen Mängeln wurde von den Verantwortlichen aber auch gute Arbeit geleistet und viele richtige Entscheidungen getroffen. Bei einem Land mit “roundabout ” 83 Mio Einwohnern mit fast ebenso vielen Meinungen und vor allem selbsternannten “Experten” eine Leistung. Und: die meisten Menschen halten sich an die Vorgaben, Querdenker hin oder her. Es gab keine Ausschreitungen wie in den Niederlanden. Auch das muss man wertschätzen. Jetzt bloß nicht schwach werden und nachlassen. Das gilt für uns, wie auch für die Entscheidungsträger. Und von denen wünsche ich mir mehr Pragmatismus und weniger Wahlkampf!

“Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt!” – im Rahmen der Möglichkeiten

Wir persönlich merken, dass wir uns erstaunlich gut inzwischen an die Situation gewöhnt haben. Man “baut sein Leben um“. Kein Geldausgeben im Cafe, mehr Spaziergänge und mehr Internet. Letzteres schein inzwischen die Lebensader zu sein. Nicht nur Homeschooling oder Homeoffice sind von davon abhängig, auch die Freizeitgestaltung ist es in größerem Maße. Fernsehen schauen wir nicht mehr live. Dafür gibts mehr Youtube und Filme aus der Mediathek verschiedener Sender. Bei guten Filmen kann man träumen, zum Beispiel vom U-Boot als Flucht vor Corona oder Raumschiffen.

Nicht aus der Kurve fliegen!

Aber das reicht natürlich nicht, irgendwann bekommt jeder mal einen “Koller“, das ist ganz normal. Aber was ist normal? In diesen Zeiten ändern sich die Maßstäbe. Kriege, Katastrophen, Krisen, der Mensch hat sich immer wieder angepasst, sich sozusagen neu erfunden. Das wird er auch dieses Mal tun. Die Klimakrise, das Virus. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Natur wehrt sich gegen das zerstörerische Wesen Mensch. Ein Virus reicht nicht, es werden mehr folgen. Wir wissen, dass die Erderwärmung zu einer gesundheitlichen Gefahr wird, auch für den Menschen. Nicht nur die direkte Hitze, sondern auch Ernteausfälle und nicht zuletzt Erkrankungen, die man eher in südlicheren Ländern erwarten würde: Das Krim-Kongo-Fieber, das durch eine neue Zeckenart übertragen wird und das West-Nil-Virus fallen mir da gerade ein.

Keine Mutation, sondern ein Spass des Autors zum Rosenmontag (mit künstlichem Bart)

Jetzt also SARS-CoV-2 und seine Mutanten. Dabei scheint der Mensch doch eigentlich die gefährlichste Mutante zu sein. Mit seiner zerstörerischen Kraft ist er für Mutter Natur inzwischen eher eine Fehlentwicklung als die “Krone der Schöpfung“. Kriegen wir die Kurve? Das mag sich so mancher fragen, ich auch. Aber ich sehe schon, wie der Mensch ganz besessen ist, alles erdenkliche in Gang zu setzen, um seinen Lebenstil so fortsetzen zu können, anstatt die Weichen neu zu stellen. Wir werden eher noch größere Klimaanlagen bauen, um uns zu kühlen, anstatt weniger CO2 zu emittieren. Dabei bin ich mir noch nicht einmal sicher, wer wirklich den größten Ausstoß verursacht. Wie dem auch sei, ich gebe schon mal eine Prognose ab: derjenige Wirtschaftszweig, der am meisten Geld bringt, wird sicherlich von Restriktionen am meisten ausgespart werden, auch wenn er viel emittiert. Dem Wirtschafts- bzw. Industrielobbyisten sei “gedankt”.

Nur weg hier – Auszeit vom Virus

Urlaub mit Vorsicht, aber nicht weniger schön und aufregend. Gerade jetzt, wo Urlaub Sinnbild für die Illusion des Unbeschwerten ist..

Ihr kennt das bestimmt: der Urlaub ist gerade mal ein paar Tage her und man fühlt sich schon wieder so wie vor dem Urlaub: ausgelutscht, die Tränensäcke schlagen bei jedem Schritt gegen die Knie, das Bett ist wie ein riesiger Magnet…

Nun gut, immerhin habe ich gut 2 Monate durchgehalten, aber der Winter graust mir. Die Menschen sind gereizter, fordernder, egoistischer. Jetzt in der immer noch andauernden und sich sicherlich wieder verschärfenden Krise, zeigen sich die Gräben stärker, die durch die Gesellschaft führen. Aber eigentlich haben wir (bisher) sooo viel Glück gehabt in Deutschland mit Corona. Vielleicht meckern die Leute einfach zu viel, sodaß der Virus (oder das Virus) einfach keine Lust hat hier zu bleiben… Das wäre das erste Mal in der Geschichte , dass Meckern helfen würde. – Sicherlich eine Illusion, der sich Viele hingeben…

Das Frühjahr hat uns geschlaucht, die Arbeit mit den Masken (insbesondere FFP2-Masken) ermüdet die Menschen. Es gibt sogar eine Studie dazu, die in Leipzig durchgeführt wurde (Der Allgemeinarzt, 25.10.2020) Wenigstens hatten wir eine Sommerpause zum Auftanken.

Eigentlich hatten wir wieder in die Wüste gewollt, dann wegen familiärer Gründe nach Russland gemusst, aber Corona und die Einschränkungen haben alle Pläne durchkreuzt. Also entschieden wir uns in Europa zu bleiben. Frankreich sollte es dieses Mal sein: Sommer, Sonne, Strand. Bloss nicht zu kalt, da wir wegen Corona lieber campen wollten.

Ab in die Sonne

Es ist Freitag, 31.07.2020. Etwa 1400 km liegen vor uns. Da wir nicht wissen, ob es vielleicht doch noch Verzögerungen an den Grenzen gibt, fahren wir bereits am Freitag nachmittag nach der Arbeit los. Über die verrückte deutsche Autobahn gehts nach Karlsruhe, wo wir in einem kleinen Hotel übernachten. Personal gibt es keines mehr, als wir gegen 22 Uhr dort ankommen. Im Eingangsbereich ein kleiner Safe, der nach Eingabe einer Nummer ein Schlüsseltableau freigibt. Wir nehmen unseren Schlüssel und lassen uns ins Bett fallen. Nico ist da schon längst im Reich der Träume.

Verschachtelte Autobahnen – typisch in der dicht besiedelten Schweiz

Nach einem kleinen Frühstück geht es weiter nach Süden, an Freiburg vorbei Richtung Schweiz. Die Autos rasen, die Sonne lacht. Nur kurz werden wir an der Schweizer Grenze aufgehalten, dann durchgewunken. Weiter geht es an Bern vorbei nach Genf. Das Passieren der Grenze nach Frankreich merken wir kaum und schon befinden wir uns in den Französischen Alpen. Nach einer ruhigen Fahrt kommen wir in Grenoble an. Die erste französische Großstadt auf unserer Reise. Man merkt, dass man in Frankreich ist: viele Motorroller, verwirrende Strassenzüge, gelockerte Stimmung trotz Corona. Sonne, ein warmer Wind – und noch geschlossenen Restaurants.

Zwischen Genf und Grenoble

Die machen erst später auf, am Abend, um mit saftigen Preisen die Gäste zu empfangen. Mit etwa 160.000 Einwohnern ist die Stadt etwa so groß wie Osnabrück. Durch das Zentrum fließt die Isère, in der näheren Umgebung Ausläufer der französischen Alpen, deren Gipfel hier bis 3000 m in die Höhe ragen. Grenoble hat viele schöne Orte und hat sich auch als Universitätsstadt einen Namen gemacht. Es ist die drittgrößte des Landes und ein bekannter deutscher Student verbrachte hier eine Zeit seines Lebens: Richard von Weizsäcker.

Blick uf die Isère nach Osten

Das kleine Hotel befindet sich eingequetscht zwischen anderen gesichtslosen Häusern in einer kleinen Nebenstrasse im sonst ganz hübschen Stadtzentrum, Das Zimmer ist dunkel und klein. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Ein kleiner Möchtegern-Balkon ist mit schweren Türen verschlossen, die sich nur mit etwas Mühe öffnen lassen. Man kann nur einen Fuß auf den Balkon setzen. Unten die Gasse mit den Autos. Gegenüber eine Häuserzeile mit größeren Balkons. Ein Mann mit nacktem Oberkörper raucht genüßlich eine Zigarette, während er in einer Zeitung liest. So stellt man sich “Frongreisch” vor. Auf dem Balkon daneben eine Miezekatze, die die letzten warmen Sonnenstrahlen genießt. Der Blick nach links zeigt den Mont Jalla mit dem Fort, nach rechts verläuft sich die Gasse in den Winkeln des Viertels. Ein Spaziergang zeigt eine Mischung aus schönen alten Häusern und glanzlosen Neubauten. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt stark bombardiert, da sie von der Wehrmacht besetzt war.

Hübsche Strassenzüge in Grenoble

Leider haben wir viel zu wenig Zeit und die Kräfte sind erschöpft, sodass wir schnell schlafen gehen. Am nächsten Morgen verzichten wir auf das Frühstück: im winzig kleinen Frühstücksraum sitzen die anderen Gäste dicht gedrängt nebeneinander. Immerhin können wir uns etwas mitnehmen.

Auf Napoléons Spuren

Wir fahren einen Abschnitt der Route Napoleon nach Süden. Die offiziell Route Nationale 85 (RN 85) genannte Strasse entspricht der Strecke, die Napoleon 1815 abschritt. Von Cannes kommend, passierte er Grenoble, um in Paris wieder die Mach an sich zu reißen. Während er seine Männer innerhalb von 7 Tagen die fast 400 km nach Norden hetzte, tuckern wir gemütlich nach Süden. Und das auf einer entspannten Autobahn. Bereits in der Schweiz haben wir etwas weniger LKW gesehen, hier in Frankreich sehen wir auf 400 km nur ganze 2 Stück!!! Wunderbar!! Es geht doch auch ohne!!!

Im Zentrum von Gap

Dafür müssen z.T. saftige Preise an den Mautstellen bezahlt werden. Wir sind zunächst etwas verwirrt, da man mal mit Karte, mal mit Münzen bezahlen kann oder muss. Wie eine große Hand mit 5-7 Spuren fächert sich die Strasse auf. Auf jeder Spur eine Schranke mit Automat. Dahinter geben erst einmal alle Gas, aber insgesamt fahren auch hier nur die Deutschen zu schnell… Die Besiedelung ist dünn, Großstädte fehlen hier im Südosten. Erst im Großraum Aix-en-Provence und Marseille wird es wieder voller. Sehr voll, besonders Marseille. Hier herrscht dichter Verkehr, die Motorroller und Motorräder schlängeln sich in typisch gefährlicher Manier zwischen den Autos durch, z.T. mit halsbrecherischer Geschwindigkeit. Wenn jetzt einer dieser Mopedfahrer einen Millimeter zu nah an uns wäre, würde es Klatsch machen, ohne dass ich eine Chance hätte zu bremsen. Es geht aber alles gut.

Six-Four-les-Plages

So heißt das Städtchen, in dem unser Campingplatz liegt. Etwa 33.000 Einwohner hat die Gemeinde die direkt m Meer liegt und sich mit der etwas größeren Stadt La-Seyne-sur-Mer eine Landzunge bzw. Halbinsel teilt.

Wir fahren im dichten Verkehr durch die Strassen der Stadt. Ein ständig knarrend-surrendes Geräusch irritiert mich. Ich öffne das Fenster und höre es lauter. Ist das etwa unser Auto? Der Keilriemen? Der wurde doch erst gewechselt. im Spiegel sehe ich einen alten Mercedes Kastenwagen. Der wird es sicher sein. Der Wagen biegt ab, das Geräusch bleibt. Es muss unser Auto sein. Noch auf dem Weg zum Campingplatz grübel ich über das Geräusch nach. Was kann das sein….?

Erst als wir angekommen sind und der Motor aus ist lüftet sich das Geheimnis: zirpende Grillen! Davon gibt es hier so viele, dass ihr Konzert unüberhörbar ist! Ich kann sie zwar nur schwer entdecken, aber ich bin erleichtert, dass nicht das Auto kaputt ist.

Garten statt “Rammelplatz”

Unser Campingplatz heißt “Au jardin de la Ferme”. Er wird von einem etwas älteren Ehepaar auf dem Gelände einer alten Farm betrieben. Obstbäume, kleine Chalets und ein wunderbargemütlicher Abschnitt für Zeilte und Wohnwagen unter Pinien- und anderen Bäumen prägen das Gelände. Alles wirkt sehr familiär und ruhig, nicht wie diese typische großen “Rammelplätze“, wo Wagen an Wagen steht. Wir bauen unser Zelt auf und Nico kippelt vergnügt in seinem kleinen Campingstuhl. Trotz der Müdigkeit machen wir uns auf zum Meer: nur 400 m liegen zwischen uns dem ersehnten Naß.

Au jardin de la Ferme

Die nächsten Tage erkunden wir die Umgebung. Marseille interessiert uns, aber die Stadt ist voll. Ein paar Tage später werden Teile der Stadt als Risikogebiet bereits wieder ausgewiesen. Das stört uns aber kaum, da wir jetzt mehr Natur erleben wollen. Der Strand ist gut besucht, aber wir weichen auf einen Abschnitt mit Kies aus. Hier wollen nicht so viele hin. Der Sonnenschirm wird in den Boden gerammt, Nico mit UV-dichtem Badesachen ausgerüstet und ab gehts ins Meer – oder auch nicht. Das Meer ist kalt….Trotzdem wird geplantscht, Kies aufgeschüttet, mit Wasser gespritzt. Nico ist in seinem Element.

Wer gedacht hätte, wir hätten einen typischen Strandurlaub gemacht, der hat sich geirrt. Gleich am 3 Tag machen wir eine Wanderung. Frankreich verfügt über ausgezeichnete topografische Karten bzw. Wanderkarten. Zusätzlich findet sich im Internet das Kartenmaterial frei zugänglich, interaktiv mit Wanderrouten (www.geoportail.gouv.fr). Für jeden Frankreich-Urlaub unentbehrlch!

Im Bereich Ollioules/Evenos möchten wir wandern gehen. Dazu müssen wir ca. 10-15 km nach Norden fahren. Eigentlich ein Katzensprung. Da das Land hier aber endlos zersiedelt und alle 200 m ein Kreisverkehr ist, brauchen wir fast 1 Stunde! Auch das ist Frankreich. Wir stellen das Auto im Schatten eines Baumes ab. In den kommenden Stunden machen wir einen “Spaziergang” über fast 10 km. Nico läuft davon immerhin 7 alleine! Den Rest tragen wir ihn abwechselnd. Trotz der Hitze und Anstrengung ein unvergesslicher Tag!

Das Fort Gros Cerveau Ollioules

Die Calanques – Fjorde des Mittelmeeres

Früh sind wir aufgebrochen an diesem Tag. Wir fahre Richtung Westen nach Marseille und anschliessend nach Süden zur Küste zum Massif des Calanques. Das felsige wilde Gebirgsmassiv beginnt direkt am Stadtrand von Marseille.

Des Calanques

Die enge Strassse endet an einem Parkplatz, auf dem noch nicht viel los ist. Wir stiefeln los, ausgestattet mit Wasser und Essen. Das Frühstück wird auf halben Wege eingenommen, irgendwann wird der Weg dann aber zu steil. Während wir aufpassen müssen, nicht zu fallen, hampelt Nico lustig vor sich hin. Er will nicht aufhören und schließlich ist es uns zu bunt: wir müssen unsere Streckenplanung anpassen. Das macht aber nichts, angesichts der schönen Aussicht, die wir auf einem Berggipfel genießen können: auf der einen Seite die Stadt Marseille, auf der anderen die steil ins Meer abfallenden Felsen, die wie lange Finger hinauf ins Meer reichen. Wenn es nicht so sonnig und warm wäre, könnte man meinen in Norwegen zu stehen. Ursprünglich handelt es sich um Täler, die vor ein paar Millionen entstanden und dann durch den ansteigenden Meerespiegel geflutet wurden.

Wir wandern weiter, der Weg ist schmal und steil. Wir passieren eine Gruppe junger Leute, die bei Bier und Zigaretten entspannen. Dabei besteht in dieser Region die höchste Waldbrandstufe. 40 km weiter westlich von Marseille stehen riesige Flächen in Brand. Hier gibt es immer wieder riesige verheerende Waldbrände, die oft von massiven Regenfällen gefolgt werden. Angefacht werden die Brände vom Mistral, einem sehr trockenen Wind, der das Rhonetal heruntersaust Richtung Mittelmeer. Woher wir das wissen? Nun ja, einen Brand haben wir zum Glück nicht gesehen, aber sämtliche Folgen einer Serie über die Feuerwehr hier in Südfrankreich mussten wir uns reinziehen – auf Wunsch eines einzelnen Herrn (und der bin nicht ich…). Die Serie lief in der Mediathek des ZDF.

Noch eine Biegung und wie können in der Ferne einen türkisen Fleck ausmachen: Die Buchten der Calanques. Boote dümpeln hier, ein paar Yachten und Leute schwimmen im Wasser. Wunderschön!

Les Calanques

Am Abend fahren wir in der untergehenden Sonne am Meer entlang von Cassis nach La Ciotat. Es ist eine atemberaubende und wunderschöne Strecke. Die Strasse windet sich teilweise auf den Bergrücken, manchmal direkt auf dem Grat entlang, zur einen Seite ist der relativ sanfte Hang mit Bäume gesäumt, zur anderen Seite treffen die Felsen fast senkrecht auf das Wasser. Wohlbemerkt geht es gaaaanz weit runter.

Zwischen Cassis und La Ciotat

Antoines Verschwinden

Der Blick schweift wieder in die Ferne. Dort hinten, über dem offenen Meer irgendwo, verschwand Antoine de Saint-Exupery, der Autor des weltbekannten Textes “Der kleine Prinz” am 31. Juli 1944 mit seinem Aufklärungsflugzeug. Von Korsika kommend war er auf dem Weg nach Grenoble, wo er jedoch nie ankam. Ob seine Maschine abgeschossen wurde, ein technischer Defekt die Ursache war, oder gar ein Suizid des depressiven Autors, ist nicht endgültig geklärt. Lange war unklar, wo das Flugzeug abgeblieben war, bis ein Fischer 1998 das Armband Saint-Exuperys im Netz hatte. Zwei Jahre später schließlich wurden die ersten Teile der Lockheed F-5 gefunden, und 2003 schließlich geborgen.

Grand Canyon in Frankreich?

150 km liegen zwischen unserer “Plansch-Residenz” und einer der tiefsten Schluchten: Die Schlucht von Verdon. Nicht zu verwechseln mit der Schlacht von Verdun! Je nachdem, welche Quelle man heranzieht, gehört dieser Canyon mit ewa 700 m Tiefe zu den Top 5 oder sogar Top 3 der tiefsten Schluchte in Europa. Die Tiefe der Tara-Schlucht in Montenegro wird gar mit 1300 Metern angegeben! Der Verdon-Fluß ist hier 21 km lang und mündet in einen großen Stausee, dem Lac de Sante Croix. Dieses Naturgebiet lockt vor allem im Sommer Unmengen von Besuchern an. Kein Wunder, immerhin kann man in dieser atemberaubenden Landschaft viel unternehmen: Wandern, Klettern an steilen Felswänden, sich mit Flugdrachen hinabstürzen oder sich in den eiskalten Fluten halbrecherisch flußabwärts treiben lassen.

Schlucht von Verdon

An einer wunderbaren Stelle folgen wir den Menschenmassen und steigen hinab zum Ufer des Flusses. Das Wasser ist kalt, mehere Gruppen von abenteuerlustigen, zumeist jungen Leuten, werden von ihren Guides instruiert, um anschliessend mit Helm und Neoprenanzügen die Schlucht rücklings bis zum Stausee zu erkunden.

Uns sind das eideutig zu viele Menschen hier, aber nicht wegen Corona, sondern der Natur und dem Erlebnis wegen. Die Fahrt entlang des Flusses ist abenteuerlich. Die Strasse schlängelt sich zeitweilig schwindelerregend an an den Felsen entlang. Er bieten sich immer wieder atemberaubende Ausblicke.

In der Tiefe des Canyons

“Lui Kartors*” und deutsche Exilanten

*Ludwig der XIV, auf französisch Louis quatorze 😉

Die Tage vergehen wie im Flug. Das Wetter ist super, fast schon manchmal zu heiß, selbst für mich. Dafür ist das Meer fantastisch. Vor der bevorstehenden Rückreise verabschieden wir uns mit einem Besuch auf dem Hausberg von Toulon, der Hauptstadt des Departement Var. Hier oben hat man einen wunderbaren Ausblick auf die 170.000 Einwohnerstadt mit ihrem riesigen Marinehafen. Hier ist der Heimathafen der französischen Mittelmeerflotte. In der Ferne kann man die Umrisse eines Flugzeugträgers und dreier U-Boote erkennen.

Schon vor etwa 500 Jahren gab es hier einen Militärhafen, der unter Ludwig dem XIV ausgebaut wurde. Die Flotte eroberte von hier aus das Mittelmeer (u.a. mit der sogenannten Schwarzmeerflotte) und ließ sich selbst auch dreimal versenken bzw. versenkte sich selber, zuletzt 1942 um sich den deutschen Besatzern zu entziehen .

Toulon mit seinem Militärhafen vom Mont Faron aus gesehen

Während eine Fähre in die Bucht steuert, flackern in der Dämmerung die ersten Lichter der Stadt auf. Unweit vom Hafen erstreckt sich westlich unseres Campingortes die Gemeinde Sanary-sur-mer. Hier, malerisch gelegen und vom besten Wetter gesegnet, befand sich über Jahre die Exilheimat vieler deutschsprachiger Künstler und Dichter, die vor den Nazionalsozialisten flüchteten. Unter ihnen keine Geringeren als Heinrich und Thomas Mann, Arnold Zweig, Bertholt Brecht und Lion Feuchtwanger, um nur wenige zu nennen.

Mahnmal auf dem Mont Faron bei Toulon

Die Deutsche Gemeinde hatte nicht nur vor den eigenen Wehrmachtstruppen und NS-Schergen Repressalien zu erwarten, sondern später auch von den Franzosen selbst: Ihnen wurde nicht getraut und viele zumindest für einige Zeit sogar interniert. Von den Greuel des Zweiten Weltkriegs zeugt heute ein Mahnmal mit Museum und einem amerikanischen Panzer und wenigem anderen Kriesgerät. Doch die Natur samt eines Zoos sprechen uns mehr an. Wir belassen es allerdings bei einem ausgedehnten Spaziergang im unendlich trockenen Wald.

Wundebarer Wald – höchste Waldbrandstufe

Irgendwann ist die Zeit dann aber wirklich rum und wir müssen uns entscheiden, wie wir die restlichen Tage verbringen wollen – und vor allem wo. Vielleicht bei meinem alten Kollegen Steffen (aus Bahrain) vorbeischauen in der Schweiz? Naja, ist etwas kurzfristig. Ausserdem wollen wir eine andere Route fahren, als auf dem Hinweg. Wir entscheiden uns für ein paar Tage im Tessin. Wir reservieren einen Campingplatz im südlichen Teil des Kantons, nicht weit von Lugano entfernt.

Die Bilder der Corona-Krise in Italien ist immer noch in unseren Köpfen, daher beschliessen wir, durch Italien (leider) nur durchzufahren. Zuletzt tanken wir hinter Nizza, die erste und einzige Pipi-Pause machen wir in einem Waldstück abseits der Autobahn nahe Genua. Bloß keinem Menschen begegnen. Weiter geht es durch die Po-Ebene und wir kreuzen den Fluss Ticino, der dem italienischsprachigen schweizer Kanton den Namen gibt: Tessin, italienisch Ticino. Schon haben wir Mailand passiert und mit Como sind wir auch schon in den Alpen wieder angekommen. Ein paar Kilometer weiter sind wir schon in Chiasso, der ersten schweizerischen Stadt.

Unser Campingplatz liegt auf einem Berg nahe der Ortschaft Meride. Die sogenannten “Facilities” sind ausgezeichnet: nicht nur Sanitäranlagen, sondern auch Kühl- und Gefrierschrank, Mikrowelle,… Nur das Zelt oder das Campingmobil muss man selber mitbringen.

Camping Meride, Tessin

Wir stellen das Zelt auf, essen und lassen den Abend ausklingen. Gegen 5 Uhr werden wir unsanft geweckt: Donnerschlag gang in der Nähe. Es blitzt. Wir sind hellwach. Da wir sehr großen Respekt vor Gewitter im Freien haben und dazu noch auf einem Berg sind, wollen wir nicht auf den Blitzeinschlag warten. Schnell gehts rein in die Buchsen und wir stürmen zum Auto nach unten. Kaum angekommen, setzt ein massiver Regen ein, Blitze, Donner. Wir machen es uns im Auto bequem und versuchen noch etwas zu schlafen. Gegen 7 Uhr etwa, ist der Spuk vorbei.

Beene hoch und abwarten

In der zweiten Nacht passiert genau das gleiche. Wiede stürmen wir wie die Kranken nach unten ins Auto. Wohlbemerkt: wir sind die einzigen! Alle anderen schnarchen weiter vor sich hin. Sind wir jetzt die Verrückten? Wir bekommen langsam Zweifel. Eine kurze Recherche im Internet ergibt: Wir machen es richtig! Das Zelt ist kein Schutz, das befindet auch der Verband Deutscher Elektrotechniker.

Ich habe dazugelernt: am Abend des dritten Tages will ich dem Schlafen im Sitzen zuvorkommen und bereite das Auto vor. Ein paar Sachen umgepackt, die Rücklehne umgeklappt, die Vordersitze maximal nach vorne geschoben und fertig! Ich staune über unser Auto: 2 Erwachsene und ein kleines Kind können mit ausgestreckten Beinen im Auto liegen, ohne die Karosserie zu berühren! Das hätte ich nicht gedacht! Jetzt kann das nächste Gewitter kommen! Doch dieses Mal bleibt es aus! Froh bin ich trotzdem, immerhin brauchen wir nicht im Dunkeln durch die Gegend zu latschen.

Lugano

In den folgenden Tagen erkunden wir Lugano und Locarno. Wunderschöne Städte, die immer wieder die unterschiedlichsten Menschen anzogen: Franz Kafka, Richard Strauss, Hardy Krüger, Caterina Valente lebten zumindest zeitweilig in Lugano. Die Schwesterstadt Locarno am Lago Maggiore beheimatete u.a. Karl Bleibtreu, Kleists Bettelweib (von Locarno) und der in Osnabrück geborene Erich Maria Remarque, um nur wenige zu nennen. Durch die Lage an der Südseite der Alpen muten Klima und Vegetation mediterran an, sogar Palmen säumen hier die Strassen. Im Hintergrund die schneebedeckten Walliser und Berner Alpen.

Mit der Zahnradbahn auf den Monte Bré

Über Lugano trohnt der Monte Bré, 900 m etwa über dem Meeresspiegel. Eine Zahnradbahn bringt uns hinauf. Nico freut sich über die aufregende Zugfahrt von etwa 15 min. Unser Portemonaie auch: schlappe 50 Eier kosten 15 min rauf und runter für 2 Erwachsene! Aber was solls, das Gewitter verzieht sich gerade und mit den wärmenden Sonnenstrahlen geben die Wolken den Blick frei auf den Luganer See. Ein Wahnsinns-Ausblick!

Ausblick auf den Luganer See

Weder Römer noch Lilliputaner

Nördlich von Locarno liegt das Verzasca-Tal, durch das der gleichnamige Fluß fliesst. Das Flussbett ist eng und die Strömung mitunter schnell. Aber es gibt eine bekannte Brücke, die Ponte dei Salti. Zwar wird sie fälschlicherweise als Römerbrücke bezeichnet, aber sie wurde erst im 17. Jahrhundert als Steinbrücke erbaut. Sicherlich gibt es höhere und spektakulärere Brücken. Genau genommen ist sie sehr klein, aber unter ihr hat der Fluß eine Schneise in die Felsen geschliffen. Sie ist nur so breit, dass zwei Leute nebeneinander laufen können. Zudem ist die seitliche Begrenzung noch nicht einmal hüfthoch. Weder Lilliputaner noch schwäbische Sparsamkeit waren ein Grund dafür, sondern Esel: die Arbeitstiere waren zu beiden Seiten mit Säcken bepackt und waren damit deutlich breiter als das Tier selber. Damit es aber trotzdem durchpasste, wurde die Mauer eben niedrig gehalten und die Säcke konnten darüber schweben.

Die “Römerbrücke” Ponte dei Salti

“Ich will noch ein bisschen Idioten gucken!”

Heutzutage sind die Besucher auch wie die Esel: massenweise latschen sie über die Brücke, die kleinen Parkplätze entlang des Tals hoffnungslos überfüllt. Und: ein Leute springen in die Fluten. Sogar Kinder sind dabei. Ist das hier legal so? Wir nehmen etwas Abstand, aber Nico ist fasziniert. Nicht etwa, dass er das auch machen möchte. Olga erklärt ihm die Situation und dass das ganz und gar nicht ungefährlich ist – idiotisch um es einfach zu sagen. Und dann, als wir gehen wollen sagt er doch glatt: “Mama, ich will noch ein bisschen Idioten gucken”. Zum Glück sagt er es auf Russisch 😉

Im Verzasca-Tal

Abstecher nach Italien

Wusstet Ihr, dass Italien von der Schweiz umgeben ist? Naja, zumindest ein kleines Bisschen: Unweit von Lugano, mitten in der Schweiz, liegt Campione, eine italienische Exklave. Sie ist nur 2,6 Quadratkilometer groß und die Häuser stapeln sich am Berghang. Die schönen Grundstücke reichen bis an das Ufer des Luganer Sees. Ursprünglich war es von einem langobardischen Herrscher dem Kloster Sant’Ambrogio in Mailand vermacht worden. Anschliessend gab es immer wieder ein paar Streitigkeiten, aber sowohl Napoleon Bonaparte wie auch die Verhandlungen des Wiener Kongresses standen dem kleinen Landzipfel eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber der Eidgenossen zu, bis es im 19. Jahrhundert Teil des Königreiches Italien wurde. Mussolini gab der Siedlung noch den Zusatz ” d’Italia”.

Torbogen von Campione, links im Hintergrund Lugano

Erst ab diesem Jahr (2020) ist es Teil der Europäischen Zollunion. Nicht etwa, dass es viel zu exportieren gäbe: der einzige Wirtschaftszweig war ein Casino, dass aber inzwischen pleite ist. Es stammt aus der Zeit des Erste Weltkriegs. Durch die (bisherigen) Steuervergünstigungen oder -freiheiten, hatten sich auch andere Europäer hier angesiedelt, u.a. Prominente wie Mario Adorf. Übrigens: ein Teil Deutschlands ist ebenso von der Schweiz umgeben: Büsingen am Hochrhein, nahe Schaffhausen.

Dahinter und doch daneben

Die Tage vergehen und irgendwann ist der Tag der Abreise gekommen. Unser nächstes Ziel heisst Würzburg. Die Fahrt geht über den San Bernardino. Bevor es durch zahlreiche Tunnel geht, machen wir noch einmal eine kurze Pause. An einem Rastplatz vertreten wir uns die Füße, nehmen die gepflegten Sanitäranlagen in Anspruch und geniessen den Ausblick hinter dem Gebäude.

Ein Kleinbus mit deutschem Kennzeichen kommt an und drei junge Leute steigen aus. Die Männer eilen schnellen Schrittes hinter das WC – und fangen an, an den Zaun zu pinkel. Genau in dem Moment will ich mein Foto machen. Hä? Was? Hab ich was nicht verstanden? Da steht eine saubere kostenlose (!) Toilette und die Jungs pinkeln dahinter?

Auf dem Weg zum San Bernardino

Na das ist ja ne Glanzleistung, hinter die Toilette zu pinkeln! Die steht doch hier!“, rufe den Jungs freundlich zu. Leichtes Gelächter, sie sind gut drauf. Während sie anfangen, Ihre “Geräte” wieder zu verstauen, versuche ich es anders: “Desch isch koa guate Sach, wenn d’Schwietzer Pulizei kommt, dan ziehts Eich die Schwänzli long un machts a Knötli nei!” (Das ist keine gute Sache, wenn die Schweizer Polizei kommt, dann ziehen die Euch den … lang und machen einen Knoten rein) versuche ich es auf gefälschtem Schwizerdütsch. “Ach die sind eh zu klein” antwortet der Eine. Eine so ehrliche Antwort hatte ich nicht erwartet. “Die habens abrr a Pinzettli dabi!” (Die haben auch eine Pinzette dabei) rufe ich amusiert, während die Jungens hektisch werden und schnell wieder abfahren. Was für ein Spaß! Odrrr nööööt…?

Blick von der Festung Marienberg auf den Main und Würzburg

Am Nachmittg kommen wir in Würzburg an. Zwei Nächte campen wir gemeinsam mit Verena, unserer guten Freundin aus Bahrain. Yousha, ihr Sohn ist auch dabei. Nico hat sich schon lange auf ihn gefreut und die beiden verstehen sich sofort wieder prächtig. Wir verbringen wunderbare Stunden, erkunden die schöne Stadt Würzburg decken uns ein: sie hat sich als Aromatherapeutin fortgebildet und beschäftigt sich mit Ölen. Öle sind ja bekannt für heilende Wirkungen auf den Körper.

Eines der Öle, die man auch über einen Diffusor verdampfen lassen kann.

Nico wurde am letzten Tag in Würzburg von einer Wespe direkt ins Gesicht gestochen. Dank des Öles konnten Schmerz und Schwellung schnell in Schach gehalten werden. Da war ich echt beeindruckt! Aber auch auf die Psyche üben die Öle ihre Wirkung aus: Da sie über unseren Riechkolben direkt ins Hirnli gehen, können sie binnen Sekunden Emotionen auslösen und beeinflussen. Wir informieren und versorgen uns für die nächsten Monate. Der Winter wird hart werden und nichts ist besser, als wenn man zu Hause in solchen Zeiten für eine angenehme Athmosphäre sorgen kann…

Wer mehr erfahren möchte kann hier gerne mal reinschauen: Verenas Seite bei Instagram.

https://www.instagram.com/oelsandco/

Der Tag unserer Heimreise ist gekommen, aber so weit ist es jetzt auch wieder nicht. Pünktlich 10 km vor Osnabrück passiert das, was es immer in Osnabrück gibt: es regnet… *

(*Osnabrück gehört zu den regenreichsten Städten Deutschlands)

Tachostand am Ende der Reise. Der Verbrauch lässt sich sehen
Unsere Reiseroute im Überblick (GoogleMaps)

Ein wunderschöner Urlaub in einer anstrengenden Zeit ist zu Ende. Dass Urlaub immer zu kurz ist, versteht sich von selbst, aber vielleicht reicht ja die getankte Wärme und Sonne, um uns die nächsten Monate gut zu überstehen. Bleibt alle gesund!

“Und es fängt schon wieder an…”

Das, was hier so nach dem Lied von Andrea Berg klingt (nicht meine Musik übrigens), ist in Wirklichkeit auf die neue Corona-Welle bezogen.

Eigentlich wollte ich ja unsere Sommerreise nach “Frongreisch” (Frankreich) beschreiben, aber die kommt demnächst. Jetzt brennt mir etwas anderes auf der Seele.

Es geht wirkich schon wieder los! Nicht nur die Zahlen gehen in die Höhe, sondern auch die Menschen drehen schon wieder vermehrt am Rad. Der Egoismus entfaltet sich.

Neuestes Beispiel: die Grippeimpfungen. Nachdem wir sie jahrelang wie sauer Bier angepriesen und die Menschen bekniet haben, sich impfen zu lassen, rennen sie uns jetzt die Bude ein. Los ging es zunächst langsam 2017/2018 , als die schwere Grippewelle mit ca. 20.000 Toten über das Land gefegt war.

Und jetzt wurde weltmeisterlich für die Impfungen geworben – aber nicht weltmeisterlich produziert. Es gibt wieder zu wenige Impfungen, obwohl unser Gesundheitsminister sich selber medienwirksam impfen ließ. Generell eine gute Idee, vor allem wenn man neben Corona nicht auch noch eine Infektion mit dem Influenza-Virus bekommen möchte, vor allem, wenn man Vorerkrankungen hat (Bluthochdruck, Diabetes, Krebserkrankungen usw.).

Also belagern die Menschen die Praxis (bestimmt nicht nur unsere) und wollen geimpft werden. Da es nicht genügend Impfdosen gibt, können erst einmal nur diejenigen geimpft werden, die es wirklich nötig haben: schwerkranke Menschen. Das scheinen aber Viele nicht zu verstehen und fordern lautstark Erklärungen, warum sie jetzt nicht zu den “glücklichen Empfängern” gehören. Der Umgangston wird rauher.

Business

Einige sagen beleidigt “Dann bezahle ich es eben privat! Geben Sie mir ein Privatrezept!” Nein, auch das ist falsch! Es geht nicht um die Kröten, sondern, dass Diejenigen die Impfung bekommen, die am gefährdesten sind!

Die nächste Stufe: Der Patient rennt zum Apotheker, der noch Einzelimpfungen vorrätig hat (manchmal). Diese sind aber viel teurer als die Großpackungen und der Apotheker kann daran mitverdienen. Für die lohnt es sich wohl schon, wenn sie die auf Privatrezept verkaufen. Also ruft der Apotheker an und sagt “Ich brauch ein Privatrezept für Hernn/Frau Müller“… Wie unverschämt ist das? Auch das machen wir natürlich nicht mit!

Ein älterer Patient, der noch eine Impfdosis abbekommen hatte, kam in die Praxis, um sich die Spritze geben zu lassen. Er machte den Arm frei und die Arzthelferin gab ihm die Spritze. Anschliessend monierte er “Na, haben sie mir die jetzt auch wirklich gegeben, oder haben sie mir Kochsalz gespritzt?” Was ist mit den Menschen los???

“Haben die nen Nagel im Kopp?”

So drückt eine Arzthelferin ihr Erstaunen aus, und mal ehrlich: Recht hat sie!

Pro Tag machen wir zwischen 15 und 20 Corona-Tests. Immer schön im Kosmonauten-Anzug. Am Dienstag stellte sich mit Halsschmerzen und Husten vor, weigerte sich aber, den Corona-Test zu machen. Das sei alles nur, um uns zu kontrollieren und sie glaube daran nicht und überhaupt….

Der Wahnsinn zieht aber viel weitere Kreise, die ich so gar nicht widergeben könnte. Daher zitiere ich hier einen Brief einer anonymen Arzthelferin, die den aktuellen Alltag porträtiert:

“Sehr geehrte Damen und Herren,ich wende mich verzweifelt an Sie weil wir, Medizinische Fachangestellten, am Ende unserer Kräfte sind. Wir sind uns natürlich darüber im klaren, daß wir aufgrund der Corona Pandemie unseren Praxisablauf umstrukturieren und neu organisieren müssen, dennoch ist der Praxisalltag für die meisten MFA’s einfach nicht zu schaffen, es gibt etliche Kolleginnen, die kurz vor einem Burn-Out stehen und/oder sich beruflich umorientieren, weil der Beruf nichts mehr mit dem zu tun hat, welchen man erlernt hat.Dass Corona sich auf den Gemütszustand mancher Menschen auswirkt, ist bekannt, aber dass so viele MFA’s den Unmut täglich abbekommen, darüber spricht niemand.Es wird fast täglich in den Medien darüber berichtet, dass es nicht genug Pflegepersonal in den Krankenhäusern gibt, dass die Gesundheitsämter überfordert sind mit der Kontaktnachverfolgung, dass Ordnungsämter mit den Kontrollen neuer Regelungen nicht nachkommen uswWas ist mit den Arztpraxen? Man könnte meinen, sie existieren überhaupt nicht! Das war im März/April auch schon der Fall und das, obwohl WIR die ERSTE Anlaufstelle für Patienten sind!WIR sind tagtäglich (und das vom 1. Tag an) immer direkt an “der Front” und es ist mehr als ein Schlag ins Gesicht für uns, dass man uns einfach vergisst.Es gibt aktuell mehrere Problematiken, mit denen wir zur Zeit zu kämpfen haben:

1. Grippe- Impfungen:Wir haben unseren Bestand fast aufgebraucht. Wir hatten extra mehr Impfdosen vorbestellt als die Jahre zuvor. Haben eine Teillieferung erhalten und der Rest steht noch aus. Wann und ob wir die Lieferungen erhalten kann uns niemand klar beantworten, aber in den Medien wird groß verbreitet es seien genügend Impfdosen vorhanden. Erklären Sie jetzt mal den Patienten, wo der Fehler liegt, denn schließlich wurde Ende August groß in den Medien berichtet, dass dieses Jahr genügend Impfdosen zur Verfügung stehen und es zu keinem Engpass kommen wird. Es stand in den Zeitungen, dass es genug gibt, und natürlich stimmt immer das, was in den Medien verbreitet wird.Das gleiche gilt für Pneumokokken- Impfungen. Das Gesundheitsministerium ruft groß dazu auf, sich auch gegen Lungenentzündung impfen zu lassen, aber der Impfstoff ist seit WOCHEN NICHT LIEFERBAR!!Dass dieses allein tagtägliche Diskussionen nach sich zieht, können Sie sich bestimmt vorstellen, aber das ist noch nicht alles.

2. Abrechnung der Abstriche (vorgegeben durch die Kassenärztliche Vereinigung)Es ist eine absolute Katastrophe!!Es wird unterschieden: Abstriche für Patienten mit Erkältungssymptomen ohne persönlichen Kontakt zu nachgewiesen COVID-19 Fall; Abstriche für Patienten mit Kontakt zu COVID-19 Fall, Asymptomatisch; Abstriche für Patienten mit Symptomen und Kontakt zu COVID-19 Fall; Abstriche für Reiserückkehrer aus dem Ausland aus einem Risikogebiet; Abstriche für Patienten mit einer Warnung durch die Corona warn App; Abstriche für Lehrer/KITA Beschäftigte; Abstriche für Personal aus Krankenhäusern/Arztpraxen/PflegeheimenAll diese Anspruchsberechtigten haben ein UNTERSCHIEDLICHES Abrechnungsverfahren (anderer Laborschein, andere Abrechnungsziffern, andere Diagnosen- Kodierung usw) welche sich, und es ist absolut nicht mehr tragbar, seit Juli regelmäßig ÄNDERN!!! Alle paar Wochen bekommen wir ein Fax von der KV, mit NEUEN Abrechnungsleitlinien, die ab SOFORT gelten. Es bleibt in diesem hektischen Praxisalltag und in der Akutversorgung nicht genügend Zeit, sich mit diesen Administrativen sich ausreichend in Ruhe zu beschäftigen, geschweige denn direkt so umzusetzen. Das hat zur Folge, daß nachgearbeitet werden muss, um die Patienten die zu den diversen Abstrichen da waren richtig abzurechnen, also Überstunden. Was das für eine nervenaufreibende Arbeit ist, kann ich gar nicht in Worte fassen.Die Durchführung der Abstriche in Abstrichzentren, wie es zu Beginn der Pandemie organisiert war, wäre eine Erleichterung, aber da die KV der Meinung ist, die niedergelassenen Ärzte schaffen das schon, bekommen viele Testzentren keine Genehmigung.

3. Jeden Tag gibt es bei uns vor der Praxis Auseinandersetzungen zwischen den Patienten, welche wir MFA’s schlichten müssen. Da wir räumlich eingeschränkt sind, was die Anzahl der Patienten betrifft, die sich in der Praxis aufhalten dürfen, müssen die Patienten leider teilweise draußen warten, um sich anzumelden, bis sie zur Behandlung dran sind usw. Das sorgt ebenfalls für Unmut bei den Patienten, denn es ist ja jetzt schließlich kalt und manchmal regnet es auch. Können Sie sich vorstellen, wer diesen Unmut jeden Tag zu spüren bekommt? WIR MFA’s!!Wir haben eine Infektsprechstunde eingerichtet, für Patienten welche Erkältungssymptome haben. Diese sollen sich vorher telefonisch in unserer Praxis melden, um einen Termin dafür zu vereinbaren. Wenn der Termin eingetragen wurde, muss direkt alles für den Abstrich vorbereitet werden. Das kostet Zeit. Zeit, die man in der Anmeldung nicht hat. Somit müssen die Patienten warten, die gerade da sind, um sich anzumelden und auch das Telefon kann in der Zeit nicht bedient werden. Dies hat zur Folge, dass die Telefonanlage permanent durchgehend besetzt ist. Patienten beschweren sich am laufenden Band, dass sie uns nicht erreichen können. Sie kommen sogar teilweise mit ihren Erkältungsbeschwerden in unsere Praxis, obwohl sie wissen, daß es nicht erlaubt ist, und sie sich telefonisch anmelden müssen, aber telefonisch kommen sie nicht durch, weil keine Kollegin immer Zeit hat um direkt die eingehenden Telefonate entgegen zu nehmen. Es ist ein nicht enden wollender Kreislauf.

Es ist nicht auszuhalten, denn es gibt keine Sicht auf Besserung der Situation, der Winter kommt erst noch und es kann einfach so nicht weiter gehen. Ganz davon abgesehen, daß wir am Telefon von den Patienten teilweise beschimpft und/oder beleidigt werden, sind wir jeden Tag einem großen Infektionsrisiko ausgesetzt, da nicht genügend Schutzkleidung zur Verfügung steht (auch da werden Seitens der Regierung öffentlich andere Aussagen getätigt).Nach der neuen Testverordnung dürfen wir MFA’s uns auch 1x wöchentlich präventiv auf das Corona Virus testen lassen. Ganz aktuell haben wir dazu heute am 22.10.2020 ein Schreiben von unserem Labor erhalten, dass die KV lediglich für uns MFA’s die Kosten für Anti-Gen Tests übernimmt, jedoch nicht die Kosten für die üblichen PCR Testungen, welche die KV für ALLE ANDEREN ANSPRUCHSBERECHTIGTEN ÜBERNIMMT!! Bedeutet im Endeffekt: alle dürfen einen üblichen Rachen-Nasen Abstrich bekommen und die Kosten dafür trägt die KV, nur für uns MFA’s nicht!! Es ist unfassbar! Sind wir weniger wert als Pflegekräfte und Krankenschwestern, oder Reiserückkehrende?

Ach ja, nebenbei läuft der reguläre Praxisalltag ja auch noch. Dass Deutschland, im Vergleich zu jeglichen anderen EU Ländern momentan noch nicht so einen eskalierenden Verlauf hat, ist zum Großteil den Hausarztpraxen zu verdanken, denn WIR sind die erste Anlaufstelle. Dies äußerte auch der Vorstand der KBV, Dr. Gassen. Die mangelnde Wertschätzung unserer täglichen Arbeit ist sehr enttäuschend. Es gibt noch viele diverse weitere Punkte, aber mein Anliegen ist es gerade, es irgendwie zu schaffen, dass auch die Öffentlichkeit erfährt, wie es wirklich in den Arztpraxen zugeht und es nur eine Frage der Zeit ist, bis eine nach der anderen zusammen bricht und nicht mehr kann.Wir wissen uns einfach nicht mehr anders zu helfen und hoffen auf einen kleinen Erfolg für uns.Mit freundlichen Grüßen,Eine MFA”

Ich kann mich dem Brief vollkommen anschliessend. Wir haben zwar momentan (!) genügend Schutzausrüsung (wie lange noch?), aber Streit schlichten zwischen Patienten, die im Hausflur rumlungern (obwohl nur 2 Patienten dort gleichzeitig sein dürfen) und den Hausbewohnern, müssen die Arzthelferinnen (MFA) ständig. Wir haben uns inzwischen “Notklingeln” für die Sprechzimmer besorgt, um bei Bedrohung auf uns aufmerksam zu machen…

Wir werden in den nächsten Monaten wahrscheinlich zunehmend weniger Medizin machen und dafür hauptsächlich Seuchenbekämpfung und Katastrophenbewältigung – und Papierkrieg. Die Gesundheitsämter kommen nicht mehr hinterher und die Hausarztpraxen werden überschwemmt. Das bindet Kräfte (s.Brief). Ich habe Sorge, meine Patienten mit anderen wichtigen Erkrankungen nicht mehr richtig versorgen zu können…

Aktuelle COVID-19 Zahlen des Robert-Koch-Instituts (tägl. aktualisiert): RKI-Dashboard

Quelle anonymer Brief der MFA: Hausarztpraxis Dr. med. Bahar u. Björn Hollensteiner

Enddarm-Stimmung

Eigentlich sollte die Überschrift “Endzeit-Stimmung” lauten, aber da haben sich wohl meine filigranen Fingerchen etwas verhaspelt… 😉

Seit meinem letzten Beitrag haben sich die Ereignisse überschlagen. Während vor Kurzem noch meine anstehenden Zahnarzttermine meinen Puls höher schlagen ließen, so ist es jetzt die allseits gegenwärtige Corona-Krise. Corona hier, Corona da. Bei so viel Corona könnten werdende Eltern ihre Tochter glatt auch “Corona” nennen.

Nein, ich mache mich nicht lustig, es ist eher Galgenhumor. Wie soll man dieser Übermacht an negativen Schlagzeilen auch begegnen? Die Krise kam schneller und gewaltiger als erwartet. Die Menschen drehen am Rad und irgendwie scheinen die Gesetze dieser bis ins kleinste geregelten Welt infrage gestellt zu werden. Zeit und Raum bekommen im wahrsten Sinne eine neue Bedeutung. Man fühlt sich haltlos, ratlos, alleine gelassen. Unsicherheit macht sich breit. Dass es mir nicht alleine so geht, zeigen die irrationalen Handlungen verschiedener Mitmenschen: tonnenweise wird Klopapier gekauft (wenn nicht geklaut). Kann man in kürzester Zeit so viel Stuhlgang haben? Wieviel muss man dafür essen? Oder haben jetzt alle Reizdarm?

Passend zum Thema brachte die Medical Tribune diesen Artikel mit dieser genialen Überschrift samt schmackhaftem Bild

Wie im schlechten Film

Die Menschen sind gestresst. Nach dem Klogang waschen sie sich wenigstens die Hände, wie die fehlende Seife in den Supermarktregalen zeigt. Waschmittel gibt es auch keines mehr… Ich kombiniere: massenhaft Reizdarm mit Inkontinenz oder muss man mehr waschen, weil es kein Toilettenpapier mehr gibt? Und dann das Desinfektionsmittel: nichts mehr da. Hygiene ist ja löblich, aber muss es denn auch desinfizieren sein? Brennt das nicht bei dem Reizdarm?

Verständlich, dass die Leute gereizt sind. Ob ich mal die Verkäuferin frage? Alleine schon die Silbe “Des-” läßt der Verkäuferin den Rachen zuschwellen. Hasserfüllte Augen, die Halsvenen gestaut. Dabei wollte ich doch nur meine Des-Orientierung äußern…

Die Obstregale sind auch leer, die Konserven ebenfalls. Bei so viel Obst und dann noch Nudeln und Konserven kann der Darm schon rumoren. Was ist los? Sind jetzt alle Prepper geworden? Steht der Russe vor der Tür? Olga lacht. “Ja so war das in den letzten Tagen der Sowjetunion auch!”. Stimmt, im Osten war das manchmal auch so. Frei nach der Devise: “Erst mal anstellen in der Schlange vor dem Konsum, auch wenn man nicht weiß was es dort gibt, es muss was seltenes sein!”

Leere Regale: “Wie im Osten”

Mal Spass beiseite. Das Ganze fühlt sich an wie im Film. Wann ist der bitte zu Ende? Die Leute sind wie wahnsinnig. Die Praxis ist gerammelt voll. Nachdem die Zahlen der positiv getesteten Corona-Infizierten im nahen NRW plötzlich in die Höhe geschnellt ist, glauben alle Corona zu haben. Anfang März erscheint das jedoch übertrieben. Aber alle wollen sich testen lassen! Wenige Tage später werden sie von den Arbeitgebern geschickt: weil sie nur mit negativem Testergebnis weiterarbeiten sollen, “muss jetzt der Hausarzt den Test durchführen”.

Auswahlkriterien für die Testung

Inzwischen ist ein Testzentrum in Osnabrück eingerichtet worden. Nur begründete Verdachtsfälle werden vom Gesundheitsamt gelistet und bekommen einen Termin: Personen, die Kontakt mit einer positiv getesteten anderen Person hatten oder in einem Risikogebiet waren und Symptome zeigen. Die Listung erfolgt ausschließlich über das Gesundheitsamt. Hausärzte können bei vorhandener Schutzausrüstung ebenfalls die Abstriche durchführen – theoretisch, denn uns fehlt die Ausrüstung! Daher sind wir nicht verpflichtet.

Alltag an der “Front”

In der nachfolgenden Woche rennen sie uns die Praxis aus einem anderen Grund ein: die Arbeitgeber möchten, dass die gesunden Patienten sich krank schreiben lassen, da sie den Betrieb z.T einstellen müssen (aus finanziellen Vorteilen). Doch das darf ich rechtlich nicht bei Gesunden! Sind die denn alle belämmert?

Zeitgleich beginnen wir, Patienten mit leichten oberen Atemwegserkrankungen telefonisch krank zu schreiben (neuerdings möglich). Die Tür wird verschlossen, die Patienten nur einzeln hereingelassen. Krankschreibungen und andere Dokumente wie Rezepte usw. werden am Fenster herausgegeben. Dadurch wird die Sprechstunde zwar etwas ruhiger, aber das Telefon klingelt ständig. Anspannung ist in der Luft.

“Houston, wir sind am Arsch!”

Inzwischen arbeiten wir mit den einfachen Masken, wohlwissend, dass die weniger uns selbst, sondern mehr unser Gegenüber schützen. Wir haben nach wie vor nicht genügend richtige Schutzausrüstung und stellen somit auch eine Gefahr für unsere schwerer erkrankten Patienten dar. Nicht nur die steigenden Zahlen, die Ungewissheit bzgl. des Virus, die allgemeine Unsicherheit, sondern auch der blanke Mangel an richtigen Masken gibt uns das Gefühl: “Wir sind am Arsch!”

Spätestens die Rundmail eines Ärzte-Verbandes macht mich völlig fertig: eine Anleitung zum Selberbasteln von Schutzmasken!!! Armes Deutschland!

“Wir sind gut vorbereitet”

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister, Januar 2020

Lambarene. Damit vergleicht eine meiner Kolleginnen die aktuelle Arbeitssituation. Lambarene ist eine Stadt in Gabun, zentrales Afrika. Hier hat Albert Schweitzer gewirkt und hätte sicherlich auch gewürgt, hätte er von unseren Zuständen gewusst. Ja das ist Afrika, dort werden z.T. noch medizinische Einmalhandschuhe ausgewaschen und zum Trocknen auf die Wäscheleine gehängt – und bestimmt auch Masken selber genäht

Sind wir also “gut vorbereitet”? Nach allem, was wir jetzt wissen, nein. Man muss die Verantwortlichen bei aller Kritik aber auch etwas in Schutz nehmen: dieses Ausmaß und die Geschwindigkeit waren nicht wirklich abzusehen, ein einmaliger Fall in Deutschland und Europa und der Welt! Man kann nicht milliardenfach hochwertige und teure Ausrüstung jahrelang parat haben, zumal die auch irgendwann vergammelt. Nach Hühner- und Schweinegrippe habe wir es gesehen: Berge von Impfstoffen und Medikamenten kosteten Milliarden und landeten schließlich ein paar Jahre später im Klo – womit wir wieder am Ausgangspunkt des Beitrags wären 😉

Die Wucht der Pandemie war so nicht vorhersehbar. Allerdings ist es fraglich, wie Schlüsselindustrien verkümmern können, ohne dass man ein “Backup” hat, eine Möglichkeit die Produktion schnell hochzufahren. Im Herbst 2019 gab es bereits vor Corona einen Engpass an “primitivsten” Medikamenten: z.B. war Ibuprofen 600 mg (ein Schmerzmittel) über Wochen bis Monate nicht lieferbar! Wie geht denn so etwas? Ganz einfach: in Deutschland ist die Produktion für dieses extrem billige Medikament zu teuer. Also wird es hier nicht mehr produziert, sondern vorwiegend in China und Indien!

Das steht ganz im Einklang mit der Philosophie, wie das Gesundheitswesen betrieben wird. Das Gesundheitswesen ist nicht erst mit der Corona-Krise an seine Grenzen gelangt, sondern war bereits vorher in einer Dauer-Krise! Aus Profitgründen wird seit der Einführung der DRGs/Fallpauschalen Raubbau am Personal aber auch materiell betrieben, und das in einem kriminellen Stil. Bereits unter “normalen” Bedingungen brannte das Personal aus. Das ist der eigentliche Skandal, eine stille Katastrophe vor der Katastrophe!

Jetzt soll dieses ausgemergelte Personal auch noch die zusätzliche Belastung stemmen?! Ja, das wird es, weil die meisten Mitarbeiter ein Verantwortungsgefühl haben. Die menschlichen “Kosten”, die die Mitarbeiter zahlen werden ist kaum abschätzbar!

Auf der anderen Seite warnten Forscher bereits bei den ersten Infektionen in Italien, dass sich das Virus von Süd nach Nord ausbreiten wird. Scheinbar tatenlos wurde hierzulande zugesehen, wie in Italien die Infektionen explodierten. Als dann bei uns die 10.000er Grenze überschritten wurde, wurde auf verschiedenen politischen Ebenen diskutiert. Während die meisten anderen Länder bereits drastische Maßnahmen einführten, wie Ausgangsperren, feierten die Menschen in Deutschland die ersten frühlingshaften Grillpartys im Park – oder Corona-Partys.

Natürlich gibt es unterschiedliche Bewertungen, was die Effizienz von Ausgangssperren angeht, aber man möchte sich nicht ausmalen, wie die Lage in Italien ohne diese aussehen würde. Natürlich kann keine Rede sein von einer derartigen Ausgangssperre, wie sie in Kriegsgebieten mitunter durchgesetzt wird, wenn auch zumeist eher als “nächtliche Ausgangssperre”. Letztendlich ist der Kontakt zwischen Menschen das Entscheidende und den gilt es zu unterbrechen oder zu vermindern. Traurig, dass jedes Bundesland bzw. Region das selber gestaltet.

Deutschland – eine Ansammlung von Egomanen

Individuelle Freiheitsrechte sind essentiell in einer gesunden Gesellschaft und man kann glücklich sein, dass es hierzulande genügend Menschen gibt, die dafür kämpfen würden, wenn es darauf an käme. Der “böse Zwilling” der individuellen Selbstbestimmung ist der Egoismus. Um den Wert einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft zu erhalten, muss man diese vor der potentiell zerstörerischen Art des Egoismus schützen. Eine Entfaltung des Einzelnen (oder einer Gruppe) auf Kosten einer anderen Person oder der Gesamtheit der Bevölkerung zerstört das gesellschaftswichtige WIR.

Beispiel Ausgangsbeschränkung oder Kontaktverbot: Man kann z.B. von einer zeitlich Ausgangsbeschränkung oder Kontaktverbot halten was man möchte. Wenn aber das “Egojede möglicherweise schützende angeordnete Maßnahme als fundamentalen diktatorischen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte deklariert, nur weil man nicht mehr seinen Cocktail in seiner Lieblingskneipe schlürfen darf, dann zeigt das deutlich die eigene Überhöhung über Andere und die Gemeinschaft. Dies kann auch als Desinteresse an der Gemeinschaft, von der dieser Einzelne im Übrigen generell noch profitiert, gewertet werden.

Beispiel Masernimpfung: Vor kurzem wurde die Masernimpfung als Pflichtimpfung eingeführt. Gerade als die Corona-Infektionen in Deutschland explodierten, meldeten die Medien, dass es erste Klagen von Eltern gegen die Impfung gebe. Daß diese Menschen sich durch die Impfung nicht nur selber schützen, sondern auch andere, die nicht geimpft werden können (da Lebendimpfstoff = für Immunsupprimierte nicht geeignet), daran denken diese Menschen nicht…

Überspitzt könnte man sagen, der so beschriebene Egomane “toleriert” die offene Gesellschaft, solange sie sich ihm nicht anstrengend wird oder gar im Weg stellt. Jede Person, die in einer “freien” Gesellschaft leben möchte, hat die Pflicht, diese zu erhalten. Dazu gehört auch manchmal der Verzicht und die Beschränkung zum Wohl dieser Gesellschaft. Wer dies nicht schafft wäre dann gewissermassen auch ein Beispiel für eine gescheiterte Integration

Wie im Krieg!

Corona ist los! Kaum sind die ersten Fälle in Deutschland bekannt, drehen die Menschen am Rad! Hamsterkäufe. Desinfektionsmittel ist nicht mehr erhältlich. Angeblich werden Flaschen schon mit 200-300 Euro gehandelt! Und Masken gibt’s eh schon keine mehr. Bitte, was soll das??? Seid`s denn närrisch geworden???

Karneval in Osnabrück

Bereits im Januar erfuhr ich, dass eine chinesische Familie von Shanghai nach Osnabrück gezogen sei: Flucht vor dem Virus! Ziemlich verrückt fand ich das und konnte mir die Panik nur in dem fehlenden Vertrauen gegenüber der staatlichen chinesischen Institutionen erklären. Während “Häuptling Jens” (Gesundheitsminister J.Spahn) selbstverliebt in die Kameras grinste, und davon sprach, dass Deutschland gut aufgestellt sei, verriet uns der Apotheker, dass in ganz Deutschland keine FFP2 bzw. FFP3-Masken mehr erhältlich seien. “Alles nach China verkauft!”. Gleichzeitig fanden (noch) keine Kontrollen von Reisenden aus China an Flughäfen statt…

Sind denn alle verrückt geworden?

Als ich heute morgen auf der Arbeit ankam, wartete die eine Arzthelferin aufgeregt auf mich: In Osnabrück gebe es den ersten Quarantäne-Fall. Erst einmal nicht so schlimm, aber die Menschen hamsterten wie die Verrückten, sodaß wir für unsere Desinfektion keinen Nachschub mehr bekämen. Wir beschlossen, alle vorhandenen Desinfektionsspender wegzupacken, damit diese nicht geklaut würden! Wo sind wir denn hier? Im Kriegsgebiet? 1945? Das hier ist nicht Ebola!!!

Sicher, wir wissen noch nicht genug über das Virus, aber es ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen kein hochgefährlicher Erreger! Da gibt es schlimmere, allen voran das Influenza-Virus, das vor allem in der Saison 2017/18 verheerende Ausmaße angenommen hatte. Ganz zu schweigen von den Jahren 1918-1920, also vor ziemlich genau 100 Jahren, als während der sogenannten Spanischen Grippe weltweit mindestens 25 Millionen Menschen starben!!! Im Gegensatz dazu wird die Corona-Infektion als eine Erkrankung mit mildem Verlauf beschrieben. Was einem natürlich trotzdem zu denken gibt: warum sterben auch junge Menschen, wenn es denn so mild sein soll? Die Umstände spielen bestimmt auch eine Rolle: Vorerkrankungen, Ernährungsstand etc.

Verwirrende Informationen gepaart mit reißerischen Bildern aus Fernost tragen das Nötige dazu bei, um unsere Phantasie anzuregen. Wer hat nicht schon mal einen Film gesehen, in dem die Menschheit als Ganzes von Naturkatastrophen oder eben einem Virus bedroht wird?

Also:

Ja, es gibt eine Pandemie und Anlaß, Vorkehrungen zu treffen und Pläne umzusetzen. Das ist alleine schon deswegen hilfreich, weil wir so lernen können, was es zu verbessern gilt, falls wirklich mal ein gefährliches Virus die Welt überrollt! Und: Ja, die gefährdeten Patientengruppen müssen geschützt werden.

Nein, Panik(mache) ist wie immer fehl am Platze und gefährdet Menschenleben: Desinfektionsmittel gehört in medizinische Hände und nicht in die von Privatpersonen! Übrigens: die Masken schützen einen eh nicht, wenn es nicht FFP3-Masken sind. Und auch diese sind dann irgendwann mal “durch”. Aber für Tuberkulose oder andere gefährliche Erkrankungen brauchen wir die und wenn die dann vergriffen sind, weil irgendwelche Narren die auch nach Karneval noch bunkern müssen, dann gefährdet uns das!!!

In diesem Sinne: Bleibt gesund und passt auch etwas auf die Psyche auf…!

Links: Robert-Koch-Institut allgemein und Informationen zur Influenza unter RKI Arbeitsgruppe Influenza mit Berichten zur aktuellen Lage.

Sonne und wahrer Reichtum

Dubai und Bahrain دبي و البحرين

Endlich Urlaub! Nach einem anstrengenden Jahr war wieder eine “Erholungsreise” gepant. Naja, wenn wir unterwegs sind, dann ist das mit der Erholung nicht so einfach… Nico ist jetzt 3 Jahre alt und es ist doch recht “anspruchsvoll” das kleine Energiebündel zu kontrollieren.

Nach meiner Facharztprüfung – einem Mittwoch- hatte ich ganze 2 Werktage frei. Nach einem Wochenende ging es dann auch schon wieder los: in neuer Praxis, neuen Mitarbeiterinnen (ich bin der Hahn im Korb, Kikeriki!), neuen Kolleginnen und neuen Patienten. Bis auf eine Woche wurde der ganze Sommer durchgearbeitet, was ich aber gar nicht so schlimm fand, weil wir ja wieder einen wunderbaren Sommer hatten. Zum September hin, dünnten die Kraftreserven jedoch etwas aus und so freuten wir uns auf den Urlaub.

Tip: Egal ob Ihr Kinder habt oder nicht, nehmt immer einen Kinderwagen mit!

Während in Deutschland im September die letzten warmen Tage verstreichen und der Vorgeschmack auf Herbst sich breit macht, machen wir uns auf den Weg nach Frankfurt. Nach einer Nacht in einem Hotel am Flughafen geht es zum Checkin. Die Entscheidung, einen Kinderwagen mitzunehmen war goldrichtig gewesen! Bei der Gepäckaufgabe sagte man und, wir können den Wagen bis zum Gate mitnehmen, was angesichts der Entfernungen super war. Das Beste jedoch: Der Trolley fungiert ab jetzt als VIP-Ticket. Egal ob bei der Passkontrolle oder aber beim Security-Check, überall führt man uns direkt zu der Stelle, wo man mit Kinderwagen durchkommt. Wir können also an den stehenden Massen vorbeiziehen und müssen keine Sekunde warten!!! Herrlich! Ich verreise ab nun an nur noch mit Kinderwagen!

Wir wollen ein paar Tage in Dubai verbringen und anschliessend noch eine Woche in Bahrain. Freunde wiedersehen, auftanken. Nach einem Zwischenstopp in Bahrain geht es weiter nach Dubai. Was mich schon immer fasziniert hat, ist die ausgiebige Beleuchtung der nachts fast leeren Autobahnen in den Emiraten. Von Horizont zu Horizont ziehen sich die Lichterketten, mitunter kann man vereinzelte Lichter, die von Autos stammen, ausmachen.

Landung in Dubai (DXB)

Die Ankunft in Dubai verläuft reibungslos, trotz der schier unendlichen Größe des Flughafens. Eine kleine Metro bringt uns in die Ankunftshalle und da liegt auch schon der Kinderwagen und unsere beiden Taschen bzw. Koffer kommen auch schon. Ich war noch nie so schnell durch!

Auch die Abholung des Mietwagens gestaltet sich recht einfach. Neben uns ein Afrikaner mit französischem Pass. Lächelnd erklärt er dem Mann am Schalter, dass er nur eine Kopie seines Führerscheins hätte. Doch der Schaltermann winkt ab: keine Chance, das Original alleine zählt! Der Afrikaner zuckt gelassen mit den Schultern, lächelt und fragt noch, ob es hier Uber* gäbe, bevor er geht.

*Uber: Ein amerikanisches Unternehmen, das online Vermittlungsdienste für Personenbeförderung anbietet.

Der Mann hat mich beeindruckt! Diese Gelassenheit! Wenn mir das passiert wäre…. Da können wir ne ganze Menge von ihm lernen!

Ein junges Paar kommt mit zwei kleinen Mädchen. Mama trägt Kopftuch, Papa wirkt südländisch. Er spricht Englisch mit dem Schaltermann. Da sehe ich seinen deutschen Pass in den Händen. Es ist eine Familie aus Frankfurt mit marokkanischen Wurzeln. Arabisch spreche er lieber nicht, weil niemand seinen Dialekt hier verstehen würde… – so fühle ich mich auch, manchmal wenn ich einem Bayer gegenüber stehe (sorry Jungs, aber der passte jetzt gut! 😉 )

Ausblick aus dem 20.Stock

Wir bekommen unser Auto. Es ist ein Mitsubishi Pajero. Mit diesem Wagen haben wir im Oman gute (Offroad-) Erfahrungen gemacht. Dieses Mal wollen wir es lieber gelassener angehen, aber die Größe bringt gleich mehere Vorteile mit sich: man kann den Kinderwagen locker verstauen, hat mehr Knautschzone und durch den hohen Sitz auch einen besseren Überblick. Nach 20 min Fahrt durch das nächtliche Dubai über vielspurige Highways haben wir es endlich geschafft: ein 4-Sterne Hotel. Der Wagen wird am Eingang abgegeben und von einem Hotelangestellten geparkt. Auf Parkplatzsuche hätte ich jetzt eh keine Lust mehr gehabt.

Jeder hat seinen eigenen Fokus

Doch trotz der späten Stunde herrscht hier reger Verkehr – und das im doppelten Sinne: leicht bekleidete junge Damen, die mit faltigen Herren auf ihren Hotelzimmern verschwinden. Dass hier gearbeitet wird, liegt auf der Hand… Olga und ich gucken uns an und müssen schmunzeln.

Erst einmal ausschlafen! Wir haben ein Zimmer im 20. Stock, fast ganz oben. Eine Aussicht auf Highways und in der Ferne den Burj Al Arab.

Durch die Stadt der Superlativen

Am Morgen nehmen wir unser Auto wieder in Empfang und los geht’s – erstmal in die falsche Richtung. Das ist gar nicht so schwer hier! Die Stadt hast sich entlang der Küste ausgebreitet, scheinbar ganz ohne Stadtplanung. Dementsprechend gestaltet sich das Strassennetz. Während es aus der Entfernung eher schachbrettartig anmutet, so zeigt es sich bei näherer Betrachtung von seiner wahren Seite: Highways mit zahllosen Spuren (wie haben einmal 8 Spuren gezählt – in einer Richtung!), neben- und hintereinander liegenden Auf- und Abfahrten, Unterführungen und sog. “Flyovers” (Überführungen) – allesamt scheinen sie eine verkehrstechnische Arabeske zu bilden.

Für gute 100 Euro (!) hätten wir ein Navi dazumieten können, aber wir waren so schlau, unser GoogleMaps vom Handy zu nutzen. Eigentlich eine gute Idee, aber durch das viele Durcheinander kam das Satellitensignal im Verkehrsfluss oft nicht hinterher und oftmals stellte sich die Frage “ist es diese Spur oder die andere oder die da hinten?” So sind wir bestimmt 100 km insgesamt “falsch-gefahren”…

Auf der anderen Seite ist es ein Leichtes, durch die Architektur der Gebäude abgelenkt zu werden. Jedes ein Kunstwerk. Ebenso wie die Metro, die wir leider nicht schafften, auszuprobieren.

Burj Khalifa

Der absolute Wahnsinn: der Burj al Khalifa, das mit knapp 830m das welthöchste Gebäude. Eigentlich wollte ich da rauf, aber die Ticketpreise versalzten mir dann doch die Lust. Außerdem ein kritischer Gedanke: Muß man überall rauf? Und die Aussicht ist doch so ähnlich wie beim Anflug auf Dubai, oder?

Ebenso eine Superlative: Die Dubai Mall. Die (z.T.) größte Mall der Welt (je nachdem welche Statistik man betrachtet. Mit einem Aquarium, einer Skipiste und einer Eislauffläche, um nur drei verrückte Sachen zu nennen. Und: mehr als 1200 Geschäfte auf gut 500.000 Quadratmetern, mehr als 750.000 Besuchern pro Woche (2015: 92 Millionen Besucher!). Trotz der Massen hat man nicht den Eindruck vollkommen erdrückt zu werden, was erstaunlich ist.

Dubai Mall

Direkt dahinter erstreckt sich ein künstlich angelegter See und ein Areal aus emporsteigenden Neubauten mit dem Burj Khalifa als optischen Magneten. Es ist der pure Wahnsinn. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass alle 163 Etagen belegt sind… oder doch?

Wir lassen das alles auf uns wirken. Es sind fast 40°C und die Sonne knallt. Gleichzeitig ist die Luftfeuchtigkeit extrem hoch, sodass die Kamera erst einmal minutenlang beschlagen ist.

Langsam bekommen wir Hunger. Der Foodcourt ist noch größer als in anderen Malls – natürlich. Das heisst aber nicht, dass er unbedingt besser ist. Vor allem Fast-Food gibt es hier, aber auch ein Stand mit “Original German Döner”.

Hier noch ein paar mehr Eindrücke:

Noch viel zu lernen…

Nach einer Mittagspause im Hotel soll es am Abend zum Strand gehen. Wenigstens mal die Füße ins Wasser halten. Nico ist schon ganz verrückt nach Wasser. Pünktlich zum Sonnenuntergang parken wir das Auto an der Uferpromenade unweit des Burj Al-Arab.

Jumairah Public Beach mit Burj Al-Arab

Auch in Dubai muss man Parktickets bezahlen. Ich habe jedoch nur ganz wenige Münzen, nicht genügend für das Füttern der Parkuhr. Ich verdreh´die Augen entnervt. Per SMS könne man auch zahlen, aber das funktioniert irgendwie nicht. Nico wird schon ungeduldig, die Sonne neigt sich weiter. Also irgendwoher Münzen bekommen. Etwa 200m weiter gibt es am Strand ein Imbiss, also latsche ich bei 38°C dort hin. Das Wasserfläschchen kostet 2 Euro, das geht ja noch, aber ich bekomme einen Schein als Rückgeld. Ob sie mir nicht Münzen geben könne? “Sorry Sir, no coins!”, anwortet mir die junge Asiatin. Auch ihr Kollege habe keine Münzen, aber vielleicht der Eisverkäufer vor dem Stand. “No, sorry! Icecream?” Oh Mann, ich will kein Eis, ich will Münzen! Ich bin langsam am Ausrasten!!! Vielleicht der Getränkeverkäufer hinter dem Stand, doch der winkt ab. Aaaaaaaahhhhhh!!!! Ihr macht mich wahnsinnig!!!!! Aber auf der gegenüberliegenden Seite solle ich es mal versuchen, dort am Eingang des Parks. Und tatsächlich: ich bekomme Papier gegen Metall. Glücklich spurte ich zurück zum Parkautomaten, um festzustellen: Ich hätte auch mit Karte bezahlen können! Aaaaaaaahhhhhhh!!!!! Tief durchatmen….

OK, also Münzen rein und…. sie kommen wieder raus!!! Ich könnte kotzen!!!Die Sonne ist kurz über dem Wasser, Olga sieht verzweifelt aus und kann Nico kaum noch halten. Ich versuche es immer wieder und irgendwann klappt es dann auch. Ich jedoch war schon wieder vollkommen entnervt. Wie war das noch mal mit der Gelassenheit, die ich mir bei dem Afrikaner am Flughafen abgucken wollte? Grrrrrr! – Einfacher gesagt, als getan….

Auf geht´s zum Wasser. Eigentlich wollten wir nur mal die Füße reinhalten, aber Nico reißt sich los und läßt sich bauchlängs (gibt´s dieses Wort überhaupt?) in Wasser fallen. Der ganze kleine Mann ist naß! Das geht so bis es dunkel ist, aber da das Wasser sehr warm ist, brauchen wir uns keine großen Sorgen wegen Erkältung und Co machen. Nur die Klimaanlagen sind in diesem Zustand unsere Feinde. Da auch wir gut durchnässt sind geht’s wieder zurück ins Hotel.

Wo war noch mal meine Yacht?

Mit frischen Sachen geht es danach zur Marina Mall. Wir hatten eh nicht vor, einen klassischen Touri-Besuch mit Sehenswürdigkeit hier, Sehenswürdigkeit dort usw. zu machen. Wichtig war uns ein gewisser Tapetenwechsel. “Ausspannen” – so gut, wie das eben mit diesem kleinen Energiebündel eben geht. Also Malls anschauen (es gibt auch vieles für Kinder), am Meer sein, staunen, essen…

Blick vom Parkdeck der Dubai Mall: Röhren, die zur Metro führen (ca. 1km!) und im Hintergrund der Highway

Gotham City

Dubai ist erstaunlich: faszinierend und abstoßend zugleich. Diese vielen modernen Monumentalbauten, künstlich angelegte Natur und versiegelte Oberfläche erzeugt eine eigenartige Stimmung. Die Strassenschluchten erinnern mich auch ein Stück weit an Batman´s Gotham City – nur ohne die Kriminalität. In der Tat gehören die Emirate zu den sichersten Ländern der Welt. Zugleich auch zu den weltweiten Schmelztiegeln der Kulturen. Nur 15% der Bewohner sind einheimische Emiratis. Diese sieht man kaum. Das Strassenbild wird geprägt von Expats des indischen Subkontinents und Asiaten, z.B. aus den Philipinen. Dementsprechend findet man auch Konsumgüter aus aller Herren Länder. Auch in Dingen, die die Religion betreffen gibt es weitreichende Freiheiten, aber die größten Anbetungsstätten scheinen die Malls zu sein. Der Konsumwahn findet sich hier in seinen extremsten Auswüchsen.

Interessant ist es allemal und wir geniessen die Tage und das Sonderbare, aber hier leben möchten wir nicht. Alles ist zu künstlich für unseren Geschmack.

Kontrast: Jumairah Moschee

An zwei Tagen schaffen wir es aber immerhin auch mal in die Natur zu kommen. Keine 50 km vom Stadtzentrum entfernt steht man in der Wüste. Dazu muss man aber erst ausgedehnte Industriegebiete am Stadtrand hinter sich gebracht haben. Weiter Richtung Osten erstreckt sich das wunderschöne Hajjar-Gebirge, das wir ja schon von unseren Reisen im Oman her kennen. Es zieht sich bis rauf zur Strasse von Hormuz, der Engstelle am “Eingang” zum Persischen Golf. Die Emirate haben recht wenig Anteil an diesem Gebirge, aber doch sehr schöne Ecken aufzuweisen.

Im Hajjar-Gebirge

Wir schaffen es nur einen kleinen Teil zu sehen und verschnaufen in einer kleinen Oase zwischen Felswänden. Wir sind die einzigen und Nico kann in dem langsam fließenden Gewässer wieder einmal ausgiebig planschen und versuchen die Fische zu fangen.

The Frame

The Frame

Am Abend geht es zu einem nicht weniger spektalurären Bauwerk, das eigentlich gar keine Gebäude ist: The Frame. Einem Bilderrahmen ohne Bild nachtempfunden, erhebt es sich 150m aus der Ebene. Im Rahmen befindet sich jeweils ein Fahrstuhl, der die Besucher in Windeseile nach oben befördert. Oben angekommen wird man vom Personal über die Höhe, die Aussicht und den gläsernen Boden in der Mitte informiert – mit der Bitte: “Nicht auf dem Glas springen!”

The Frame…

Und, was glaubt Ihr, was Nico als erstes macht? Richtig: auf dem Glasboden herumhopsen! Also wird der “Drache ” eingefangen und erst jetzt können wir uns dem Ausblick zuwenden. Da es dunkel ist, kann man die vielen unzähligen Lichter bestaunen, aber der Glasbodenausblick wäre bei Helligkeit wahrscheinlich noch spektakulärer gewesen.

Futuristische Lichinstallationen innen spiegeln sich in den Fensterscheiben und machen ein schönes Foto von Dubai fast unmöglich. Trotzdem ist es ein gelungener und aufregender Abschluss des Tages.

Ausblick aus 150 m Höhe auf Dubai

Emirat Sharjah الشارقة

Einen kleinen Eindruck von Dubai haben wir jetzt bekommen, aber wie sieht es in den anderen Emiraten aus, z.B. im angrenzenden Sharjah?

Schon vom Strassenbild her merkt man schnell, dass man nicht mehr in Dubai ist. Die Gebäude sind niedriger und z.T. sogar normal! Einzig das verwirrende Strassensystem setzt sich fort und wir kämpfen uns durch den Nachmittagsverkehr. Wir parken das Auto in der Nähe der Altstadt. Wir finden liebevoll restaurierte Häuser der alten Bewohner vor, aber leider nichts Lebendiges. Eher einem Museum gleicht der kleine Komplex. Dahinter eine kleine Festung. Die umgebenden Häuserblocks erscheinen mir nahezu schäbig, aber das ist nur mein Eindruck. Umso schöner die zentrale Moschee und der Markthallenkomplex.

Festung in Sharjah

Sharjah ist ein kulturelles Zentrum der Emirate. Hier läuft es etwas anders. Im Gegensatz zu den anderen Emiraten ist hier Alkohol selbst in Hotels nicht gestattet. Vielleicht geht es auch deswegen etwas geruhsamer zu als im verrückten Dubai nebenan. Im Gegensatz zu diesem kann Sharjah auf eine 5000 Jahre alte Besiedelung zurückblicken und als in Dubai nur Fischer lebten, war Sharjah bereits eine wohlhabende Stadt. Zwei Universitäten gibt es hier. Trotzdem steht das Emirat wirtschaftlich noch im Schatten der Nachbarmetropole.

King Faizal Moschee in Sharjah

Die Zeit verfliegt. Immerhin schaffen wir es vor unserem Weiterflug noch einmal den Sonnenuntergang in der Wüste ungestört zu geniessen. Mit Wasser und Chips sitzen wir auf einer Düne unweit der Strasse. Ich habe dieses Mal keine Lust darauf, die Luft aus den Reifen zu lassen und weit querfeldein zu gurken, zumal ich die Gegend nicht kenne. Nico freut sich über den Sand und die Chips.

Noch sitzen wir hier oben und lassen uns den warmen Wind um die Nase wehen, morgen schon geht es weiter nach Bahrain. Wir freuen uns, unsere Freunde endlich wieder zu sehen!

Mehr Bilder zu Dubai/VAE: https://docmatti.com/?page_id=3321

Wiedersehen in Bahrain

Am nächsten Vormittag geht es wieder zum Flughafen. Mietwagen abgeben, Gepäck aufgeben etc. Endlich ist der langersehnte Moment da: es geht nach Bahrain. Zwei Jahre ist es her, dass wir das letzte Mal da waren. Was wird sich verändert haben? Wir sind gespannt!

Aussicht über den Dubai Creek

In Bahrain angekommen werden wir herzlichst von Verena und dem kleinen Yousha empfangen. Das Gepäck wird verstaut zusammen geht es erst mal zum Mittagessen in ein kleines sehr gemütliches Bahrainisches Restaurant in einem unscheinbaren Haus. Wir sind die einzigen Gäste in der “family section” des Restaurants. Es ist ruhig, leise Koran-Rezitationen ertönen aus den Lautsprechern. Hinter einer Trennwand hat ein lokaler Künstler sein Atelier eingerichtet. Sehen tuen wir den Meister nicht, aber seine Werke strahlen Anmut aus und ziehen den Betrachter in ihren Bann.

In Bahrain gibt es viele liebevoll gestaltete Cafés

Nach einem wunderbaren Essen geht’s weiter durch Bahrain. Auf der Fahrt entdecken wir Vieles, was wir von früher noch kennen, aber auch Neues. Bahrain ist bunter geworden, grüner. Neue Bepflanzungen lassen die Stadt noch einladender erscheinen. Es scheint sauberer geworden zu sein und die Menschen fahren vorsichtiger Auto. Die Strafen sind drakonisch erhöht worden.

Nicht nur, dass wir bei unseren Freunden umsonst Unterschlupf bekommen, sie organisieren und auch noch einen Wagen, mit dem wir die ganze Zeit unabhängig uns flexibel unterwegs sein können!

Vom wahren Reichtum

Am Nachmittag fahren wir zum Friedhof. Auf einem sandigen Boden haben wir 2015 unser erstes Kind – Daniel – begraben. Vor seiner Geburt, am Ende der Schwangerschaft, hatte er nicht mehr gelebt. Emotionsgeladen und mit Tränen in den Augen stehen wir am Grab streichen über die Glasfläche des Schildes. Neben ihm sind mehr kleine Kindergräber dazu gekommen. Die Katzen stromern auch noch wie damals um die kleinen Grabsteine herum. Natürlich ist die Erinnerung schmerzlich, aber auch angereichert mit Stolz und Glück: ihn gehabt und auch bereits geliebt zu haben – wenn auch nur kurz. Dazu kommt aber auch die Dankbarkeit und das Glücksgefühl durch unsere Freunde, die uns damals so beigestanden haben! Nie werden wir vergessen, wie Ibrahim uns geholfen hat, dass wir Daniel beerdigen konnten – oder auch mein geschätzter Kollege Heiner – der mir bei finanzieller Knappheit – seine Kreditkarte samt PIN in die Hand drückte und sagte “Nimm, so viel wie Du brauchst!”, damit ich die Rechnungen für Olgas Krankenhausaufenthalt bezahlen konnte.

All diese Aspekte geben uns in diesem Moment das Gefühl des Lebens, des Glücks, des Stolzes und der Dankbarkeit! Ein Begriff, der dies alles vielleicht zusammenfasst: Reichtum. Nicht materieller Art, sondern emotional, zwischenmenschlich… Danke!

Die Tage vergehen wieder einmal viel zu schnell. Alle Freunde können wir nicht treffen, aber einige. Bei allen, die wir treffen, überwiegt ein ganz bestimmtes Gefühl: Wir sind uns immer noch so vertraut, als ob wir uns zuletzt gestern gesehen hätten. Nicht so Dr. Steffen, einem unser Wirbelsäulenchirurgen, dem ich 2 Jahre lang assistierte, sagte bei der Begrüßung “Ach Mensch, hallo Michael!” – Steffen ! Ich heiße Martin! Nicht Michael!!! Und wir haben 2 Jahre lang zusammen stundenlang (einmal waren es gar 11 Stunden) am OP-Tisch gestanden!!! Aber böse sein kann ich ihm nicht, es amüsiert mich aufrichtig. Wir hatten eine tolle Zeit!

Profi am Werk…

Dr. Nico (der “große Nico”, nicht unser kleiner Nico) schließt und herzlich wie immer in die Arme. Zusammen spielt er mit dem kleinen Nico Fussball, nachdem dieser den Badminton-Schläger geschrottet hat. Anschließend geht es zum Billard-Tisch. Meine schlimmsten Befürchtungen bleiben Phantasie: alles bleibt heil.

Das Krankenhaus, in dem ich damals arbeitete steht natürlich auch auf der Besuchsliste. Hände werden geschüttelt, umarmt, Nico geknuddelt… schön!

Und Baden ist natürlich angesagt. Bei immer noch über 35°C im Schatten ist es ein ewiger Kampf mit Nico, dass er nicht zu lange im Wasser -und damit in der Sonne- bleibt. Immerhin soll er gesund bleiben und nicht als Grillhändl nach Hause kommen.

Am letzten Tag noch ein Highlight: ein Treffen von viele alten und neuen Kollegen des Krankenhauses in einer Mall zum Brunch. Auch wenn einige fehlten, weil sie z.B. schon nicht mehr in Bahrain leben, ist es unvergesslich, so viele auf einmal zu treffen. Es ist unbeschreiblich! Später erfahren wir, dass der eine oder andere extra für uns zum Treffen gekommen war. Wir können es kaum glauben, auch weil wir uns selbst nicht so wichtig nehmen. Aber es berührt uns sehr.

Nach diesen Sätzen wird sich die Frage wohl erübrigen, auf welchen Ort sich unser “Heimweh” bezieht…

Wegen unserer zurückliegenden Reisen nur ein paar Eindrück von Bahrain:

Portugiesisches Fort Bahrain
Alte Feestungsanlagen
Blick Richtung Stadtzentrum
Daniels Grab
So kann man auch Rohre transportieren
Kinderbespassung am Strand
Juffair – Stadtbezirk, wo wir damals zuerst gewohnt haben

Der ganz normale Wahnsinn

Nun sind so viele Monate vergangen, seitdem ich das letzte Mal etwas geschrieben habe… ich bitte den durchlauchten Leser um Verzeihung… 😉

Nein, ich habe keine „verlängerte Sommerpause“ gemacht mit meinem Blog. Nein, keine Reise, kein Strand und auch keine Faulheit oder Frustration haben mich vom Schreiben abgehalten. Es waren „seriöse“ Gründe, fernab von Leichtigkeit, Unbeschwertheit oder gar inspirierendem Frohsinn.

Das große Projekt für 2019 war die Facharztprüfung. Um es vorweg zu nehmen: ja, ich habe sie bestanden.

Jahrelange Sklavendienste, Erniedrigung und Zweifel sollten endlich ein Ende haben – zumindest in der Vorstellung. Den praktischen Arzt gibt es in Deutschland seit den 90er Jahren nicht mehr, also muß man mindestens Facharzt sein, will man sich niederlassen und nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken. Das ist natürlich alles etwas überspitzt („Sklaverei…“), aber in Zeiten, in denen der „gute Onkel Doktor“ vom „Menschenkenner“ zum Dienstleister verkommen ist, (Pseudo-) Leistung und Zertifizierungen sich besser „auszahlen“ als Empathie, kann man sich dem Druck (erst einmal) nur fügen.

 

Programmierte Arbeitslosigkeit

Ja, Ihr lest richtig, ich war dieses Jahr arbeitslos! Mein bisheriger Arbeitsvertrag endete Ende April, da er an die Förderung von Krankenkassen (KK) und Kassenärztliche Verinigung (KV) gebunden ist.

Es ist so: Es würde kein Hausarzt mit eigener Praxis einen Weiterbildungsassistenzen (das ist ein Arzt in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in einer Praxis) für ausreichend Geld anstellen können bzw. wollen: er kostet nur, aber man kann nicht mit diesem angestellten Arzt abrechnen. Das bestimmt die KV, die im ambulanten Bereich entscheidet, wer sich wie und wo niederlassen darf.

Da wir bekanntermassen zu wenige Allgemeinmediziner haben, wurde vor Jahren von KK und KVen (jedes Bundesland hat seine eigene) eine Initiative gegründet, um für mehr Allgemeinärzte zu sorgen: ein Förderprogramm, bei dem KKen und KVen jeweils zur Hälfte das Einkommen des Weiterbildungsassistenten zahlen. Damit soll erreicht werden, dass Praxisärzte in etwa so viel bekommen, wie die Klinikärzte. Somit würden sich auch mehr Ärzte in finanzieller Hinsicht wieder für die Allgemeinmedizin entscheinden (können).

Die KV+KK bestimmen nun, nur so lange zu zahlen, bis der Weiterbildungsassistent mit seiner Ausbildungszeit zu Ende ist und nur noch die Prüfung machen muss. Wann das der Fall ist, bestimmt wiederum die Ärztekammer.

Zur Prüfung selber kann man sich erst kurze Zeit vor Ablauf der Weiterbildungszeit anmelden, ABER die Wartezeit BIS zur Prüfung selbst kann locker 3 Monate betragen!!! In dieser Zeit wartet (und lernt) man und wird nicht mehr bezahlt.

Also bleibt nur der Gang zum Arbeitsamt.

 

“Haben Sie Migrationshintergrund?” – Wo der Kunde nicht König ist

Sie gehen durch die Tür dort, setzen sich an einen Computer, machen eine Anmeldung mit dem Login und Passwort, das hier auf dem Blatt Papier steht, folgen den Anweisungen auf dem Computer und warten dann bis ein Kollege Sie aufruft.“ Ich bin am Thresen des Empfangs der Arbeitsagentur, bedanke mich bei der freundlichen Dame und tue wie mir geheißen. Ich gehe durch die Tür, melde mich an und warte. Ich werde jetzt als “Kunde“ der Arbeitsagentur geführt, ein Begriff, der an Verhöhnung eigentlich kaum zu überbieten ist. Nicht etwa, dass ich das persönlich nehme, aber jemand, der wirklich Arbeit sucht und in der Klemme sitzt, sieht das sicherlich nicht so entspannt.

Ich bin dran. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, der meine Daten überprüft. Die erste Frage überrascht mich: „Haben Sie Migrationshintergrund?“ Jetzt bin ich aber baff! „Natürlich!“, antworte ich, „ich komme aus Berlin!“. Er muss grinsen, wahrscheinlich muss er die Frage stellen, aber warum eigentlich? Also wenn ich Abdullah oder Bruschnekowski heißen würde, hätte ich das ja noch verstanden, aber ich habe noch nicht einmal berlinert. Vielleicht hätte ich ihn mit einem illustren „Grüeziwohl!“ auf schwyzerdütsch begrüßen sollen? Damit hätte ich ihn wohl überfordert…

Obwohl der Kunde König ist, wird mir nichts zum Trinken angeboten. Naja, was soll`s, ich will hier eh schnell wieder weg und lernen. Immerhin bekomme ich den Antrag auf Arbeitslosengeld zusammengeschustert und einen Termin bei der zuständigen Sachbearbeiterin.

Zwei Wochen später habe ich dann den Termin. Sie sei hauptsächlich mit Juristen und Ärzten beschäftigt und kenne das ganze Prozedere bereits. Da ich bereits eine Stelle in Aussicht habe, erübrigen sich Interventionen der Arbeitsagentur. Wir unterhalten uns sehr nett eine halbe Stunde. Wie sich herausstellt wohnt sie in dem Dorf, in dem ich anfangen werde zu arbeiten. Die Welt ist klein, vor allem in Osnabrück.

 

„Lerne, lerne, Facharzt baue“ *

*in Anlehnung an „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ 😉

Die Tage und Wochen haben es in sich. Ich werde zwar nicht mehr so bezahlt, wie ein Klinikarzt, der auf seine Facharztprüfung wartet, aber ich muss auch nicht mehr arbeiten und kann lernen auf Kosten der Arbeitsagentur. In wechselnden Bibliotheken und auch Cafés lerne ich stundenlang. Ich lese Prüfungsprotokolle und die schiere Vielfalt und Grenzenlsogkeit des Faches Allgemeinmedizin lassen mich das ein oder andere Mal verzweifeln. Egal, weitermachen, den Kopf vollstopfen, bis der mentale Würgereiz kommt, getrost der alten Weisheit: “Immer rin in die hohle Birne!”

klo

“Klo-Lektüre”, Unibibliothek Osnabrück. Nicht von mir wohlgemerkt! Und: alle WCs, sogar im Bürgeramt sind in schummriges blaues Licht getaucht, sieht man den Dreck nicht so…

Ich gehe in die Mensa neben der einen Bibliothek hier in Osnabrück. Ein komisches Gefühl: all die jungen Leute hier, nur die “Brigade” an der Kasse und am Thresen erinnert daran, dass wir in einer alternden Gesellschaft leben. „Das macht dann 9,50 Euro“ wirft mir die Kassiererin hektisch entgegen. Hinter mir stehen dutzende Studenen mit ihrem Futter. Auf meiner Mensakarte finden sich nur 4 Euro, den Rest will ich bar bezahlen. „Ja das geht nicht“, raunt sie mir ungeduldig entgegen. „Das geht so nicht, das musst Du blablabla“ Also diese Stimme und Art erregt mich schon auf unschöne Weise. Bin ich hier im Osten?, denke ich mir. In solchen Lern-Stressphasen rege ich mich innerlich schnell auf, ich sage in diesem Fall aber nichts. „Hast Du das nicht anders?Du? Hat sie gerade Du gesagt???? Wieso duzt die mich jetzt??? Ich bin geflasht, der Herzschlag geht hoch und ich stelle mir vor, wie mir schon die kleinen Äderchen im Weiß des Augapfels hervortreten. Ich fühle mich irgendwie beleidigt…

Ich löse das monetäre Problem, indem ich zum Automaten renne, diese scheiß Essenskarte mit zu viel Geld auflade (ging technisch nicht anders) und mir endlich mein Mittagessen hole. Ich setze mich an einen Tisch mit meheren Studenten mit zu großem Selbstbewußtsein: kaum einer schaut auf, geschweigedenn eine verbale Regung. Egal,… aber diese Kassierin… Die Frage, die mich vor allem beschäftigt: Warum regt es mich so auf, dass sie mich geduzt hat? Bin ich nicht zu alt für so was??? NEIN! Mir wird es plötzlich glasklar: Ich bin so jung, dass sie mich geduzt hat! Wow, ein geiles Gefühl, und schon sitze ich grinsend zwischen alle den anderen jungen Wilden und genieße mein Mittagessen….

Denkbares zum Jahresende

Ich bin müde. Kaputt. Fertig. An Tagen wie diesen will man morgens gar nicht erst aufstehen. Ich habe Urlaub  – noch ein Grund mehr, um liegen zu bleiben, wenn da nicht dieser kleine laufende Wecker auf zwei kleinen Beinchen wäre. Nico klettert inzwischen gerne aus dem Gitterbettchen. Stolz steht er dann in unserem Zimmer und feixt, wie toll er das Hindernis überwunden hat. Olga muss sich schnell fertig machen, geht zur Schule. Sie macht seit einigen Monaten eine Ausbildung zur Physiotherapeutin, etwas was sie schon immer machen wollte.

Ich schäle mich aus dem Bett, im Rücken steif wie ein alter Mann. Aber es nutzt nichts. Eine Windel sollte man wechseln, bevor sie explodiert und die Reste an Decke und Wänden kleben. Olga ich kämpfen uns zusammen durch den brutalen Tagesbeginn. Das kleine Männchen wird fertiggemacht, wir kämpfen uns durchs Frühstück und das anschliessende Zähneputzen. Immerhin wollen ich nicht, dass er vorschnell eine regelmäßige Bekanntschaft mit dem Zahnarzt macht. Das Anziehen ist dann der nächste Akt in diesem Kräftezehrenden Drama. Er will die Jacke nicht anziehen, der eine Winterstiefel streift beim Vorbeifliegen mein rechtes Ohr und das andere Trommelfell wird durch lautes Geschrei fast weggepustet. Warum können Kinder denn nicht einfach im Ultraschallwellenbereich schreien??? Nach einigem Herumwälzen und beherztem Durchgreifen, schaffen wir es dennoch.

Die Tür geht auf, ich will mir die Schuhe anziehen, da rauscht Maggy – unsere schwarze Katze – raus in den Hausflur, eine Etage nach oben. Dort stehen die Blumen unseres Nachbarn zum Überwintern im Flur. Genüßlich und zielstrebig beginnt sie daran herumzuknabbern wie eine Ziege. Ich könnte ausrasten, aber die Kraft fehlt mir. Also Katze einfangen und dann weiter. Nico steht grinsend wie ein kleines Engelchen an der Treppe – der Herr möchte nach unten getragen werden. Na klar, was denn sonst. Und ich mit meinem Rücken…. Aber wenn wir jetzt noch diskutieren, dauerts noch länger. So geht das weiter, bis er endlich in der Kita angekommen ist. Und abends wieder anders herum. So ist das eben. Mit 2,5 Jahren geht´s rund, einer dreht immer am Rad.

Seit dem Sommer quälen wir uns allerdings mit unseren eigenen Wehwehchen. Ich hab bereits zwei Mal Antibiotika wegen Nasennebenhöhlenentzündungen schlucken müssen, sogar ein CT habe ich bekommen. Zwischendurch auch wiederholt eine Kehlkopfentzündung, wo mir nicht nur die Stimme, sondern auch die Luft etwas wegblieb. Also Kortison noch dazu geschluckt. Fast zeitgleich hatte Olga ähnliche Probleme. Nico hat`s gefreut, er konnte alleine schreien 😉

Und dann noch der Rücken: Vor ca. 2-3 Monaten habe ich mich irgendwie verhoben. Plötzlich ging nix mehr so richtig. Das ISG schmerzte und es dauerte Wochen, bis es endlich besser ging. Trotzdem merke ich immer wieder Beschwerden in diesem Bereich. Nico immer wieder auch ungünstig zu heben, macht es auch nicht besser.  Um es kurz zu machen: Ihr seht, ich werde alt!

Aber derlei Dinge nicht genug. Wenn der Chef auf Arbeit nicht versteht, warum man mit Fieber zu Hause ist und “krank macht”, dann habe ich dafür auch keine Worte mehr.

Wat mutt dat mutt! – Wirklich?

Jetzt sitze ich im Cafe und lasse die Situation auf mich wirken. Meine Nebenhöhlenentzündung klingt nur langsam ab und wird durch meine Hausstauballergie immer wieder etwas unterhalten. Antihistaminika helfen da. Ich möchte einfach wieder fit sein und Sport machen können! Das Leben spüren und nicht nur dessen Vergänglichkeit.

Und jetzt  noch angeschlagen im Urlaub. Warum im Dezember Urlaub? Nun ja, ich habe gemerkt, dass ich einfach eine Auszeit brauchte. Zum Nachdenken. Zum Planen. Nächstes Jahr stehen einige Veränderungen an: Facharztprüfung, neue Stelle suchen, dann wollen wir spätestens im Herbst wieder ein paar Tage in Bahrain verbringen,…

Jetzt mit einer heißen Schokolade in der Hand beginne ich den Morgen zu genießen. Ich beobachte die Leute, die das Cafe füllen. Kohlenhydratbomben und Heißgetränke gehen über die Theke, formelle und mitunter auch ehrliche Nettigkeiten werden ausgetauscht.

Ich werfe einen Blick auf meine Tasche, in der ein Notizzettel mit Erinnerungen an all die Sachen, die ich in dieser Woche machen soll, steckt. So viele Sachen sollte ich schon längst erledigt haben und warten sehnsüchtig auf meine Aufmerksamkeit. Ich habe keine Lust ihn herauszuholen. Ich will nicht. Ich habe keine Kraft. Ich bin müde. Ich will  einfach nicht! Der Alltag ist übersät mit Pflichten und Zwängen. Dies und Das und Jenes. Alles Dinge, die sein “müssen“, die “zum Leben” gehören, wie man sagt.

Ich werde philosophisch in meinen Gedanken, jetzt, da ich gerade hier sitze und den Augenblick genieße. Besser gesagt: ich lebe diesen Augenblick, diesen  unscheinbaren Moment und er kommt mir hundertmal wichtiger vor, als all die “wichtigen” Dinge, die “doch das Leben” ausmachen. Warum? Weil ich gerade ganz bei  mir bin.

Müssen, müssen, müssen, immer nur müssen. Um jemand zu sein, etwas zu schaffen, darstellen zu können, oder “ein gutes Leben” zu haben. Was ist ein gutes Leben? Arbeiten um zu leben, aber eigentlich lebt man nur für die Arbeit. Das habe ich ja schon im Krankenhaus immer wieder erlebt. “Ja, aber sie  bekommen ja dies und das und jenes gezahlt…”  Immer wieder wird das finanzielle Argument ins Feld geführt. Wenn man dieses Geschäft eingeht “zahlt” man jedoch drauf: die Kraft, Zeit, das psychische Wohlergehen und die sozialen Kontakte, die man dafür opfert sind zu wertvoll. So viel kann man gar nicht gezahlt bekommen! Und: kein Geld der Welt kann diese Dinge ersetzen oder kompensieren! Man verausgabt sich im Hamsterrad der Gesellschaft. Der Versuch, menschliche, psychische Bedürfnisse durch Geld und Konsum zu befriedigen, scheitert. Es ist Selbstbetrug.

Natürlich ist es das nur dann, wenn man nicht gelernt bzw. geschafft hat, Grenzen zu ziehen. Und das können erfahrungsgemäß nur die allerwenigsten Menschen, egal in welcher Branche.

“Kacke Attacke!” – Mitten im Leben

Meine Gedanken schweifen ab, als ich ein kleines Mädchen sehe, das genauso herumzetert wie Nico heute Morgen. Was in diesen kleinen Köpfchen so vor sich gehen mag? Wie wenig meine Gedanken gerade von Belang sind für solche kleinen Würmchen. Die sind voll und ganz im Hier und Jetzt. Gelebte Achtsamkeit könnte man sagen. Die brauchen keine Anleitung dazu, wir schon. Genausowenig die Ehrlichkeit: da wird alles herausposaunt, was einem gerade durch den Kopf geht. Nico zum Beispiel: gestern saß er auf seinem Stühlchen, hob plötzlich den Arm und schrie “Kacke, Attacke!!!” und amüsierte sich köstlich.

20181210_081521.jpg

“Kacke Attacke!” – Kein Autonomer vom schwarzen Block, einfach Nico…

Ich muss grinsen bei diesem Gedanken und dann tauchen wieder  die kräftezehrenden Bilder von heute morgen auf. “Mitten im Leben” kann man sagen. Mir fällt immer wieder auf, wie sensibel diese Kleinen sind. Sie nehmen alles wahr, auf und  können vieles noch nicht richtig deuten. Sie sind empfindsam, zerbrechlich, aber auch stark und manchmal auch brutal. Momentan sind wir ständig dabei, Nico in seine Schranken zu weisen: “Nein, der Teller wird nicht durch die Küche geworfen!” oder “Mama wird nicht gehauen!” sind nur zwei von unzähligen Beispielen. Natürlich machen diese Dinge Sinn, zweifelsohne, aber wir beschneiden auch viel von der Spontanität und einer gewissen (manchmal nervigen) Ehrlichkeit dieses kleinen Menschen, wenn wir ständig sagen “mach Dies oder Das” oder “Laß Das und Jenes!”.

In dem von mir kürzlich absolvierten “Kurs der psychosomatischen Grundversorgung” berichtete ein Psychoanalytiker über das Beispiel eines Kindes, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts als Tochter einer Apothekerin aufgewachsen war. Als das Mädchen 1-3 Jahre alt war, nahm es die Mutter immer mit in die Apotheke zur Arbeit. Dort breitete sie eine kleine Decke aus, auf der sie das Mädchen setzte. Es durfte sich aber keineswegs von der Decke wegbewegen, nichts anfassen nicht schreien, nicht pupsen, gar nichts. Schließlich saß die Kleine stundenlang nur noch still auf der Decke und wippte von einer Seite auf die andere, in sich gekehrt. Später entwickelte sie eine Zwangserkrankung, so der Psychotherapeut. Das Mädchen wurde quasi aller spontaner altersgemäßer Bewegungen geraubt, Impulse massiv unterdrückt und dem Zwang so der Weg geebnet.

Firlefanz

Natürlich entwickelt nicht jeder eine Zwangserkrankung, aber es rüttelte mich etwas wach, da ich Nico schon sehr in die Schranken wies, wenn er zu sehr plärrte, zu viel irgendwo rumpopelte usw. Aber: Was ist zu viel? In erster Linie war es mir zu viel, nicht ihm. Ich bin eher nur nach meinen Bedürfnissen gegangen, weil ich müde war und zur Arbeit musste, oder Ähnliches. Ich hatte “keine Nerven für Firlefanz“, weil meine Energie und Kraft von der Arbeit gebunden waren… Für ihn war es aber irgendwie ja kein “Firlefanz“, gemessen an seiner Entwicklung eben.

Bei dem Gedanken, daß Nico ja auch von mir lernt, wie man mit Stress umgeht, wird mir fast übel. In diesem Moment also, wo ich gestresst war und so reagierte wie ich eben reagierte, zeigte ich ihm unbeabsichtigt meinen Weg, Stress zu verarbeiten. Und diesen Weg versuche ich eigentlich zu ändern, weil er mir nicht gut tut.

Also, wie soll ich mein Kind erziehen? Es soll ein “anständiger”, “gesellschafts-konformer Bürger” werden, aber er soll doch auch die Freiheiten haben, die er braucht, um sich zu entfalten, oder?

Und trotzdem muss ich ihn schon hier in gesellschaftliche Normen pressen, die ja auch vernünftig sind. Er soll ja auch ein Mitglied der Gesellschaft werden und kein “störendes Randgruppenelement”, kein Aussenseiter. Er “soll Etwas werden“, vor allem aber soll er glücklich werden. Und das ist natürlich an gewisse Umgangsstandards gebunden – aber auch an Entwicklungsfreiräume, die uns vielleicht unsinnig erscheinen.

“Eben mal” das Kind erziehen – WICHTIGER als der Job

Also bin ich in meiner Elternrolle gefragt, ganz klar. Das erwarte ich auch von jedem anderen Vater. Trotzdem steht dies in einem (immer noch) ganz starken Kontrast zum gelebten gesellschaftlichen Ansehen und Wertschätzung.  Es wird verlangt, dass Erziehung “nebenbei” stattfindet. Wenn der Chef komisch guckt, weil Mutti oder Vati beim kranken Kind zu Hause sind, dann ist das nur ein Beispiel. Andere sagen ganz ehrlich, sie stellen keine jungen Mütter ein – und das im 21. Jahrhundert!

Die Hauptpflicht ist die Erfüllung der Arbeitsaufgaben, was man mit der Familie macht ist egal, Hauptsache diese ist untergeordnet!  Wir erleben es bereits mit einem Kind, wieviel Aufmerksamkeit es braucht, wie oft man sich die Zeit nehmen muss, Geduld aufbringen muss, um ihm die Welt zu erklären, die so viel Schönes, aber auch Schmerzhaftes bereithält. Es ist einfach schwierig für solche kleinen Zweibeiner und unsere Hauptaufgabe ist nun mal, bei ihnen zu sein und ihnen dabei zu helfen groß zu werden. Und das ist wichtiger als der Job und irgendwelche anderen Verpflichtungen!

Was passiert, wenn man die Familie unterordnet sehen wir ja: Kindergarten und vor allem Schule müssen das nachholen, was Eltern nicht gemacht oder geschafft haben: eine vernünftige Sozialisierung eines jungen Menschen, die zu Hause anfängt. Interpersonelle Kommunikation, das Erleben von Gefühlen und der Umgang mit ihnen. Und das braucht Zeit! Aufmerksamkeit! Geduld! Und die gibt es in unserem “modernen” Leben nur noch in homöopathischen Dosen.

Spätestens aber ab der Schulzeit beginnt aber, wie ich meine, etwas Verhängnisvolles: Indem wir im Laufe der Jahre immer strenger in unserer Leistung bewertet werden und wir eigentlich nur noch über die erbrachte Leistung als Bewertungsmaßstab wahrgenommen werden, lernen wir, ausschließlich über unsere Leistung gewertschätzt zu werden. Mathe, Physik, Englisch, Sport usw., das sind alles nur schmale Bereiche des menschlichen Lebens, gemessen an der Vielzahl von Qualitäten und Fähigkeiten eines Menschen, der Persönlichkeit. Ihn faktisch also nur darüber eine de facto alleinige Wertschätzung zukommen zu lassen, kann doch nur irgendwie unfair sein. Wer benotet schon “Empathie” oder gar “Nettsein”? 😉

Besonders durch immer steigende Ansprüche an Schüler und Studenten vergrößern wir auch die Möglichkeit, dass Menschen diesen nicht gerecht werden können und eine entsprechende Ablehnung ihrer Person empfinden. Der Absturz oder die “verbockte Weiterentwicklung” ist abzusehen. Würdevolles Selbstverständnis und ebensolcher Umgang mit anderen lassen sich nicht anhand von PISA-Studien messen.

Abgestellt auf dem Schrottplatz der menschlichen Individuen?

Auf der anderen Seite finden wir die eigentlich erfolgreichen Menschen der Student, der seit x-Semestern nicht mehr “weiterkommt” mit seiner Bachelor-Arbeit, der darüber so verzweifelt ist, dass er depressiv vor mir sitzt und an ein Ende des Lebens denkt. Oder der Abteilungsleiter, der “ausgebrannt” ist, der aber zu Hause noch die dicken Akten von der Arbeit zu liegen hat und sich Gedanken um die Reaktionen des Chefs macht.  Beide definieren sich über ihre Arbeit, haben Ansprüche, die in keinem Verhältnis zu ihren Ressourcen und menschlichen Eigenschaften stehen. Auch sie haben es “erfolgreich” gelernt, sich anscheinend hauptsächlich über ihre Leistung zu definieren.

“Pass auf Dich auf!”

Und jetzt? Abgehängt, ausrangiert, erledigt, nutzlos? “Notschlachtung“? Das trifft übrigens auch auf all die älteren Arbeitnehmer zu, auch wenn sie noch “in Kraft und Saft” stehen. Der “Leistungs-TÜV” wartet nicht und wird mit jedem Lebensjahr immer schärfer… Die “Ausrangierten” –  das ist auch so eine Parallelgesellschaft. Und bedroht deren Ausgrenzung und “Kranksein/Krankgemacht-Sein” uns nicht mehr, als die Migrantenfrage?

Was sie bei all dem Studium und Arbeiten nicht gelernt haben: auf sich selber aufzupassen. Was tut mir gut, was nicht? Das lernt man leider nicht auf der Schule und auch nicht auf der Uni, dabei wäre es doch eines der wichtigsten und auch praktischten Fächer überhaupt.

Um mal zum “greifbaren Körperlichen” zurückzukommen. Erst kürzlich kam ein Patient zu mir, etwa Ende 50. Leicht untersetzt, graue Haare, Hemd, Jeans. Dicke Brillengläser machten seine Augen beim Blick durch die Brille ganz klein, so wie die Knopfaugen von Nicos Teddybär. Das Gesicht gerötet, leicht hektisch, ungeduldig wirkend, gefühlt “Typ Choleriker“. Er habe vor kurzem immer wieder bei einem Bekannten den Blutdruck gemessen, und dieser sei zu hoch gewesen. “Das hatte ich doch noch nie!”, sagte er entrüstet, ganz als ob er enttäuscht über sich selbst wäre. Er sei in der Manager-Etage eines großen Unternehmens, hätte Führungsaufgaben und Personalverantwortung. Obwohl ich die Antwort schon absehen konnte, fragte ich, ob er denn viel Stress hätte. Ich hatte eigentlich ein “Ja, natürlich! Was für eine Frage!” erwartet. Statt dessen sagte er mit funkelnden Augen und mit leicht überheblicher Stimme: “Stress ist eine Krankheit der Leistungsschwachen!” Er sei ein Machertyp, keiner, der sich mit Stress abgebe…

“Stress ist eine Krankheit der Leistungsschwachen”

Dieser eine Satz war frappierend ehrlich. Er sagte so viel aus über ihn, mehr als über die anscheinend verachteten “Anderen”. Ich muß ehrlich gestehen, dass ich selten so glücklich darüber war, zu den Leistungsschwachen zu gehören…

Um es einmal ganz simpel auszudrücken: Egal ob Student, Abteilungsleiter oder “ausrangierter” Schüler, wir  “leisten” es uns, zunächst massenhaft kranke Menschen zu “produzieren” um diese dann “teuer zu therapieren“.  Macht das Sinn? Ist das der Sinn von Nachhaltigkeit, von der ja so viel gesprochen wird? Wenn wir nicht gelernt haben, nachhaltig mit uns selber umzugehen, wie soll das dann bloss mit der Natur funktionieren? Nicht, dass ich das für unlösbar halte, aber für überlegenswert…

Hasta la Vista, Baby!

Es ist Abend. Nico hat zuende gespielt, gegessen (manchmal das gleiche wie Spielen), Zähne geputzt (was für ein Kraftakt!), Windel gewechselt, Schlafanzug angezogen, Schlafsack drüber. Heute hat Fiona´s Mama Geburtstag. Fiona ist Nicos Babysitterin und Nico mag sie sehr. Manchmal ruft er im Hausflur nach ihr oder fragt “Kommt heute Fiona?” Wir klopfen, Glückwünsche werden ausgetauscht und nach einem kurzen Gespräch soll es eigentlich wieder nach oben gehen. Fiona kriegt von Nico ein Küsschen, die Mama, sogar der Papa von Fiona und Nico wundert sich noch über die kratzenden Bartstoppeln in Helmuts Gesicht und muß gleich mal bei mir nachprüfen, ob das so richtig ist. Doch Fiona hat Besuch: zwei junge Mädchen kommen aus ihrem Zimmer und wollen gehen. Klar, Nico knutscht die beiden auch noch ab! Er freut sich, im Mittelpunkt zu stehen und so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Auf dem Treppenabsatz wirft er “seiner” Fiona noch ein Luftküsschen zu und plötzlich ruft er “Hasta la Vista, Baby!” Alle lachen und er gluckst vor Freude. Natürlich hatte ich das vorher aus Spass zu ihm gesagt und er freut sich über neue Sprüche. Beim Ins-Bettchen-Legen, verrate ich ihm einen neuen Spruch: “Good night, Baby!” Er grinst und flüstert “Good nacht, Baby“…

20181209_185700-1.jpg

Geschafft: Im Heierchen mit Hund und Schlange