Der Countown läuft…

Jetzt geht es ans Eingemachte. Die Tage vergehen wie im Flug und schneller als man (wieder einmal) dachte, beginnt die heiße Phase, die letzten Tage hier in Schweden. Nachdem wir Ende des letzten Jahres den Entschluss gefaßt hatten wieder in die Heimat zurückzukehren, stellte sich natürlich erst einmal die Frage “Wohin?”. Die Frage war schnell beantwortet: Berlin ist zwar meine Heimatstadt und ich werde im Herzen immer ein Berliner bleiben, aber für kleine Kinder ist das kein guter Ort, um groß zu werden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie zwei Mütter sich fast geprügelt hatten, weil verständlicherweise jede mit ihrem Kinderwagen in den Bus wollte. Und im U-Bahnhof die Stufen nach unten oder nach oben tragen ist bei Weitem keine Vergnügen, wenn kaum einer hilft und alle nur vorbeieilen. Zu gewissen Tageszeiten scheint es gar gänzlich unmöglich mit den Öffentlichen zu fahren und das Auto kann man sowieso vergessen (zumindest in Zentrumnähe). Von der gestressten Art wollen wir erst gar nicht reden.

Das Eis des gefrorenen Siljansees sieht aus wie gefrorene Wellen

Also war die Antwort klar: Osnabrück. Dort lebt ein wichtiger Teil der Familie, kleine Kinder inklusive. Also genau das Richtige für Nico. Hier in Schweden haben wir auch die Unterstützung der Familie vermisst, auch wenn wir wunderbare Menschen kennengelernt haben, die wir inzwischen zu unseren Freundeskreis zählen dürfen.

Nico zum ersten Mal im Flugzeug (Stockholm-Düsseldorf)

Die Stadt hat bei früheren Besuchen auf uns einen sympathischen Eindruck gemacht und die Osnabrücker scheinen generell etwas entspannter und freundlicher als die Berliner zu sein.

Bei unserem letzten Besuch im  haben wir diese -wie die Osnabrücker selber sagen- “große Kleinstadt” oder “kleine Großstadt” etwas genauer unter die Lupe genommen. Von Stockholm aus waren wir nach Düsseldorf geflogen. Die erste Flugreise mit Nico. Der hat allerdings die meiste Zeit gepennt, während die Zugfahrt über Dortmund wesentlich interessanter für ihn war.

Wir hatten das Glück die Nachbarwohnung von Gisela, einer Kollegin meines Bruders und seiner Frau zu nutzen. Die Einrichtung einer Wohnung sagt bekanntlich viel über den Bewohner aus, so auch hier. Die sorgfältig gewählten Bilder zogen gleich meine Aufmerksamkeit auf sich: Tierfotografien, Zeichnungen mit Wüstenmotiven. In den Vitrinen im Wohnzimmer eine Fülle von Gegenständen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten.

Allerlei Schmuck aus dem subsaharischen Raum

Holzmasken, Ketten, Muscheln und allerlei andere kunstvolle Utensilien vor allem aus dem subsaharischen Afrika und Bilder von Himba-Frauen Namibias, wie sie stolz den Schmuck tragen. An die Wand gelehnt ein kleines Heftchen, ein “Trecking Permit” für Kathmandu, Nepal, ausgestellt im Namen von “His Majesty”, Jahrzehnte alt.

Permit für Kathmandu, Nepal

Gisela hatte ihren leider vor Jahren verstorbenen Mann auf Reisen kennengelernt. Wenn man die Gegenstände und Fotos sah, so dann kann man getrost sagen, dass beide richtige Weltenbummler waren. Im Gespräch mit ihr merkte man, dass in ihrer Brust immer noch kräftig das Herz eines Entdeckers schlägt.

Mit dem Bulli durch die Wüste – herrlich!!!

Die Ecke zur Küche hatte es mir besonders angetan: Bilder von einem VW-Bus (einem alten Bulli), der mitten in der Wüste steht. Giselas Mann ist wohl oft durch die Sahara gereist, genauso, wie ich es mir immer vorgestellt hatte! Ein Vorbild! Ich bin immer noch begeistert, während ich diese Zeilen schreibe! Und endlich kann ich meinen Eltern beweisen, dass ich nicht der einzige bin, der solche Pläne hatte und vor allem, dass es auch funktionieren kann (wenngleich es heutzutage wegen Terror und Kriminalität momentan nicht besonders schlau ist). Schade, dass wir ihn nicht kennenlernen konnten…

Reifenpanne in der Wüste. Wunderbare Zeichnung von Giselas Mann

In Osnabrück hatte ich zwei Vorstellungsgespräche, die beide sehr gut liefen. Zugegeben: Bei der aktuellen Situation ist es aber auch nicht besonders schwer, eine Stelle zu bekommen.

In den wenigen Tagen hatten wir viel zu tun, aber auch eine Menge Spass mit den kleinen und nicht mehr ganz so kleinen Würstchen. Nico fand es sehr spannend mit seinen Cousins Zeit zu verbringen. So kann man sich gegenseitig Blödsinn beibringen und Tipps austauschen, wie man die Eltern am besten “zur Weißglut” bringt. Naja, so schlimm ist es (noch?) nicht.

Hübsch: die Altstadt von Osnabrück

Und tschüß…!

Nachdem wir wieder zurück waren, habe ich sofort meine Kündigung abgegeben. Mann, wie sich das anfühlt! Jetzt mussten noch 3 Monate überstanden werden.

Die letzten Wochen hatten es in sich gehabt. Viele sehr kranke Patienten, die ich -wie schon früher beschrieben- nicht an Spezialisten überweisen kann. Diese Detektivarbeit, die Arbeit als “Buschdoktor” werde ich vermissen. Ebenso die kleinen praktischen Tätigkeiten, wie zum Beispiel Rektoskopien (Nutella! 😉 ) und vor allem kleine Eingriffe. Meistens schneidet man nur unbedeutende Veränderungen heraus oder macht eine Stanzbiopsie (Gewebeprobeentnahme). Hin und wieder ergeben sich dabei aber auch erstaunliche Dinge. Bei einem Mann habe ich vor Kurzem eine unbedeutend aussehende Hautveränderung, eher einem Pickel ähnelnd aber ohne Entzündungszeichen, herausgeschnitten. Die Pathologie zeigte ein Malignes Melanom (schwarzer Hautkrebs). Da man seit Kurzem eine Art “Überholspur” für eine Reihe von Krebsdiagnosen und hochgradig krebsverdächtige Erkrankungen eingeführt hat, hat sich die Behandlung für solche Patienten deutlich verbessert. Solche Patienten müssen zum Glück nicht mehr warten, sondern alles geht sehr zügig. Also mal etwas wirklich Positives im hiesiegen Gesundheitssystem.

Ich bin schon gespannt, was sich alles in Deutschland verändert hat, immerhin habe ich nicht vergessen, daß es auch dort Probleme gibt.

Während der Arbeitsrythmus also weitergeht, krempeln wir zu Hause die Bude um. Sachen werden weggeworfen, verpackt, Kisten in den Keller gebracht,… Während wir so vor uns hinwurschteln hören wir meist Musik.

Party oder Marschmusik?

Nico – sobald er Musik auch nur von Weitem hört

Nico mag Musik, gleich welcher Art. Seit wenigen Wochen kann er auf seinen kleinen Beinchen stehen und hält sich an einem Gitter, dem “Knast” fest. Sobald er Musik hört gibt er quietschende Laute von sich, hebt ein Ärmchen und die kleinen Beinchen beginnem im Tackt zu zappeln. Er lacht und hat sichtlich Spass. Vorgestern waren wir im Stadtzentrum. Es war recht schön, “so mit Sonne und so” (ist momentan ja etwas Besonderes hier oben). Wie wir so an einer Ampel warteten fuhr ein Volvo (was sonst) mit zwei Jugendlichen vorbei. Die Fenster unten, die Musik voll aufgedreht. Nico hatte sie noch gar nicht gesehen, aber gehört: schon gingen die beiden kleinen Ärmchen nach oben und er machte mit den Fingern eine Art schnipsende Bewegung. Das ganze kleine Gesichtchen war ein einziges Grinsen, die beiden kleinen Schneidezähnchen lachten uns an. Herrlich!!!

Vor wenigen Tagen hatten wir ja den 1. Mai. Auch im “sozialistischen” Schweden wird der 1. Mai begangen. Ähnlich wie bei uns in Deutschland wird auch hier demonstriert. Allerdings bleibt es dann friedlich, nicht so wie der 1. Mai traditionell in Berlin mit Strassenschlachten. Allerdings hatten sich wie schon im letzten Jahr die Rechtsradikalen angemeldet. Während sie 2016 im benachbarten Borlänge (20 km, von hier kommen u.a. Musiker wie Mando Diao) aufmarschierten wollten sie dieses Jahr Falun beglücken. Während wir uns zunächst die bunten Kostüme der Gegenbewegung anschauten, erhaschten wir dann doch noch einen Blick auf die “strammen Jungs”.

Martialisch und zum Fürchten: Eigene Ordner mit Schutzschilden

Durch Absperrungen streng getrennt von den Gegendemonstranten lauschten die der Kundgebung ihrer Führerriege. Ich verstand nicht genau, was sie sagten, aber dem Tonfall nach war es wahrscheinlich eine auswendig gelernte Wochenschau von 1941. Schon irgendwie gruselig. Auch einige Mädels mit Röcken und Zöpfen, genauso wie die Mädels beim BDM… Wikipedia weiß zu berichten, dass die hier erstarkende “Nordischen Widerstandsbewegung” (Nordisk motståndsrörelse, NMR) sektenähnliche Züge aufweist und vornehmlich aus verurteilten Gewalttätern bestehen soll. Ziel ist es mittels einer Revolution eine “Nordische Republik” zu errichten. Aha. Na klar. Es ist irgendwie komisch, dass denen überhaupt erlaubt wurde zu spechen, und vor allem im Stadtzentrum der Gebietshauptstadt. Den wenigen hundert braunen Brüdern, die sogar eigene mit Schildern bewaffnete Ordner und  eine eigene Presseabteilung hatten, standen natürlich wesentlich mehr, lautstark protestierende Gegendemonstranten gegenüber. Wir entschlossen uns weiterzuziehen, der Sonne entgegen.

“NMR = Eine Schande für Schweden”. Gegendemonstrantin am Rande der Demo

Nico fand das alles lustig, besonders die laut schreienden Leute, die trotz allem gelöste, lockere Athmosphäre und die bunten Farben. Ich erklärte ihm, dass die lustigen netten Menschen alle gekommen waren, um seinen ersten Geburtstag zu feiern! Ob er´s verstanden hat? Immerhin schien er viel Spass gehabt zu haben und fiel hundemüde ins Bettchen… So ein Geburtstag ist schon anstrengend, vor allem, wenn man so viele schöne Geschenke bekommt, deren Verpackung zunächst viel interessanter ist, als der eigentliche Inhalt. Und: der liebe Gott war gnädig gewesen und hat ihm zum Geburtstag ein paar Haare auf die kleine Glatze gezaubert…

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