Aufbruch in ein neues (altes) Land

Teil 1 – Abreise und physisches Ankommen

Wir sind angekommen. Etwas mehr als ein halbes Jahr nach dem Umzug haben wir uns langsam eingelebt in unserer neuen Heimat. Die Familie fast um die Ecke, die Arbeit 10 min mit dem Fahrrad entfernt, das Auto muss nur noch wenig bewegt werden (was den Geldbeutel und die Umwelt freut). Das sind doch schon mal gute Vorraussetzungen.

Das war´s, die Wohnung ist leer.

Allerdings war dieses halbe Jahr auch eregnisreich. Alles begann mit dem Umzug. Bereits im April begannen wir zu packen, die Wohnung wurde schrittweise “zurückgebaut”, bis nur noch Kisten übrig blieben. Leider musste ich bis zum vorletzten Tag arbeiten. Meine Chefin sah angeblich keine Möglichkeit, mir mehr Urlaub zu geben. Das machte alles nicht einfacher. Schließlich kam der Transport-LKW der Umzugsfirma, die wir beauftragt hatten und die Wohnung war leer.

Genau das richtige Abschiedswetter

Die letzten 2 Nächte schliefen wir auf einer aufblasbaren Matratze meines Kollegen Bert, bevor wir in eine Gästewohnung des schwedischen Mietervereins umzogen. Zur Übergabe hatten wir glücklicherweise eine Firma für die Reinigung unserer alten Wohnung beauftragt, was zwar teuer war, sich aber als sehr klug herausstellte. Unser Vermieter fand ständig etwas zum Aussetzen und ließ die Putztruppe mehrere Stunden nachputzen! Aufpreis kostete das für uns allerdings nicht.

Endlich mal Sonne und etwas Wärme…

Am Tag unserer Abreise war es nebelig-trüb und kalt. Das störte uns jedoch nicht. Neben Nico und den Katzen war unser Auto mit jeder Menge Zeug vollgestopf, alles jedoch generalstabsmäßig sortiert, ansonsten hätte man nur die Hälfte unterbringen können.

Unser Ziel war Göteborg am Mittag zu erreichen und am frühen Abend die Fähre nach Kiel zu befahren. Zunächst ging es durch die fast herbstlich-winterlich anmutende Landschaft Mittelschwedens. Bei weitgehend fehlender Autobahn und Tempo 90 zog sich die Strecke in die Länge. Etwa 200 km weiter südlich von Falun bekamen wir ihn erstmals in diesem Jahr zu Gesicht: den Frühling. Auf einem Rastplatz wurden die Katzen und Nico Gassi geführt. Was für ein Spass!

 

Nico freute sich an den wärmenden Sonnenstrahlen und einer herumsurrenden Hummel, während die Maggi und Tonia tatsächlich die Chance wahrnahmen und das Katzenklo benutzten. Anschließend ging es weiter gen Süden. Tatsächlich klappte alles ohne größere Schwierigkeiten, sodaß wir am Abend die “Kabine für Passagiere mit Haustieren” beziehen konnten.

Diese ist bei den Fähren meistens mittig angelegt, sodaß man also kein Meerblick hat.Statt Kabine hätte man jedoch eher von “Zelle” sprechen können. Auf engsten Raum hatten wir als zwei Erwachsene und Baby schon Probleme, nicht auszudenken, wenn dann noch ein Rottweiler hätte Platz finden müssen, oder Herrchen ein kleiner Elefant gewesen wäre…

Nico und Maggi “eingeparkt”.

Die Belüftung war auch nicht besonders, weshalb wir die Tür den halben Abend offen ließen. Nach kurzer Eingewöhnung hatten sich jedoch auch unsere beiden Fellnasen mit der neuen Umgebung angefreundet.

Nach einem kleinen Frühstück ging es pünklich gegen 9 Uhr von Bord, sodaß wir unsere Reise Richtung Berlin rasch fortsetzen konnten.
Während mein Bruder in Osnabrück bereits den Umzugs-LKW in Empfang nahm und fleissige Helfer alles entluden (Danke!!!), hatten wir das nächste kleine Projekt zu meistern: Auflösung unseres Lagers in Berlin und alles nach Osnabrück karren. Zum Glück hatten wir auch hier fleissige Helfer, ohne die wird das nicht so ohne weiteres geschafft hätten (Danke u.a. Oxana und Daniel!).

Erstaunlich (praktische) Kombination. Hier kann man sich sprichwörtlich zu Tode saufen. – gesehen am U-Bhf Berlin-Mariendorf, der Friedhof ist 150m weit weg…

Mit einem gemieteten Transporter ging es dann wieder auf die Piste zur letzten Etappe: Berlin-Osnabrück. Auf halben Wege hatten wir das Glück, wieder unsere Weggefährtin Kristin mit ihrem kleinen Justus zu treffen.

Treffen mit Kristin

Ach wie herrlich!!! Wieder einmal wurde uns bewusst, wie sehr uns Bahrain und Middle East generell fehlen…

In Osnabrück angekommen wurden wir wärmstens empfangen. Nach ein paar Nächten auf einer Matratze gings erst einmal in ein preiswertes schwedisches Möbelhaus. Alles musste sehr schnell gehen, da ich bereits nach ein paar Tagen meine neue Stelle antreten musste. Daher verzögerte sich so einiges, sodaß wir noch immer nicht vollständig eingerichtet sind, und im Flur immer noch eine nackte Glühbirne von der Decke baumelt…

Ich “liebe” Umzüge… (aber wen es oft in die weite Welt zieht, muss diese Kröte schlucken)

Wie es einem so geht, wenn man wieder nach Deutschland zurück kommt, könnt Ihr im nächsten Blog lesen. Dann auch, ob wir jetzt eine richtige Lampe im Flur haben und warum Überlebensstrategien noch genauso aktuell sind wie in der Steinzeit…

Der Countown läuft…

Jetzt geht es ans Eingemachte. Die Tage vergehen wie im Flug und schneller als man (wieder einmal) dachte, beginnt die heiße Phase, die letzten Tage hier in Schweden. Nachdem wir Ende des letzten Jahres den Entschluss gefaßt hatten wieder in die Heimat zurückzukehren, stellte sich natürlich erst einmal die Frage “Wohin?”. Die Frage war schnell beantwortet: Berlin ist zwar meine Heimatstadt und ich werde im Herzen immer ein Berliner bleiben, aber für kleine Kinder ist das kein guter Ort, um groß zu werden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie zwei Mütter sich fast geprügelt hatten, weil verständlicherweise jede mit ihrem Kinderwagen in den Bus wollte. Und im U-Bahnhof die Stufen nach unten oder nach oben tragen ist bei Weitem keine Vergnügen, wenn kaum einer hilft und alle nur vorbeieilen. Zu gewissen Tageszeiten scheint es gar gänzlich unmöglich mit den Öffentlichen zu fahren und das Auto kann man sowieso vergessen (zumindest in Zentrumnähe). Von der gestressten Art wollen wir erst gar nicht reden.

Das Eis des gefrorenen Siljansees sieht aus wie gefrorene Wellen

Also war die Antwort klar: Osnabrück. Dort lebt ein wichtiger Teil der Familie, kleine Kinder inklusive. Also genau das Richtige für Nico. Hier in Schweden haben wir auch die Unterstützung der Familie vermisst, auch wenn wir wunderbare Menschen kennengelernt haben, die wir inzwischen zu unseren Freundeskreis zählen dürfen.

Nico zum ersten Mal im Flugzeug (Stockholm-Düsseldorf)

Die Stadt hat bei früheren Besuchen auf uns einen sympathischen Eindruck gemacht und die Osnabrücker scheinen generell etwas entspannter und freundlicher als die Berliner zu sein.

Bei unserem letzten Besuch im  haben wir diese -wie die Osnabrücker selber sagen- “große Kleinstadt” oder “kleine Großstadt” etwas genauer unter die Lupe genommen. Von Stockholm aus waren wir nach Düsseldorf geflogen. Die erste Flugreise mit Nico. Der hat allerdings die meiste Zeit gepennt, während die Zugfahrt über Dortmund wesentlich interessanter für ihn war.

Wir hatten das Glück die Nachbarwohnung von Gisela, einer Kollegin meines Bruders und seiner Frau zu nutzen. Die Einrichtung einer Wohnung sagt bekanntlich viel über den Bewohner aus, so auch hier. Die sorgfältig gewählten Bilder zogen gleich meine Aufmerksamkeit auf sich: Tierfotografien, Zeichnungen mit Wüstenmotiven. In den Vitrinen im Wohnzimmer eine Fülle von Gegenständen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten.

Allerlei Schmuck aus dem subsaharischen Raum

Holzmasken, Ketten, Muscheln und allerlei andere kunstvolle Utensilien vor allem aus dem subsaharischen Afrika und Bilder von Himba-Frauen Namibias, wie sie stolz den Schmuck tragen. An die Wand gelehnt ein kleines Heftchen, ein “Trecking Permit” für Kathmandu, Nepal, ausgestellt im Namen von “His Majesty”, Jahrzehnte alt.

Permit für Kathmandu, Nepal

Gisela hatte ihren leider vor Jahren verstorbenen Mann auf Reisen kennengelernt. Wenn man die Gegenstände und Fotos sah, so dann kann man getrost sagen, dass beide richtige Weltenbummler waren. Im Gespräch mit ihr merkte man, dass in ihrer Brust immer noch kräftig das Herz eines Entdeckers schlägt.

Mit dem Bulli durch die Wüste – herrlich!!!

Die Ecke zur Küche hatte es mir besonders angetan: Bilder von einem VW-Bus (einem alten Bulli), der mitten in der Wüste steht. Giselas Mann ist wohl oft durch die Sahara gereist, genauso, wie ich es mir immer vorgestellt hatte! Ein Vorbild! Ich bin immer noch begeistert, während ich diese Zeilen schreibe! Und endlich kann ich meinen Eltern beweisen, dass ich nicht der einzige bin, der solche Pläne hatte und vor allem, dass es auch funktionieren kann (wenngleich es heutzutage wegen Terror und Kriminalität momentan nicht besonders schlau ist). Schade, dass wir ihn nicht kennenlernen konnten…

Reifenpanne in der Wüste. Wunderbare Zeichnung von Giselas Mann

In Osnabrück hatte ich zwei Vorstellungsgespräche, die beide sehr gut liefen. Zugegeben: Bei der aktuellen Situation ist es aber auch nicht besonders schwer, eine Stelle zu bekommen.

In den wenigen Tagen hatten wir viel zu tun, aber auch eine Menge Spass mit den kleinen und nicht mehr ganz so kleinen Würstchen. Nico fand es sehr spannend mit seinen Cousins Zeit zu verbringen. So kann man sich gegenseitig Blödsinn beibringen und Tipps austauschen, wie man die Eltern am besten “zur Weißglut” bringt. Naja, so schlimm ist es (noch?) nicht.

Hübsch: die Altstadt von Osnabrück

Und tschüß…!

Nachdem wir wieder zurück waren, habe ich sofort meine Kündigung abgegeben. Mann, wie sich das anfühlt! Jetzt mussten noch 3 Monate überstanden werden.

Die letzten Wochen hatten es in sich gehabt. Viele sehr kranke Patienten, die ich -wie schon früher beschrieben- nicht an Spezialisten überweisen kann. Diese Detektivarbeit, die Arbeit als “Buschdoktor” werde ich vermissen. Ebenso die kleinen praktischen Tätigkeiten, wie zum Beispiel Rektoskopien (Nutella! 😉 ) und vor allem kleine Eingriffe. Meistens schneidet man nur unbedeutende Veränderungen heraus oder macht eine Stanzbiopsie (Gewebeprobeentnahme). Hin und wieder ergeben sich dabei aber auch erstaunliche Dinge. Bei einem Mann habe ich vor Kurzem eine unbedeutend aussehende Hautveränderung, eher einem Pickel ähnelnd aber ohne Entzündungszeichen, herausgeschnitten. Die Pathologie zeigte ein Malignes Melanom (schwarzer Hautkrebs). Da man seit Kurzem eine Art “Überholspur” für eine Reihe von Krebsdiagnosen und hochgradig krebsverdächtige Erkrankungen eingeführt hat, hat sich die Behandlung für solche Patienten deutlich verbessert. Solche Patienten müssen zum Glück nicht mehr warten, sondern alles geht sehr zügig. Also mal etwas wirklich Positives im hiesiegen Gesundheitssystem.

Ich bin schon gespannt, was sich alles in Deutschland verändert hat, immerhin habe ich nicht vergessen, daß es auch dort Probleme gibt.

Während der Arbeitsrythmus also weitergeht, krempeln wir zu Hause die Bude um. Sachen werden weggeworfen, verpackt, Kisten in den Keller gebracht,… Während wir so vor uns hinwurschteln hören wir meist Musik.

Party oder Marschmusik?

Nico – sobald er Musik auch nur von Weitem hört

Nico mag Musik, gleich welcher Art. Seit wenigen Wochen kann er auf seinen kleinen Beinchen stehen und hält sich an einem Gitter, dem “Knast” fest. Sobald er Musik hört gibt er quietschende Laute von sich, hebt ein Ärmchen und die kleinen Beinchen beginnem im Tackt zu zappeln. Er lacht und hat sichtlich Spass. Vorgestern waren wir im Stadtzentrum. Es war recht schön, “so mit Sonne und so” (ist momentan ja etwas Besonderes hier oben). Wie wir so an einer Ampel warteten fuhr ein Volvo (was sonst) mit zwei Jugendlichen vorbei. Die Fenster unten, die Musik voll aufgedreht. Nico hatte sie noch gar nicht gesehen, aber gehört: schon gingen die beiden kleinen Ärmchen nach oben und er machte mit den Fingern eine Art schnipsende Bewegung. Das ganze kleine Gesichtchen war ein einziges Grinsen, die beiden kleinen Schneidezähnchen lachten uns an. Herrlich!!!

Vor wenigen Tagen hatten wir ja den 1. Mai. Auch im “sozialistischen” Schweden wird der 1. Mai begangen. Ähnlich wie bei uns in Deutschland wird auch hier demonstriert. Allerdings bleibt es dann friedlich, nicht so wie der 1. Mai traditionell in Berlin mit Strassenschlachten. Allerdings hatten sich wie schon im letzten Jahr die Rechtsradikalen angemeldet. Während sie 2016 im benachbarten Borlänge (20 km, von hier kommen u.a. Musiker wie Mando Diao) aufmarschierten wollten sie dieses Jahr Falun beglücken. Während wir uns zunächst die bunten Kostüme der Gegenbewegung anschauten, erhaschten wir dann doch noch einen Blick auf die “strammen Jungs”.

Martialisch und zum Fürchten: Eigene Ordner mit Schutzschilden

Durch Absperrungen streng getrennt von den Gegendemonstranten lauschten die der Kundgebung ihrer Führerriege. Ich verstand nicht genau, was sie sagten, aber dem Tonfall nach war es wahrscheinlich eine auswendig gelernte Wochenschau von 1941. Schon irgendwie gruselig. Auch einige Mädels mit Röcken und Zöpfen, genauso wie die Mädels beim BDM… Wikipedia weiß zu berichten, dass die hier erstarkende “Nordischen Widerstandsbewegung” (Nordisk motståndsrörelse, NMR) sektenähnliche Züge aufweist und vornehmlich aus verurteilten Gewalttätern bestehen soll. Ziel ist es mittels einer Revolution eine “Nordische Republik” zu errichten. Aha. Na klar. Es ist irgendwie komisch, dass denen überhaupt erlaubt wurde zu spechen, und vor allem im Stadtzentrum der Gebietshauptstadt. Den wenigen hundert braunen Brüdern, die sogar eigene mit Schildern bewaffnete Ordner und  eine eigene Presseabteilung hatten, standen natürlich wesentlich mehr, lautstark protestierende Gegendemonstranten gegenüber. Wir entschlossen uns weiterzuziehen, der Sonne entgegen.

“NMR = Eine Schande für Schweden”. Gegendemonstrantin am Rande der Demo

Nico fand das alles lustig, besonders die laut schreienden Leute, die trotz allem gelöste, lockere Athmosphäre und die bunten Farben. Ich erklärte ihm, dass die lustigen netten Menschen alle gekommen waren, um seinen ersten Geburtstag zu feiern! Ob er´s verstanden hat? Immerhin schien er viel Spass gehabt zu haben und fiel hundemüde ins Bettchen… So ein Geburtstag ist schon anstrengend, vor allem, wenn man so viele schöne Geschenke bekommt, deren Verpackung zunächst viel interessanter ist, als der eigentliche Inhalt. Und: der liebe Gott war gnädig gewesen und hat ihm zum Geburtstag ein paar Haare auf die kleine Glatze gezaubert…

Der Winter, der nicht enden will

So kommt es uns wenigstens vor. Während für Deutschland schon Temperaturen um die 15 Grad plus an den ersten Märzwochenenden agekundigt worden waren, erreichen wir Ende des gleichen Monats gerade einmal die „schwarze Null“ und ein paar mickrige Grade darüber.

schon wieder Winter.jpg

Noch einmal Schnee…

Heute scheint die Sonne und es ist etwas wärmer. Der Schnee war in den letzten Tagen schon ordentlich weggeschmolzen, bis es gestern nachmittag wieder kräftig anfing zu schneien. Aber es gibt Hoffnung: die Tage werden merklich länger, die Winterdepression weicht der Frühjahrsmüdigkeit .

Naturlich sollte es uns nicht verwundern, dass die warmen Jahreszeiten hier etwas kürzer und weniger großzugig ausfallen, was die Temperaturen anbelangt.

 

(Aus-) Rutscher

An einem Wochenende vor zwei Wochen schneite es noch einmal richtig kräftig. Unsere ehemaligen Nachbarn waren zuvor im Januar in ein anderes Haus, etwa 200m weiter hangab, gezogen. Um etwa 15  Uhr waren wir zur Einweihungsfika (Fika = “Kaffetrinken”) eingeladen. Nett so etwas. Also rein in die warmen Klamotten, den kleinen Knilch schön warm eingepackt und los gings. Natürlich hatte unser Vermieter, der auch für den Parkplatz und den anschliessenden Weg zuständig ist, nicht gestreut. Der Weg war extrem glatt. Nico lag in seinem MaxiCosi, dem Auto-Kindersitz fur kleine Würstchen. Wenn ihm langweilig würde, so könnte er darin etwas schlummern. Wie wir nun versuchten wie alte Leute den Weg nach unten zu ertasten, immer auf der Hut nicht doch auszurutschen, sah ich beim Blick nach hinten, wie ein alter schrottiger Golf 2 den Weg zum Parkplatz fand. Drinnen zwei junge Burschen. Der Fahrer liess den Wagen auf dem Parkplatz schleudern. Es war halt so schon glatt…

 

Mitgehangen, mitgefangen – ein “Doppelpack Pussies”

Wir stolperten derweil weiter nach unten, ich Nico im Kindersitz im linken Arm. Plötzlich ein Hupen.  Eigentlich unverschämt uns hier vom Weg zu nötigen. Ich machte einen Schritt zur Seite – und schon war es passiert! Ich flog so schnell, so schnell konnte ich gar nicht gucken. Neben mir ging Nico in seinem Stuhl zu Boden, Olga hampelte derweil irgendwo am Rande vor sich hin. Hinter mir war bereits das Auto. Zuerst fuhr es gegen mich, was ich in diesem Moment gar nicht merkte. Ich versuchte nur wegzukommen. Dann erwischte das Auto Nicos Stuhl. Olga schrie wie am Spiess und versuchte verzweifelt das Auto wegzuschieben.

Bei mir lief dann plotzlich ein ganz anderer Film: ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich zwei Halbstarke im Auto sah, die uns platt machen wollten. Ich sprang auf. Der kürzeste Weg zum Auto war das offene Beifahrerfester. Ich stürmte drauf los, sah die beiden Typen, die uns bedrohten und schlug zu. Dem Erstbesten, den ich bekommen konnte, wurde “eingeschenkt”. Voll auf die Glocke! Ich schaute nach Nico, der schreiend im Stuhl lag und zappelte. Gott sei Dank!!!! Ihm schien es gut zu gehen. Olga war unter Strom. Ich wandte mich den beiden zu, die nur im Auto sassen und auch schrien! Die zitterten vor Angst! Lol! Der Fahrer war bleich, stammelte nur etwas, dass er nicht hätte bremsen können und der Beifahrer, der was auf`s Auge bekommen hatte,  schrie wie am Spiess.

Olga war außer sich. Als sie die beiden kreischen sah, schrie sie nur: “Was schreit Ihr so, was seid Ihr nur für Pussies!!!” (lol 😉 )

Zunachst hatten sie noch Angst gehabt, dass ich weitermache, aber langsam beruhigte sich die Lage. Nur ¨das Auge¨ schrie noch. Ich untersuchte ihn noch kurz, aber er hatte nur etwas am Jochbein abbekommen, sozusagen “etwas angditscht“.

pussi.png

Gelungene Werbung, oder?

Wie ein Tier war ich anscheinend auf die losgegangen. Eine Affekthandlung. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich mir nicht Zeit genommen hatte zum Fahrer zu spurten. In diesem Moment aber waren beide im gleichen Boot fur mich gewesen – und eine Bedrohung für meine kleine Familie! Unvorstellbar, was alles hätte passieren können, wenn Nico nicht im Kindersitz gesessen hatte!!! Er hatte schon beim Sturz sich den Kopf verletzen konnen und mit dem Autoreifen hatte er es erst recht nicht aufnehmen konnen…

Anschliessend gingen wir trotzdem noch zum Kaffeetrinken, am Abend schrieb ich eine saftige Email an den Hauseigentümer. Am liebsten hätte ich dem auch eine rübergebraten.  Am nachsten Morgen war überall gestreut…

Der Vater des ¨Auges¨ rief mich später an. Wir trafen uns in den darauffolgenden Tagen  um noch einmal darüber in Ruhe zu sprechen. Er wollte aber für seinen Sohn eine Entschädigung haben! Dazu könne er sich an seinen Kumpel und den Hauswart wenden, der nicht gestreut hatte, war mein Kommentar dazu.

Schon etwas dreist, immerhin hatten ja beide Buben Spass daran gehabt zu schnell und etwas verrückt zu fahren! Und wenn er nicht “im Weg” gewesen wäre, hätte ich ja auch den richtigen erwischt. Halt Pech gehabt, was muss er auch auf dem Beifahrersitz sitzen und die Augen so weit aufreißen… sorry!

 

Erklärter Ex-“Nutellist”

Natürlich gab es neben diesem Ereignis noch andere Dinge, mit denen wir uns beschäftigt haben. Z.B. den Kampf gegen den Zucker. Inzwischen bin ich stolz sagen zu können, dass ich “trockener Nutellist” bin. Ja, wirklich: ich esse kein Nutella mehr! Dieses geile cremige Zeug – nix mehr für mich. Ich versuche eigentlich ganz von der “süßen Droge” wegzukommen. Der Gesundheit wegen. Doch das ist wirklich extrem schwer! Es sind eigeschleifte Verhaltensmuster: ich habe Stress oder Langeweile, also öffnet sich die Luke und die Beisswerkzeuge werden aktiv.

“Immer rinn in die hohle Birne”  Das, was für alkoholische Getränke gilt, gilt für die Droge Zucker schon lange. Und: ist auch für unter 18 Jahren kein Problem zu bekommen und gesellschaftlich voll akzeptiert. Ich sehe allerdings so viele Diabetiker auf der Arbeit, dass mir regelmäßig schlecht wird. Der Kampf gegen die Sucht ist hart, was sich auch daran zeigt, dass ich gerade einen Schokoriegel zwischen den Zähnchen habe…

 

“Repatriation”

Und sonst? Wir bereiten unseren Weggang aus Schweden vor. Ja, Ihr habt richtig gelesen, wir haben genug gefroren hier oben. Zurück in die Heimat. Wie, wann und wohin genau, das werde ich beim nächsten Mal genauer beschreiben…

 

 

 

 

“Russischer Winter in Schweden”

So titelte gestern eine Tageszeitung in großen Lettern. Ein Horrorszenario mit Schnee- und Eissturm wurde da prophezeit. Tatsächlich ist das Thermometer in einen empfindlichen Bereich gefallen:

"Nen bissel frisch isses hier"

“Nen bissel frisch isses hier”

tagsüber -16°C und jetzt um 20:45 Uhr ist es -20°C. Tja, wer hätte das gedacht, dass es im Winter in Skandinavien kalt ist…

Letztes Jahr hatten wir auch schon mal -28°C morgens gehabt. So ist das eben. Leider ist das nicht zu unserem Vermieter durchgedrungen. Irgendwie funktionierte das heute mit der Heizung nicht. Folglich hatten wir nur 17°C in der Wohnung. Erst am Nachmittag wurde die Bude richtig warm.

Betont oft wird jedoch in den letzten Monaten Russland erwähnt. “Wie die Russen uns ausspähen” titelte da eine ähnlich preiswerte Zeitung.

Mit Decke und Miezekatzen geht´s dann aber mit der Kälte

Mit Decke und Miezekatzen geht´s dann aber mit der Kälte

Heiß ging es in der Debatte zu, ob man Russland gestatten sollte, zwei Häfen auf Gotland zu mieten. Es geht um den Bau einer weiteren Erdgaspipeline, die die Russen verlegen wollen.

In Zeiten von Cyberattacken und bewaffneten Konflikten in der Ukraine und anderswo haben die Schweden schon eine zwanghafte Angstneurose entwickelt. Überall wird Putin und die Russen vermutet.

Lange befanden sich keinerlei militärische Einrichtungen auf der Insel Gotland und faktisch auch kein schwedischer Soldat. Jetzt wurde wieder eine Kompanie dorthin verlegt. Na, “wenn´s schee macht”.

 

Wladimir Wladimirowitsch der Wettergott der Schweden?

Auch wenn der Kremlherrscher unergründliche Pläne hat, das Wetter kann er nicht beeinflussen. Vielleicht ja doch…? Schwedische Logik eben. Kälte, der Wind, Schnee. Das nennt man Winter und der heißt auch im Schwedischen vinter. 

Das war Anlaß für mich mal etwas über den Winter in Russland zusammenzustellen:

Ein Bericht über eben den so gefürchteten und legendären Winter in Russland.

Bilder gibt es natürlich auch! Also zieht Euch warm an!

Abrechnung – Teil 3

„Warum Schweden?“

Wie versprochen, geht´s jetzt ans Eingemachte. Beginnen wir mit der o.g. Frage. Das wird sich der ein oder andere auch gefragt haben. Wie ich schon vorher schrieb, wird Schweden bei deutschen Ärzten besonders wegen der sog. „work-life-balance“ geschätzt, also das Verhältnis zwischen Arbeitsbelastung und Lebensualität könnte man sagen. Zumindest suggeriert es dieser Ausdruck. Da ist generell auch etwas dran, wenn auch nicht für jeden und nicht überall. Als ich 2010 in einem kleinen Potsdamer Krankenhaus anfing, war mir nach 3 Wochen klar: Ich muss mich entscheiden. Entweder Karriere oder Familie. Ich entschied mich für die Familie, und das war auch der Grund für unsere Hin- und Herreiserei in den letzten Jahren.

Schweden –  Als deutscher Arzt angeblich sehr geschätzt. Man geht pünktlich nach Hause, keine Überstunden, nette Kollegen, flache Hierarchien. Das stimmt teilweise auch. Aber die Hauptmotivation für uns nach Schweden zu kommen bestand in der Möglichkeit, eine gute Weiterbildung zu bekommen und dabei auch noch ein Leben zu haben.

Vårdcentral Rättvik

 Eine bessere Ausbildung als in Deutschland

Rein beruflich war das der Hauptgrund. In Deutschland ist die Ausbildung  zum Allgemeinmediziner oftmals ein Spießrutenlauf. Zum Einen ist man billige Arbeitskraft und nicht besonders geschätzt:

“Allgemeinmediziner wird der, der nicht weiß, was er mit seinem Studium anfangen soll, und möglichst billig einen Facharzt haben will. Nicht viel machen müssen und anschliessend Omas bequatschen, Rezepte, Globuli und anderen Müll verteilen. Also: keine Ahnung haben und sich ausruhen.”

So ein Bild bekommt man oft vermittelt. Die Realität sieht so aus: Allgemeinmediziner haben in Deutschland keine Lobby. Bezahlt wird nicht nach Arbeit, sondern nach allem, was man in Zahlen fassen kann. Also z.B. Eingriffe: wieviele Hüften, Herzkatheteruntersuchungen usw., auch wenn diese mitunter unnötig sind. Die Kohle muss fliessen! Der Patient als Objekt, der Arzt als Gerät und das Krankenhaus ist die Fabrik. Mehere „Prozessoptimierungen“ wurden wirklich aus der Industrie übernommen.

 

Der Patient als fette blöde Kuh, der Arzt am dicken Euter

Auch wenn es dort längst nicht mehr so viel zu holen gibt, so kämpfen viele Fachdisziplinen um den besten “Zapfplatz”. Und der Allgemeinmediziner? Der zieht schlichtweg an der falschen Stelle, vielleicht am Ohrläppchen oder mißt den Blutdruck… Zumindest wenn es um den wirtschaftlichen Aspekt geht scheint es so. Wie kann man denn ein Gespräch mit einem depressiven, „gewinnbringend“ abrechnen, der vielleicht noch drei oder fünfmal im Quartal oder Monat kommt?

 

„Facharsch für Allgemeingedönse“

Der angehende „Allgemeini“ ist ein beschwerlicher Kostenfaktor. Warum in einem Fach ausbilden, wenn er nach einem halben Jahr sowieso wieder verschwindet? Natürlich können kleine Krankenhäuser sich so etwas nicht leisten. Ausbildung muss sich lohnen und ein Assistenzarzt im 3. Jahr HNO kann eben schon verschiedene operative Eingriffe alleine machen und „rechnet“ sich. Und der Allgemeinmediziner? Nase-gucken kann er auch alleine vor dem Spiegel.

 

Ausbildung als Puzzle

Die „Rotationen“ in Deutschland muss man sich selber zusammenbasteln. In einem Krankenhaus der mittleren Größe kann z.B. ein Internist oft die gesamte Facharztausbildung durchlaufen, vorrausgesetzt er bekommt seinen 2-Jahresvertrag verlängert. In vielen Kliniken wird dann eine Rotation geplant, sodaß er nach 6 Jahren etwa fertiger Facharzt ist, womöglich noch mit Schwerpunktbezeichnung (z.B. FA für Innere Medizin und Kardiologie). Ansonsten muss man sich auch mal ab und zu einen andern Arbeitgeber suchen, aber das ist eher die Ausnahme.

Wir sind previlegiert: wir haben ein Röntgen

Wir sind previlegiert in Rättvik: wir haben ein Röntgen!

Der angehende Hausarzt muss sich hingegen immer wieder neu bewerben, egal ob Krankenhaus oder Praxis. Das ist natürlich nervenaufreibend und verlangt eine gewisse Zigeunernatur. Wenn man sich dann für einen Praxisarbeitsplatz entschieden hat, so ist die Arbeit dort mit erheblichen Einkommenseinbußen verbunden. Während ich im zweiten Jahr an einem Krankenhaus auf etwa 2800 Euro netto kam (mit Nachtdiensten über 3000 Euro), hatte ich in der Praxis lediglich 2100 Euro! Und das ist ein bedeutender Unterschied! Inzwischen gibt es ja die Initiative für die Ausbildung der Hausärzte, bei der die Praxisinhaber bezuschußt werden, sofern sie einen Weiterbildungsassistenten der Allgemeinmedizin anstellen. Wieviel dann davon aber an diesen dann weitergereicht wird, weiß ich nicht genau. Damals habe ich wie gesagt ein Quentchen bekommen, genug um zu überleben, inzwischen soll man davon aber leben können (Danke für die Info, Susanna!), sodaß es inzwischen anscheinend wirklich etwas besser aussieht.

 

Schweden als Vorbild – eigentlich

Und in Schweden? Zum Einen haben die Fachärzte für Allgemeinmedizin generell einen etwas besseren Stellenwert, zum Anderen werden sie besser bezahlt (ein paar hundert Euro mehr). Auch die Ausbildung ist strukturierter. Als ST-läkare (Arzt in Weiterbildung) hat man eine feste ST-Stelle bis zum Ende der Ausbildung. Ich habe z.B. einen unbefristeten Vertrag bekommen. Jeder ST hat einen persönlichen handledere (“Anleiter”), der einen in allen Fragen der alltäglichen Arbeit zur Seite steht und einmal in der Woche ein Weiterbildungsgespräch führt. Ausserdem hat man als ST einmal in der Woche einen halben Tag als Studienzeit zur Verfügung. Die nächste Instanz in der Ausbildungspyramide ist der „Studierektor“. Das ist ein Kollege, der mehere ST in einem Gebiet (bei mir z.B. Nordwest-Dalarna) betreut. Mit diesem werden Ausbildungsinhalte, v.a. Rotationen und Wünsche besprochen. Rotationen werden von ihm organisiert, sodaß man also einen festen Plan in die Hände bekommt, wann welche Rotation gemacht wird. So wurde bisher gefordert, dass ein angehender „Distriktsläkare“ (Allgemeinmediziner) in der Augenheilkunde, Gynäkologie, HNO, Kinderheilkunde, Chirurgie, Orthopädie, Inner Medizin usw. Erfahrung sammelt, ehe er sich zur Prüfung anmeldet. Diese ist wiederum freiwillig (hä? – Hab ich auch nicht recht verstanden, was das dann für einen Sinn macht). Zusätzlich muss man eine kleine wissenschaftliche Arbeit schreiben, dessen Thema man sich aussuchen kann. Dafür gibt es dann auch noch einen Kurs und einen wissenschaftlichen Supervisor als Hilfe.

Wenn man das so betrachtet, dann kann man in Deutschland schon neidisch werden. Und das war auch der Grund, um hierher zu kommen: Eine fundierte Ausbildung, nicht so wie in Deutschland, wo man statt Kinderheilkunde einen 2-wöchigen Kurs machen kann und anschliessend X Stunden in einer Praxis hospitieren muss. Wohlgemerkt muss man dem Praxisbetreiber etwas dafür bezahlen und dann kann man das Ganze entweder im Urlaub machen, oder nach der eigenen Arbeit!

Arztzimmer

Arztzimmer

 

Falsch deklarierte Ware

Also nix wie weg nach Schweden, dachten wir uns. Da ich schon mehere Fachrichtungen durchlaufen habe, wurde mir gesagt, dass ich meine Ausbildung “nur noch komplett machen” müsse. Etwa 2-3 Jahre inkl. Sprachkurs wurden mir suggeriert. Keine konnte mir genau sagen, was alles angerechnet wird, aber Gesamtpaket sah vielversprechend aus. Wenn ich von den Versprechungen die Hälfte abschnitt, so kam ich in den anscheinend realistischen Bereich, der für mich immer noch attraktiv erschien. Ausserdem muss man auch ein gewisses Risiko eingehen…

Nach dem Sprachkurs fing im im Januar diesen Jahres richtig an zu arbeiten. Die Kollegen erschienen nett, die Chefin etwas zu distanzgemindert und die Patienten sowie einige Schwestern fragten mich mit großen Augen, ob ich denn jetzt etwas länger bleibe (als die anderen). Aha...

Im Frühjar diesen Jahres war dann angedacht gewesen, dass ich meinen Studirektor treffen sollte. Wir wollten einen Plan machen, damit man etwas für den Herbst organisieren könnte. Im Sommer ist eh niemand da, also muss man bis Mai alles unter Dach und Fach haben. Nachdem ich selbst und meine Chefin mehrmals versucht hatten meinen Studirektor zu einem Treffen zu bewegen, wurde es still. Mehrfach sagte er kurzfristig Treffen ab. Auf einem ST-Treffen, bei dem wir am Rande sprechen wollten, ging ich auf ihn zu. „Ach so? Wir wollten heute reden? Das ist jetzt aber ungünstig“. Aha…

Im Juli (!) klappte es dann schliesslich. „Aber um etwas für den Herbst zu organisieren ist es jetzt zu spät“.  – Gesichtsmassage gefällig? Ich hätte ihn an die Wand klatschen können, aber die erworbenen diplomatischen Kenntnisse liessen nur ein mildes Lächeln zu. Und was wird mir anerkannt? Das roch jetzt langsam nach Mogelpackung…

 

„Jetzt mal runter mit den Hosen!“

Im Herbst trafen wir uns wieder. Diesmal mit der Idee einen Plan zu machen. Äh Moment, wollten wir das nicht schon vor dem Sommer machen? „Also Innere Medizin, Kinderheilkunde, HNO, Orthopädie, Chirurgie… musste Du ja noch machen.“

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Ach ja, Bahrain… Die Tasse habe ich bewußt gewählt…

Aha, und was wird mir dann anerkannt? Warum soll ich noch einmal 3 Monate Innere Medizin machen? Und Orthopädie? Hä? „Naja, das ist so…. blablabla…“ war die Antwort. Ich muss dazu sagen, dass mein Studirektor aus Skåne (sprich Skone) in Südschweden kommt. Wenn er redet versteht ich ihn nur mit einem Höchstmaß an Konzentration. Und er redete schnell. Dieser Dialekt klingt so, wie wenn ein Sachse Schwedisch spricht, nur noch viel schlimmer.

Ich fragte mehrmals nach, was mir denn nun endlich anerkannt wird, und als ich ihn nun endlich auf eine Aussage festnageln wollte, sagte er: „Meine Chefin kann ein qualified guessing machen“. Bitte was? Qualified guessing? Also Rätselraten für Fortgeschrittene? Wie wäre es denn mal mit einer richtigen Aussage? Ob es denn einen Kontakt bei der zuständigen Behörde gebe (dem Socialstyrelsen), fragte ich. Wieder nur Herumgedruckse. Ich war kurz davor an Ort und Stelle meinen Darm zu entleeren. Nach einigem Hin- und Her dann die Antwort: Nein, man könne nicht fragen. Wieso? Telefon? Email? Schließlich gab er dann zu, dass sie keinen Kontakt haben, keinen Ansprechpartner, keine Email, kein Telefon. Die einzige Möglichkeit: wenn man gedenkt, Facharztreife zu haben, kann man alles hinschicken, und  die Behörde sagt einem dann, was man noch alles machen muss. Kann also gut sein, dass man dann noch ein oder zwei oder… Jahre dranhängen muss. Ausserdem kostet diese „Anmeldung“ (Auskunft) gut 200 Euro… Hä, Wa???

Ich lass das jetzt mal so stehen, aber Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, was mir da so alles durch den Kopf gegangen ist.

Meine Chefin meinte, solange das ST läuft “ist doch alles super, ist doch egal, wie lange es dauert”. Eine Meinung, die ich nicht teile (Mann bin ich diplomatisch geworden), aber dafür bin ich zu Deutsch, also zu zielorientiert. In der Tat brauchen viele Kollegen (egal welcher Fachrichtung) unendlich lange. Ein deutscher Kollege berichtete es mir ebenfalls. Sie fühlen sich wohl, weniger Verantwortung, erst einmal Kinder gebären, Häuschen basteln usw. …

 

Mach doch was Du willst!

Wenn man sich einmal die „Weiterbildungsordnung“ anschaut, so gab es auch hier etliche Neuerungen in den letzten Jahren. Inzwischen sind die Beschreibungen so wässrig, dass es gar keine Pflichtrotationen mehr gibt, wenn man genau liest. Theoretisch kann man also die Weiterbildung so gestalten wie man will. Aber: Wird das dann auch vom Socialstyrelsen anerkannt? Das kann man wieder unter qualified guessing verbuchen…

Ich habe einen Kollegen, der eigentlich Facharzt für Augenheilkunde ist. Nach meheren Jahren hat er sich enstschieden noch den Allgemeinmediziner zu machen. Er möchte z.B. keinerlei Innere Medizin machen, was ich für totalen Quatsch halte. Wahrscheinlich möchte er Rettungsstellendienste  umgehen, die ein gewisses Stresslevel bereithalten und arbeitsaufwendig sind. Aber ein Allgemeinmediziner, dessen Arbeit sich zumindest 50-70% um innere Erkrankungen dreht ohne Innere Medizin? Natürlich muss man dazu sagen, dass die Arbeit in der Primärversorgung eine ganz andere ist, als im Krankenhaus. Klar sind Medikamente und Behandlungsstrategien dieselben, aber die Patienten in der Allgemeinmedizin gehen anschliessend nach Hause. Kontrolltermin? Wenn die allein wohnende Oma womöglich wegen meinem Blutdruckmittel jetzt aus den Latschen kippt, zu Hause mit geborchenen Oberschenkelhals 3 Tage auf dem Boden liegt, dann müssen andere Regeln gelten. Allerdings ist das Lernen und Arbeiten im Krankenhaus in der Inneren Medizin ein gewisser Grundpfeiler. Nur: was will ein schwedischer Arzt in 3 oder auch 5 Monaten lernen, was ich in 1,5 Jahren nicht sicher beherrschen kann?

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Alle medizinischen Einrichtungen auf der Welt sehen wohl ähnlich aus…

“Work-Life-Balance”

Das, womit so eifrig geworben wird, stimmt auch nur teilweise. „Keine Überstunden“ lautet die Devise. Weil jede Überstunde entweder in Freizeit oder Geld ausgeglichen wird (also der Mitarbeiter an einer anderen Stelle fehlt oder mehr kostet), darf man quasie keine Überstunden machen. Was sich zuerst schonend anhört wird total verdreht. Tatsächlich verbringen wir nur einen Teil mit den Patienten, ein großer Teil geht für „Administration“ drauf. Das was so nach Sekretärsarbeit klingt ist im Endeffekt auch Patientenarbeit: Laborbefunde durchgehen, Rezepte, Überweisungen… Alles in allem eine kraftraubende Sache. Selbst ein kleines Labor kann zu einer komplexen internistischen Detektivarbeit ausarten und keiner von den Schwestern (incl. Chefin) versteht, dass das nicht nur abzuhaken ist. Jeder kleine Zettel, jede kleine Überweisung ist mit großem Aufwand verbunden. So kommt es, dass einige Kollegen bis spät in den Abend (z.B. 22 Uhr) sitzen, am Wochenende kommen, oder sich Arbeit nach Hause mitnehmen! Anschliessend hagelt es Kritik von Seiten der Chefin, warum man denn nun schon wieder so viele Extrastunden gemacht hat.

Ich mache das nicht. Da hört der Spaß endgültig auf. Es gibt kaum einen schwedischen Kollegen in meiner Vårdcentral, der kein Burnout hatte. Es gibt Kollegen, die deswegen 1,5 Jahre krank geschrieben waren. Bei dem einen meinte die Versicherung (als er anschliessend mit Teilzeit wieder einstieg), er könne ja als zweiten Job Gras mähen gehen… Er entschied sich für den Vorruhestand.

Was das „handledning“ (Anleitung, Arbeit unter Supervision) angeht, so sieht es nicht viel besser aus. Also einfach nur Arbeit. Also das hätte ich auch in Deutschland haben können, dafür muss man nicht ins Ausland gehen und eine neue Sprache lernen.

 

Fazit:

Ein zusammenfassendes Statement abzugeben ist nicht einfach, die Facetten des Lebens (wie immer) zu vielfältig. Wir haben sehr viele schöne Sachen hier erfahren, auch Freunde gefunden, die wir nicht verlieren wollen, aber dennoch muss man sich fragen: Wo soll die Reise hingehen? Falun als Stadt ist ein Abstellgleis. Die Ausbildung droht zu einer „unendlichen Geschichte“ zu werden und nicht unbedingt die langen Winter machen uns zu schaffen, sondern die Art, Lebens- und Arbeitsweise.  Es ist eben nicht alles „lagom“ und fair verteilt.

Für Aspiranten, die gerade am Anfang ihrer Facharztausbildung stehen, oder Kollegen mit Facharzt, die vielleicht noch eine Subspezialisierung erlangen wollen, lohnt es sich eher nach Schweden zu kommen.

Trotzdem: Ich muß noch einmal betonen, daß wir jetzt nicht “total enttäuscht” und haßerfüllt unsere Köfferchen packen. Wir haben in den letzten Monaten auch sehr viele nette, wunderbare Menschen kennengelernt, Chancen bekommen, die wir so ohne weiteres nicht in Deutschland bekommen hätten. Das muss man auch ganz klar sagen. Wir sind trotz aller Distanz immer wieder sehr offen aufgenommen worden, was uns dann immer wieder erstaunt hat.

Schweden ist auch sehr kinderfreundlich, auch wenn es manchmal übertrieben wird. Das ist nicht zu unterschätzen. Dennoch nicht gerade leicht in der Ferne ohne Familienunterstützung die ersten Schritte als kleine Familie zu machen, zumal das Netzwerk mit anderen Familien und Freunden (noch) nicht so ausgebaut ist.

Am wichtigsten: Wir sehen uns hier nicht als Einwanderer, wir wollen keine Wurzeln schlagen, das haben wir inzwischen für uns festgelegt.

Was das jedoch genu heißt und welche Pläne uns durch den Kopf gehen, das behalten wir vorserst für uns 😉

 

Abrechnung Teil 2

Nachdem ich in meinem letzten Blogbeitrag etwas allgemein unsere Erlebnisse geschildert habe, so will ich mich jetzt mal langsam an die spannenderen Themen heranwagen.

Doch bevor ich loslege noch eine Bemerkung: Wie Ihr sicherlich gemerkt habt, unterlaufen mir immer wieder mal ein paar Rechtschreibfehler und eventuell ist mancher Satz stilistisch wert, zweimal gelesen zu werden (damit man ihn versteht).  Wenn man eine Weile nicht mehr in Deutschland lebt und hauptsächlich in anderen Sprachen kommuniziert und schreibt, so verändern sich manchmal etwas die Ausdrucksweisen, die Satzzeichen, Groß- und Kleinschreibung uswIch bitte Nachsicht walten zu lassen…

 

„Die Hölle für Patienten, das Paradis für Ärzte“

Beginnen wir mit dem Gesundheitswesen. Als ich das erste Mal hörte, dass Schweden ein schlecht(er)es Gesundheitssystem hat, wollte ich es gar nicht recht glauben. Ein reiches skandinavisches Land mit nur wenigen Einwohnern (9 Mio) mit einer schlechten Versorgung? Als nächstes hörte ich Aussagen, wie „Schweden – die Hölle für Patienten, das Paradis für Ärzte“. Aha, na mir als Arzt gefällt der zweite Teil des Satzes ganz gut, auch wenn mir die Patienten leid tun. Aber, so ganz stimmt das alles nicht, leider und auch zum Glück. Es gibt sicherlich schlimmere Orte für Patienten, aber auch bessere für Ärzte. Während in den vergangenen 10-15 Jahren die skandinavischen Länder offensiv rekrutiert haben, so sind heutzutage Angebote med bezahltem Sprachkurs, Hilfe bei Unterkunft, Umzugskostenübernahme, Kindertagesstätte usw, selten geworden. Einzig das Land Dalarna bietet noch solche Angebote, sofern ich weiss. In den letzten Jahren hat sich der Markt etwas gesättigt, auch wenn es nach wie  vor noch Bedarf, vor allem für Fachärzte aller Art, besonders Allgemeinmediziner gibt. Das ist die Folge eines, wie ich es nenne, „akademischen Migrantenstadels“, einer Bewegung von Wirtschaftsflüchtlingen in weiss. Während die Ost- und Südosteuropäer nach Deutschland strömen und in manchen Krankenhäusern deutschsprachige Ärzte Mangelware sind, strömen wir nach Norden, z.B. nach Schweden. Die schwedischen Ärzte (und Krankenschwestern) hecheln dem richtig großen Geld im Nachbarland Norwegen hinterher, das nach wie vor extrem gut bezahlt. Es gibt Krankenschwestern, die für 2 Wochen in Norwegen arbeiten und fast genauso viel auf das Konto überwiesen bekommen, wie für 4 Wochen in Schweden! Und das „Beste“: die Norweger wissen den „Fleiß“ der Schweden zu schätzen, sagte man mir… In unserem Sprachkurs löste das ein großes Gelächter aus…

Während das Nachbarland eigentlich nur fertige, erfahrene Fachärzte nimmt, kann man in Schweden eine Stelle als ST-läkare (specialist-tjänstegöring = in Ausbildung zum Spezialisten = Facharzt, läkare = Arzt) ergattern, was allerdings in den meisten Bereichen nicht einfach ist. Allein in der Allgemeinmedizin bekommt man die Stellen hinterher geworfen, von Skåne im Süden bis Kiruna im hohen Norden.

Wie dieser Marktplatz, so liegt vieles in Schweden scheinbar im Dunkeln und im Nebel

Wie dieser Marktplatz in Falun, so liegt vieles in Schweden scheinbar im Dunkeln und im Nebel

Das schwedische System wurde inzwischen dahingehend verändert, dass heutzutage eine Weiterbildung fest an eine ST-Stelle gebunden ist. Während man in Deutschland ja nur noch z.B. 2-Jahresverträge bekommt und dann ggf. das Krankenhaus wechseln muss, ist man mit seiner ST-Stelle an den Arbeitgeber (fast immer staatlich) gebunden und durchläuft hier die gesamte Ausbildung. Das funktioniert solange hervorragend, solange man zufrieden ist. Möchte oder muss man den Ort wechseln, so beginnt (wieder) der harte Kampf um eine ST-Stelle. Oder man begnügt sich mit einer „Vikariat“-Stelle. Früher lief das meistens so ab, und die angehenden Fachärzte suchten sich mit meheren Vikariat-Stellen ihre Facharztausbildung zusammen. Heutzutage ist also der Wechsel schwieriger, zumal eine Vikariat-Stelle meistens auf ein halbes oder ganzes Jahr begrenzt ist.

 

Nie wieder Nutella

Am Anfang fand ich es lustig: die schwedischen Ärzte haben 5-7 Patienten am Tag und fühlen sich geschlaucht. LoL!  In Deutschland hat man mitunter das 10-fache! Muss doch ganz entspannt sein, oder? Und warum will keiner Allgemeinmedizin machen? Warum mach ich das? Wer gerne mit Menschen zu tun hat, nicht besonders prestigeorientiert ist, sich gerne um seine Patienten kümmert und kein Alleswisser über ein mikroskopisch kleines Gebiet werden möchte, der wird Allgemeinmediziner. Hausarzt. Also einer, der über alles nix weiß, während die anderen alles über nix wissen. Soviel zu den bekannten Vorurteilen. In Schweden macht der Allgemeinmediziner weitaus mehr als in Deutschland: Hautbiopsien, Hautexzisonen, Lipomentfernung, Augenuntersuchung inkl. Augendruck und Augenhintergrund, HNO-Grunduntersuchungen, manchmal auch gynäkologische Untersuchungen (was beim Altersdurchschnitt der lokalen Bevölkerung kein Zuckerschlecken ist – Mann, das war lustig ausgedrückt) und auch schmackhafte Rektoskopien. Übrigens: Seitdem letztens ein Patient vergessen hatte sich den Darm mit dem Klistier zu säubern, esse ich kein Nutella mehr. Nur soviel dazu.

 

„Um krank sein zu dürfen, muss man gesund sein“

Hab ich was vergessen? Ach ja, Internist, Neurologe und Psychater darf ich auch spielen, wie auch Gutachter und ein paar andere Sachen auch noch. Man darf, dachte ich immer. Besser trifft es aber: man muss.

Diese breit aufgestellte Fachdisziplin ist weit mehr als die Summe der einzelnen Dinge, und das war es auch was mich reizte. In Wirklichkeit entsteht hier in Schweden diese große Vielfalt an Tätigkeiten durch einen eklatanten Mangel und Fehlinterpretation von Prioritäten und Kompetenzen. Schweden, das Land mit der höchsten Spezialistendichte (auf Einwohner halt bezogen) schafft es nicht eine gut funktionierende Versorgung auf die Beine zu stellen!

Doch schauen wir erst einmal, wie es einem Patienten ergeht: Um einen Arzttermin zu bekommen, muss man erst einmal bei der Vårdcentral anrufen. Dort meldet sich dann (nur auf Schwedisch 😉 ) ein Anrufbeantworter, auf dem man seine Personnummer hinterlassen muss (wenn man sie denn hat 😉 ). Man wird dann von einer Krankenschwester um eine bestimmte Uhrzeit zurückgerufen, die dann einschätzt, ob man einen Arzttermin braucht, oder ob es mit ein paar guten Worten und Hausmittelchen vielleicht reicht. Da es zu wenig Ärzte gibt und entsprechend die Termine knapp sind, stellen die Patienten in der Regel ihre Beschwerden schlimmer dar, als sie wirklich sind. So bekommen sie hoffentlich einen Termin, vielleicht schon in 3-4 Wochen. Geht man selbst zur Rezeption in der Vårdcentralso kann es sein, dass die Dame hinter dem Schalter schon überfordert ist.

Als ich mit meiner Sprachkurskollegin mal zu Vårdcentral hier in Falun gegangen bin, um einen Termin zu vereinbaren, so bekam der junge Mann schon bei unserem bloßen Anblick Schnappatmung. In holprigen Englisch wies er uns immer wieder darauf hin, dass wir anrufen müssten. Wir hingegen versuchten zu erklären, dass wir nix verstehen und dass wir noch keine Personnummer hätten. Naja, das löste sich dann irgendwann.

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Symbole mit wenig Raum für Interpretation

Die Patienten warten also in der Regel wochenlang auf einen Termin  beim Allgemeinarzt, während man das ja in Deutschland eher von Spezialisten gewohnt ist.

Wenn die Patienten dann erst einmal beim Arzt sind, so nutzen sie natürlich die Chance und tragen mehere Anliegen vor. Immerhin weiß man ja nicht, wann man das nächste Mal einen Termin bekommt.

In der Allgemeinmedizin gestaltet sich die Gesprächsführung schwieriger als in anderen Fächern, weil man ja der ist, der für alles da ist. Spezialisten haben oftmals einen konkreten Auftrag mit meistens präzisen Symptombeschreibungen („das Knie, Herr Doktor“). Als allgemeinmedizinisch arbeitender Arzt hat man es meistens jedoch mit vagen Beschreibungen wie Müdigkeit, „mir tut alles weh“ oder gar „ich fühl mich so komisch“ zu tun. Man muss sich da so durchwurschteln, bis man in etwa an den Kern des Problems gelangt ist. Hat der Patient denn wirklich etwas oder ist es in Wirklichkeit nur die erdrückende Einsamkeit? Vor allem die Fragen „Hat der Patient eine gefährliche Erkrankung oder nicht?“ und: „Habe ich für die weitere Detektivarbeit Zeit, oder muss der Patient in den nächsten 2 Wochen durchdiagnostiert sein?“ sind schwer zu beantworten. Zwischen den ganzen „Befindlichkeitsstörungen“ muss man also die „richtigen Patienten“ herausfischen.

Der Spruch „Jeder Hausarzt hat seinen eigenen Friedhof“ trifft das ganz gut, wobei ich nicht weiß, ob die der schwedischen Allgemeinärzte größer sind als die der deutschen…

Ganz im Ernst: Nicht etwa mangelndes Wissen, sondern das schier Unmögliche einen Patienten zu überweisen stellt oft das entscheidende Problem dar! Während in den meisten anderen Ländern „Vielen Dank für die freundliche Überweisung!“ auf dem Antwortschreiben steht, weigern sich schlichtweg die Fachärzte in den Krankenhäusern, Patienten anzunehmen. So reichen starke Magenschmerzen mit Erbrechen und langjährige Einnahme von Schmerzmittel wie Diclofenac (die die Magenschleimhaut angreifen) nicht aus, um zügig eine Magenspiegelung durchzuführen. Nein, es müssen erst „Alarmzeichen“ vorhanden sein… Hä, wie? Also wenn der Patient Blut kotzt, dann darf man mal anfragen???

Auf den abgewiesenen Überweisungen wird auf die Fülle der Überweisungen verwiesen und daß man diese und jene und noch 10 andere Untersuchungen und Therapieversuche unternehmen muß, bevor der Patient akzeptiert wird. Dann kommt er meist auf eine Warteliste.

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Wenigstens hier kümmert sich einer: kostenlose “Gummis” für die Jugend, verteilt (wie passend) von der Hebamme

Wartelisten sind auch so ein tolles Phänomen. Wenn ich z.B. eine Patientin habe, bei der ich eine Herzerkrankung vermute, so kann ich sie nicht einfach zum Ultraschall, Belastungs-EKG oder 24-Stunden-EKG überweisen. Selbst wenn sie dann akzeptiert wird, so muss sie mehere Monate auf die Untersuchung warten! Letztens bekam ich eine Antwort auf eine Überweisung, die meine Kollegin vor etwa einem Jahr abgeschickt hatte. Zudem kommen mitunter dumme Bemerkungen und generell herrscht ein gewisse Abwertung bzgl. der Kompetenz der Allgemeinärzte vor.

Das Problem in der Allgemeinmedizin ist, dass man auf andere Diziplinen mehr angewiesen ist, als die meisten anderen. Während man den Fortgang der Untersuchungen und Therapien dirigieren soll, wird man zeitgleich daran gehindert. Der Allgemeinmediziner (Facharzt) bekommt zwar ein kleinwenig mehr Geld als die anderen Disziplinen, hat aber nicht die Autorität, Prozeduren durchzusetzen, und darf sich anschliessend verantwortlich fühlen für den ausbleibenden Therapieerfolg.

Der bürokratische Aufwand für die „Allgemeinis“  ist erdrückend. Neben der ärztlichen Aufgabe müssen wir auch noch Krankschreibungen ausfüllen, die anders als in Deutschland von der Versicherung genehmigt werden müssen. Also nicht ich als Arzt, sondern die Versicherungsmitarbeiter entschreiden, ob jemand krank ist oder nicht! Besonders frustrierend ist jedoch, dass diese Mitarbeiter keinerlei medizinische Ausbildung genossen haben!!! Man neigt dazu zu hoffen, daß sie mit etwas Glück bei ihren Doktorspielen dazugelernt oder zumindest Emergency Room geschaut haben. Anfangs wunderte ich mich, dass ich Krankschreibungen zurück bekam. Ich verstand das nicht und ein älterer Kollege erklärte mir dann, dass ich quasi in Babysprache schreiben muss, weil die es sonst nicht verstünden…

Mehr noch: es soll die Zahl der Krankschreibungen gesenkt werden. Dazu erhalten die Mitarbeiter Punkte, was sich dann positiv auf den Lohn auswirkt…

Die Krankschreibung selbst umfaßt 2 DIN-A4 Seiten (elektronisch). Darauf muss u.a. ausgeführt werden, wie weitreichend die Funktionsbegrenzungen ausgeprägt sind, was aber nicht immer möglich ist. Wenn etwas für nicht ausreichend betrachtet wird, so bekommt man die Krankschreibung zurück und man darf ergänzen. Während ich für so eine Bescheinigung etwa 45-60 min brauche, verschiebt sich meine Sprechstunde nach hinten.

 

Sozialismus in Weiss

Im Sozialismus ist ja eine Aufhebung der Klassenunterschiede verankert. In der Sowjetunion wurde gleich ein großer Teil der Intelligenz unter Stalin verheizt. Der Arbeiter und Bauer ist mehr wert als der Akademiker, der sich nicht die Hände schmutzig macht. Wenn es um einen Vergleich geht, dann ist das schwedische Gesundheitssystem was den Umgang der Berufsgruppen angeht 200% sozialistisch. Josef hätte seine Freude. Schon in der Ausbildung lernen angehende Krankenschwestern, Anordnungen des Arztes in Frage zu stellen. Die Krankenschwester weiss es eh besser und überhaupt hat man etwas gegen das althergebrachte Hierarchiesystem in der Medizin. Grundsätzlich kein schlechter Gedanke, aber schlichtweg pervertiert. Es kommt zu Fehlbesetzungen, Personen werden Chefs, die überhaupt keine Kompetenz besitzen. Kompetenz und Inkompetenz sind nicht an Berufe gebunden, sondern an Personen. Aber das spielt scheinbar keine Rolle. Eine Krankenschwester als Chefin ist gern gesehen und schreibt den Ärzten vor, wie lange sie Zeit für Patienten sie haben und hat ihre ganz eigene Meinung, ob man Patienten wieder einbestellen darf oder nicht, ect.

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Pünktlich zur Vorweihnachtszeit werden in allen Krankenhäuser und Vårdcentralen tonnenweise ein und dieselbe Weihnachtsdekoration auf die Gänge gekarrt und in den Zimmern verteilt. Wer nicht zur Weihnachtsfeier erscheint wird komisch angeguckt. Bei der Bundeswehr hieß das “dienstliche Veranstaltung geselliger Art”. Na dann! Frohes Drauflos-weihnachten! – Ganz “spontan” und “individuell”…

 

Noch ein schönes Beispiel: In einer anderen Vårdcentral gibt es etwas mehr Ärzte, die auch etwas engagierter sind. Dort wird z.B. eine Röntgenbesprechung abgehalten, was ich für eine tolle Idee halte. Generell guckt kaum einer in meiner Vardcentral Röntgenbilder an, was ich für sträflich halte, aber „egal, scheiß drauf“. Die Idee der Röntgenrunde fand auch die Chefin toll und wenige Tage später verkündete sie stolz, dass unsere Röntgen-Unterkrankenschwester (!) sich bereit erklärt hätte, für uns Ärzte eine kleine Fortbildung zu machen, auf was wir bei den Röntgenbildern achten sollten, wenn wir diese interpretieren… Mir sind fast die Kronen aus dem Mund gefallen!

Das ist total verdreht, vollkommen Banane! Warum nicht gleich die Putzfrau als Referentin einladen?!

Diesen kleinen Aspekt zusammen mit den anderen zeigt eigentlich, dass „das System“ wie es im schwedischen Gesundheitsweden gelebt wird, nur sich selbst und seine eigene Gelüste bedient.

Die leidtragenden sind die Patienten, die für den ganzen Blödsinn Kraft haben müssen. Aber auch an den „Distriktsläkaren“ (Allgemeinmediziner) geht das nicht spurlos vorbei. So ist ein Großteil meiner Kollegen in der Vergangenheit ausgebrannt gewesen. Sich um alles kümmern, aber dann doch der Mülleimer für alle sein.

„Das ist mit inbegriffen“ sagte ein Kollege trocken zu einer anderen Ärztin in Weiterbildung. „Deswegen arbeite ich nur 60%“. Hä? Jahrelang studiert, ausgebildet, um dann möglichst wenig zu arbeiten? Also wenn dann die große Kohle fließt und man ein schönes Leben hat OK, aber nur „um nicht auszubrennen“???

Die Kategorie  „Arzt“ soll alle anderen respektieren, während sie selbst keinen Anspruch auf Respekt äußern darf. Das ärztliche Kunst wird zu einer austauschbaren Dienstleistung „downgegraded“ (in Deutschland ja nicht anders, man ist ja fast nur noch ein ökonomischer Faktor).

Fragt Ihr jetzt wirklich noch, warum den Job keiner machen möchte?  – Und ich? Gute Frage. Warum bin ich überhaupt hergekommen, wenn das alles nicht so „dolle“ klingt?

Das werde ich Euch in Teil 3 erklären… 😉

*Ja, Ihr müßt Euch halt schon noch ein wenig gedulden ;)*

“Alles wird gut”