Auszeit – Up ´n away

Endlich, es ist der 14.11.2017, der Geburtstag meiner Mutter und der Beginn des langersehnten Urlaubs. Der letzte Arbeitstag in dem alten Krankenhaus ist vorbei, jetzt sind Ferien!

Wie lange ist das her, dass wir das letzte Mal verreist sind? Also ich meine jetzt mal nicht diesen anstrengenden Umzug von “Sverige” nach Deutschland, oder die Heimaturlaube, die wir von Schweden aus unternommen haben. 2015 muß das gewesen sein, als wir auf unserem Weg nach Schweden durch Jordanien, Istanbul und Russland tingelten. Eine tolle Reise, über die ich vielleicht auch etwas schreiben werde, aber dazu später einmal.

Jetzt geht es los. Die Wohnung wird noch einmal aufgeräumt, das Katzenklo gemacht. Ich packe das Auto mit zwei großen Taschen, während Olga Nico anzieht. Nico ist genervt und trötet etwas vor sich hin. Ich nehme ihn auf den Arm und will gerade nach unten gehen, als ich eine kleine Druckwelle an meinem Arm spüre. Nico hat ein Häufchen gemacht und grinst mich an. Na toll! Also wieder Retour, Baby “gewechselt” und “gepudert” und wieder nach unten. Um halb eins am Mittag sitzen wir endlich im Auto. Wahnsinn, wie lange das gedauert hat! Und wir haben ja “nur” 350 km bis nach Frankfurt mit massenhaft Baustellen vor uns…  Kaum sind wir losgefahren kommt schon das nächste Hindernis. “Mjamjam” macht Nico und bedeutet damit, dass er Hunger hat. Oh nee, denke ich, aber eigentlich habe ich auch schon Appettit. So endet unsere erste Etappe bei einem Inder – noch innerhalb Osnabrücks!

Mann, wir sind auch echt Trödel-Spezialisten. Aber irgendwie juckt uns das Ganze gar nicht. Wir haben Urlaub, das ist alles was zählt! Gut gelaunt geht es dann endlich los. Die Strecke zieht sich, immer wieder Baustellen, zähfließender Verkehr. Am Abend checken wir dann im InterCity-Hotel am Frankfurter Flughafen ein. Die Fenster sind gut schallgedämmt und wir können direkt auf das Flughafenareal blicken.

Mutter und Kind stärken sich. Die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen 😉

Im Preis inbegriffen sind 8 Tage Parken auf dem Parkplatz des Hotels, klasse! Weniger klasse ist, daß Nico fiebert. Ihm geht es nicht besonders gut, er ist unzufrieden und weint oft. Fieberzäpfchen helfen gegen das Fieber, und bald darauf ist er wieder etwas munterer. Am nächsten Tag wird noch die Flughafenapotheke geplündert und schon gehts los, Bahrain wir kommen!

Wir haben Glück, der Flug ist nicht ausgebucht und der nette arabischstämmige Herr mit Kraushaar am Schalter läßt für uns eine ganze Reihe reservieren. So können wir das Würstchen (wie ich ihn seit einiger Zeit liebevoll nenne) wie einen Großen in der Mitte sitzen lassen. Nico untersucht den Sitz, wobei ich froh bin, dass er noch nicht an die Schwimmweste heran kommt, entdeckt den Bildschirm und zappt sich mit Mamas Hilfe durch die Kanäle. Pünklich heben wir ab und mit jedem Meter, den wir zurücklegen, fühlen wir uns innerlich ein bißchen freier.

Ein Cocktail der Gefühle

Mann, wie sehr haben wir Bahrain vermisst! Den ganzen Nahen Osten eigentlich. Dieses intensive Lebensgefühl! Die Menschen! Die Wärme! Das Semi-Professionelle mit einem Schuß an Gelassenheit! Ein Cocktail der Gefühle, mir geht so Vieles durch den Kopf. Was in den letzten 2 Jahren alles passiert ist. Die “Abkühlung” in Schweden, und damit meine ich nicht unbedingt den klimatischen Aspekt, sondern die europäische Lebensweise. Und dann der “Kulturschock Deutschland”. Ich fühle mich besonders nach dem letzten halben Jahr wie plattgebügelt, abgestumpft, ausgelaugt. Und jetzt quasi Bahrain und Oman als “Kur”. Urlaub als Therapie.

Bahrain in Sicht

Es ist bereits dunkel, als wir uns Bahrain nähern. Von unten glitzern uns die Lichter der kleinen Insel entgegen. Wir sind gespannt, die Emotionen geweckt. Ist das dort nicht Amwaj? Und dort drüben doch schon der Flughafen? Ibrahim holt uns ab. Bei angenehmen 27°C verladen wir das Gepäck in das Auto. Nico guckt nur und ist ganz still. Soooo viele Lämpchen hier…, Nico mag Lämpchen.  Ibrahimovic -wie ich ihn aus Spaß nenne- , Verena und Jusha werden uns die nächsten Tage Obhut gewähren. Es ist ein wunderbares Wiedersehen. Als ob wir nie getrennt gewesen wären.

 

Die nächsten Tage treffen wir uns mit Freunden, entdecken Altes wieder und bestaunen Neues. Innerhalb der zwei Jahre hat sich Einiges in Bahrain getan. Uns scheint, die Leute fahren etwas vorsichtiger, sicherlich auch wegen der eingeführten drakonischen Strafen. Es gibt ein funktionierendes Busnetzt. Ja, kein Scherz, es gibt so etwas wie ein Öffentliches Verkehrssystem! Natürlich gibt es (noch mehr?) Autos, aber jetzt sieht man regelmäßig die roten Busse aus Bayern (MAN). 2015 wollte man damit beginnen, nachdem vorher fast nur alte abgewrackte TATA-Busse die Strassen unsicher machten. Zudem fuhren quasi nur Inder und andere Gastarbeiter damit, vor allem Männer. Frauen fühlten sich oft nicht besonders wohl. Jetzt fahren die roten Busse durch Bahrain, mit Air Condition und kostenfreiem WLAN!

Leider schaffen wir es nur einen kleinen Teil der Freunde zu treffen ;(  Aber immerhin einige können wir drücken. Nico findet das alles spannend, aber als wir Krankenhaus von den ganzen Physios umringt werden, wird Nico-Mann ganz unsicher. Zu viele Mädchen stehen um ihn herum und wollen ihn knuddeln… dabei mag er doch eigentlich Mädchen und flirtet schon wie ein Großer 😉

 

“Wadda!” (Wasser)

Das erste Mal im Meer…

An einem Nachmittag schaffen wir es auch im Meer zu baden. Mit Ibrahim, Verena und Jusha fahren wir nach Zallaq (Al Jazair Beach), dem Strand, an dem wir früher oft gewesen sind. Ein wunderbarer Sonnenuntergang, von denen es hier so viele gibt. Für Nico ist es das erste Mal, dass er im Meer badet. Es ist ihm nicht geheuer. Man kann schon Mitleid kriegen, wie er mit seiner Bade-Pampers und den kleinen Spaghetti-Beinchen dasteht, die Mundwinkel sich beim Anblick der ersten kleinen Welle auf den Weg nach unten machen, die Äuglein zu schlitzen werden, aus denen sich im nächsten Augenblick große Kullertränen hervorquetschen. Bald darauf ein Schnaufen, ein Säuseln, ein Wimmern, das zu einem ausgewachsenen “Bäääääääh” anschwillt. Oje, der arme kleine Kerl! Kaum bin ich an ihm dran, recken sich auch schon die kleinen Ärmchen hoffnungsvoll und schier verzweifelt nach oben. Aus dem kleinen Mund hört man nur halb geflüstert, halb gesprochen “Komm, komm!”. Das konnte er schon sehr schnell. Man möchte ihn einfach abknutschen und abknuddeln. Schlußendlich schaffen wir es dann aber doch ins Wasser. Nico sagt dazu nur “Waddá”, ein Mix aus “Wasser” und  “Voda” (russ. вода) und zeigt mit dem kleinen Fingerchen aufs Meer.

“Steinchen” heißt das Zauberwort. Es läßt jeden noch so großen Schmerz vergessen. Nur Steinchen zählen! Er ist seit Wochen in einer Phase, in der er überall Steinchen bemerkt. Er ist fasziniert. Er hebt sie auf, untersucht sie sorgfältig incl. Beißprobe und wirft sie wieder weg. Gleich darauf entdeckt er das nächste und dann geht das wieder so los. Zum Glück fällt inzwischen die Beißprobe weg. Jetzt sitzt Klein-Nico problemlos mit der Bade-Pampers im Wasser und läßt glucksend die kleinen Sandkörner durch seine Fingerchen rinnen….

An einem Nachmittag fahren wir mit dem Auto, das uns Verena und Ibrahim netterweise die ganze Zeit über zur Verfügung stellen, in ein kleines Dorf, Sanabis. Der Friedhof ist das Ziel. Vor 2,5 Jahren haben wir hier die sterblichen Überreste unseres ungeborenen ersten Kindes der Erde übergeben. Wir haben ihn damals Daniel Jahya genannt.

An Grab von Daniel

Ein besonderer Ort, wenngleich Daniel gedanklich und auch gefühlt immer bei uns ist, egal wo wir sind. Trotzdem ein emotionsreicher Ort und Moment. Nico steht zum ersten Mal am Grab seines großen Bruders und versteht nicht, warum Mama plötzlich so still ist und mit Tränen in den Augen liebvoll über den Stein streicht. Das Grab hat ein Bekannter von Ibrahim toll zurecht gemacht. Viele frische Blümchen, sauber, die Tafel fest im Boden verankert. Es ist so berührend, wie sich die Menschen um uns herum für uns bemühen. Danke!

An anderer Stelle, vielleicht in einem eigenen Beitrag werde ich irgendwann einmal über Daniel schreiben. Doch das zu gegebener Zeit…

DJ Nico meets Dr. Nico

Am Abend vor dem Abflug lernt Klein-Nico noch den großen Nico, den Dr. Nico kennen. Mmh, wie soll man die beiden auseinanderhalten, also sprachlich 😉 Klein-Nico ist ja ein begeisterter Musikliebhaber, den schon das rhythmische Vibrieren eines Autos, in dem die “Kapelle” laut spielt, die Ärmchen nach oben gehen lässt. Was liegt da näher, als ihn respektvoll mit DJ Nico anzusprechen? Und der große? Der ist ja schon der Dr. Nico, ganz in echt 🙂 . Die beiden gucken sich an und Klein-Nico ist ganz fasziniert von den Bartstoppeln und vor allem von all den lustigen Gesichtern, die der große Nico macht.

Endlich mal ein richtiges Stühlchen für Nico…

Die beiden verstehen sich bestens. Zwei richtige Nicos eben, what else? Ein ganz kurzer, aber auch wieder sehr herzlicher Besuch. Wie im Krankenhaus, so auch bei einem wunderbaren Frühstück mit Heiner und seiner Familie und eben auch jetzt vergessen wir glatt Fotos zu machen! Wie denn das? Erst als wir schon im Flieger nach Oman sitzen, fällt es mir wieder ein, aber da ist es schon zu spät. Ich denke, es war einfach das Gefühl, als ob man sich gestern gesehen hat und man sich gleich morgen ja eh wieder sieht. Wer macht da schon jeden Tag Fotos von einander? Ein Grund mehr, um bald wiederzukommen. Wehmütig verlassen wir Bahrain wieder und sind unendlich dankbar für die schönen auffrischenden Begegnungen und die Unterstützung….

Von der Wüste in die Wüste

Genau genommen ist Nico ein Wüsten-Kind. Ist ja ganz klar, bei den Eltern… Aber mal ganz im Ernst: unser Stadtteil in Osnabrück sieht zwar nicht so aus, heißt aber tatsächlich Wüste!

Jetzt sitzen wir im Flieger von Bahrain nach Muscat. Unter uns wechselt das helle Beige der Westküste der Emirate das helle Blau des Persischen Golfes ab.

Über dem westlichen Hajjar

In der Ferne kann man die künstlichen Inseln erkennen. Schmale Teerstraßen, die in Wirklichkeit am Boden breite mehrspurige Autobahnen sind, zerschneiden wie dünne schwarze Äderchen die Wüste, die stellenweise von einzelnen oder in Gruppen angeordneten grünen flächigen Kreisen aufgelockert wird. Das sind die Anbaugebiete der Emirate. Hier gedeihen unterschiedliche Früchte in riesigen runden Arealen, die von großen, sich wie Uhrenzeiger im Kreis drehenden Bewässerungsrohren gegossen werden. Was für ein Wahnsinn eigentlich: in einem Gebiet, in dem die Verdunstungsrate immens ist, wir den ganzen Tag bewässert!  Der Sand formt jetzt sternförmige Dünen und bekommt einen rötlichen Stich. Erste Bergzüge kommen in Sicht, die von Gebirgszügen abgewechselt werden. Wir sind über dem Hajjargebirge. Das Gebirge ist wild zerklüftet, steile karge Hänge mit kleinen grünen Oasen, die sich z.T. perlschnurartig aufreihen… Wahnsinn! Wahnsinn – Ein Wort, das Nico auch schon kennt und gerne einsetzt: “Wahn-dinn“, sagt er, wobei sich das kleine Gesicht verzieht und die Zähnchen zeigt…

Es ist jetzt zwar schon das X-te Mal, daß wir im Oman sind, aber jedes Mal entdeckt man etwas Neues. Es gib mehr Autos und noch mehr Autobahnen. Die Strecke nach Sur an der Ostküste (ca. 350 km)  wird gerade als vierspurige Autobahn ausgebaut. Das macht die Fahrt schneller, aber auch sicherer. Der Verkehr ist längst nicht so dicht, die Kamele können nicht mehr ganz so überraschend auf der Fahrbahn stehen und das Wasser nach den Regenfällen kann die Strecke nicht mehr unpassierbar machen. Leider geht dadurch auch etwas Feeling für die Landschaft und die Distanzen flöten. Nach der ersten Nacht in einem Hotel in Muscat gehen wir erst einmal shoppen: Das noch fehlende Camping-Equipment steht auf der Einkaufsliste. Fuhren bzw. flogen vor wenigen Jahren die Omanis zum Shoppen noch nach Dubai oder Bahrain, so gibt es inzwischen (fast) alles auch hier zu kaufen. Durch eine Vielzahl von modernen Malls kann der Kaufsüchtige tingeln und sein Geld loswerden. Gegen Mittag haben wir alles beisammen und starten in Richtung Südosten.

Weihnachtsstimmung in Muscat bei 28°C

Im Norden des Sultanats Oman zieht sich in nordwestlich-südöstlicher Richtung das Hajjargebirge. Es reicht von der Strasse von Hormus bis an das Arabische Meer. Auf der Höhe von Muscat etwa teilt eine große Lücke (Sumail gap)  das Gebirge in einen westlichen und einen östlichen Hajjar. Während die Gipfel im Westen 3000 m erreichen, so sind sie im Osten zwar etwas weniger hoch, aber nicht weniger wild. Der ostliche Hajjar ist zudem weniger besiedelt, wie auch die gesamte Region, Ash-Sharqia (die Östliche), zu der u.a. die Wahiba-Wüste auch noch gehört. Hier wollen wir auch hin. Ich hatte Nico schon vorher versprochen, ihm ganz viele und große Steinchen zu zeigen. Und dann natürlich den großen “Sandkasten”  – ohne Hundehäufchen 😉

Abend-“Fütterung”

Also fahren wir 1-2 Stunden, um noch vor der Dunkelheit eine nette Stelle zum Übernachten zu finden. Ein paar Kilometer abseits der großen Straße im Schutze eines Hügels beginnen wir das Zelt aufzubauen. Während ich mich darum kümmere, wird bereits Nico beköstigt. Schmatzend sitzt er auf einem Campingstuhl, halb mit den Fingerchen im Essen, das ihm Olga reicht, halb faszinierend auf die Felsen zeigend. Steincheeeeen!”.

“Steinchen!!!! – камень!!!!”

Rasch wird es dunkel. Im Lichte der Stirnlampen erscheinen immer wieder sich schnell bewegende Schatten, total lautlos. Man kann sie kaum sehen. Es sind Fledermäuse, leider zu schnell für unser Auge. Die Müdigkeit holt uns ein und auch Klein-Nico-Mann schläft heute schnell ein.

Am nächsten Morgen ist dann die Überraschung für Nico perfekt. Die Sonne geht früh auf und weckt uns. Wir machen den Reißverschluß des Zeltes auf und ein kalter Wind schlägt uns ins Gesicht. Doch das scheint Nico nicht zu stören. In Windeseile ist er herangekrabbelt, schreit vor Begeisterung “Steinchen!!!!!” und hängt mit halben Oberkörper schon draußen. Die Steinchen in den Kleinen Händchen haltend, herumwerfend und lachend wiederholt er immer wieder “Steinchen….Steinchen..:”. Wenn Olga ihn anspricht sagt er übrigens “Kamen” (russ. камень).

Schnell sind die Stühle aufgebaut und ein erstes Frühstück mitten in der Natur vorbereitet. Noch ist es etwas frisch, aber schon bald können wir die Jacken ausziehen und die Mütze absetzen. Ja, es ist tatsächlich auch mal kalt in der Wüste. Durch die fehlende Bewölkung strahlt das Gestein die Wärme hemmungslos ab. Wäre nicht auch noch die Athmosphäre, so wäre es nachts auf der Erde wahrscheinlich so kalt wie auf der Schattenseite des Mondes: -160°C.

Erster Morgen in der Natur

Wir schwingen uns in den Mitsubishi Pajero und holpern zurück zur Hauptstrasse. Weiter geht es auf  einer sechsspurigen Autobahn nach Ibra.Dort decken wir uns erst einmal bei einem altbekannten Supermarkt ein und machen gleich mal Mittagspause. Mmmh, köstlich! Wie wir dieses Biryani vermisst haben! Anschließend machen wir uns auf Richtung Wahiba Sands. So heißt die relative kleine Sandwüste im Nordosten Omans. Zwar ist sie immer noch groß genug, um einem ver(w)irrten abendländischen Wanderer zu schlucken, aber nicht zu verglichen mit dem Leeren Viertel, der Rub al-Khali, die sich weiter im Westen Omans und dann vor allem in Saudi-Arabien ausdehnt. Eine riesige Sandfläche.

Heringe für das Zelt sind hier nutzlos…

Die Wahiba wirkt wie abgesprengt vom Leeren Viertel. Gerade wegen ihrer Größe war sie immer wieder bevorzugtes Untersuchungsobjekt von Wissenschaftlern: zwar recht klein, jedoch kann man alle geografischen, ökologischen und biologischen Systeme und Gesetzmäßigkeiten erforschen. Geografisch reiht sie sich in die Liste der großen Wendekreiswüsten ein: Sahara, Rub al-Khali, die Wüste Thar in Indien, um nur einige zu nennen. Doch Nico erscheinen solche großen Betrachtungen zu abstrakt, er beschäftigt sich lieber mit den kleindimensionalen Dingen: den Sandkörnchen. Er ist ganz fasziniert von dem feinen Staub, immerhin sind das ja auch…. ja genau, kleine Steinchen!!!

Bei der Arbeit…

Doch scheinbar genug von derlei philosophisch angehauchten Dingen greift der kleine Arm zielstrebig nach der kleinen Schippe und dem Eimer und los geht´s: Der Sand fliegt durch die Luft und bleibt auf der verschwitzten Haut kleben. Nico freut sich. Na toll, und wo bekommen wir jetzt nen Hochdruckreiniger für das Bürschchen her?

Wir sind etwa 15 km in die Sandwüste reingefahren und habe eine nette Stelle am Hang einer Düne gefunden, fast oben. Doch keine Sorge, wir sind nicht etwa vollkommen querfeldein gefahren, sondern in Sichtweite der Piste. Wieder spielen sich die gleichen Szenen ab: Olga bereitet das Essen vor, ich baue Zelt und Campingkocher auf und Nico “verschiebt” die Sanddüne. Jeder hat so seine Aufgaben.

Gemütlich im Klappstuhl, Nico auf dem Schoß lassen wir es uns schmecken: Olga hat einen leckeren Tomatensalat gemacht, die Hauptspeise stellen Bratkartoffeln und ein Mix aus Gemüse dar. Dazu ein Schluck Wasser und zum Nachtisch Chips. Herrlich!

Essenszeit

Mit der Sonne verschwindet auch die Wärme. Jetzt, in der kurzen Dämmerung ziehen flache Winde über die Dünen und jagen einem den Staub ins Gesicht. Das Essen sollte jetzt gut verpackt werden. Im Schein der Stirnlampen sieht man erst richtig, wieviel feiner Sand durch die Luft gewirbelt wird – und die Haare verklebt. Spätestens, wenn man die Haare ohne Gel beliebig stylen kann merkt man`s. Nico wird noch frisch gemacht und gewindelt und schnell ist er eingeschlafen. Abgeschlafft lassen wir uns in die Campingstühle fallen. Der Wind hat nachgelassen, es ist still. Mit einem heißen Tee in der Hand, dem leisen Rauschen der Gaslampe im Ohr, bestaunen wir den Sternenhimmel, an dem man sich nicht sattschauen kann. Nur das Knacken der Chips in unseren Mündern zerschneidet die Stille. Es ist wunderschön!

Sternenhimmel in den Dünen

Der nächste Tag beginnt kühl. Mit Olgas Mütze (weil ich meine mal wieder nicht finde) und einer Jacke erklimme ich die Spitze der Düne hinter unserem Auto. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf die Umgebung. Hinter unserem Auto beginnt das Dünenmeer. Friedlich und still liegen die sandigen Wellenberge da, als ob sie erstarrt wären. In der Tat sind die zu Grunde liegenden Dünenzüge hier in der Wahiba statische, also keine Wanderdünen.

Morgendliches Erwachen

Die Hauptverlaufsrichtung ist grob gesprochen von Nord nach Süd. Hier bildet sie z.T. weite Täler, durch die man bequem fahren kann, während sie quasi von Ost nach West nicht passierbar ist. Noch ist die Sonne nicht über den Kämmen der Sandberge, aber schon bald wird sie die weichen Wellen mit ihrem warmen Licht aufwärmen. Überhaupt macht der Sand einen so seidenen, samten Eindruck. Man möchte über die wellenförmige Zeichnung streichen, aber sobald man sie berührt, ist ihre Schönheit schon vergangen. In einer leichten Senke sind die Spitzen der flachen Sandwellen in ein Braun getaucht, wie mit fein gemahlenem brauner Zucker bestreut. Bei genauerem Hinsehen ist es Sand aus verschiedenen Brauntönen und unterschiedlichen Größen. Die etwas Dunkleren und gröberen haben sich genau auf den Kämmen der Wellenzüge angesammelt. Ein Kunstwerk der Natur.

Heute soll es für “Aug`und Seel`” eine Auffrischung geben: das Wadi Bani Khalid steht auf dem Programm. Nach Tagen ohne Dusche wollen wir gucken, ob das Wadi ausreichend Wasser hat, um ein Bad zu nehmen. Das Wadi Bani Khalid liegt in den Felsen des östlichen Hajjar-Gebirges und führt ganzjährig Wasser. In manchen Jahren kann der Wasserstand jedoch auch recht niedrig sein, zumindest in den vorgelagerten Becken, die für Nico interessant und ungefährlich sind. Zudem schwimmen dort gewöhnlich eine Vielzahl von Fischen herum. Nach dem Frühstück erfolgt die übliche Routine des Abbauens, Auto-Packen, Nico fertig machen.

Noch leicht verschlafen…

Das kostet schon Kraft und Zeit und je höher die Sonne steigt, desto mehr kommt noch die Wärme hinzu. Runter geht es von der Düne, das Auto in leichter Seitenlage, leicht schwimmend auf dem Sand. Nico freut sich und kichert bei jedem Hügel, über den wir brettern und feiert förmlich in der zweiten Reihe. Zurück geht es in die Zivilisation, das kleine Dorf ist erreicht, die Teerstrasse beginnt wieder. Ein Bus kommt uns entgegen. Es ist ein Schulbus. Die Türen öffnen sich und lauter kleine Knirpse mit fast zu großen Gewändern und den traditionellen Kappen stolpern heraus, große Taschen auf dem Rücken. Beim Vorbeifahren schauen sie nur schüchtern, die Mutigeren winken uns zu. Irgendwie süß, diese Würstchen.

Im Zentrum der Ortschaft Al-Mintirib ist eine Autoreifenwerkstatt unser erster Anlaufpunkt. Für kleines Geld pumpen die hier arbeitenden Inder wieder Luft in unsere Reifen. Nicht etwa, dass wir 4 platte Reifen gehabt hätten, sondern wir hatten tags zuvor Luft herausgelassen. Das vergrößert die Auflagefläche und man kann sich im lockeren Sand nicht so schnell festfahren. Eigentlich die einzige sinnvolle Möglichkeit, um im Sand zu fahren, oder besser gesagt “zu schwimmen“.

Pediküre im Gebirge

Mit dem richtigen Druck auf den Reifen geht es Richtung Südosten. Die vielen Baustellen erinnern uns an Deutschland. Nach etwa 80 km biegen wir von der viel befahrenen Hauptstrasse nach Nordosten ab. Von hier aus geht der Weg über etwa 30 km in die zerklüfteten Berge hinein. Dann steht man an einem Parkplatz und nach etwa 10 min Fußweg kommt man zu den ersten Pools. Man hat den Eindruck einen paradisischen Garten zu betreten. Das satte Grün, die schattenspendenen Palmen, das Gras und Schilf. Klares Wasser mit vielen großen und kleinen Fischen, Kaulquappen. Die Vögel zwitschern, das Wasser rauscht an einer Seite des natürlichen Pools durch einen Kanal weiter zum Dorf. Das eigentliche Wadi entspringt viel weiter hinten in dem zerklüfteten Gestein.

Wadi Bani Khalid

Um dorthin zu gelangen muß man durch mehrere Pools waten oder schwimmen, an den Felsen entlangkrakseln, an Wasserfällen vorbei. Aber so weit haben wir es bisher nicht geschafft. Bergab wird das Wadi zu einem breiten – jetzt trockenen – Flußbett. Die riesigen Felsbrocken, die dort liegen, zeugen von der Kraft des Wassers. Die Strasse ist nicht geteert, sondern wie eine DDR-Autobahn, mit Betonplatten gestaltet, streckenweise einen Meter über dem Flußbett gelegen auf einem kleinen aufgeschütteten Damm. Eine normale Strasse würde einfach weggespült. Inzwischen ist auch der Tourismus an diesen Ort gekommen, aber noch nicht zum Negativen. Man kann immer noch die Ruhe genießen, auch wenn (kleinere) Reisegruppen hierher geführt werden und neuerdings an einem Imbiss ihren Hunger stillen können.

 

Gezeter und Geschrei – Teil Zwei

Wir haben uns einen hübschen Platz gesucht, an dem man recht bequem ins Wasser gelangen kann. Nico bekommt wieder seine Plansch-Windel angezogen und beäugt vorsichtig das Wasser und die Fischchen. Wird es dieses Mal auch wieder Gezeter und Geschrei geben? Um es vorweg zu nehmen: Ja! Aber diesmal ganz anders: nicht, weil er rein soll, sondern als er anschließend  wieder raus soll!

Nico hat sichtlich Spaß

Nach etwas Geplansche mit den Beinchen kann er gar nicht mehr genug bekommen. Ich halte ihn auf den Händen und ziehe ihn durchs Wasser, lasse ihn vorsichtig reinplumsen, mit den Händen unter dem kleinen “Speckbäuchlein”. Nico gluckst und lacht, dass die Leute grinsend von der anderen Uferseite zu uns herüberschauen. Als er dann anfängt zu bibbern wird er wieder an Land geholt, was ihm gar nicht passt. Das Wasser und die Fischchen, die um ihn herumschwommen sind einfach zu schön! Wenn man auch nur einen Moment im Wasser  steht, oder die Füße hineinhält, kommen die kleinen Fische und beginnen an den Füßen zu knabbern. Bei den kleinen kitzelt das, bei den größeren hat man das Gefühl, jemand hätte einen angetippt. So halten die Besucher ihre Füße in das Wasser und freuen sich an der kostenlosen Pediküre mit fantastischer Aussicht.

 

In “eisigen” Höhen

Nach einer weiteren Nacht in den Sanddünen geht es Richtung Nordwesten. Der Jabal Akhdar steht auf unserer Liste. Die ist ein Gebiet im westlichen Hajjar, das wegen seiner Lage grün (arab. akhdar, اخضر) ist. Hier entspringen mehrere Quellen, deren köstliches Naß trockene Kehlen in ganz Oman und auch in den Nachbarländern anfeuchtet. Daneben ist es besonders durch seine Plantagenlandwirtschaft bekannt. Die Landschaft ist wild, der höchste Berg – Jabal Shams – weiter im Westen 3000 m hoch. Von der Hauptstrasse abzweigend führt die Teerstrasse direkt auf eine Felswand zu, die erst kurz vor Erreichen eine Kluft erkennen läßt. Entlang eines sich windenden Wadis kommen wir zu einem Militärposten. Als ehemaliges militärisches Sperrgebiet sind das noch einige Überbleibsel, jedoch nicht ganz grundlos. Der freundliche Beamte überprüft unser Kennzeichen und die Zertifizierung der Autovermietung. Nur Allradfahrzeuge in vernünftigem Zustand sind zugelassen. Man macht sich Sorgen um Touristen, die eventuell irgendwo da oben in Schwierigkeiten geraten. Er gibt uns noch ein paar Hinweise und verabschiedet sich schließlich mit ein paar Worten auf Deutsch. Nett so was!

Jabal Akhdar

Jetzt geht es nur noch bergauf. Die Straße verläuft steil bis auf über 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Immer wieder ergeben sich fantastische Ausblicke auf die da unten liegende Ebene. Leider steht die Sonne zu ungünstig und der Dunst lassen ein Foto kaum zu. Wir wollen eine der kurzen und leichteren Wanderungen unternehmen, die im Wander- und Trekking-Ratgeber des Tourismusministeriums beschrieben sind (im Internet sogar kostenlos).  Da es bereits schon Nachmittag ist, suchen wir uns eine gemütliche Stelle und bereiten uns für die Nacht vor. Früh wird es kühl und nachts ist es uns kalt in unseren Schlafsäcken, trotz aller Jacken und der langen Hosen aus Deutschland. Nico schläft derweil schon und träumt bestimmt von Steinchen und Fischchen. Bis auf die kleine Nasenspitze ist der Kleine warm eingepackt, sicherlich am wärmsten von uns allen. Aber so muß es ja auch sein. Am nächsten Morgen zeigt das Thermometer nur 6°C an. Die Scheiben des Autos sind beschlagen und wir machen uns daran so schnell wie möglich einen warmen Tee zustande zu bringen. Wenig später kommt wieder die wärmende Sonne und wir können langsam “auftauen”.

Ich habe mich immer gegen einen Selfie-Stick gewehrt, aber hier… 😉

Nach ein paar Kilometern Fahrt haben wir den Ausgangspunkt unseres Spaziergangs erreicht. Direkt an einer Felskante parken wir das Auto. Die Aussicht ist spektakulär. In Reichweite das Dorf, die jetzt in der Winterzeit etwas grau-braunen Plantagen vorgelagert, in der Ferne riesige Felsberge, die von Dunstschwaden und Wolken umgarnt werden, tief unten in den Tälern Siedlungen und eine kleine, sich windende Strasse, die eher an ein Wollknäuel erinnern, das Opfer einer spielwütigen Miezekatze wurde. Nico interessiert sich wieder eher für die Steinchen und hat eine Mordsfreude daran, diese über die flache Steinabgrenzung zu werfen und sich daran zu erfreuen, wie tief die eigentlich fallen. Wir streifen durch die engen einsamen Gassen des Dorfes. Links und rechts des schmalen Weges liegen die Gärten, in denen ein paar einzelne Bauern arbeiten. Entlang des Steilhangs verläuft der Weg, zum Teil durch schattenspendende Äste überdacht. Immer wieder ergeben sich fantastische Ausblicke. Ein chinesisches Paar mit einem kleinen Kind, vielleicht so alt wie Nico kommen uns entgegen, grüßen, ziehen weiter. Nico sitzt im Tragekorb auf meinem Rücken und genießt förmlich den Tragekomfort und die Aufmerksamkeit der Passanten, während ich bei den vielen steilen Stufen berauf und bergab endlich mal wieder ein Workout bekomme. Leider verläuft sich der Weg in einem sehr steinigen Wadi und wir beschließen wieder umzukehren. Trotzdem ein sehr schöner verlängerter Spaziergang.

Blick vom Dorf in die Tiefe

 

Sonnenbrillen und Radios verboten!

Da uns die Nacht zu kalt war, fahren wir wieder “nach unten”. Wir sind für derart “deutsche” Temperaturen nicht richtig ausgerüstet. Bezogen auf die Infrastruktur wird hier viel getan: Für ein Hotel gehobener Klasse wird alles hierauf gekarrt, außerdem gibt es ein paar Shops, Restaurant usw. Trotzdem, uns ist es zu kalt. Als nächstes steuern wir das Wadi Tanuf an. Zwischen der alten Hauptstadt Nizwa und Bahla gelegen, öffnet sich diese Felsspalte im Gebirge und und ist unter anderem Quelle für das gleichnamige Mineralwasser “Tanuf”. Daß die omanische Vergangenheit nicht immer frei von Konflikten war zeigt sich an den Ruinen der alten verlassenen Ortschaft Tanuf.

Ruinen von Tanuf

Als das Sultanat in den 50er Jahren noch im zivilisatorsichen Mittelalter steckte gab es viele blutige Auseinandersetzungen. Eine davon:  Die Rebellen dieses kleinen Ortes, wagten es, sich Sultan Said ibn Taimur – dem Vater des heutigen Sultans Qaboos – zu widersetzten. Der Papa war so rückständig, dass er sogar Sonnenbrillen und Radios verteufelte und schlichtweg verbot. Als er sich nicht mehr zu helfen wußte, bat er um die Hilfe der Briten, die den Ort kurzerhand bombardierten. Später entthronte übrigens der Sohnemann und heutige Herrscher seinen Vater und entwickelte das Land.

Durch`s Wadi Tanuf

Im wunderbaren Licht fahren wir in das Wadi hinein. Leider ist es zu eng und damit zu unsicher um zu campen. Ein altes Sprichwort sagt, dass mehr Menschen in der Wüste ertrunken wären, als verdurstet seien. Einer der Gründe sind die plötzlichen Wassermassen, die innerhalb von Minuten ein ganzes Wadi fluten können. Zelte, Autos, selbst LKWs werden einfach weggeschwemmt. Davon gibt es spektakuläre Bilder und Videos im Internet, also Obacht! Am Eingang des Wadis gibt es einen kleinen Staudamm, dahinter, erhöht und in Nähe zu den Ruinen suchen wir uns eine Schlafstatt.

Nachdem auch die letzten Buben vom nahegelgenen Fußballplatz verschwunden sind, glauben wir, dass es ruhiger wird. Aber “denkste Puppe!”. Jetzt kommen mehere süße Miezekatzen und versuchen sich unscheinbar unserem Freßnapf zu nähern. Immer wieder verscheuchen wir sie, aber wir wissen ja nur allzu gut, wie hartnäckig diese Fellnasen sein können. Nachts spielt sogar eine mit Olgas Füßen, durch das Zelt und den Schlafsack hindurch. Glücklicherweise sind die Gewebeschichten zu dick, als dass sie sie erreichen könnte (also die Gewebeschichten von Zelt und Schlafsack… 😉 ), denn man macht sich ja immerhin Gedanken um Wunden und Infektionen, besonders bei noch so lieben Miezekatzen…

 

Freudiges Wiedersehen

Am nächsten Tag verlassen wir die Region um Nizwa. Es geht es wieder nach Südosten. Am Wadi Shab, einem schönen Wadi an der Ostküste haben wir uns mit Isabell und ihrem Freund verabredet. Die beiden haben gerade einen Hindernislauf in Muscat absolviert und wollen noch ein paar Tage im Oman verbringen, ehe sie wieder nach Bahrain zurückfliegen. Ab Sur geht inzwischen eine vierspurige Autobahn hinauf nach Quriat.

Wadi Shab, oben die Autobahnbrücke (Foto 2013)

Ich kann mich nich gut erinnern, wie damals bei einer Fahrradtour die Teerstrasse kurz hinter Sur aufhörte und anschließend eine trockene Piste entlang der felsigen Küste führte. Nur wenige Ortschaften finden sich entlang der Strecke und für Motorisierte gab es nur 1 Tankstelle, oder besser gesagt eine Zapfsäule. Einen Platten durch die scharfen Steine oder die Nadeln der Dornsträucher zu haben, war normal. Für Fahrradfahrer zudem erschwerend: rechts das salzige Meerwasser, links die Berge. Wenn die Sonne morgens über dem Meer aufgeht, hat man quasi keine Aussicht auf Schatten, bis die Sonne hinter den Bergen verschwindet. Damals war eine Notfalldecke die Lösung, so eine, wie man sie im Auto hat (eine Seite spiegelig reflektierend und dadurch je nachdem die Sonne und Wärme abweisend oder die eigene Wärme dem Körper zurück reflektierend). Wenn man sie zwischen den Fahrrädern oder Sträuchern aufspannt, hat man etwas Schatten darunter. Das hat tatsächlich geholfen. Als Alternative fährt man eben nachts…

Und heutzutage? Wie gesagt: 4 Spuren, mehrere Tankstellen mit Shops, Geldautomaten, durchgehend beleuchtete Autobahn, riesige Brücken, die über die Wadis führen… Während früher nur Geländewagen Touristen an diesen abgelegenen Ort bringen konnten, kann man jetzt bequem mit jedem Tretroller dorthin gelangen. Dadurch kommen auch mehr Touristen hierher und der Ort wirkt etwas zu zivilisiert und frequentiert für uns. Auf einer kleinen Strasse geht es steil bergab, dann steht man an einem Parkplatz mit Toilettenhäuschen.

Fahrt zum Plateau

Märtyrium oder “erfolgreiches Geschäftsmodell”? – Eine Charakterfrage

An die saubere Toilette mit “Brille” muß ich mich erst noch gewöhnen, immerhin sind wir seit Tagen in der Natur und können ja nicht jedes Mal in eine Ortschaft fahren. Apropos Toilette. Viele machen sich Gedanken und fragen: “Und wie macht Ihr es?” Jedes Mal zu Beginn einer solchen Reise stellt das Verrichten des “Geschäfts” eine Herausforderung dar, für manch einen sogar der einzige Grund, auf diese Art gar nicht zu reisen. Natürlich sind die hygienischen Bedingungen außerhalb der “zivilisierten westlichen Welt” schlecht, um nicht zu sagen manchmal katastrophal. Sofern öffentliche Toiletten überhaupt existieren, so sind das Orte, die nicht ausgeschildert werden, weil man schon durch den Gestank und den Dreck dorthin gelotst wird. Besonders schlimm ist es natürlich an Orten, wo sehr viele Menschen zusammenkommen, z.B. Indien. Da hab ich es mir so manches mal verkniffen. In Dharavi, einem der größten Slums der Erde, mitten in Mumbai, teilen sich z.B. etwa 1400 Menschen eine Toilette! Das ist natürlich ein extremes Beispiel und viel hat auch mit der Bildung und Erziehung zu tun. Aber auch bei uns ist das nicht so weit hergehholt. So muß man sich nur mal an die Toiletten der deutschen Autobahnraststätten der 80er und 90 Jahre erinnern. Oder an Bahnhofstoiletten. In Russland macht es ganz besonders Spaß, wenn die WCs mitunter keine Türen haben. Da bevorzugt man doch gerne Mutter Natur, oder? Auch bei -35°C? Ich muß sagen, das ist wirklich eine richtige Herausforderung, zumal man ne Menge Klamotten anhat und die Hände schon nach wenigen Sekunden nicht mehr zu spüren sind. Ich sach`s Euch, das ist wirklich hardcore! Und bei +35°C? In der Wüste? Das ist besser. Man nimmt sich seine bescheidene Rolle, sucht sich ein nettes Plätzchen und legt los. Und während man da so hockt, die Knie langsam anfangen zu schmerzen, der Schweiß den Rücken anfängt runterzulaufen, sind sie plötzlich da: Fliegen! Wo, verdammte Sch…e kommen die jetzt her? Weit und breit ist nix, aber plötzlich sind die da. Während man also mit seiner eigenen Ungelenkigkeit kämpft, fangen die an einen zu kitzeln. Das kann einen wahnsinnig machen! Auch das ist hardcore!

Nun ja, ohne weiter ins Detail zu gehen, kann ich sagen, dass man sich an alles gewöhnt. Wenn man sich voll “engagiert” kann man aus der Hocke “über sich hinaus wachsen“. Manch einer bezeichnete sich nach so einer Reise sogar schon als Geschäftsmann… 😉 Je nachdem, wie man es also betrachtet, kann es zu einem Märtyrium werden, oder man arrangiert sich einfach mit den Gegebenheiten.

Zurück am Parkplatz treffen auch die anderen gerade ein. Zusammen wollen wir die nahe gelegenen Berge hinauffahren, auf das Salmah-Plateau. Dies ist eine Hochebene auf einer Höhe von 2000 Metern. Alleine der Weg dorthin ist spektakulär: eine Piste, die sich am Rande der Berge entlang schlängelt und in zahlreichen Spitzkehren Auto und Fahrer herausfordert. Als wir 2013 das erste Mal hier hoch fuhren, war die Piste in einem schlechten Zustand, an manchen Stellen war sie gar weggebrochen und nur noch halb so schmal. Schließlich klappte es aber doch noch und wir wurden mit einer wunderbaren Aussicht auf den Küstenstreifen belohnt. Wir sind gespannt, wie gut diesmal die Piste ausgebaut ist und ich hoffe insgeheim, daß nicht auch hier eine vierspurige Autobahn in die Höhe gezogen wurde…

 

Der Ort, an dem sich die Dschinn versammeln

Wir werden nicht enttäuscht. Die Strecke ist in einem deutlich besseren Zustand – leider möchte man schon fast sagen. Trotzdem ist es wunderschön, wobei die eigentliche Fahrt viel spektakulärer ist, als die Ankunft oben. Isabell möchte gerne einen richtigen schönen Sternenhimmel heute haben, also beschließen wir, und hier oben einen Schlafplatz zu suchen. Zuvor fahren wir jedoch zu einer der tiefsten Höhle der Welt und der größten im Oman: der Majlis al Jinn, dem Versammlungsort der Jinn (Dschinn).

“Nur mal eben gucken” – gut, dass der Felsvorsprung fest genug war…

Diese Jinn sind in der islamischen Mythologie und Theologie unsichtbare, übersinnliche Wesen, die mit uns auf der Welt leben. Ebenso wie der Mensch sollen sie Gott dienen, aber es gibt auch ungläubige Jinn und solche die dem Teufel dienen. Wikipedia weiß zu berichten, dass die Omanis aus den umgebenden Dörfern eigentlich keine Bezeichnung für die Höhle hatten. Erst eine amerikanische Hydrogeologin namens Cheryl Jones, die mit ihrem Mann Don Davison die Höhle erforschte, gab ihr den Namen, da die Omanis glauben, dass Jinn in Höhlen leben. Leider kann man momentan die Höhle nicht ohne Genehmigung besichtigen und angesichts der Dimensionen sollte man sicherlich auch etwas Erfahrung im Klettern mitbringen: An der tiefsten Stelle liegt der Untergrund 178 m tief unter der Oberfläche. Die Decke reicht bis 120 m in die Höhe. Das würde einem 30-35 Stockwerke hohen Hochhaus entsprechen! 340 m x 228 m betragen Länge und Breite. Die englischsprachige Seite wondermondo.com liefert noch viele andere faszinierende Informationen, z.B. dass es ein nahegelegenes 11,5 km langes Höhlensystem gibt, aber auch einige wenige, jedoch atemberaubende Bilder.

Wir müssen uns mit dem spektakulär-unspektakulären Anblick eines Eingangs der Höhle begnügen: Ein unregelmäßiges ausgestanztes Loch, das fast zu übersehen ist. Man steht am Rand – und sieht nichts als Dunkelheit. Wenn man jedoch weiß, dass es dort fast 120 Meter runter geht, dann bekommt man Respekt. Isabell und ihr Freund stellen sich natürlich ganz nah an den Rand. Ich bin noch nicht mal in Sichtweite, da schreit Olga schon. Jaja, ich bin doch noch meilenweit vom Rand entfernt

In der Nähe stehen ein paar Hütten und eine kleine, ganz einfache Moschee. Ein paar Ziegen und Kamele streifen umher. Als wir am Rand der Höhle stehen, kommen ein paar Kinder zu uns rüber gelaufen und fragen sehnsüchtig nach Süßigkeiten. Sie sind ärmlich gekleidet und die älteren Kinder und gar ein Erwachsener fragen uns nach warmen Decken, Schlafsäcken. Wir sind etwas verwundert.

Gute Piste, Salmah Plateau

Die Menschen hier oben scheinen weniger gut versorgt zu sein, weder Öl und Gas noch der Tourismus hat hier besonders viel Wohlstand angespült. Sonst haben wir das im Oman nirgendwo so kennengelernt, auch wenn uns klar ist, daß es in jedem Land arme Menschen gibt. In den Golfstaaten wird man allzu leicht von dem Prunk aus 1000 und einer Nacht geblendet. Dazu muß man wissen, dass Oman im Vergleich zu seinen Nachbarländern geringere Öl- und Gasvorkommen hat. Laut der Internetplatform theglobaleconomy.com , die sich auf Daten der Weltbank beruft, lag Oman 2015 an vierter Stelle, wenn man die Öleinnahmen betrachtet. Angeführt wurde die Liste von Kuwait, Irak und Saudi-Arabien. Bezüglich der Erdgaserträge liegt das Sultanat an achter Stelle im Ranking. Daß es trotzdem einen geringeren Wohlstand als beispielsweise die Emirate aufweist hat sicherlich etwas mit der Größe und der Bevölkerung der Länder zu tun.

Zahlen alleine spiegeln also nicht unbedingt die Realität wider, zumal man ja Statistiken nur bedingt trauen sollte… Der schicksalshaften Abhängigkeit von Öl und Gastarbeitern versucht das Land seit Jahren entgegenzuwirken, indem es verstärkt Omanis in feste Arbeit bringen möchte.  Omanization nennt sich das, ein Programm, das in Nachbarländern entsprechend auch versucht wird.  Das sieht man auch im Alltag: Einheimische, die einfache Arbeiten verrichten, z.B. im Verkauf arbeiten. An ganz einfache Tätigkeiten wie beispielsweise WC-Reinigen oder Müllentsorgung trauen sich noch nicht viele heran. Hohe Geburtenrate, junge Bevölkerung und begrenzte Jobmöglichkeiten, insbesondere im begehrten öffentlichen Sektor, da hier gut für wenig Arbeit bezahlt wird. Dies sind nur wenige Eckdaten, die die Länder der Region auszeichnen. Die Machthaber sind durch den Bevölkerungsdruck und die Entwicklung der Ölwirtschaft gezwungen nun Strategien zu finden, um selber politisch zu überleben.

Schlafplatz auf dem Salmah-Plateau

Wir suchen uns einen Schlafplatz unter einem kleinen Baum mitten in der Ebene. Dieser Platz ist auch bei Eseln beliebt, wie wir erst später an den Ausscheidungen sehen. Nico macht das aber nichts aus, und ich kann gerade noch seine neuen “Forschungsobjekte” entfernen. Während wir die Stelle gemütlich machen, fahren die anderen beiden los und sammeln Feuerholz. Eigentlich hatten sie geplant, die eigens aufgehängte Camping-Dusche (ein Wassersack mit Duschkopf sozusagen) einzuweihen, aber der inzwischen kalte Wind bringt sie dann doch schnell davon ab.

Nach dem Abendessen wird Isa zum “Feuerweib”, allerdings ganz jugendfrei. Sie entfacht professionell das wärmende Licht und schon bald sitzen wir gemütlich bei “Eiseskälte” mit Decken am Feuer und erzählen uns alte Geschichten. Isa weiß so manche Geschichte von Bären in Kanada zu berichten, die um das Wohnmobil herumliefen und ihr einen Riesenschreck einjagtden, als sie trotz Warnung die Naturtoilette des nachts aufsuchte. Nico starrt ins Feuer und hört gebannt zu. Man weiß nicht, was ihn mehr beeindruckt: die Toilettengeschichte oder das Feuer. Immerhin ist es das erste Mal, dass er überhaupt offenes Feuer sieht.

Ein schöner Platz. Leider ist der Akku meiner richtigen Kamera leer…

Er mag auch gar nicht ins Bettchen gehen, er genießt es bei Mama auf dem Schoß zu sitzen und wie ein großer Abenteurer ins nächtliche Lagerfeuer zu starren und die hochwirbelnden Funken zu verfolgen. Hoch über uns funkeln die Sterne, dann kommt der Mond hervor und  taucht die Umgebung in ein schwaches fahles Licht…. Einfach traumhaft!!! Es ist wunderschön, die Natur so intensiv wahrzunehmen. Umso schöner ist es, dies mit anderen gemeinsam erleben zu können. Wir wünschten, dies auch mit unseren Familien aus Deutschland oder Russland teilen zu können…

 

Sackgasse im “Wadi Stupid”

Spaziergang im Wadi Qaroon

Am nächsten Tag geht es weiter zum Wadi Qaroon. Wenn man dieses durchquert hat, kann man den Bogen schließen und wieder zur Küste fahren, ohne den gleichen Weg zurückfahren zu müssen. Als wir dort ankommen, stellt sich heraus, dass die Steine so groß sind, dass man nicht mehr durchkommt.Die Piste endet quasi im Wadi.  Wir stellen die Autos ab und machen einen kleinen Spaziergang durch das Wadi. Nico auf dem Rücken in der Trage, ein paar Tüten in der Hand mit Früchten und Getränken, so machen wir uns auf den Weg. Steine unterschiedlichster Größe, die z.T, überklettert werden wollen, stellen sich in den Weg.

Wadi Qaroon alias Wadi Stupid (2013)

2013 sind wir hier bei ähnlichen Verhältnissen noch mit dem Auto durchgefahren. Das war echt ein Abenteuer gewesen, aber das Auto blieb ohne jeden Kratzer. Erst später las ich, dass man dieses Wadi auch Wadi stupid nennt, weil es wegen der Schwierigkeit zu kompliziert ist hier durch zu fahren… Wir hatten damals wahrscheinlich mehr Glück als Verstand gehabt…

Hier wie auch in den benachbarten Wadis läßt sich die Naturgewalt am besten bestaunen: wie hätte es sonst sein können, dass so riesige Felsbrocken transportiert werden, wenn nicht durch die gewaltigen Wassermassen, die vielleicht einmal im Jahr oder noch seltener sich hier durchdrücken?

Futterneid von höherer Stelle

Wir setzen uns in den Schatten der Felsen. Kaum haben wir unsere Früchte ausgepackt, schon kommen die ersten Ziegen. Elegant und mit einer überheblichen Leichtigkeit klettern sie an der steilen Felswand in schwindelerregender Höhe endlang. Die Melone wird gekonnt geschlachtet, kunstvoll versehentlich fallengelassen, wieder gesäubert und verzehrt. Mmmmmh! Wie das schmeckt! Nico schmatzt genüßlich. Um es mal mit Olgas Worten zu sagen: Endlich mal ne richtige Melone, die nicht wie `ne Holland-Tomate schmeckt! Wir lassen die Szenerie auf uns wirken. Bei einem zufälligen Blick nach oben zur Felswand hinter uns, merken wir, daß wir nicht alleine sind: etwa ein Dutzend Ziegen steht da hoch oben über und und guckt zu, wie wir die Melone in uns reinstecken! Wie soll man da noch sein Essen genießen, wenn einem ein Dutzend hungriger, meckerner Mäuler zuschaut? Das Ganze sieht schon sehr lustig aus. Immerhin freuen sich die Ziegen über die Melonenreste und wir machen uns auf den Rückweg. Nico bekommt dabei auch noch seinen Auslauf und hat Riesenspaß am Herumgekraksel auf den Steinen – und protestiert (natürlich), als wir ihn zur Weiterfahrt wieder ins Auto setzen.

“Retten und Bergen von Zwergen” – Nico muß von seinen “Steinchen” weggeholt werden…

Nun geht es auf dem gleichen Weg bergab. Eine herrliche Kulisse. Wieder zurück auf Meereshöhe am Fuße der Berge trennen sich unsere Wege. Für uns geht es jetzt langsam nach Muscat. Noch einmal machen wir Rast im Wadi Bani Khalid, eher für Nico, weil es ihm so gefallen hat. Nach einem weiteren Geplansche mit Fischchen machen wir uns auf den Weg nach Nordwesten. In den Bergen des östlichen Hajjar wollen wir ein letztes Mal wild campen, ein letztes Mal vor unserer Abreise die Sterne bestaunen, die wunderbaren Eindrücke der Wüste geniessen, die Ruhe. Doch daraus wird nix. Da nicht nur in der Hauptstadtregion selbst, sondern auch hier über 100 km vor der Hauptstadt wie verrückt gebaut wird, können wir die Autobahn kaum verlassen und die Straßenführung auf GoogleMaps ist auch bereits überholt. Das merken wir erst recht, als es dunkel wird und wir einen Schlafplatz suchen. Es scheint schier unmöglich. Ein “idealer” Schlafplatz in diesem Fall liegt nicht zu fern ab der Zivilisation (wir wollen ja immerhin morgen nach Muscat fahren), aber auch außerhalb von Ortschaften und  nicht zu nah dran an den größeren Strassen. Wir fahren runter von der Autobahn, folgen den bei GoogleMaps angezeigten Wegen. Plötzlich Stop. Ein riesiger Kieshügel türmt sich auf. Die Strasse ist gesperrt und irgendetwas wird gebaut. Na dann eben eine andere, doch diese existiert gar nicht mehr, stattdessen führt eine große Brücke mit einer anderen Strasse hier lang. Dann eine ruhigere Piste eben. Als wir eine nette Stelle gefunden haben, steigen wir aus und inspizieren das Areal und den Untergrund. Es riecht süß-säuerlich. Im Lichtkegel der Taschenlampen können wir alte Flaschen, Teile von toten Tierkadavern, Blechdosen und anderen Abfall erkennen. Na super, wieder nichts. Das geht so eine Weile, bis wir die Nase voll haben. Wir versuchen ein bezahlbares Hotel für eine Nacht zu finden (richtig low-budget gibt es im Oman nicht) und finden schließlich eine Herberge in einem Industriegebiet nahe Muscats (Rusayl industrial Area). Glitzernde Lämpchen, laute Musik, so etwas wie Türsteher vor einem Nebeneingang. Ich gehe in das Foyer, wo ein älterer Inder den Empfang besetzt. Ja, ein Zimmer könnten wir bekommen. Während er nach dem Schlüssel sucht, schaue ich mir die Empfangshalle an. Sauber, Klimaanlage, Teppiche, billiger Prunk. Ist ja nicht schlimm, so ist es halt oft, und in Paris habe ich schon viel schlimmere Herbergen und “Hotels” erlebt. Dazu jedoch den Lärm einer schlecht schallgedämmten Diskothek. Eine Seitentür öffnet sich, die wohl die Toilette des Clubs nebenan zu sein scheint. Eine stark geschminkte Dame mit körperbetontem Outfit kommt heraus und begibt sich Richtung Club. Soviel also zur letzten ruhigen Nacht mit Ruhe, denke ich mir…. Das Zimmer jedoch macht einen akzeptablen Eindruck und ist überraschenderweise sehr ruhig. Wir beschließen hier zu bleiben. Der “Schnullermann”  – so nenne ich Nico auch, obwohl er seinen Schnuller schon im 3. Monat ausgespukt hat und dieser nun als Erinnerung vom Innenspiegel unseres Autos in Deutschland baumelt – schnullert vor sich hin und merkt den “Reifenwechsel” (Windelwechsel) gar nicht. Erschöpft, aber glücklich lassen wir uns ins Bett fallen – seit 10 Tagen wieder einmal ein richtiges Bett…

Nicos Auto in der Wüste. Autos sind grad ganz wichtig für Nico…

Am nächsten Morgen bekommen wir noch ein kleines Frühstück und ab gehts weiter nach Muscat. Dort wollen wir uns mit Hajer treffen, einer jungen omanischen Frau, die wir 2014 in Muscat kennengelernt hatten. Manfred, einer meiner geschätzten Kollegen in Bahrain damals (Anm.: es gab keine nicht-geschätzten 😉 ), hatte mich damals auf die Idee gebracht an einem Workshop für Handchirurgie teilzunehmen (war ne super Idee!). Einerseits war dieser nicht so teuer und ich als Greenhorn und Hobby-Chirurg ( 🙂 )konnte mal etwas Praktisches machen. Aber keine Sorge, die Patienten lebten nicht mehr und waren nur teilweise anwesend – handlich eben (sorry, den konnte ich mir nicht verkneifen 😉 ). Bei einer dieser  Veranstaltungen war Hajer und ihr Vater als Mitorganisatoren anwesend und so kam der Kontakt zustande – und blieb erhalten. Für uns war es eine wunderbare Möglichkeit mehr direkt über das Land zu erfahren. Dieses Mal warten wir in einem Cafe einer großen internationalen Kette auf sie. Von der Kleidung mal abgesehen, könnte dies auch in Miami oder Köln sein: Vorwiegend junge Menschen, einzeln oder paarweise an kleinen Tischen sitzend, eifrig mit Laptop und/oder Handy beschäftigt, Kopfhörer, die aus Ohren oder unter Kopftüchern herausragen und in den “mobilen Endgeräten” verschwinden. Nur eben, dass der überwiegende Teil eine schwarze (Frauen) oder weiße  (Männer) Kleidung trägt. Während Olga genüßlich ihren Cappuccino schlürft, beobachte ich Nico, wie er mit einem kleinen arabischen Jungen etwa gleiche Alters Bekanntschaft schließt. Beide beäugen sich, stehen Nase an Nase. Plötzlich ein Quietschen und Gekichere. Der andere Kleine lacht und das ganze kleine Gesicht verzieht sich zu einem lustigen Grinsen. Er könnte glatt aus einem Cartoon stammen. Die beiden spielen Versteck, trinken von des anderem Trinkflasche und scheinen sich großartig zu verstehen. Die Mama des anderen Kleinen kommt, sammelt ihn ein und verabschiedet sich. Nico guckt etwas traurig durch die große Fensterscheibe hinterher. Eine elegante junge Frau mit großer Sonnenbrille betritt das Cafe. Es ist Hajer, auf die wir gewartet hatten. Es ist das erste Mal, daß sie Nico trifft. Nico, der sowieso Mädchen mag, ist fasziniert von der großen Sonnenbrille. Er wird geknuddelt und geknutscht und das beste: er darf mit Hajers Handy spielen!!! Das darf er noch nicht einmal bei Mama und Papa. Das ist die beste Hajer, die es gibt! (Er kennt ja nur eine 😉 )

 

Von sich reibenden Leibern und Schweiß

Die Zeit vergeht wie immer zu schnell. Am Abend werden die Taschen ins Auto gehievt, das Bürschchen festgeschnallt und wehmütig der Weg zum Flughafen eingeschlagen. Glücklicherweise haben  wir genügend Zeit eingeplant, von der noch nicht einmal ein Moment für einen Kaffe bleiben soll. Es steht irgendein (eventuell auch indischer?) Feiertag bevor und vor dem Einlass des Abflugbereiches bildet sich eine kleine Schlange. Kaum sind wir um die erste Biegung, trauen wir unseren Augen nicht. Die gesamte Abfertigungshalle ist gerappelt voll!!! Wir brauchen über 2 Stunden, bis wir die letzte Kontrolle passiert haben, es ist das totale Chaos. Ein Beamter sagt uns im Vorbeigehen, dass er solche Mengen noch nicht erlebt habe. Die Luft ist schlecht, die Leiber reiben sich aneinander, aber nicht so, wie man es vielleicht gerne hätte, die Kinder kreischen. Gruppenweise werden die Passagiere weitergelassen und sobald das Zeichen gegeben wird drängeln sich die Inder wie in Indien durch die Absperrung hindurch. Hier wird gedrückt und gedrängelt, auch der Ellenbogen hilft mal mit. Wie in Indien eben… Wir werden glücklicherweise verschont von einer härteren Gangart. Nico guckt leicht gereizt, kann aber immer wieder beruhigt werden. Dieser Abend war wirklich der blödeste an unserer Reise, zumal wir schon recht müde waren.  Irgendwann haben wir es dann aber zum Gate geschafft. Die Mitarbeiter Fluglinie wollen uns schon ausrufen, wir sind mit einem anderen Fluggast die Letzten! Wir sind glücklich, aber auch müde – Nico nicht. Der wird hier am Gate erst einmal wieder richtig wach und freut sich über die ganzen müden Gesichter um ihn herum. Ich werfe ihn noch ein wenig hoch (und fange ihn natürlich auch auf) und er kichert und lacht. Dann geht es endlich los Richtung Frankfurt…

Ach ja, das war schön…. Eine wunderbare Reise und viel zu wenig Zeit für die vielen wunderbaren Menschen. Aber keine Sorge, wir kommen wieder, bestimmt! 😉

Demnächst folgen noch ein paar Bilder, laßt Euch überraschen!

Link:

Kleine Broschüre zur Übersicht zu Oman vom Fremdenverkehrsamt des Sultanats:

http://www.omantourism.de/fileadmin/website/62_downloads/SultanatOmanReisefuehrer.pdf

 

Von der Kunst sich treu zu bleiben

Teil 3

Und jetzt? Nix mehr mit Unfallchirurgie? Keine Traumatologen-Karriere? Nun ja, wie ich ja bereits eingangs geschrieben hatte, wollte ich das weitere Vorgehen nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf abhängig machen – und natürlich von der Gesundheit. So war die Probezeit auch wirklich eine Probezeit. Kommen wir mal zum Positiven: Das Fach, das “Basteln”, die “Action”, das “Improvisieren”, Medizin zum Anfassen – die Unfallchirurgie ist wirklich eine tolle Sache! Unfallchirurgen sind praktische, lösungsorierte Personen (oder sollten es jedenfalls sein). Das hat mir gefallen und ich hätte es gerne weiter gemacht. Es hat mich begeistert und auch wenn der Druck hoch war, habe ich fast immer Freude gehabt an den praktischen Tätigkeiten.

Ich hatte jedoch nie vor, die Allgemeinmedizin aufzugeben (bei der Zeit, die ich dafür investiert habe, auch nicht besonders clever). Laut Landesärztekammer hätte ich mir das eine oder andere Halbjahr für die Unfallchirurgie auch anrechnen lassen können, sodaß ich nicht die 5 Jahre gebraucht hätte. Soweit die Theorie, welche sich aber an der Realität messen lassen muß.

Daß auch bei einem grassierendem Ärztemangel eklatante Arbeitsbedingungen herrschen, das kann man eigentlich kaum glauben. Damit meine ich aber nicht das Finanzielle! Ich habe in diesem Krankenhaus so gut wie noch nie in Deutschland verdient! (bin aber natürlich trotzdem kein “Schwerverdiener” 😉 ) Aber darum geht es hier nicht. Es geht um Ausbildung, Arbeitszeiten, Stress, der Umgang miteinander. Daß es früher nicht einfach war, einen Job, eine Ausbildung zum Facharzt zu bekommen oder zu durchlaufen, glaube ich sofort. Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als Ärzte in Deutschland Taxi fuhren, weil sie keinen Job bekamen. Und die, die einen hatten akzeptierten alles, um irgendwie durch die Facharztausbildung zu kommen. Jetzt haben wir einen massiven Ärztemangel. Und das Arbeitsklima? Wer geglaubt hat, das würde “der Markt schon alleine regeln”, hat falsch gedacht! Angebot und Nachfrage schön und gut, aber in den Köpfen sitzen immer noch alte Verhaltensmuster, zumal die Köpfe auch oft noch die alten sind. Natürlich wird versucht, Mitarbeiter anzuziehen und zu halten. Kindergärten für die Kinder der Angestellten, Hilfe bei der Wohnungssuche, Zuschuss bei den Umzugskosten, das sind schon wichtige Dinge, aber der Geist dahinter fehlt. “Ich will Dich hier haben, ausbilden, Dich zu einem guten, verläßlichen Mitarbeiter machen” – so müßte die Devise lauten. Eine Investition, die sich auszahlt, denn ein zufriedener Mitarbeiter ist leistungsstärker,  gesünder und fühlt eine größere Zugehörigkeit, als ein frustrierter. Alleine vom wirtschaftlichen Standpunkt her macht dies Sinn. Statt dessen klebt man große Zertifizierungssiegel auf die Türen “Familienfreundliches Krankenhaus, zertifiziert nach ISO 08/15”. Wenn mit Familie all die multiresistenten Keime im Krankenhaus gemeint sind, dann stimmt das wohl…

Daß man sich als Neuling hinten anstellen muß, Hierarchien beachten, nichts auf dem Silbertablett präsentiert bekommt und “ordentlich rangenommen” wird, versteht sich. Aber wenn man sich so sehr bücken muß, dass man anschließend tagelang nicht mehr gehen und sitzen kann, ist das nicht normal. Ich will den regen Phantasien jetzt nicht noch mehr Vorschub geben, ich meine das rein mental… 😉 Ich finde es auch gewissermassen richtig, dass man nicht zu sehr mit Samthandschuhen angefaßt wird, immerhin soll man merken, wie die Realität in dem gewählten Fach ist.

Die Kernfrage ist die Verhältnismäßigkeit, die Balance. Alles hat seinen Preis, egal was ich mache. Daraus ergibt sich ja auch irgendwie die Bedeutung und Sinnhaftigkeit. Wenn ich ein Hobby betreibe, kostet das Zeit, vielleicht auch Geld. Ich investiere, aber ich bekomme auch etwas zurück. Im Falle des Hobbys Freude, Zufriedenheit, Fitness z.B. Deswegen mache ich es ja. Wenn ich arbeite, bekomme ich Geld. Wenn ich etwas erreichen will, dann muß ich mich anstrengen, ganz klar (naja, vielleicht nicht überall und bei allen so klar…). Ich investiere Kraft und Zeit –  und noch viel mehr! In vielen Berufen hat man Druck und Verpflichtung mehr zu geben, als “Dienst nach Vorschrift”, aber im medizinischen Bereich steht noch mehr die Moral als Grundstimmung im Hintergrund. Oft wird über “das Wohl des Patienten” gefaselt, aber eigentlich geht es um wirtschaftliche Zwänge und vor allem um die politischen Kleinkriege und Intrigien des Krankenhausalltags, Hierarchiegerangel usw. Man kann sich dem als Einzelner quasie gar nicht entziehen, zumal man sich in einer absoluten Abhängigkeit befindet. Es reicht nicht, gewissenhaft und manchmal bis zur Erschöpfung seinen Dienst zu machen, man muß schon in der Gunst zumindest eines Höheren stehen, um auch einigermaßen weitergebildet zu werden. Das Gerangel, der Druck, die Zeitnot und der Umgangston verändert einen – zum Negativen. Man muß sich verbiegen, auf Dauer seine Bedürfnisse negieren… Wer kann das aushalten auf Dauer, ohne krank zu werden? Jeder kann eine Story über einen verkorksten Arzt mit Marotten berichten. Hat man sich schon mal gefragt, woher das kommt? Für die Fach- und Oberärzte ist das in keiner Weise anders. Sie haben bereits Jahre “gedient” und finden sich in einem System wieder, in dem sie sich nach wie vor korrekt bewegen müssen. Mit dem Facharzt ist also keineswegs Schluß mit der Quälerei.

 

Das “kranke Haus”

Ich habe den Eindruck, daß in keiner anderen Einrichtung der Welt so viele kranke Menschen arbeiten, die im Krankenhaus. Und das macht krank. Mein Hausarzt in Berlin sagte mir einmal, dass fast alle seiner ehemaligen Oberärzte in der chirurgischen Abteilung vor oder kurz nach dem Eintritt in das Rentenalter gestorben wären. Na herzlichen Glückwunsch! Gescheiterte Beziehungen, Kinder, die ihre Eltern nicht kennen, Ehepartner, die sich erst mit dem Beginn der Rente kennenlernen… – weil einer nie da war. Auf einer Internetseite las ich eine treffende Überschrift über Arztfrauen, die “Witwen mit Ehemann” seien.

In der Tat sehe ich viele Kollegen, auf die der Ausdruck “akzentuierte Persönlichkeit” zutreffen könnte. Gereizt, bisweilen cholerisch, depressiv, affektlabil. Erstaunlich viele sind sehr unsicher im Umgang mit Menschen, besonders, wenn sie jemanden neues treffen. Besonders in Bereichen mit viel Stress (Chirurgie, Kardiologie) hat man den Eindruck mit vielen Autisten zusammenzuarbeiten (wobei mir die Inselbegabung von vielen unerkenntlich war). Menschen, die gebildet (oder zumindest ausgebildet) sind, gutes Elternhaus, ausreichend Geld, und dann so etwas: kaum in der Lage die primitivsten zwischenmenschlichen Regeln zu befolgen. Das fängt mitunter schon beim “Guten Morgen” an. Manche sind gar richtig bösartige Charaktere. Waren die alle schon immer so? Ich glaube nicht. Gemäß dem Spruch “Umwelt formt den Menschen”, denke ich, dass die sich in dieses kranke System gezwängt haben. Freiwillig, im guten Glauben, dass man es so zu etwas bringen kann. Was sie meiner Meinung nach nicht auseichend bedacht haben: daß es sie verändert, mehr als man glauben mag. Wie kann es sonst so kluge, aber emotional und (sorry, daß ich jetzt so urteile) charakterlich degenerierte Menschen geben? Einmal für 3-4 Jahre drin, kann man wie bei einer Sekte nicht mehr aussteigen. Ein Aufbegehren würde die gesamten Errungenschaften schmälern. Man würde keine OPs mehr zugeteilt bekommen, Abstellgleis, Ende mit der Karriere. Karriere ist doch nicht alles, oder? Doch für jemanden, der alles aufgegeben hat ist es das Leben. Nie Abschalten können. Nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Kaum Freunde, keine oder eine kaputte Beziehung, keine Interessen, keine Hobbys. Für so jemanden ist hier das Leben psychisch zuende. Das ist der Preis, den man mitunter bezahlen muss. Aber selbst wenn man Karriere macht, was bleibt vom “echten Leben” übrig, wenn man alles aufgegeben hat?  – Einsame Menschen…

 

Akademische Hure im weißen Zwirn

In der heutigen Gesellschaft ist jeder mehr als früher gefordert, Verantwortung für sein Leben in die Hand zu nehmen. Einerseits, Ziele zu stecken und zu erreichen, andererseits bewußt auch Grenzen zu setzen. Ein jeder sollte bewußt Entscheidungen treffen. Auch wenn sich diese hinterher als falsch herausstellen, ist es allemal besser als sich passiv treiben zu lassen. Daher auch die Frage an Dich (ja genau DICH, den Leser): Welchen Preis bist DU bereit zu zahlen? Für was?

Für mich war der Preis zu hoch. Entfremdung von der Familie, meinen eigenen Bedürfnissen, aber auch ideellen Vorstellungen. Am schwersten wogen jedoch die individuellen Veränderungen: ich war zunehmend gereizt, nervös, ungeduldig. Einmal schreckte ich mitten in der Nacht auf. Olga versuchte mich zu beruhigen und ich fragte sie “Wer sind Sie?” Sie sagte “Ich bins, Olga, Deine Frau!”. “Ach so“, erwiderte ich und legte mich wieder hin.

Eine andere Horror-Vorstellung: Nico ist im Kindergarten und spielt Berufe-Raten mit einem anderen Kind. “Was macht Dein Papa so?”, fragt das andere Kind.  Nico beschreibt dann meinen Beruf so: “Also mein Papa ist immer weg, kommt total fertig nach Hause, ist Alkoholiker, psychisch total labil, hat mit vielen Leuten Kontakt, kriegt immer den Arsch voll und hat erhöhtes Risiko für ansteckende Krankheiten”. Das andere Kind feixt “Ach Dein Papa ist Stricher!”

Für den einen oder anderen habe ich nicht lange genug “durchgehalten”, oder ich hätte mangelnde “Integrationsfähigkeit” (um das mal modern auszudrücken). Ich gestatte es nur eben niemanden, mir zu nahe zu kommen und mich und mein Umfeld zu gefährden. Das musste ich auch erst lernen. Insofern ist meine Entscheidung für mich nur konsequent. Ich habe auch keine Angst vor Entscheidungen und den daraus resultierenden Veränderungen. Wenn man ernsthaft Allgemeinmedizin machen möchte, so bekommt man Übung darin, sich immer wieder verändern zu müssen. Man muss sich immer wieder anpassen, was zu einem gewissen Grad auch absolut richtig und wichtig ist. Man fängt immer wieder von Klein an zu lernen (in einem neuen Fach, neue Stelle), was mitunter frustrierend sein kann, andererseits verliert man mit der Zeit aber auch gewisse Ängste. Der häufige Stellenwechsel, das ständige Gefühl ein Neuling zu sein, keine große Karriereleiter emporzusteigen, das ist u.a. der Preis, den ich bezahlen muß – aber den bezahle ich gerne.

“Auf die harte Tour”

Teil 2 … und wie Deutschland für Fremde wohl sein mag

Da sind wir nun im sonnigen Osnabrück. Es ist der erste Juni 2017. Die Sonne wärmt den nicht vorhandenen Pelz, das Grün grünt und die Vögel zwitschern – wunderbar! Es ist der erste Arbeitstag in einem großen Krankenhaus in Osnabrück für mich. Heute fange ich an in der Unfallchirurgie eines Hauses der Maximalversorgung, d.h. Traumazentrum mit Hubschrauberlandeplatz usw. Vielleicht der Beginn einer länger währenden Liebe zur Chirurgie, einer handfesten soliden Tätigkeit ohne das mitunter “furchtlose Herumgedoktore” wie in der Allgemeinmedizin. Endlich klar geborstene Ellenbogen, die zusammengeschraubt werden, tropfendes Blut auf der Transportliege und “Action”, deren Ergebnis man noch am gleichen Tag, wenn nicht sogar wenige Stunden oder Augenblicke später bestaunen kann. Ja, ich will es noch einmal wissen, bevor ich zum “alten Eisen” gehöre. Wenn die Gleichung nicht aufgeht, kann ich wieder Allgemeinmedizin machen. Jetzt aber noch einmal richtig gefordert werden, an die Grenzen gehen, Nächte um die Ohren schlagen, amputieren, Köpfe zusammennähen (also nicht zwei verschiedene, sondern ein und denselben…na Ihr wißt schon)… Eben die ganze Bandbreite der Traumatologie.

Natürlich bin ich etwas aufgeregt, wie es heute wohl laufen wird, aber am ersten Tag ist ja sowieso meist erst einmal Kleidung, Schlüssel usw. abholen, die Abläufe kennenlernen. Den Rest der Woche dann Einarbeitung in den Alltag der Abteilung.

Doch weit gefehlt! Wenige Stunden später, ich habe mir kaum die neuen weißen Hosen hochgezogen, stehe ich auch schon in der Notaufnahme und bearbeite meine ersten Patienten! Was ich jetzt mit dem 3-Jährigen mache, der sich beide Unterarmknochen gebrochen hat? Oder der russischsprachige Handwerker, der sich zweimal (!) mit dem Hammer auf den linken Daumen gehau´n hat und nun ein großes Hämatom unter dem Nagel hat? Und die alte Dame, die heute früh gestürzt ist und ein verkürztes außenrotiertes linkes Bein hat? Wer bekommt welche OP, wenn überhaupt? Und dann: welches Verfahren? Nagel? Schraube? Prothese? Also theoretisch habe ich ja gewisse Grundlagen, aber praktisch…  Wen ruft man an zur OP-Anmeldung? Nebenan sitzt ein Kollege, der bereits Facharzt ist und recht nett wirkt. Schon bei meiner zweiten Frage antwortet er mir jedoch: “Also Du bist ja jetzt kein Student mehr, Du mußt jetzt lernen eigene Entscheidungen zu treffen!”. Hä? Während ich noch an der Antwort kaue, werde ich schon gereizt von einer Oberärztin gefragt, warum denn der kleine Patient noch nicht zur OP angemeldet sei. Wie bitte??? Später erklärt mir ein anderer Assistenzarzt, dass die OP-Indikationen hier von den Assistenten gestellt werden müssen (auch von Anfängern), und  diese Antworten zum normalen Umgangston gehörten. Also irgendwie hatte ich mir meinen ersten Tag anders vorgestellt. – Willkommen in Deutschland!

Wichtig: Röntgen-Demo

Apropos Deutschland. Neben dem einen Kollegen, der mich “etwas” einarbeiten soll, gibt es noch einen anderen deutschen Assistenzarzt. Alle anderen kommen aus anderen Ländern: dem Iran, arabischen Ländern, Indien, Serbien, Sudan. Mich stört das wenig, aber so manche andere Kollegen und Patienten sind verunsichert, dass es so wenige Deutsche gibt. Aber das ist die Situation in praktisch allen Einrichtungen in Deutschland! Mein sudanesischer Kollege hat in Saudi-Arabien vorher gearbeitet und als Kind verbrachte er sogar ein paar Jahre in Schweden! Wir plaudern etwas auf Schwedisch. Mann, ist die Welt klein! Er hat Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, aber keiner nimmt Rücksicht. Generell haben die Ausländer weniger Chancen als Deutsche, was man unter anderem daran merkt dass bestimmte Leute gewisse Operationen machen dürfen und andere nicht. Ich glaube nicht, dass das echter Rassismus ist, sondern eher eine gewisse Arroganz gepaart mit der Müdigkeit auf andere Menschen zuzugehen, vor allem, wenn diese dann auch noch eine kulturelle und vor allem sprachliche Unterstützung benötigen.  Auch für mich als Heimkehrer mutet das irgendwie eigenartig an und ich bekomme besonders in diesem Arbeisklima auch einen gewissen Kulturschock…

Der eine deutsche Kollege wird Oberarzt in einer anderen Stadt und verläßt uns. Und meine Einarbeitung? Fehlanzeige. In den kommenden Wochen arbeite ich mich meistens selbst ein, natürlich mit der dadurch verbundenen Mehrbelastung und aufkommenden Stress. Ich schlafe wenig und schlecht. Nach drei Wochen werden mir Gutachten ins Fach gelegt. Äh was? Gutachten? Ich? Als “qualifizierter Anfänger”? Ich gucke mir die Gutachten der Kollegen an und versuche mich daran zu orientieren. Schon trippelt die Oberärztin nervös. Wann ich denn den Patienten gedenke einzubestellen? Äh…

Der Tag beginnt praktisch immer mit einer Röntgenbesprechung. Ich halte das für ein sehr wichtiges Instrument, um zu lernen. Hier lerne ich jetzt jedoch die besondere Gruppendynamik meiner neuen Arbeitskollegen kennen. Die erste Reihe ist gefüllt mit Oberärzten, dahinter in zwei Reihen die (sofern vorhandenen) Assistenzärzte und Fachärzte. Ich nehme ganz hinten Platz. Kaugummikauend betritt der Chef den Raum und setzt sich auf einen für ihn freigehaltenen Platz. Jetzt geht es los. Der Radiologe wird zunehmend nervös, schwitzt vor sich hin, während die Fälle vorgestellt werden. Immer wieder kommen Querfragen aus der ersten Reihe, die mir etwas überzogen erscheinen. Der junge radiologische Assistenzarzt wird solange gefragt, bis er keine Antwort mehr hat. Der unfallchirurgische Assistenzarzt, der den nächsten Patienten vorstellt, kann kaum zuende reden. Schon intervenieren die Oberärzte und beginnen sich formell höflich, im Unterton jedoch missgünstig gegenseitig zu beharken. Scheinbar muß sich dort vorne jeder in irgendeiner Form besonders schlau präsentieren. Währenddessen ist der Rest in eine Art Schockstarre verfallen. Augen werden gerollt, die Uhr im Abstand von wenigen Sekunden wiederholt betrachtet. Hat sich der Zeiger wirklich weiterbewegt? Sind das wirklich 60 Striche auf der Uhr, die eine Minute darstellen? Abzählen hat ja auch etwas meditatives…

Nach dieser Show, die ich schon bald als “Gruselkabinett” bezeichne, geht es auf die Station. Visite. Kaum haben wir das erste Zimmer zu Ende visitiert, ruft der OP an. Der Kollege könne jetzt runter in den OP kommen. Grinsend verschwindet er. Nun sitzen wir anderen beiden hier und kämpfen uns Zimmer für Zimmer vorwärts. Und schon wenige Zeit später ruft die Notaufnahme an. Es wären schon ein Patient mit Kopfplatzwunde unter blutverdünnender Therapie und “ein Schenkelhals im Angebot”. Also führt uns der Weg nach unten. Und die Visite? Die muss warten. Also kümmern wir uns erst einmal um die Patienten in der Notaufnahme. Der Kopf-Patient wird genäht und bekommt ein CT, der “Schenkelhals” wird zum “Aufschlitzen” fertig gemacht. Schon sind die nächsten Patienten eingetroffen.

Die Station ruft an. Bis zu 20 mal am Tag. Ob ich denn das Medikament X bei Frau Y ansetzen könne. Und dann sei da noch die sabbernde Wunde von Frau K in Zimmer 32. Und Dies und Das und Jenes. Ja klar, ist ja kein Problem, ich habe da nur noch die 6 Patienten in der Notaufnahme… Anmerken läßt sich, dass nicht jeder, der die Notaufnahme aufsucht und sich als Notfall betrachtet auch tatsächlich einen medizinischer Notfall ist.

 

Eine Notaufnahme voller “Pummel-Elfen”

Alkoholisiert Feuerwerk in der Wohnung entzündet und es versucht “auszutreten”…. offene Frakturen, die Knochen lächelten mich an

Schon wenige Wochen später hat sich die Assistentenzahl deutlich reduziert. Einerseits durch geplante Wechsel, aber eben auch durch Kündigungen. Schwester Gaby berichtet, sie habe Im letzten Jahr 11 Assistenzärzte in der Unfallchirurgie kommen und gehen sehen. Aha, na das klingt ja ganz toll! Und ich dachte schon, der Chef hätte mich eingestellt, weil ich so genial bin 😉 …

Es klingelt. Es ist das Schockraumtelefon. Immer dann, wenn ein Notarzt meint, der Patient bräuchte die “volle Manpower”, wird ein Team zusammengetrommelt. In unserem Hause sind dies der federführende Unfallchirurg (diensthabende Assistenzarzt), Anästhesist, Radiologe. Bei Kindern noch der Kinderchirurg und oft auch der Neurochirurg. Inzwischen habe ich mir ein paar Schockraumeinsätze angeschaut. Heute soll ich den “Boss” spielen. Irgendwie ein komisches Gefühl: der Unerfahrenste zieht sich die rote Röntgenschürze mit der Aufschrift “Teamleader” an und sagt wo es lang geht. Was es denn heute gäbe frage ich. Pfleger Ralf schlüpft in die blaue Röntgenschürze und schaut mich über den Brillenrand an. “Roller gegen LKW”, um dann unverblühmt fortzufahren “Der LKW hat gewonnen”. An ein weißes Brett schreibt er “Rollerfahrerin, 50 Jahre, offene Fraktur rechter Unterschenkel, intubiert und beatmet. Ankunft 14.25 Uhr“. Das ist in fast 10 Minuten. Mit seinen 50 Jahren und 30 Jahren Erfahrungen in der Notaufnahme kann ich ne ganze Menge von ihm abgucken. Während wir auf den Schockraum zusteuern beschwert sich eine überernährte Patientin über die lange Wartezeit und warum wir schon wieder an ihr vorbeigehen. “Die Pummelelfe muß schön warten!”, murmelt Ralf nur in seinen Bart. Ja, das darf sie ruhig. Von diesem geistigen Kaliber gibt es viele in der Notaufnahme. Die meisten haben “Befindlichkeitsstörungen”, aber keine Erkrankungen mit Notfallcharakter. Gleichzeitig präsentiert sich diese Sorte Kundschaft laut, ungeduldig, pübelnd und in jedem Fall immer fordernd. Durchschnittlich ist die Polizei 3-4 mal pro Woche in der Notaufnahme, um uns zu helfen.

Als die Schockraumpatientin schließlich kommt, sehe ich auch das Ausmaß. Es sieht schlimm aus. Der Notarzt macht die Übergabe, ich moderiere das Procedere. Die Patientin wird auf den Tisch umgelagert, das Notarztteam verschwindet. Inzwischen ist auch meine Oberärztin, die heute für den Schockraum oberärztlich zuständig anwesen und greift beherzt ein, während ich versuche den Überblick zu bewahren. Es wird geröngt, Ultraschall gemacht, Zugänge in die Venen gelegt. Ich untersuche Kopf, den Brustkorb, Becken, die Extremitäten, den Bauch. Es ist doch mehr kaputt, als der erste Eindruck vermuten ließ. Irgendwie kriegen wir die Patientin soweit, dass sie in den OP gebracht werden kann. Während die Anästhesisten und die Oberärztin die Patientin begleiten, entledige ich mich der schwerden Bleiweste.

Typischer Schockraum

Etwa zwei Stunden später klingelt mein Telefon. Während ich über den Akten von Patienten hänge und ich nicht weiß, was ich zuerst machen soll, bittet meine Oberärztin zum Gespräch. Ich könne mir ja mal überlegen, was ich alles gut und nicht gut gemacht hätte bei dem Schockraum. Frau Oberlehrerin legt auf. Irgendwie bin ich im falschen Film. Ich habe tausend Dinge gleichzeitig zu machen, und sie denkt an Belehrungsstunde. Kurze Zeit später sitzt sie neben mir, schlägt die Beine übereinander und schaut mich fordernd an. “Und, was hast Du Dir überlegt? Was hast Du gut gemacht?” Ich versuche mich zusammenzureißen. Mein erster richtiger Schockraum war das. “Ich habe nicht im Weg rumgestanden!”. Sie guckt mich mit großen Augen an. “Also dann kürzen wir das hier mal ab” fährt sie fort, um bei erhobenen Kinn und gelangweiltem Blick aus dem Fenster Ratschläge zu geben. Auch wenn sie in meiner Beliebtheitsskala große Sprünge nach unten macht, höre ich ihr aufmerksam zu. Es lassen sich ja fast immer wichtige Infos gewinnen und Aufmerksamkeit braucht sie ja auch. Ich bin jedenfalls froh, ich habe meinen ersten Schockraumeinsatz erst einmal geschafft. Die Patientin leider nicht, sie verstirbt später.

 

…und Tschüß!

Die Wochen und Monate vergehen. Ich mache fast nur noch Dienste. Wenn wir Wochenenddienste machen, so sind das 12-15 Stunden. De facto arbeiten wir 12 Tage ununterbrochen durch. Ende November wegen personellen Engpässen fast 4 Wochen. Da die Arbeitsbelastung immer mehr zunimmt, die Bedenken und Warnungen der Assistenzärzte belächelt werden und ich schließlich von meiner “Favoritin” OP-Verbot erhalte, ist die Konsequenz  nur allzu logisch: Ich kündige!

Ich habe noch nie so gerne gekündigt wie hier!

 

Aufbruch in ein neues (altes) Land

Teil 1 – Abreise und physisches Ankommen

Wir sind angekommen. Etwas mehr als ein halbes Jahr nach dem Umzug haben wir uns langsam eingelebt in unserer neuen Heimat. Die Familie fast um die Ecke, die Arbeit 10 min mit dem Fahrrad entfernt, das Auto muss nur noch wenig bewegt werden (was den Geldbeutel und die Umwelt freut). Das sind doch schon mal gute Vorraussetzungen.

Das war´s, die Wohnung ist leer.

Allerdings war dieses halbe Jahr auch eregnisreich. Alles begann mit dem Umzug. Bereits im April begannen wir zu packen, die Wohnung wurde schrittweise “zurückgebaut”, bis nur noch Kisten übrig blieben. Leider musste ich bis zum vorletzten Tag arbeiten. Meine Chefin sah angeblich keine Möglichkeit, mir mehr Urlaub zu geben. Das machte alles nicht einfacher. Schließlich kam der Transport-LKW der Umzugsfirma, die wir beauftragt hatten und die Wohnung war leer.

Genau das richtige Abschiedswetter

Die letzten 2 Nächte schliefen wir auf einer aufblasbaren Matratze meines Kollegen Bert, bevor wir in eine Gästewohnung des schwedischen Mietervereins umzogen. Zur Übergabe hatten wir glücklicherweise eine Firma für die Reinigung unserer alten Wohnung beauftragt, was zwar teuer war, sich aber als sehr klug herausstellte. Unser Vermieter fand ständig etwas zum Aussetzen und ließ die Putztruppe mehrere Stunden nachputzen! Aufpreis kostete das für uns allerdings nicht.

Endlich mal Sonne und etwas Wärme…

Am Tag unserer Abreise war es nebelig-trüb und kalt. Das störte uns jedoch nicht. Neben Nico und den Katzen war unser Auto mit jeder Menge Zeug vollgestopf, alles jedoch generalstabsmäßig sortiert, ansonsten hätte man nur die Hälfte unterbringen können.

Unser Ziel war Göteborg am Mittag zu erreichen und am frühen Abend die Fähre nach Kiel zu befahren. Zunächst ging es durch die fast herbstlich-winterlich anmutende Landschaft Mittelschwedens. Bei weitgehend fehlender Autobahn und Tempo 90 zog sich die Strecke in die Länge. Etwa 200 km weiter südlich von Falun bekamen wir ihn erstmals in diesem Jahr zu Gesicht: den Frühling. Auf einem Rastplatz wurden die Katzen und Nico Gassi geführt. Was für ein Spass!

 

Nico freute sich an den wärmenden Sonnenstrahlen und einer herumsurrenden Hummel, während die Maggi und Tonia tatsächlich die Chance wahrnahmen und das Katzenklo benutzten. Anschließend ging es weiter gen Süden. Tatsächlich klappte alles ohne größere Schwierigkeiten, sodaß wir am Abend die “Kabine für Passagiere mit Haustieren” beziehen konnten.

Diese ist bei den Fähren meistens mittig angelegt, sodaß man also kein Meerblick hat.Statt Kabine hätte man jedoch eher von “Zelle” sprechen können. Auf engsten Raum hatten wir als zwei Erwachsene und Baby schon Probleme, nicht auszudenken, wenn dann noch ein Rottweiler hätte Platz finden müssen, oder Herrchen ein kleiner Elefant gewesen wäre…

Nico und Maggi “eingeparkt”.

Die Belüftung war auch nicht besonders, weshalb wir die Tür den halben Abend offen ließen. Nach kurzer Eingewöhnung hatten sich jedoch auch unsere beiden Fellnasen mit der neuen Umgebung angefreundet.

Nach einem kleinen Frühstück ging es pünklich gegen 9 Uhr von Bord, sodaß wir unsere Reise Richtung Berlin rasch fortsetzen konnten.
Während mein Bruder in Osnabrück bereits den Umzugs-LKW in Empfang nahm und fleissige Helfer alles entluden (Danke!!!), hatten wir das nächste kleine Projekt zu meistern: Auflösung unseres Lagers in Berlin und alles nach Osnabrück karren. Zum Glück hatten wir auch hier fleissige Helfer, ohne die wird das nicht so ohne weiteres geschafft hätten (Danke u.a. Oxana und Daniel!).

Erstaunlich (praktische) Kombination. Hier kann man sich sprichwörtlich zu Tode saufen. – gesehen am U-Bhf Berlin-Mariendorf, der Friedhof ist 150m weit weg…

Mit einem gemieteten Transporter ging es dann wieder auf die Piste zur letzten Etappe: Berlin-Osnabrück. Auf halben Wege hatten wir das Glück, wieder unsere Weggefährtin Kristin mit ihrem kleinen Justus zu treffen.

Treffen mit Kristin

Ach wie herrlich!!! Wieder einmal wurde uns bewusst, wie sehr uns Bahrain und Middle East generell fehlen…

In Osnabrück angekommen wurden wir wärmstens empfangen. Nach ein paar Nächten auf einer Matratze gings erst einmal in ein preiswertes schwedisches Möbelhaus. Alles musste sehr schnell gehen, da ich bereits nach ein paar Tagen meine neue Stelle antreten musste. Daher verzögerte sich so einiges, sodaß wir noch immer nicht vollständig eingerichtet sind, und im Flur immer noch eine nackte Glühbirne von der Decke baumelt…

Ich “liebe” Umzüge… (aber wen es oft in die weite Welt zieht, muss diese Kröte schlucken)

Wie es einem so geht, wenn man wieder nach Deutschland zurück kommt, könnt Ihr im nächsten Blog lesen. Dann auch, ob wir jetzt eine richtige Lampe im Flur haben und warum Überlebensstrategien noch genauso aktuell sind wie in der Steinzeit…

Der Countown läuft…

Jetzt geht es ans Eingemachte. Die Tage vergehen wie im Flug und schneller als man (wieder einmal) dachte, beginnt die heiße Phase, die letzten Tage hier in Schweden. Nachdem wir Ende des letzten Jahres den Entschluss gefaßt hatten wieder in die Heimat zurückzukehren, stellte sich natürlich erst einmal die Frage “Wohin?”. Die Frage war schnell beantwortet: Berlin ist zwar meine Heimatstadt und ich werde im Herzen immer ein Berliner bleiben, aber für kleine Kinder ist das kein guter Ort, um groß zu werden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie zwei Mütter sich fast geprügelt hatten, weil verständlicherweise jede mit ihrem Kinderwagen in den Bus wollte. Und im U-Bahnhof die Stufen nach unten oder nach oben tragen ist bei Weitem keine Vergnügen, wenn kaum einer hilft und alle nur vorbeieilen. Zu gewissen Tageszeiten scheint es gar gänzlich unmöglich mit den Öffentlichen zu fahren und das Auto kann man sowieso vergessen (zumindest in Zentrumnähe). Von der gestressten Art wollen wir erst gar nicht reden.

Das Eis des gefrorenen Siljansees sieht aus wie gefrorene Wellen

Also war die Antwort klar: Osnabrück. Dort lebt ein wichtiger Teil der Familie, kleine Kinder inklusive. Also genau das Richtige für Nico. Hier in Schweden haben wir auch die Unterstützung der Familie vermisst, auch wenn wir wunderbare Menschen kennengelernt haben, die wir inzwischen zu unseren Freundeskreis zählen dürfen.

Nico zum ersten Mal im Flugzeug (Stockholm-Düsseldorf)

Die Stadt hat bei früheren Besuchen auf uns einen sympathischen Eindruck gemacht und die Osnabrücker scheinen generell etwas entspannter und freundlicher als die Berliner zu sein.

Bei unserem letzten Besuch im  haben wir diese -wie die Osnabrücker selber sagen- “große Kleinstadt” oder “kleine Großstadt” etwas genauer unter die Lupe genommen. Von Stockholm aus waren wir nach Düsseldorf geflogen. Die erste Flugreise mit Nico. Der hat allerdings die meiste Zeit gepennt, während die Zugfahrt über Dortmund wesentlich interessanter für ihn war.

Wir hatten das Glück die Nachbarwohnung von Gisela, einer Kollegin meines Bruders und seiner Frau zu nutzen. Die Einrichtung einer Wohnung sagt bekanntlich viel über den Bewohner aus, so auch hier. Die sorgfältig gewählten Bilder zogen gleich meine Aufmerksamkeit auf sich: Tierfotografien, Zeichnungen mit Wüstenmotiven. In den Vitrinen im Wohnzimmer eine Fülle von Gegenständen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten.

Allerlei Schmuck aus dem subsaharischen Raum

Holzmasken, Ketten, Muscheln und allerlei andere kunstvolle Utensilien vor allem aus dem subsaharischen Afrika und Bilder von Himba-Frauen Namibias, wie sie stolz den Schmuck tragen. An die Wand gelehnt ein kleines Heftchen, ein “Trecking Permit” für Kathmandu, Nepal, ausgestellt im Namen von “His Majesty”, Jahrzehnte alt.

Permit für Kathmandu, Nepal

Gisela hatte ihren leider vor Jahren verstorbenen Mann auf Reisen kennengelernt. Wenn man die Gegenstände und Fotos sah, so dann kann man getrost sagen, dass beide richtige Weltenbummler waren. Im Gespräch mit ihr merkte man, dass in ihrer Brust immer noch kräftig das Herz eines Entdeckers schlägt.

Mit dem Bulli durch die Wüste – herrlich!!!

Die Ecke zur Küche hatte es mir besonders angetan: Bilder von einem VW-Bus (einem alten Bulli), der mitten in der Wüste steht. Giselas Mann ist wohl oft durch die Sahara gereist, genauso, wie ich es mir immer vorgestellt hatte! Ein Vorbild! Ich bin immer noch begeistert, während ich diese Zeilen schreibe! Und endlich kann ich meinen Eltern beweisen, dass ich nicht der einzige bin, der solche Pläne hatte und vor allem, dass es auch funktionieren kann (wenngleich es heutzutage wegen Terror und Kriminalität momentan nicht besonders schlau ist). Schade, dass wir ihn nicht kennenlernen konnten…

Reifenpanne in der Wüste. Wunderbare Zeichnung von Giselas Mann

In Osnabrück hatte ich zwei Vorstellungsgespräche, die beide sehr gut liefen. Zugegeben: Bei der aktuellen Situation ist es aber auch nicht besonders schwer, eine Stelle zu bekommen.

In den wenigen Tagen hatten wir viel zu tun, aber auch eine Menge Spass mit den kleinen und nicht mehr ganz so kleinen Würstchen. Nico fand es sehr spannend mit seinen Cousins Zeit zu verbringen. So kann man sich gegenseitig Blödsinn beibringen und Tipps austauschen, wie man die Eltern am besten “zur Weißglut” bringt. Naja, so schlimm ist es (noch?) nicht.

Hübsch: die Altstadt von Osnabrück

Und tschüß…!

Nachdem wir wieder zurück waren, habe ich sofort meine Kündigung abgegeben. Mann, wie sich das anfühlt! Jetzt mussten noch 3 Monate überstanden werden.

Die letzten Wochen hatten es in sich gehabt. Viele sehr kranke Patienten, die ich -wie schon früher beschrieben- nicht an Spezialisten überweisen kann. Diese Detektivarbeit, die Arbeit als “Buschdoktor” werde ich vermissen. Ebenso die kleinen praktischen Tätigkeiten, wie zum Beispiel Rektoskopien (Nutella! 😉 ) und vor allem kleine Eingriffe. Meistens schneidet man nur unbedeutende Veränderungen heraus oder macht eine Stanzbiopsie (Gewebeprobeentnahme). Hin und wieder ergeben sich dabei aber auch erstaunliche Dinge. Bei einem Mann habe ich vor Kurzem eine unbedeutend aussehende Hautveränderung, eher einem Pickel ähnelnd aber ohne Entzündungszeichen, herausgeschnitten. Die Pathologie zeigte ein Malignes Melanom (schwarzer Hautkrebs). Da man seit Kurzem eine Art “Überholspur” für eine Reihe von Krebsdiagnosen und hochgradig krebsverdächtige Erkrankungen eingeführt hat, hat sich die Behandlung für solche Patienten deutlich verbessert. Solche Patienten müssen zum Glück nicht mehr warten, sondern alles geht sehr zügig. Also mal etwas wirklich Positives im hiesiegen Gesundheitssystem.

Ich bin schon gespannt, was sich alles in Deutschland verändert hat, immerhin habe ich nicht vergessen, daß es auch dort Probleme gibt.

Während der Arbeitsrythmus also weitergeht, krempeln wir zu Hause die Bude um. Sachen werden weggeworfen, verpackt, Kisten in den Keller gebracht,… Während wir so vor uns hinwurschteln hören wir meist Musik.

Party oder Marschmusik?

Nico – sobald er Musik auch nur von Weitem hört

Nico mag Musik, gleich welcher Art. Seit wenigen Wochen kann er auf seinen kleinen Beinchen stehen und hält sich an einem Gitter, dem “Knast” fest. Sobald er Musik hört gibt er quietschende Laute von sich, hebt ein Ärmchen und die kleinen Beinchen beginnem im Tackt zu zappeln. Er lacht und hat sichtlich Spass. Vorgestern waren wir im Stadtzentrum. Es war recht schön, “so mit Sonne und so” (ist momentan ja etwas Besonderes hier oben). Wie wir so an einer Ampel warteten fuhr ein Volvo (was sonst) mit zwei Jugendlichen vorbei. Die Fenster unten, die Musik voll aufgedreht. Nico hatte sie noch gar nicht gesehen, aber gehört: schon gingen die beiden kleinen Ärmchen nach oben und er machte mit den Fingern eine Art schnipsende Bewegung. Das ganze kleine Gesichtchen war ein einziges Grinsen, die beiden kleinen Schneidezähnchen lachten uns an. Herrlich!!!

Vor wenigen Tagen hatten wir ja den 1. Mai. Auch im “sozialistischen” Schweden wird der 1. Mai begangen. Ähnlich wie bei uns in Deutschland wird auch hier demonstriert. Allerdings bleibt es dann friedlich, nicht so wie der 1. Mai traditionell in Berlin mit Strassenschlachten. Allerdings hatten sich wie schon im letzten Jahr die Rechtsradikalen angemeldet. Während sie 2016 im benachbarten Borlänge (20 km, von hier kommen u.a. Musiker wie Mando Diao) aufmarschierten wollten sie dieses Jahr Falun beglücken. Während wir uns zunächst die bunten Kostüme der Gegenbewegung anschauten, erhaschten wir dann doch noch einen Blick auf die “strammen Jungs”.

Martialisch und zum Fürchten: Eigene Ordner mit Schutzschilden

Durch Absperrungen streng getrennt von den Gegendemonstranten lauschten die der Kundgebung ihrer Führerriege. Ich verstand nicht genau, was sie sagten, aber dem Tonfall nach war es wahrscheinlich eine auswendig gelernte Wochenschau von 1941. Schon irgendwie gruselig. Auch einige Mädels mit Röcken und Zöpfen, genauso wie die Mädels beim BDM… Wikipedia weiß zu berichten, dass die hier erstarkende “Nordischen Widerstandsbewegung” (Nordisk motståndsrörelse, NMR) sektenähnliche Züge aufweist und vornehmlich aus verurteilten Gewalttätern bestehen soll. Ziel ist es mittels einer Revolution eine “Nordische Republik” zu errichten. Aha. Na klar. Es ist irgendwie komisch, dass denen überhaupt erlaubt wurde zu spechen, und vor allem im Stadtzentrum der Gebietshauptstadt. Den wenigen hundert braunen Brüdern, die sogar eigene mit Schildern bewaffnete Ordner und  eine eigene Presseabteilung hatten, standen natürlich wesentlich mehr, lautstark protestierende Gegendemonstranten gegenüber. Wir entschlossen uns weiterzuziehen, der Sonne entgegen.

“NMR = Eine Schande für Schweden”. Gegendemonstrantin am Rande der Demo

Nico fand das alles lustig, besonders die laut schreienden Leute, die trotz allem gelöste, lockere Athmosphäre und die bunten Farben. Ich erklärte ihm, dass die lustigen netten Menschen alle gekommen waren, um seinen ersten Geburtstag zu feiern! Ob er´s verstanden hat? Immerhin schien er viel Spass gehabt zu haben und fiel hundemüde ins Bettchen… So ein Geburtstag ist schon anstrengend, vor allem, wenn man so viele schöne Geschenke bekommt, deren Verpackung zunächst viel interessanter ist, als der eigentliche Inhalt. Und: der liebe Gott war gnädig gewesen und hat ihm zum Geburtstag ein paar Haare auf die kleine Glatze gezaubert…

Der Winter, der nicht enden will

So kommt es uns wenigstens vor. Während für Deutschland schon Temperaturen um die 15 Grad plus an den ersten Märzwochenenden agekundigt worden waren, erreichen wir Ende des gleichen Monats gerade einmal die „schwarze Null“ und ein paar mickrige Grade darüber.

schon wieder Winter.jpg

Noch einmal Schnee…

Heute scheint die Sonne und es ist etwas wärmer. Der Schnee war in den letzten Tagen schon ordentlich weggeschmolzen, bis es gestern nachmittag wieder kräftig anfing zu schneien. Aber es gibt Hoffnung: die Tage werden merklich länger, die Winterdepression weicht der Frühjahrsmüdigkeit .

Naturlich sollte es uns nicht verwundern, dass die warmen Jahreszeiten hier etwas kürzer und weniger großzugig ausfallen, was die Temperaturen anbelangt.

 

(Aus-) Rutscher

An einem Wochenende vor zwei Wochen schneite es noch einmal richtig kräftig. Unsere ehemaligen Nachbarn waren zuvor im Januar in ein anderes Haus, etwa 200m weiter hangab, gezogen. Um etwa 15  Uhr waren wir zur Einweihungsfika (Fika = “Kaffetrinken”) eingeladen. Nett so etwas. Also rein in die warmen Klamotten, den kleinen Knilch schön warm eingepackt und los gings. Natürlich hatte unser Vermieter, der auch für den Parkplatz und den anschliessenden Weg zuständig ist, nicht gestreut. Der Weg war extrem glatt. Nico lag in seinem MaxiCosi, dem Auto-Kindersitz fur kleine Würstchen. Wenn ihm langweilig würde, so könnte er darin etwas schlummern. Wie wir nun versuchten wie alte Leute den Weg nach unten zu ertasten, immer auf der Hut nicht doch auszurutschen, sah ich beim Blick nach hinten, wie ein alter schrottiger Golf 2 den Weg zum Parkplatz fand. Drinnen zwei junge Burschen. Der Fahrer liess den Wagen auf dem Parkplatz schleudern. Es war halt so schon glatt…

 

Mitgehangen, mitgefangen – ein “Doppelpack Pussies”

Wir stolperten derweil weiter nach unten, ich Nico im Kindersitz im linken Arm. Plötzlich ein Hupen.  Eigentlich unverschämt uns hier vom Weg zu nötigen. Ich machte einen Schritt zur Seite – und schon war es passiert! Ich flog so schnell, so schnell konnte ich gar nicht gucken. Neben mir ging Nico in seinem Stuhl zu Boden, Olga hampelte derweil irgendwo am Rande vor sich hin. Hinter mir war bereits das Auto. Zuerst fuhr es gegen mich, was ich in diesem Moment gar nicht merkte. Ich versuchte nur wegzukommen. Dann erwischte das Auto Nicos Stuhl. Olga schrie wie am Spiess und versuchte verzweifelt das Auto wegzuschieben.

Bei mir lief dann plotzlich ein ganz anderer Film: ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich zwei Halbstarke im Auto sah, die uns platt machen wollten. Ich sprang auf. Der kürzeste Weg zum Auto war das offene Beifahrerfester. Ich stürmte drauf los, sah die beiden Typen, die uns bedrohten und schlug zu. Dem Erstbesten, den ich bekommen konnte, wurde “eingeschenkt”. Voll auf die Glocke! Ich schaute nach Nico, der schreiend im Stuhl lag und zappelte. Gott sei Dank!!!! Ihm schien es gut zu gehen. Olga war unter Strom. Ich wandte mich den beiden zu, die nur im Auto sassen und auch schrien! Die zitterten vor Angst! Lol! Der Fahrer war bleich, stammelte nur etwas, dass er nicht hätte bremsen können und der Beifahrer, der was auf`s Auge bekommen hatte,  schrie wie am Spiess.

Olga war außer sich. Als sie die beiden kreischen sah, schrie sie nur: “Was schreit Ihr so, was seid Ihr nur für Pussies!!!” (lol 😉 )

Zunachst hatten sie noch Angst gehabt, dass ich weitermache, aber langsam beruhigte sich die Lage. Nur ¨das Auge¨ schrie noch. Ich untersuchte ihn noch kurz, aber er hatte nur etwas am Jochbein abbekommen, sozusagen “etwas angditscht“.

pussi.png

Gelungene Werbung, oder?

Wie ein Tier war ich anscheinend auf die losgegangen. Eine Affekthandlung. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich mir nicht Zeit genommen hatte zum Fahrer zu spurten. In diesem Moment aber waren beide im gleichen Boot fur mich gewesen – und eine Bedrohung für meine kleine Familie! Unvorstellbar, was alles hätte passieren können, wenn Nico nicht im Kindersitz gesessen hatte!!! Er hatte schon beim Sturz sich den Kopf verletzen konnen und mit dem Autoreifen hatte er es erst recht nicht aufnehmen konnen…

Anschliessend gingen wir trotzdem noch zum Kaffeetrinken, am Abend schrieb ich eine saftige Email an den Hauseigentümer. Am liebsten hätte ich dem auch eine rübergebraten.  Am nachsten Morgen war überall gestreut…

Der Vater des ¨Auges¨ rief mich später an. Wir trafen uns in den darauffolgenden Tagen  um noch einmal darüber in Ruhe zu sprechen. Er wollte aber für seinen Sohn eine Entschädigung haben! Dazu könne er sich an seinen Kumpel und den Hauswart wenden, der nicht gestreut hatte, war mein Kommentar dazu.

Schon etwas dreist, immerhin hatten ja beide Buben Spass daran gehabt zu schnell und etwas verrückt zu fahren! Und wenn er nicht “im Weg” gewesen wäre, hätte ich ja auch den richtigen erwischt. Halt Pech gehabt, was muss er auch auf dem Beifahrersitz sitzen und die Augen so weit aufreißen… sorry!

 

Erklärter Ex-“Nutellist”

Natürlich gab es neben diesem Ereignis noch andere Dinge, mit denen wir uns beschäftigt haben. Z.B. den Kampf gegen den Zucker. Inzwischen bin ich stolz sagen zu können, dass ich “trockener Nutellist” bin. Ja, wirklich: ich esse kein Nutella mehr! Dieses geile cremige Zeug – nix mehr für mich. Ich versuche eigentlich ganz von der “süßen Droge” wegzukommen. Der Gesundheit wegen. Doch das ist wirklich extrem schwer! Es sind eigeschleifte Verhaltensmuster: ich habe Stress oder Langeweile, also öffnet sich die Luke und die Beisswerkzeuge werden aktiv.

“Immer rinn in die hohle Birne”  Das, was für alkoholische Getränke gilt, gilt für die Droge Zucker schon lange. Und: ist auch für unter 18 Jahren kein Problem zu bekommen und gesellschaftlich voll akzeptiert. Ich sehe allerdings so viele Diabetiker auf der Arbeit, dass mir regelmäßig schlecht wird. Der Kampf gegen die Sucht ist hart, was sich auch daran zeigt, dass ich gerade einen Schokoriegel zwischen den Zähnchen habe…

 

“Repatriation”

Und sonst? Wir bereiten unseren Weggang aus Schweden vor. Ja, Ihr habt richtig gelesen, wir haben genug gefroren hier oben. Zurück in die Heimat. Wie, wann und wohin genau, das werde ich beim nächsten Mal genauer beschreiben…

 

 

 

 

“Russischer Winter in Schweden”

So titelte gestern eine Tageszeitung in großen Lettern. Ein Horrorszenario mit Schnee- und Eissturm wurde da prophezeit. Tatsächlich ist das Thermometer in einen empfindlichen Bereich gefallen:

"Nen bissel frisch isses hier"

“Nen bissel frisch isses hier”

tagsüber -16°C und jetzt um 20:45 Uhr ist es -20°C. Tja, wer hätte das gedacht, dass es im Winter in Skandinavien kalt ist…

Letztes Jahr hatten wir auch schon mal -28°C morgens gehabt. So ist das eben. Leider ist das nicht zu unserem Vermieter durchgedrungen. Irgendwie funktionierte das heute mit der Heizung nicht. Folglich hatten wir nur 17°C in der Wohnung. Erst am Nachmittag wurde die Bude richtig warm.

Betont oft wird jedoch in den letzten Monaten Russland erwähnt. “Wie die Russen uns ausspähen” titelte da eine ähnlich preiswerte Zeitung.

Mit Decke und Miezekatzen geht´s dann aber mit der Kälte

Mit Decke und Miezekatzen geht´s dann aber mit der Kälte

Heiß ging es in der Debatte zu, ob man Russland gestatten sollte, zwei Häfen auf Gotland zu mieten. Es geht um den Bau einer weiteren Erdgaspipeline, die die Russen verlegen wollen.

In Zeiten von Cyberattacken und bewaffneten Konflikten in der Ukraine und anderswo haben die Schweden schon eine zwanghafte Angstneurose entwickelt. Überall wird Putin und die Russen vermutet.

Lange befanden sich keinerlei militärische Einrichtungen auf der Insel Gotland und faktisch auch kein schwedischer Soldat. Jetzt wurde wieder eine Kompanie dorthin verlegt. Na, “wenn´s schee macht”.

 

Wladimir Wladimirowitsch der Wettergott der Schweden?

Auch wenn der Kremlherrscher unergründliche Pläne hat, das Wetter kann er nicht beeinflussen. Vielleicht ja doch…? Schwedische Logik eben. Kälte, der Wind, Schnee. Das nennt man Winter und der heißt auch im Schwedischen vinter. 

Das war Anlaß für mich mal etwas über den Winter in Russland zusammenzustellen:

Ein Bericht über eben den so gefürchteten und legendären Winter in Russland.

Bilder gibt es natürlich auch! Also zieht Euch warm an!