“Auf die harte Tour”

Teil 2 … und wie Deutschland für Fremde wohl sein mag

Da sind wir nun im sonnigen Osnabrück. Es ist der erste Juni 2017. Die Sonne wärmt den nicht vorhandenen Pelz, das Grün grünt und die Vögel zwitschern – wunderbar! Es ist der erste Arbeitstag in einem großen Krankenhaus in Osnabrück für mich. Heute fange ich an in der Unfallchirurgie eines Hauses der Maximalversorgung, d.h. Traumazentrum mit Hubschrauberlandeplatz usw. Vielleicht der Beginn einer länger währenden Liebe zur Chirurgie, einer handfesten soliden Tätigkeit ohne das mitunter “furchtlose Herumgedoktore” wie in der Allgemeinmedizin. Endlich klar geborstene Ellenbogen, die zusammengeschraubt werden, tropfendes Blut auf der Transportliege und “Action”, deren Ergebnis man noch am gleichen Tag, wenn nicht sogar wenige Stunden oder Augenblicke später bestaunen kann. Ja, ich will es noch einmal wissen, bevor ich zum “alten Eisen” gehöre. Wenn die Gleichung nicht aufgeht, kann ich wieder Allgemeinmedizin machen. Jetzt aber noch einmal richtig gefordert werden, an die Grenzen gehen, Nächte um die Ohren schlagen, amputieren, Köpfe zusammennähen (also nicht zwei verschiedene, sondern ein und denselben…na Ihr wißt schon)… Eben die ganze Bandbreite der Traumatologie….

Natürlich bin ich etwas aufgeregt, wie es heute wohl laufen wird, aber am ersten Tag ist ja sowieso meist erst einmal Kleidung, Schlüssel usw. abholen, die Abläufe kennenlernen. Den Rest der Woche dann Einarbeitung in den Alltag der Abteilung.

Doch weit gefehlt! Wenige Stunden später, ich habe mir kaum die neuen weißen Hosen hochgezogen, stehe ich auch schon in der Notaufnahme und bearbeite meine ersten Patienten! Was ich jetzt mit dem 3-Jährigen mache, der sich beide Unterarmknochen gebrochen hat? Oder der russischsprachige Handwerker, der sich zweimal (!) mit dem Hammer auf den linken Daumen gehau´n hat und nun ein großes Hämatom unter dem Nagel hat? Und die alte Dame, die heute früh gestürzt ist und ein verkürztes außenrotiertes linkes Bein hat? Wer bekommt welche OP, wenn überhaupt? Und dann: welches Verfahren? Nagel? Schraube? Prothese? Also theoretisch habe ich ja gewisse Grundlagen, aber praktisch…  Wen ruft man an zur OP-Anmeldung? Nebenan sitzt ein Kollege, der bereits Facharzt ist und recht nett wirkt. Schon bei meiner zweiten Frage antwortet er mir jedoch: “Also Du bist ja jetzt kein Student mehr, Du mußt jetzt lernen eigene Entscheidungen zu treffen!”. Hä? Während ich noch an der Antwort kaue, werde ich schon gereizt von einer Oberärztin gefragt, warum denn der kleine Patient noch nicht zur OP angemeldet sei. Wie bitte??? Später erklärt mir ein anderer Assistenzarzt, dass die OP-Indikationen hier von den Assistenten gestellt werden müssen (auch von Anfängern), und  diese Antworten zum normalen Umgangston gehörten. Also irgendwie hatte ich mir meinen ersten Tag anders vorgestellt. – Willkommen in Deutschland!

Wichtig: Röntgen-Demo

Apropos Deutschland. Neben dem einen Kollegen, der mich “etwas” einarbeiten soll, gibt es noch einen anderen deutschen Assistenzarzt. Alle anderen kommen aus anderen Ländern: dem Iran, arabischen Ländern, Indien, Serbien, Sudan. Mich stört das wenig, aber so manche andere Kollegen und Patienten sind verunsichert, dass es so wenige Deutsche gibt. Aber das ist die Situation in praktisch allen Einrichtungen in Deutschland! Mein sudanesischer Kollege hat in Saudi-Arabien vorher gearbeitet und als Kind verbrachte er sogar ein paar Jahre in Schweden! Wir plaudern etwas auf Schwedisch. Mann, ist die Welt klein! Er hat Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, aber keiner nimmt Rücksicht. Generell haben die Ausländer weniger Chancen als Deutsche, was man unter anderem daran merkt dass bestimmte Leute gewisse Operationen machen dürfen und andere nicht. Ich glaube nicht, dass das echter Rassismus ist, sondern eher eine gewisse Arroganz gepaart mit der Müdigkeit auf andere Menschen zuzugehen, vor allem, wenn diese dann auch noch eine kulturelle und vor allem sprachliche Unterstützung benötigen.  Auch für mich als Heimkehrer mutet das irgendwie eigenartig an und ich bekomme besonders in diesem Arbeisklima auch einen gewissen Kulturschock…

Der eine deutsche Kollege wird Oberarzt in einer anderen Stadt und verläßt uns. Und meine Einarbeitung? Fehlanzeige. In den kommenden Wochen arbeite ich mich meistens selbst ein, natürlich mit der dadurch verbundenen Mehrbelastung und aufkommenden Stress. Ich schlafe wenig und schlecht. Nach drei Wochen werden mir Gutachten ins Fach gelegt. Äh was? Gutachten? Ich? Als “qualifizierter Anfänger”? Ich gucke mir die Gutachten der Kollegen an und versuche mich daran zu orientieren. Schon trippelt die Oberärztin nervös. Wann ich denn den Patienten gedenke einzubestellen? Äh…

Der Tag beginnt praktisch immer mit einer Röntgenbesprechung. Ich halte das für ein sehr wichtiges Instrument, um zu lernen. Hier lerne ich jetzt jedoch die besondere Gruppendynamik meiner neuen Arbeitskollegen kennen. Die erste Reihe ist gefüllt mit Oberärzten, dahinter in zwei Reihen die (sofern vorhandenen) Assistenzärzte und Fachärzte. Ich nehme ganz hinten Platz. Kaugummikauend betritt der Chef den Raum und setzt sich auf einen für ihn freigehaltenen Platz. Jetzt geht es los. Der Radiologe wird zunehmend nervös, schwitzt vor sich hin, während die Fälle vorgestellt werden. Immer wieder kommen Querfragen aus der ersten Reihe, die mir etwas überzogen erscheinen. Der junge radiologische Assistenzarzt wird solange gefragt, bis er keine Antwort mehr hat. Der unfallchirurgische Assistenzarzt, der den nächsten Patienten vorstellt, kann kaum zuende reden. Schon intervenieren die Oberärzte und beginnen sich formell höflich, im Unterton jedoch missgünstig gegenseitig zu beharken. Scheinbar muß sich dort vorne jeder in irgendeiner Form besonders schlau präsentieren. Währenddessen ist der Rest in eine Art Schockstarre verfallen. Augen werden gerollt, die Uhr im Abstand von wenigen Sekunden wiederholt betrachtet. Hat sich der Zeiger wirklich weiterbewegt? Sind das wirklich 60 Striche auf der Uhr, die eine Minute darstellen? Abzählen hat ja auch etwas meditatives…

Nach dieser Show, die ich schon bald als “Gruselkabinett” bezeichne, geht es auf die Station. Visite. Kaum haben wir das erste Zimmer zu Ende visitiert, ruft der OP an. Der Kollege könne jetzt runter in den OP kommen. Grinsend verschwindet er. Nun sitzen wir anderen beiden hier und kämpfen uns Zimmer für Zimmer vorwärts. Und schon wenige Zeit später ruft die Notaufnahme an. Es wären schon ein Patient mit Kopfplatzwunde unter blutverdünnender Therapie und “ein Schenkelhals im Angebot”. Also führt uns der Weg nach unten. Und die Visite? Die muss warten. Also kümmern wir uns erst einmal um die Patienten in der Notaufnahme. Der Kopf-Patient wird genäht und bekommt ein CT, der “Schenkelhals” wird zum “Aufschlitzen” fertig gemacht. Schon sind die nächsten Patienten eingetroffen.

Die Station ruft an. Bis zu 20 mal am Tag. Ob ich denn das Medikament X bei Frau Y ansetzen könne. Und dann sei da noch die sabbernde Wunde von Frau K in Zimmer 32. Und Dies und Das und Jenes. Ja klar, ist ja kein Problem, ich habe da nur noch die 6 Patienten in der Notaufnahme… Anmerken läßt sich, dass nicht jeder, der die Notaufnahme aufsucht und sich als Notfall betrachtet auch tatsächlich einen medizinischer Notfall ist.

 

Eine Notaufnahme voller “Pummel-Elfen”

Alkoholisiert Feuerwerk in der Wohnung entzündet und es versucht “auszutreten”…. offene Frakturen, die Knochen lächelten mich an

Schon wenige Wochen später hat sich die Assistentenzahl deutlich reduziert. Einerseits durch geplante Wechsel, aber eben auch durch Kündigungen. Schwester Gaby berichtet, sie habe Im letzten Jahr 11 Assistenzärzte in der Unfallchirurgie kommen und gehen sehen. Aha, na das klingt ja ganz toll! Und ich dachte schon, der Chef hätte mich eingestellt, weil ich so genial bin 😉 …

Es klingelt. Es ist das Schockraumtelefon. Immer dann, wenn ein Notarzt meint, der Patient bräuchte die “volle Manpower”, wird ein Team zusammengetrommelt. In unserem Hause sind dies der federführende Unfallchirurg (diensthabende Assistenzarzt), Anästhesist, Radiologe. Bei Kindern noch der Kinderchirurg und oft auch der Neurochirurg. Inzwischen habe ich mir ein paar Schockraumeinsätze angeschaut. Heute soll ich den “Boss” spielen. Irgendwie ein komisches Gefühl: der Unerfahrenste zieht sich die rote Röntgenschürze mit der Aufschrift “Teamleader” an und sagt wo es lang geht. Was es denn heute gäbe frage ich. Pfleger Ralf schlüpft in die blaue Röntgenschürze und schaut mich über den Brillenrand an. “Roller gegen LKW”, um dann unverblühmt fortzufahren “Der LKW hat gewonnen”. An ein weißes Brett schreibt er “Rollerfahrerin, 50 Jahre, offene Fraktur rechter Unterschenkel, intubiert und beatmet. Ankunft 14.25 Uhr“. Das ist in fast 10 Minuten. Mit seinen 50 Jahren und 30 Jahren Erfahrungen in der Notaufnahme kann ich ne ganze Menge von ihm abgucken. Während wir auf den Schockraum zusteuern beschwert sich eine überernährte Patientin über die lange Wartezeit und warum wir schon wieder an ihr vorbeigehen. “Die Pummelelfe muß schön warten!”, murmelt Ralf nur in seinen Bart. Ja, das darf sie ruhig. Von diesem geistigen Kaliber gibt es viele in der Notaufnahme. Die meisten haben “Befindlichkeitsstörungen”, aber keine Erkrankungen mit Notfallcharakter. Gleichzeitig präsentiert sich diese Sorte Kundschaft laut, ungeduldig, pübelnd und in jedem Fall immer fordernd. Durchschnittlich ist die Polizei 3-4 mal pro Woche in der Notaufnahme, um uns zu helfen.

Als die Schockraumpatientin schließlich kommt, sehe ich auch das Ausmaß. Es sieht schlimm aus. Der Notarzt macht die Übergabe, ich moderiere das Procedere. Die Patientin wird auf den Tisch umgelagert, das Notarztteam verschwindet. Inzwischen ist auch meine Oberärztin, die heute für den Schockraum oberärztlich zuständig anwesen und greift beherzt ein, während ich versuche den Überblick zu bewahren. Es wird geröngt, Ultraschall gemacht, Zugänge in die Venen gelegt. Ich untersuche Kopf, den Brustkorb, Becken, die Extremitäten, den Bauch. Es ist doch mehr kaputt, als der erste Eindruck vermuten ließ. Irgendwie kriegen wir die Patientin soweit, dass sie in den OP gebracht werden kann. Während die Anästhesisten und die Oberärztin die Patientin begleiten, entledige ich mich der schwerden Bleiweste.

Typischer Schockraum

Etwa zwei Stunden später klingelt mein Telefon. Während ich über den Akten von Patienten hänge und ich nicht weiß, was ich zuerst machen soll, bittet meine Oberärztin zum Gespräch. Ich könne mir ja mal überlegen, was ich alles gut und nicht gut gemacht hätte bei dem Schockraum. Frau Oberlehrerin legt auf. Irgendwie bin ich im falschen Film. Ich habe tausend Dinge gleichzeitig zu machen, und sie denkt an Belehrungsstunde. Kurze Zeit später sitzt sie neben mir, schlägt die Beine übereinander und schaut mich fordernd an. “Und, was hast Du Dir überlegt? Was hast Du gut gemacht?” Ich versuche mich zusammenzureißen. Mein erster richtiger Schockraum war das. “Ich habe nicht im Weg rumgestanden!”. Sie guckt mich mit großen Augen an. “Also dann kürzen wir das hier mal ab” fährt sie fort, um bei erhobenen Kinn und gelangweiltem Blick aus dem Fenster Ratschläge zu geben. Auch wenn sie in meiner Beliebtheitsskala große Sprünge nach unten macht, höre ich ihr aufmerksam zu. Es lassen sich ja fast immer wichtige Infos gewinnen und Aufmerksamkeit braucht sie ja auch. Ich bin jedenfalls froh, ich habe meinen ersten Schockraumeinsatz erst einmal geschafft. Die Patientin leider nicht, sie verstirbt später.

 

…und Tschüß!

Die Wochen und Monate vergehen. Ich mache fast nur noch Dienste. Wenn wir Wochenenddienste machen, so sind das 12-15 Stunden. De facto arbeiten wir 12 Tage ununterbrochen durch. Ende November wegen personellen Engpässen fast 4 Wochen. Da die Arbeitsbelastung immer mehr zunimmt, die Bedenken und Warnungen der Assistenzärzte belächelt werden und ich schließlich von meiner “Favoritin” OP-Verbot erhalte, ist die Konsequenz  nur allzu logisch: Ich kündige!

Ich habe noch nie so gerne gekündigt wie hier!

 

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