Von der Kunst sich treu zu bleiben

Teil 3

Und jetzt? Nix mehr mit Unfallchirurgie? Keine Traumatologen-Karriere? Nun ja, wie ich ja bereits eingangs geschrieben hatte, wollte ich das weitere Vorgehen nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf abhängig machen – und natürlich von der Gesundheit. So war die Probezeit auch wirklich eine Probezeit. Kommen wir mal zum Positiven: Das Fach, das “Basteln”, die “Action”, das “Improvisieren”, Medizin zum Anfassen – die Unfallchirurgie ist wirklich eine tolle Sache! Unfallchirurgen sind praktische, lösungsorierte Personen (oder sollten es jedenfalls sein). Das hat mir gefallen und ich hätte es gerne weiter gemacht. Es hat mich begeistert und auch wenn der Druck hoch war, habe ich fast immer Freude gehabt an den praktischen Tätigkeiten.

Ich hatte jedoch nie vor, die Allgemeinmedizin aufzugeben (bei der Zeit, die ich dafür investiert habe, auch nicht besonders clever). Laut Landesärztekammer hätte ich mir das eine oder andere Halbjahr für die Unfallchirurgie auch anrechnen lassen können, sodaß ich nicht die 5 Jahre gebraucht hätte. Soweit die Theorie, welche sich aber an der Realität messen lassen muß.

Daß auch bei einem grassierendem Ärztemangel eklatante Arbeitsbedingungen herrschen, das kann man eigentlich kaum glauben. Damit meine ich aber nicht das Finanzielle! Ich habe in diesem Krankenhaus so gut wie noch nie in Deutschland verdient! (bin aber natürlich trotzdem kein “Schwerverdiener” 😉 ) Aber darum geht es hier nicht. Es geht um Ausbildung, Arbeitszeiten, Stress, der Umgang miteinander. Daß es früher nicht einfach war, einen Job, eine Ausbildung zum Facharzt zu bekommen oder zu durchlaufen, glaube ich sofort. Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als Ärzte in Deutschland Taxi fuhren, weil sie keinen Job bekamen. Und die, die einen hatten akzeptierten alles, um irgendwie durch die Facharztausbildung zu kommen. Jetzt haben wir einen massiven Ärztemangel. Und das Arbeitsklima? Wer geglaubt hat, das würde “der Markt schon alleine regeln”, hat falsch gedacht! Angebot und Nachfrage schön und gut, aber in den Köpfen sitzen immer noch alte Verhaltensmuster, zumal die Köpfe auch oft noch die alten sind. Natürlich wird versucht, Mitarbeiter anzuziehen und zu halten. Kindergärten für die Kinder der Angestellten, Hilfe bei der Wohnungssuche, Zuschuss bei den Umzugskosten, das sind schon wichtige Dinge, aber der Geist dahinter fehlt. “Ich will Dich hier haben, ausbilden, Dich zu einem guten, verläßlichen Mitarbeiter machen” – so müßte die Devise lauten. Eine Investition, die sich auszahlt, denn ein zufriedener Mitarbeiter ist leistungsstärker,  gesünder und fühlt eine größere Zugehörigkeit, als ein frustrierter. Alleine vom wirtschaftlichen Standpunkt her macht dies Sinn. Statt dessen klebt man große Zertifizierungssiegel auf die Türen “Familienfreundliches Krankenhaus, zertifiziert nach ISO 08/15”. Wenn mit Familie all die multiresistenten Keime im Krankenhaus gemeint sind, dann stimmt das wohl…

Daß man sich als Neuling hinten anstellen muß, Hierarchien beachten, nichts auf dem Silbertablett präsentiert bekommt und “ordentlich rangenommen” wird, versteht sich. Aber wenn man sich so sehr bücken muß, dass man anschließend tagelang nicht mehr gehen und sitzen kann, ist das nicht normal. Ich will den regen Phantasien jetzt nicht noch mehr Vorschub geben, ich meine das rein mental… 😉 Ich finde es auch gewissermassen richtig, dass man nicht zu sehr mit Samthandschuhen angefaßt wird, immerhin soll man merken, wie die Realität in dem gewählten Fach ist.

Die Kernfrage ist die Verhältnismäßigkeit, die Balance. Alles hat seinen Preis, egal was ich mache. Daraus ergibt sich ja auch irgendwie die Bedeutung und Sinnhaftigkeit. Wenn ich ein Hobby betreibe, kostet das Zeit, vielleicht auch Geld. Ich investiere, aber ich bekomme auch etwas zurück. Im Falle des Hobbys Freude, Zufriedenheit, Fitness z.B. Deswegen mache ich es ja. Wenn ich arbeite, bekomme ich Geld. Wenn ich etwas erreichen will, dann muß ich mich anstrengen, ganz klar (naja, vielleicht nicht überall und bei allen so klar…). Ich investiere Kraft und Zeit –  und noch viel mehr! In vielen Berufen hat man Druck und Verpflichtung mehr zu geben, als “Dienst nach Vorschrift”, aber im medizinischen Bereich steht noch mehr die Moral als Grundstimmung im Hintergrund. Oft wird über “das Wohl des Patienten” gefaselt, aber eigentlich geht es um wirtschaftliche Zwänge und vor allem um die politischen Kleinkriege und Intrigien des Krankenhausalltags, Hierarchiegerangel usw. Man kann sich dem als Einzelner quasie gar nicht entziehen, zumal man sich in einer absoluten Abhängigkeit befindet. Es reicht nicht, gewissenhaft und manchmal bis zur Erschöpfung seinen Dienst zu machen, man muß schon in der Gunst zumindest eines Höheren stehen, um auch einigermaßen weitergebildet zu werden. Das Gerangel, der Druck, die Zeitnot und der Umgangston verändert einen – zum Negativen. Man muß sich verbiegen, auf Dauer seine Bedürfnisse negieren… Wer kann das aushalten auf Dauer, ohne krank zu werden? Jeder kann eine Story über einen verkorksten Arzt mit Marotten berichten. Hat man sich schon mal gefragt, woher das kommt? Für die Fach- und Oberärzte ist das in keiner Weise anders. Sie haben bereits Jahre “gedient” und finden sich in einem System wieder, in dem sie sich nach wie vor korrekt bewegen müssen. Mit dem Facharzt ist also keineswegs Schluß mit der Quälerei.

 

Das “kranke Haus”

Ich habe den Eindruck, daß in keiner anderen Einrichtung der Welt so viele kranke Menschen arbeiten, die im Krankenhaus. Und das macht krank. Mein Hausarzt in Berlin sagte mir einmal, dass fast alle seiner ehemaligen Oberärzte in der chirurgischen Abteilung vor oder kurz nach dem Eintritt in das Rentenalter gestorben wären. Na herzlichen Glückwunsch! Gescheiterte Beziehungen, Kinder, die ihre Eltern nicht kennen, Ehepartner, die sich erst mit dem Beginn der Rente kennenlernen… – weil einer nie da war. Auf einer Internetseite las ich eine treffende Überschrift über Arztfrauen, die “Witwen mit Ehemann” seien.

In der Tat sehe ich viele Kollegen, auf die der Ausdruck “akzentuierte Persönlichkeit” zutreffen könnte. Gereizt, bisweilen cholerisch, depressiv, affektlabil. Erstaunlich viele sind sehr unsicher im Umgang mit Menschen, besonders, wenn sie jemanden neues treffen. Besonders in Bereichen mit viel Stress (Chirurgie, Kardiologie) hat man den Eindruck mit vielen Autisten zusammenzuarbeiten (wobei mir die Inselbegabung von vielen unerkenntlich war). Menschen, die gebildet (oder zumindest ausgebildet) sind, gutes Elternhaus, ausreichend Geld, und dann so etwas: kaum in der Lage die primitivsten zwischenmenschlichen Regeln zu befolgen. Das fängt mitunter schon beim “Guten Morgen” an. Manche sind gar richtig bösartige Charaktere. Waren die alle schon immer so? Ich glaube nicht. Gemäß dem Spruch “Umwelt formt den Menschen”, denke ich, dass die sich in dieses kranke System gezwängt haben. Freiwillig, im guten Glauben, dass man es so zu etwas bringen kann. Was sie meiner Meinung nach nicht auseichend bedacht haben: daß es sie verändert, mehr als man glauben mag. Wie kann es sonst so kluge, aber emotional und (sorry, daß ich jetzt so urteile) charakterlich degenerierte Menschen geben? Einmal für 3-4 Jahre drin, kann man wie bei einer Sekte nicht mehr aussteigen. Ein Aufbegehren würde die gesamten Errungenschaften schmälern. Man würde keine OPs mehr zugeteilt bekommen, Abstellgleis, Ende mit der Karriere. Karriere ist doch nicht alles, oder? Doch für jemanden, der alles aufgegeben hat ist es das Leben. Nie Abschalten können. Nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Kaum Freunde, keine oder eine kaputte Beziehung, keine Interessen, keine Hobbys. Für so jemanden ist hier das Leben psychisch zuende. Das ist der Preis, den man mitunter bezahlen muss. Aber selbst wenn man Karriere macht, was bleibt vom “echten Leben” übrig, wenn man alles aufgegeben hat?  – Einsame Menschen…

 

Akademische Hure im weißen Zwirn

In der heutigen Gesellschaft ist jeder mehr als früher gefordert, Verantwortung für sein Leben in die Hand zu nehmen. Einerseits, Ziele zu stecken und zu erreichen, andererseits bewußt auch Grenzen zu setzen. Ein jeder sollte bewußt Entscheidungen treffen. Auch wenn sich diese hinterher als falsch herausstellen, ist es allemal besser als sich passiv treiben zu lassen. Daher auch die Frage an Dich (ja genau DICH, den Leser): Welchen Preis bist DU bereit zu zahlen? Für was?

Für mich war der Preis zu hoch. Entfremdung von der Familie, meinen eigenen Bedürfnissen, aber auch ideellen Vorstellungen. Am schwersten wogen jedoch die individuellen Veränderungen: ich war zunehmend gereizt, nervös, ungeduldig. Einmal schreckte ich mitten in der Nacht auf. Olga versuchte mich zu beruhigen und ich fragte sie “Wer sind Sie?” Sie sagte “Ich bins, Olga, Deine Frau!”. “Ach so“, erwiderte ich und legte mich wieder hin.

Eine andere Horror-Vorstellung: Nico ist im Kindergarten und spielt Berufe-Raten mit einem anderen Kind. “Was macht Dein Papa so?”, fragt das andere Kind.  Nico beschreibt dann meinen Beruf so: “Also mein Papa ist immer weg, kommt total fertig nach Hause, ist Alkoholiker, psychisch total labil, hat mit vielen Leuten Kontakt, kriegt immer den Arsch voll und hat erhöhtes Risiko für ansteckende Krankheiten”. Das andere Kind feixt “Ach Dein Papa ist Stricher!”

Für den einen oder anderen habe ich nicht lange genug “durchgehalten”, oder ich hätte mangelnde “Integrationsfähigkeit” (um das mal modern auszudrücken). Ich gestatte es nur eben niemanden, mir zu nahe zu kommen und mich und mein Umfeld zu gefährden. Das musste ich auch erst lernen. Insofern ist meine Entscheidung für mich nur konsequent. Ich habe auch keine Angst vor Entscheidungen und den daraus resultierenden Veränderungen. Wenn man ernsthaft Allgemeinmedizin machen möchte, so bekommt man Übung darin, sich immer wieder verändern zu müssen. Man muss sich immer wieder anpassen, was zu einem gewissen Grad auch absolut richtig und wichtig ist. Man fängt immer wieder von Klein an zu lernen (in einem neuen Fach, neue Stelle), was mitunter frustrierend sein kann, andererseits verliert man mit der Zeit aber auch gewisse Ängste. Der häufige Stellenwechsel, das ständige Gefühl ein Neuling zu sein, keine große Karriereleiter emporzusteigen, das ist u.a. der Preis, den ich bezahlen muß – aber den bezahle ich gerne.

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