Von der Kunst sich treu zu bleiben

Teil 3

Und jetzt? Nix mehr mit Unfallchirurgie? Keine Traumatologen-Karriere? Nun ja, wie ich ja bereits eingangs geschrieben hatte, wollte ich das weitere Vorgehen nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf abhängig machen – und natürlich von der Gesundheit. So war die Probezeit auch wirklich eine Probezeit. Kommen wir mal zum Positiven: Das Fach, das “Basteln”, die “Action”, das “Improvisieren”, Medizin zum Anfassen – die Unfallchirurgie ist wirklich eine tolle Sache! Unfallchirurgen sind praktische, lösungsorierte Personen (oder sollten es jedenfalls sein). Das hat mir gefallen und ich hätte es gerne weiter gemacht. Es hat mich begeistert und auch wenn der Druck hoch war, habe ich fast immer Freude gehabt an den praktischen Tätigkeiten.

Ich hatte jedoch nie vor, die Allgemeinmedizin aufzugeben (bei der Zeit, die ich dafür investiert habe, auch nicht besonders clever). Laut Landesärztekammer hätte ich mir das eine oder andere Halbjahr für die Unfallchirurgie auch anrechnen lassen können, sodaß ich nicht die 5 Jahre gebraucht hätte. Soweit die Theorie, welche sich aber an der Realität messen lassen muß.

Daß auch bei einem grassierendem Ärztemangel eklatante Arbeitsbedingungen herrschen, das kann man eigentlich kaum glauben. Damit meine ich aber nicht das Finanzielle! Ich habe in diesem Krankenhaus so gut wie noch nie in Deutschland verdient! (bin aber natürlich trotzdem kein “Schwerverdiener” 😉 ) Aber darum geht es hier nicht. Es geht um Ausbildung, Arbeitszeiten, Stress, der Umgang miteinander. Daß es früher nicht einfach war, einen Job, eine Ausbildung zum Facharzt zu bekommen oder zu durchlaufen, glaube ich sofort. Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als Ärzte in Deutschland Taxi fuhren, weil sie keinen Job bekamen. Und die, die einen hatten akzeptierten alles, um irgendwie durch die Facharztausbildung zu kommen. Jetzt haben wir einen massiven Ärztemangel. Und das Arbeitsklima? Wer geglaubt hat, das würde “der Markt schon alleine regeln”, hat falsch gedacht! Angebot und Nachfrage schön und gut, aber in den Köpfen sitzen immer noch alte Verhaltensmuster, zumal die Köpfe auch oft noch die alten sind. Natürlich wird versucht, Mitarbeiter anzuziehen und zu halten. Kindergärten für die Kinder der Angestellten, Hilfe bei der Wohnungssuche, Zuschuss bei den Umzugskosten, das sind schon wichtige Dinge, aber der Geist dahinter fehlt. “Ich will Dich hier haben, ausbilden, Dich zu einem guten, verläßlichen Mitarbeiter machen” – so müßte die Devise lauten. Eine Investition, die sich auszahlt, denn ein zufriedener Mitarbeiter ist leistungsstärker,  gesünder und fühlt eine größere Zugehörigkeit, als ein frustrierter. Alleine vom wirtschaftlichen Standpunkt her macht dies Sinn. Statt dessen klebt man große Zertifizierungssiegel auf die Türen “Familienfreundliches Krankenhaus, zertifiziert nach ISO 08/15”. Wenn mit Familie all die multiresistenten Keime im Krankenhaus gemeint sind, dann stimmt das wohl…

Daß man sich als Neuling hinten anstellen muß, Hierarchien beachten, nichts auf dem Silbertablett präsentiert bekommt und “ordentlich rangenommen” wird, versteht sich. Aber wenn man sich so sehr bücken muß, dass man anschließend tagelang nicht mehr gehen und sitzen kann, ist das nicht normal. Ich will den regen Phantasien jetzt nicht noch mehr Vorschub geben, ich meine das rein mental… 😉 Ich finde es auch gewissermassen richtig, dass man nicht zu sehr mit Samthandschuhen angefaßt wird, immerhin soll man merken, wie die Realität in dem gewählten Fach ist.

Die Kernfrage ist die Verhältnismäßigkeit, die Balance. Alles hat seinen Preis, egal was ich mache. Daraus ergibt sich ja auch irgendwie die Bedeutung und Sinnhaftigkeit. Wenn ich ein Hobby betreibe, kostet das Zeit, vielleicht auch Geld. Ich investiere, aber ich bekomme auch etwas zurück. Im Falle des Hobbys Freude, Zufriedenheit, Fitness z.B. Deswegen mache ich es ja. Wenn ich arbeite, bekomme ich Geld. Wenn ich etwas erreichen will, dann muß ich mich anstrengen, ganz klar (naja, vielleicht nicht überall und bei allen so klar…). Ich investiere Kraft und Zeit –  und noch viel mehr! In vielen Berufen hat man Druck und Verpflichtung mehr zu geben, als “Dienst nach Vorschrift”, aber im medizinischen Bereich steht noch mehr die Moral als Grundstimmung im Hintergrund. Oft wird über “das Wohl des Patienten” gefaselt, aber eigentlich geht es um wirtschaftliche Zwänge und vor allem um die politischen Kleinkriege und Intrigien des Krankenhausalltags, Hierarchiegerangel usw. Man kann sich dem als Einzelner quasie gar nicht entziehen, zumal man sich in einer absoluten Abhängigkeit befindet. Es reicht nicht, gewissenhaft und manchmal bis zur Erschöpfung seinen Dienst zu machen, man muß schon in der Gunst zumindest eines Höheren stehen, um auch einigermaßen weitergebildet zu werden. Das Gerangel, der Druck, die Zeitnot und der Umgangston verändert einen – zum Negativen. Man muß sich verbiegen, auf Dauer seine Bedürfnisse negieren… Wer kann das aushalten auf Dauer, ohne krank zu werden? Jeder kann eine Story über einen verkorksten Arzt mit Marotten berichten. Hat man sich schon mal gefragt, woher das kommt? Für die Fach- und Oberärzte ist das in keiner Weise anders. Sie haben bereits Jahre “gedient” und finden sich in einem System wieder, in dem sie sich nach wie vor korrekt bewegen müssen. Mit dem Facharzt ist also keineswegs Schluß mit der Quälerei.

 

Das “kranke Haus”

Ich habe den Eindruck, daß in keiner anderen Einrichtung der Welt so viele kranke Menschen arbeiten, die im Krankenhaus. Und das macht krank. Mein Hausarzt in Berlin sagte mir einmal, dass fast alle seiner ehemaligen Oberärzte in der chirurgischen Abteilung vor oder kurz nach dem Eintritt in das Rentenalter gestorben wären. Na herzlichen Glückwunsch! Gescheiterte Beziehungen, Kinder, die ihre Eltern nicht kennen, Ehepartner, die sich erst mit dem Beginn der Rente kennenlernen… – weil einer nie da war. Auf einer Internetseite las ich eine treffende Überschrift über Arztfrauen, die “Witwen mit Ehemann” seien.

In der Tat sehe ich viele Kollegen, auf die der Ausdruck “akzentuierte Persönlichkeit” zutreffen könnte. Gereizt, bisweilen cholerisch, depressiv, affektlabil. Erstaunlich viele sind sehr unsicher im Umgang mit Menschen, besonders, wenn sie jemanden neues treffen. Besonders in Bereichen mit viel Stress (Chirurgie, Kardiologie) hat man den Eindruck mit vielen Autisten zusammenzuarbeiten (wobei mir die Inselbegabung von vielen unerkenntlich war). Menschen, die gebildet (oder zumindest ausgebildet) sind, gutes Elternhaus, ausreichend Geld, und dann so etwas: kaum in der Lage die primitivsten zwischenmenschlichen Regeln zu befolgen. Das fängt mitunter schon beim “Guten Morgen” an. Manche sind gar richtig bösartige Charaktere. Waren die alle schon immer so? Ich glaube nicht. Gemäß dem Spruch “Umwelt formt den Menschen”, denke ich, dass die sich in dieses kranke System gezwängt haben. Freiwillig, im guten Glauben, dass man es so zu etwas bringen kann. Was sie meiner Meinung nach nicht auseichend bedacht haben: daß es sie verändert, mehr als man glauben mag. Wie kann es sonst so kluge, aber emotional und (sorry, daß ich jetzt so urteile) charakterlich degenerierte Menschen geben? Einmal für 3-4 Jahre drin, kann man wie bei einer Sekte nicht mehr aussteigen. Ein Aufbegehren würde die gesamten Errungenschaften schmälern. Man würde keine OPs mehr zugeteilt bekommen, Abstellgleis, Ende mit der Karriere. Karriere ist doch nicht alles, oder? Doch für jemanden, der alles aufgegeben hat ist es das Leben. Nie Abschalten können. Nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Kaum Freunde, keine oder eine kaputte Beziehung, keine Interessen, keine Hobbys. Für so jemanden ist hier das Leben psychisch zuende. Das ist der Preis, den man mitunter bezahlen muss. Aber selbst wenn man Karriere macht, was bleibt vom “echten Leben” übrig, wenn man alles aufgegeben hat?  – Einsame Menschen…

 

Akademische Hure im weißen Zwirn

In der heutigen Gesellschaft ist jeder mehr als früher gefordert, Verantwortung für sein Leben in die Hand zu nehmen. Einerseits, Ziele zu stecken und zu erreichen, andererseits bewußt auch Grenzen zu setzen. Ein jeder sollte bewußt Entscheidungen treffen. Auch wenn sich diese hinterher als falsch herausstellen, ist es allemal besser als sich passiv treiben zu lassen. Daher auch die Frage an Dich (ja genau DICH, den Leser): Welchen Preis bist DU bereit zu zahlen? Für was?

Für mich war der Preis zu hoch. Entfremdung von der Familie, meinen eigenen Bedürfnissen, aber auch ideellen Vorstellungen. Am schwersten wogen jedoch die individuellen Veränderungen: ich war zunehmend gereizt, nervös, ungeduldig. Einmal schreckte ich mitten in der Nacht auf. Olga versuchte mich zu beruhigen und ich fragte sie “Wer sind Sie?” Sie sagte “Ich bins, Olga, Deine Frau!”. “Ach so“, erwiderte ich und legte mich wieder hin.

Eine andere Horror-Vorstellung: Nico ist im Kindergarten und spielt Berufe-Raten mit einem anderen Kind. “Was macht Dein Papa so?”, fragt das andere Kind.  Nico beschreibt dann meinen Beruf so: “Also mein Papa ist immer weg, kommt total fertig nach Hause, ist Alkoholiker, psychisch total labil, hat mit vielen Leuten Kontakt, kriegt immer den Arsch voll und hat erhöhtes Risiko für ansteckende Krankheiten”. Das andere Kind feixt “Ach Dein Papa ist Stricher!”

Für den einen oder anderen habe ich nicht lange genug “durchgehalten”, oder ich hätte mangelnde “Integrationsfähigkeit” (um das mal modern auszudrücken). Ich gestatte es nur eben niemanden, mir zu nahe zu kommen und mich und mein Umfeld zu gefährden. Das musste ich auch erst lernen. Insofern ist meine Entscheidung für mich nur konsequent. Ich habe auch keine Angst vor Entscheidungen und den daraus resultierenden Veränderungen. Wenn man ernsthaft Allgemeinmedizin machen möchte, so bekommt man Übung darin, sich immer wieder verändern zu müssen. Man muss sich immer wieder anpassen, was zu einem gewissen Grad auch absolut richtig und wichtig ist. Man fängt immer wieder von Klein an zu lernen (in einem neuen Fach, neue Stelle), was mitunter frustrierend sein kann, andererseits verliert man mit der Zeit aber auch gewisse Ängste. Der häufige Stellenwechsel, das ständige Gefühl ein Neuling zu sein, keine große Karriereleiter emporzusteigen, das ist u.a. der Preis, den ich bezahlen muß – aber den bezahle ich gerne.

Abrechnung – Teil 1

 

Es ist kurz vor 10 in Falun. Donnerstag. Mein „kleines Wochenende“, wie ich es nenne. Ich habe meinen pappaledig-Tag, kann also einen Tag zu Hause verbringen. Mit Nico und Olga. Was sich erst einmal nach Ausschlafen und Gammeln anhört, ist in Wirklichkeit Arbeit. Naja, so schlimm auch nicht. An diesem Tag (und an den Wochenenden) bin ich es , der in der Früh oder in der Nacht aufstehen darf um das Jungtier zu füttern, Popochen zu polieren usw., während sich Olga mit einem Lächeln auf den Lippen umdreht. Mach ich natürlich gerne, vor allem, weil Nico wunderbar bis 5-6 Uhr durchschläft. So hat man also doch einen guten Schlaf.

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Herbst in Mittelschweden

Ich sitze bei Waynes Coffee, einem Cafe im Zentrum. Nico an meiner Seite in seinem „Porsche“, wie ich seinen Kinderwagen nenne. Inzwischen schläft er wieder. Ich sitze vor dem Laptop und gehe durch die wunderbaren Bilder aus Bahrain und Oman, die wir damals gemacht haben und bin einfach sehr glücklich und dankbar, dass wir so eine spannende Zeit erleben durften. Es ist wie eine Reise durchs Leben, eine Reise, die immer noch weitergeht. Momentan sind wir in Schweden, aber wer weiss, wie es in 5, 10 oder 15 Jahren aussehen wird?

Inzwischen haben wir 1 Jahr „rum“, und ich denke, es ist an der Zeit mal eine Bilanz, sozusage eine 1-Jahres-Bilanz zu ziehen. „Inventur“. Wo stehen wir heute? Hat es sich gelohnt? Wie lange wollen wor hier bleiben? Spannende, wie auch sensible Fragen.

Während ich bisher wie in einem Reiseblog geschrieben habe, so will ich Euch heute mal an den alltäglichen Dingen teilhaben lassen, die man nicht unbedingt als normaler Besucher so in der Form mitbekommt. Ich beschreibe etwas genauer das Leben hier, bevor ich Euch an meinem Résumé teilhaben lasse.

Meine Beschreibung spiegelt meine/unsere eigenen Erfahrungen wider bzw. so viel wie wir selbst verstanden haben. Möglich, dass wir einige Sachen falsch aufgefasst haben oder sich geändert haben.

Doch beginnen wir zunächst sanft und zärtlich…

 

Natur

Die meisten Besucher Schwedens sind begeistert von der Natur. Auch wenn es hier nicht die atemberaubenden Fjorde des Nachbarlandes gibt, so hat es doch seinen besonderen Reiz durch diesen Teil Skandinaviens zu reisen. Während im Süden die Kulturlandschaften mit geringeren Waldbeständen und ausgedehnten Feldern vorherrschen, so übernimmt nördlich der großen Seen Vänern und Vättern die unberührtere Natur das Zepter.

Seen, Flüsse und Wälder prägen die Landschaft in weiten Teilen Schwedens

Seen, Flüsse und Wälder prägen die Landschaft in weiten Teilen Schwedens

Die Besiedelung wird dünner und die Waldbestände größer. Mehr und mehr wirkt die Natur uriger und mächtiger. Wenn ich hier von Wald spreche, so meine ich nicht die „Wäldchen“ in Deutschland. In Deutschland gibt es scheinbar fast nur noch Forst, aus dem querliegende Bäume herausgezogen werden und alle Pflanzen scheibar einen festen Abstand zueinander haben müssen. Spontan fällt mir nur der Steinwald in der Oberpfalz ein, der einen ursprünglichen Charakter zeigt. Hier in Schweden (Mittelschweden und „aufwärts“) sind Wälder richtige Wälder. Herrlich!!! Wilde Bäche durchziehen das Unterholz, große Findlinge, in der Eiszeit von den Gletschern einfach liegen gelassen, Sümpfe und einsame Seen. Hier ein Häuschen an einem „eigenen“ See mit eigenem Zugang zu erstehen ist kein Problem und kostet auch (noch nicht) viel.  Ich habe sogar einen Patienten getroffen, der auf seiner eigenen kleinen Insel wohnt!

 

Wie es weiter im Norden aussieht wissen wir aus eigenen Erfahrungen nicht, aber es gibt unendlich viele schöne Stellen, an denen man Wurzeln schlagen möchte…

Die Sommerzeit ist kurz und wird auch weiter nach Norden hin immer kürzer. Schnell holt sich der Winter das Land zurück, und damit auch die Menschen. Die Tage werden kürzer, dasd Leben stirbt förmlich. Die Blätter fallen innerhalb kurzer Zeit und schon ist der Herbst vorbei. Schon im Oktober hatten wir dieses Jahr mehrfach Temperaturen knapp unter Null und am 1. November schneite es 15 cm! Das ist hier in Falun jedoch nicht ganz so häufig. Bis in den Januar hinein läßt der Schnee auf sich warten, während die Temperaturen auf weniger als -25°C sinken. Alles erscheint dunkel und wenn der erst Schnee kommt, freuen sich die Leute wie kleine Kinder. Der Grund ist einfach: es ist nicht ganz so dunkel. Alle sind draussen, wandern, laufen Ski usw. Es gibt sogar eigens für Skilanglauf kilometerlange Pisten durch den Wald, sodass man also auch in der Dunkelheit durch die Gegend schlittern kann. Das Leben erwacht gewissermassen wieder.

 

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Soziales

Schweden, oder vielleicht ganz Skandinavien, ist, naja, wie soll ich sagen, „speziell“. Ich will mal ein paar Beispiele nennen. Wenn man am Wochenende mit Freunden und Familie in ein Café gehen möchte, wie das, in dem ich gerade sitze (zentral in einer kleinen Mall), so wird man um 15.45 Uhr darauf hingewiesen, dass man bald gehen muss, weil man um 16 Uhr schliesst. Aha, geht ja schon mal gut los. Ein Cafe, dass um 16 Uhr zu macht am Sonntag, auch im Sommer!

Doch schon vorher verschwinden alle Anzeichen von Leben. Die Strassen leeren sich und nur dumme Touristen und „Aussengeländer“ wie wir stehen herum und wundern sich. Das Leben spielt sich in den eigenen vier Wänden oder in Vereinen ab.

Das kann für Ausländer, vor allem solche aus den warmen Ländern Europas oder Nahost, Afrika usw., sehr anstrengend sein. Freundschaften mit Schweden zu knüpfen ist nicht einfach, so auch für uns. Wir sprechen inzwischen die Sprache, finden uns zurecht und fühlen uns trotzdem nicht angekommen.  Am meisten haben wir Kontakt mit Nicht-Schweden.

Unsere Nachbarn sind zwar Schweden, aber sie sind unser Alter. Interessant war die Reaktion Jimmys, eines unserer Nachbarn: nachdem wir in das Haus eingezogen waren, klingelten wir an allen Türen, um uns mal vorzustellen. So auch bei Jimmy. Ein junger Mann, etwa Anfang 30, rotes Haar, mit Sommersprossen im Gesicht, öffnete. Auf unser „Hej!“ machte er erst einmal einen grossen Schritt rückwärts. Wir haben uns einige Male zum Kaffee getroffen und er ist auch ein sehr umgänglicher Schwede, allerdings muss er viel arbeiten (ja, auch solche Schweden gibt es).20160704_201352

Das Pärchen nebenan ist geschätzt Ende 20 und haben eine kleine Tochter, Annie, etwa 2 Jahre alt. Erst mit der Geburt Nicos kam ein Kontakt zustanden, den man als „lockere Nachbarschaft“ bezeichnen könnte.

Auf Arbeit klappt es ganz gut. Man fühlt sich geschätzt, aber man weiss nie genau, was die anderen über einen denken. Es ist etwa so wie in der Schweiz: alle schön nett, aber mitunter kann man sich nicht ausstehen.

 

Bürokratie

Es gibt wie immer und überall zwei Seiten der Medaille. So natürlich auch hier.

Beispiel 1: Die „personnummer“

Das Leben eines Neuankömmlings in Schweden beginnt eigentlich erst und nur mit der sogenannten „Personnummer“ (sprich perschonnümmer). Dies ist eine 12-stellige Zahl, die sich in ihren ersten acht Ziffern auch dem Geburtsdatum und vier weiteren spezifischen Ziffern zusammensetzt. Aus den letzten Ziffer kann man das Geschlecht ablesen: gerade Zahlen für Frauen, ungerade für die Männchen. Diese personnummer ist weit mehr als nur eine Ausweisnummer oder so etwas. So gut wie alles ist mit dieser Nummer verknüft. Will man ein Konto eröffnen, so braucht man diese, will man eine Wohnung mieten ebenfalls… Der Vorteil ist, dass man sich nur einmal beim Skatteverket, der Steuerbehörde, anmelden muss und anschliessend wird man automatisch bei Krankenkasse, Rentenversicherung, Arbeitslosen-dingsbums usw. angemeldet.

Das Skatteverket (Finanzamt) - ebenso "beliebt" wie in Deutschland

Logo des Skatteverkets (Finanzamt) – ebenso “beliebt” wie in Deutschland

Auch bei einem Arztbesuch ist es recht einfach. In Dalarna gibt es ein gemeinsames System, das trotz aller Mängel den großen (und vielleicht einzigen) Vorteil besitzt, dass jeder Arzt in dieser Provinz mit der Personennummer auf alle relevanten Daten des Patienten zugreifen kann. In Deutschland hat jedes Krankenhaus, jede Arztpraxis seine eigene Datenverarbeitung, die nicht verknüpft ist mit denen von anderen Krankenhäusern. Wenn also ein Patient in die Akutsprechstunde kommt, oder Rettungsstelle, so reicht ein Blick in den Computer und man weiss Bescheid über Medikamente usw., auch wenn der Patient 250 km weiter eigenlich wohnt und dort seinen Arzt hat. Der Arzt dort wiederum kann nach der Entlassung des Patienten aus dem Krankenhaus dann direkt schauen, wie dieser behandelt wurde. Es gibt auch unzählige andere Beispiele, bei denen deutlich wird, dass so ein System vieles vereinfacht.

 

Soweit die Theorie,

… doch schauen wir uns einmal die Realität an: Olga und ich haben 5 Wochen (oder sogar mehr) auf diese bekloppte Nummer gewartet. Eine Zeit, in der wir vom  deutschen Konto gelebt haben. Natürlich wurde mir das Geld nachträglich überwiesen, aber eine finanzielle Belastung war das trotzdem (und wer bezahlt mir die Gebühren für die Auslands-Barabhebungen?).

Bei uns klappte es also mehr oder weniger. Bei unseren Bekannten, Krankenschwester und –pfleger aus München plus kleinem Sohn, lief das ganze aber weit aus dem Ruder: es dauerte etwa 3 Monate! Als er wiederholt beim Skatteverket vorstellig wurde und penetrant nachhakte, was denn nun mit seinem Antrag sei, so sagte man, der Antrag wurde gerade abgeschickt nach Örebro. Wohlgemerkt: er hatte den Antrag Wochen

Sicherheit wird v.a. für Kinder groß geschrieben (Bild: "Würmchen-Geschwindigkeit")

Sicherheit wird v.a. für Kinder groß geschrieben (Bild: “Würmchen-Geschwindigkeit”)

vorher abgegeben! Und: keiner konnte mir bisher erklären, warum die Anträge in verschiedene andere Städte zur Bearbeitung geschickt werden! Meiner landete vielleicht in Kiruna (Nordschweden), Olgas vielleicht in Trelleborg…  Er musste einsehen, dass er trotz des zarten schwedischen Gemüts mal seine Freundlichkeit vergessen musste. Mit den Worten (auf Englich) „was ist denn das für eine Bananenrepublik“ und einigen anderen Dingen, ließ er „mal den Deutschen raushängen“. Mit Erfolg. Am nächsten Tag hatte er für die gesamte Familie die ersehnte Nummer… Doch damit noch kein Geld. Mit der Nummer kann man die ID-kort beantragen, eine Identitätskarte wie der Perso. Aber das dauert auch wieder 2 Wochen etwa. Mit dieser kann man dann zur Bank gehen und ein Konto eröffnen. Geld kommt aber trotzdem noch nicht, weil die Auszahltermine ja eingehalten werden müssen.

Das Geld kommt übrigens wirklich pünktlich für jeden Schweden am 27. jeden Monats, oder eben früher, wenn das ein Wochenend- oder Feiertag sein sollte.

 

Beispiel 2: Die Skatt (Steuer)

Es wird ja immer viel darüber geredet, dass alles in Skandinavien so teuer sei. Stimmt ja auch, aber in der Schweiz ist es nun wirklich nicht billiger (auch dort habe ich in Bern mal eine Dönerbude gesehen, an der der Döner etwa 9 Euro kosten sollte). In der angeblich so immens hohen Steuer ist aber u.a. schon die Krankenversicherung inbegriffen und generell relativiert sich die Ansicht „teuer“ schon etwas. Mit Steuersündern gehen die Skandinavier aber besonders unzärtlich um. In Deutschland kann ich meine Steuererklärung machen, hier muss ich. Mir war das nicht so richtig bewusst, als ich die Formulare zugeschickt bekam und mit der Geburt Nicos verpasste ich dann natürlich die Frist. Im August bekam ich dann einen Brief, in dem stand, dass (Achtung schwedische Diplomatie bzw. Ausdrucksweise!) „erwogen wird, ob“ ich eine Strafe zahlen müsste. Dazu standen die verschiedenen Bußgeldniveaus, abhängig wie lange man getrödelt hatte. Bei mir belief sich die Summe auf über 100 Euro. Na super… Man kann aber ein Statement abgeben, was ich dann auch per Email tat. Ich erklärte die Situation mit Nico usw. (erst kurz in Schweden, blablabla) und wenige Tage später bekam ich eine Antwort, dass man auf ein Bußgeld verziechte, mit dem Schlusssatz „Willkommen in Schweden!“. Das war mal etwas wirklich positives!

 

Beispiel 3: Welches Land darf’s sein? – Geographie(un)kenntisse

Die Schweden bezeichnen ihr Land in der Regel als „klein“, wobei sie die Bevölkerungszahl meinen, nicht aber die geografische Größe. Dass man in unterschiedlichen Gegenden die eigene Lage unterschiedlich betrachtet (Süd-, Mittel, Norddschweden) hatte ich vielleicht irgendwann schon einmal erwähnt. Während die einen sich in Gävle schon zu „Norrland“ zählen, so ist es für die dort oben eher Südschweden, obwohl es geografisch gesehen eher Mittelschweden ist. Naja, soviel zur Eigenwahrnehmung. Richtig abenteuerlich wird es, wenn es um andere Länder geht:

Für Nico brauchten wir einen Kinderreisepass, weil die Eintragung in den Pass der Eltern nicht mehr vorgenommen wird. Dazu brauchten wir einen Auszug vom „Skatteverket“ („Steuerwerk“, als Finanzamt, dort, wo man die lustige Personnummer bekommt). Auf diesem mussten Namen, Geburtsort und –land, Geburtsdatum, Personennummer natürlich von uns allen inkl. Nico draufstehen. Eigentlich nur ein Ausdruck, nicht so schwer. Was Olga dann aber in die Hand bekam war ein Dokument, auf dem Olga als deutsche Staatsbürgerin geführt wurde mit Geburtsort „Brest in Russland“. Ok, also die gute alte Sowjetunion gibts ja nicht mehr, schon mal gut, dass sich das auch zu den Schweden rumgesprochen hat, und auch viele Deutsche werden nicht wissen, dass Brest in Weissrussland liegt, oder dass es so etwas überhaupt gibt. Aber: Olga eine andere Nationalität zu verpassen, wobei wir alles bei der Anmeldung hier und über das Migrationsverket (Ausländerbehörde) richtig gemacht haben… das ist schon… äh.. eigenartig. Noch besser: als Olga die Dame am Schalter darauf aufmerksam machte, fragte diese, woher Olga denn solche Informationen habe… Brest nicht in Russland??? Olga verwies die Dame an GoogleMaps und irgendwie drang das (vielleicht) auch zu ihr durch. Dennoch: die Änderung der Daten könne mehere Wochen dauern. Das könne man nicht einfach so schnell machen. Hä? Wa? Wir hatten Sommer, 2 Monate später wollten wir nach Deutschland fahren und die wollte uns womöglich auf den Herbst vertrösten?? Naja, Olga hat ihren Scharm spielen lassen und am nächsten Tag bekam sie einen Anruf: sie könne das Dokument abholen. Wir waren wirklich gespannt. Dieses Mal vielleicht mal die nordkoreanische Staatsbürgerschaft? Brest in Frankreich als Geburtsort?  Aber es klappte dann doch…

 

Der gläserne Bürger
Beispiel 4: Die Abschaffung des Bargelds

Das, was in Deutschland undenkbar wäre (zumindest momentan), ist hier schon längst Realität: eine möglichst lückenlose Überwachung des Bürgers. Die Kehrseite der personnummer z.B. ist die Verknüpfung von Daten, die aus meiner Sicht nicht an andere Stellen als z.B. die Gesundheitsbehörde usw. weitergereicht werden sollten. Weiter geht es mit den EC-/Kreditkarten. Man kann so gut wie alles fast überall mit der Karte bezahlen. In Stockholm gibt es auf dem Bahnhof eine m/w-gemischte Toilette (!), die glaube ich 50 cent oder 1 Euro kostet. Auch diese kann man mit der Karte bezahlen. Bargeld wird mitunter gar nicht mehr angenommen. Mit der Erhebung und wahrscheinlich auch Speicherung der Daten kann man also sehen wann ich wo auf der öffentlichen Toilette war, oder den Parkautomaten gefüttert habe. Es hinterlässt einen fahlen Beigeschmack.

Na, einen Snack mit Karte zahlen? - Automat im Krankenhaus

Na, einen Snack mit Karte zahlen? – Automat im Krankenhaus

Weiter geht es mit Besitz bzw. Einkommen. Es ist normal, dass in der Zeitung mit Namen und Betrag steht, wer wann welches Haus oder Grundstück zu welchem Preis gekaúft hat. Mehr noch: in zeitlichen Abständen wird in der Zeitung abgedruckt, wieviel ich jeden Monat verdiene. Mit Namen und Betrag! Ich werde auch gar nicht gefragt, ob ich im Telefonbuch erscheinen möchte oder nicht. Diese Daten werden anscheinend selbstverständlich veröffentlicht. Letztens entdeckte ich mich mit Altersangabe, Telefonnummer, Adresse. Ob die auch meine Hämorrhoiden zählen? Vielleicht sollte ich lieber die Behörden fragen, ob ich überhaupt welche habe, ich geh ja davon aus, dass die inzwischen mehr über mich wissen, als ich über mich selbst! Die Schweden scheinen das als ganz normal zu empfinden. Sicherheit wird gross geschrieben, was ja eigentlich nicht verkehrt ist.

Insgesamt passt das aber zu einer „gesamtsozialistischen“ Einstellung der Bevölkerung. Schweden hatte ja mal eine sozialistisch angehauchte Phase, aber so ganz haben sie die nicht überwunden. Dazu zählt die weitverbreitete Einstellung, dass „Papa Staat“ schon alles regeln wird und muss. Da nimmt man auch eine Einschränkung der Privatsphäre in Kauf.

Beispiel 5: Das Autokennzeichen

In Schweden besteht jedes Autokennzeichen aus 3 Buchstaben und 3 Ziffern. Da steckt glaube ich auch die Angabe drin, wann das Auto zum „bilprovningen“ (so etwas wie TÜV) muss, also in welchem Monat. Das muss man nämlich jedes Jahr. Ansonsten sagen den Buchstaben und Ziffern leider nichts aus über den Wohnort des Halters, wie etwa in Deutschland.

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Des Schweden liebstes Auto: der Volvo. Hier zwei ältere Modelle, die noch nicht in China gebaut wurden… (also, die Autos meine ich…)

Bei der Ummeldung eines im Ausland zugelassenen Autos ist das etwas unständlich (Ursprungskontrolle, technische Überprüfung und allerlei andere Sachen). Schliesslich bekommt man dann das Kennzeichen, dass übrigens eine Art Identität des Autos darstellt, nicht aber des jeweiligen Besitzers. Im Gegensatz zu Deutschland bleibt das Nummernschild immer am Auto, egal wie oft der Besitzer wechselt. Jedoch steckt noch etwas Anderes, „Gewitztes“ dahinter. Wenn ich wissen möchte, wem das Auto momentan gehört, kann ich auf einer Internetseite das Kennzeichen eingeben und anschliessend wird mir zwar (zum Glück) nicht der Name genannt, aber ob das Auto einem Mann/Frau gehört und in welchem Ort derjenige wohnt. Sind wir also wieder beim Thema Datenschutz, wobei sich das vielleicht bei einer Großstadt wie Stockholm doch etwas relativiert. Hier im ländlichen Bereich könnte man jemanden aber deutlich schneller zu Hause besuchen, als es diesem recht sein dürfte.

Neben diesen Informationen kann man aber, und das denke ich ist wirklich gut, sehen, wie alt das Auto ist, wie es versichert ist, wie oft es in der Reparatur war und wieviele Besitzer es hatte. Also mit viel rummogeln so wie in Deutschland ist es also nicht, wenn man gedenkt ein gebrauchtes Fahrzeug zu kaufen.

 

Arbeit und Arbeitsmoral

Ja, es gibt Leute in Schweden, die arbeiten. Warum ich das so sage? Naja, in Scheden gibt es eine andere Arbeitskultur, von der man in Deutschland schon etwas lernen könnte, andere Sachen aber ganz bestimmt nicht abkupfern sollte:

  1. Man hat Recht darauf mehere Wochen im Sommer Urlaub zu machen. Punkt. Das ist so, egal ob Kinder im schulpflichtigen Alter oder nicht.
  2. Arbeitnehmer kann man nicht so leicht aubeuten: stimmt in gewisser Weise. Es ist gesellshaftlich inakzeptabel, dass man mehere Stunden arbeitet, ohne eine Pause zu machen. Es wird erwartet, dass man sich als Arbeitnehmer mit seinen Kollegen zusammensetzt und eine „Fikapause“ macht. Das ist eine Kaffeepause mit anderen Worten. Wer sich verkrümelt uns weiter arbeitet wird als komisch wahrgenommen. Überstunden sind auch nicht richtig akzeptiert und überhaupt sollte man sich nicht kaputtmachen auf Arbeit. Das, was in Deutschland Alltag ist, ist hier nicht akzeptabel. Gut so! Dennoch funktioniert das auch hier nicht immer so, und generell gibt es in den öffentlichen Einrichtungen eine ganze Menge Leute, die gefühlsmässig nur „fika“ machen, während andere wirklich arbeiten.
  3. Kinder zu haben und zu arbeiten ist etwas normales in Schweden. Es gibt auch kaum Hausfrauen, da sich die „reichen Schweden“ das nicht leisten können. Dass man auch als Mann eine Weile zu Hause ist beim Kind wird geradezu erwartet, und das Bekanntwerden einer Schwangerschaft ist für einen Chef nicht gleichbedeutend mit einem heraufziehenden Atomgewitter. Auch wenn es den Chef vor Personalprobleme stellt, so wird die Ankunft eines neuen Erdenbürgers als viel positiver wahrgenommen, als in Deutschland.

In manchen privaten Betrieben sieht es mit den Pausen etwas anders aus, besonders wenn diese von ausländischen Eigentümern betrieben werden. Unser Nachbar Jimmy arbeitet in der nahegelegenen Kabelfabrik. Vor wenigen Jahren wurde die Fabrik von einem dänischen Unternehmer gekauft. Die Folge: Entlassungen, Mehrarbeit für die übrig gebliebenen Mitarbeiter. Diese spüren jetzt einen gewissen Druck, den es in Deutschland und anderen Ländern ja schon länger gibt. (Dennoch wird es bestimmt etwas milder sein als bei uns.) Die Arbeitnehmer haben in Schweden dank der sozialistischen Einstellung weitreichenden Schutz, anschheinend mehr noch als in Deutschland. Übrigens mit bedeutenden negativen Folgen für die Arbeitsuchenden: Einen Mitarbeiter zu kündigen ist noch schwieriger als in Deutschland. In der Folge gestaltet sich die Auswahl des geeigneten Mitarbeiters sehr kompliziert. Junge Aspiranten müssen (wie auch in manchen grossen internationalen Unternehmen) mehere Tage Tests und Prüfungen durchlaufen, bevor sie in die engere Auswahl kommen. Die Folge ist eine nicht unbedeutende Arbeitslosigkeit bei zeitgleichem Fachkräftemangel. Das was die deutsche Wirtschaft schon länger beklagt (unzureichende Schulkenntnisse) kann man auch hier antreffen und die Jugendlichen disqualifizieren sich selbst. Aber auch für die reiferen Kandidaten ist es nicht unbedingt besser, müssen sie doch mit den jungen „knackigen“ konkurrieren.

Die Rasenmäher-Roboter sind ja ganz modern hier, aber der hier ist sogar besser: ferngesteuert.

Die Rasenmäher-Roboter sind ja ganz modern momentan, aber der hier ist sogar besser: ‘ne Nummer größer und ferngesteuert.

Noch ein Wort zur Arbeitsmoral: Es fällt auf, dass sich viele Schweden als “arbeitsscheu” zeigen. Es wird betont langsam gearbeitet, was man eigentlich schon als geschäftsschädigend bezeichnen kann – würde man in einer Marktwirtschaft leben, in der Konkurrenzfähigkeit das Überleben der Firma sichert. Konkurrenten gibt es hier v.a. auf dem lande wenig und so kann man sich einen ruhigen Arbeitsgang auch leisten. Verantwortung? Nein, danke! Das ist auch so eine Haltung, die hier weit verbreitet ist. Und wenn man grad nicht weiter weiß, macht man eben ein Meeting. Das sind Veranstaltungen, auf denen viel, sehr viel geredet wird. Aber eigentlich sagt man nicht sehr viel, weil alles durch “Diplomatie” verwässert ist. Nach meheren Stunden bedankt man sich für das Gespräch und stell fest, dass man sich ja noch einmal zum gleichen Thema treffen müsse, weil man ja nichts beschlossen habe…

 

“Professionelle Amateure mit Spezialisierung”

Noch ein Wort zur Arbeitssituation in Schweden. Auffallend ist, dass auch unqualifizierte bzw. weniger qualifizierte Personen einen Job bekommen können, z.B. als Lehrer bzw. “Hilfslehrer”. Als solcher bekommt man natürlich nicht so viel Geld und überhaupt ist die Bezahlung von Lehrkräften recht mager. Dennoch: eine wunderbare Chance für jene, die dringend arbeiten müssen, aber keine richtige Ausbildung oder Legitimation haben. Auf der anderen Seite fragt man sich natürlich, wie eine mangelnde Qualifikation mit einem anspruchsvollen Beruf vereinbar ist. Viele haben keinerlei pädagogische Vorkenntnisse. Einzige Qualifikation ist z.B. Englisch als Muttersprache. Ein Fall verdeutlicht die Notsituation und prekäre Lage sehr gut: Olga hat eine italienische Bekannte, eine Junge studentin, die “Haushaltskunde” -oder Wissenschaft an einer weiterführenden Schule unterrichtet. Auf die Frage, was sie qualifiziere, antwortete sie, sie backe gerne Muffins… Hä?? Wie?? Kein Witz, stimmt wirklich!

Dieser Besonderheit begegnet man auch in anderen Bereichen, doch dazu später.

Soviel erst einmal zum Allgemeinen. In Teil 2 gibt`s mehr “lustiges Allerlei aus Schweden”, vor allem aus meinem beruflichen Alltag. Seid gespannt auf Neues aus dem Land der “ungeahnten Unmöglichkeiten” ! 😉