Dahoam is dahoam! – Und wo is dahoam? – Teil 1

Teil 1 – Zeitreise

Dahoam – Ja, so sagen das die Bayern, wenn sie über ihr Zuhause sprechen. Im Laufe unseres persönlichen “Nomadentums” stellt sich natürlich immer mal wieder die Frage: Wo ist mein Zuhause? Ist das auch die Heimat? Was ist Heimat oder Zuhause? Ist es der gleiche Ort wie der von Olga?

Ein gewisses heimatliches Gefühl stellt sich immer wieder dann ein, wenn wir nach Berlin fahren, so wie jetzt Anfang März. Berlin bleibt einfach im Herzen – sowohl bei mir, wie auch bei Olga. Olga sagt, es sei “ihre” Stadt, und dabei schwingt eine ganz tiefe Verbundenheit mit. Berlin ist schön, aufregend, aber auch hart, es verletzt und kann auch krank machen. Continue reading

Auszeit – Up ´n away

Endlich, es ist der 14.11.2017, der Geburtstag meiner Mutter und der Beginn des langersehnten Urlaubs. Der letzte Arbeitstag in dem alten Krankenhaus ist vorbei, jetzt sind Ferien!

Wie lange ist das her, dass wir das letzte Mal verreist sind? Also ich meine jetzt mal nicht diesen anstrengenden Umzug von “Sverige” nach Deutschland, oder die Heimaturlaube, die wir von Schweden aus unternommen haben. 2015 muß das gewesen sein, als wir auf unserem Weg nach Schweden durch Jordanien, Istanbul und Russland tingelten. Eine tolle Reise, über die ich vielleicht auch etwas schreiben werde, aber dazu später einmal.

Jetzt geht es los. Die Wohnung wird noch einmal aufgeräumt, das Katzenklo gemacht. Ich packe das Auto mit zwei großen Taschen, während Olga Nico anzieht. Nico ist genervt und trötet etwas vor sich hin. Ich nehme ihn auf den Arm und will gerade nach unten gehen, als ich eine kleine Druckwelle an meinem Arm spüre. Nico hat ein Häufchen gemacht und grinst mich an. Na toll! Also wieder Retour, Baby “gewechselt” und “gepudert” und wieder nach unten. Um halb eins am Mittag sitzen wir endlich im Auto. Wahnsinn, wie lange das gedauert hat! Und wir haben ja “nur” 350 km bis nach Frankfurt mit massenhaft Baustellen vor uns…  Kaum sind wir losgefahren kommt schon das nächste Hindernis. “Mjamjam” macht Nico und bedeutet damit, dass er Hunger hat. Oh nee, denke ich, aber eigentlich habe ich auch schon Appettit. So endet unsere erste Etappe bei einem Inder – noch innerhalb Osnabrücks!

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Von der Kunst sich treu zu bleiben

Teil 3

Und jetzt? Nix mehr mit Unfallchirurgie? Keine Traumatologen-Karriere? Nun ja, wie ich ja bereits eingangs geschrieben hatte, wollte ich das weitere Vorgehen nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf abhängig machen – und natürlich von der Gesundheit. So war die Probezeit auch wirklich eine Probezeit. Kommen wir mal zum Positiven: Das Fach, das “Basteln”, die “Action”, das “Improvisieren”, Medizin zum Anfassen – die Unfallchirurgie ist wirklich eine tolle Sache! Unfallchirurgen sind praktische, lösungsorierte Personen (oder sollten es jedenfalls sein). Das hat mir gefallen und ich hätte es gerne weiter gemacht. Es hat mich begeistert und auch wenn der Druck hoch war, habe ich fast immer Freude gehabt an den praktischen Tätigkeiten.

Ich hatte jedoch nie vor, die Allgemeinmedizin aufzugeben (bei der Zeit, die ich dafür investiert habe, auch nicht besonders clever). Laut Landesärztekammer hätte ich mir das eine oder andere Halbjahr für die Unfallchirurgie auch anrechnen lassen können, sodaß ich nicht die 5 Jahre gebraucht hätte. Soweit die Theorie, welche sich aber an der Realität messen lassen muß.

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“Auf die harte Tour”

Teil 2 … und wie Deutschland für Fremde wohl sein mag

Da sind wir nun im sonnigen Osnabrück. Es ist der erste Juni 2017. Die Sonne wärmt den nicht vorhandenen Pelz, das Grün grünt und die Vögel zwitschern – wunderbar! Es ist der erste Arbeitstag in einem großen Krankenhaus in Osnabrück für mich. Heute fange ich an in der Unfallchirurgie eines Hauses der Maximalversorgung, d.h. Traumazentrum mit Hubschrauberlandeplatz usw. Vielleicht der Beginn einer länger währenden Liebe zur Chirurgie, einer handfesten soliden Tätigkeit ohne das mitunter “furchtlose Herumgedoktore” wie in der Allgemeinmedizin. Endlich klar geborstene Ellenbogen, die zusammengeschraubt werden, tropfendes Blut auf der Transportliege und “Action”, deren Ergebnis man noch am gleichen Tag, wenn nicht sogar wenige Stunden oder Augenblicke später bestaunen kann. Ja, ich will es noch einmal wissen, bevor ich zum “alten Eisen” gehöre. Wenn die Gleichung nicht aufgeht, kann ich wieder Allgemeinmedizin machen. Jetzt aber noch einmal richtig gefordert werden, an die Grenzen gehen, Nächte um die Ohren schlagen, amputieren, Köpfe zusammennähen (also nicht zwei verschiedene, sondern ein und denselben…na Ihr wißt schon)… Eben die ganze Bandbreite der Traumatologie…. Continue reading

Aufbruch in ein neues (altes) Land

Teil 1 – Abreise und physisches Ankommen

Wir sind angekommen. Etwas mehr als ein halbes Jahr nach dem Umzug haben wir uns langsam eingelebt in unserer neuen Heimat. Die Familie fast um die Ecke, die Arbeit 10 min mit dem Fahrrad entfernt, das Auto muss nur noch wenig bewegt werden (was den Geldbeutel und die Umwelt freut). Das sind doch schon mal gute Vorraussetzungen.

Das war´s, die Wohnung ist leer.

Allerdings war dieses halbe Jahr auch eregnisreich. Alles begann mit dem Umzug. Bereits im April begannen wir zu packen, die Wohnung wurde schrittweise “zurückgebaut”, bis nur noch Kisten übrig blieben. Leider musste ich bis zum vorletzten Tag arbeiten. Meine Chefin sah angeblich keine Möglichkeit, mir mehr Urlaub zu geben. Das machte alles nicht einfacher. Schließlich kam der Transport-LKW der Umzugsfirma, die wir beauftragt hatten und die Wohnung war leer.

Genau das richtige Abschiedswetter

Die letzten 2 Nächte schliefen wir auf einer aufblasbaren Matratze meines Kollegen Bert, bevor wir in eine Gästewohnung des schwedischen Mietervereins umzogen. Zur Übergabe hatten wir glücklicherweise eine Firma für die Reinigung unserer alten Wohnung beauftragt, was zwar teuer war, sich aber als sehr klug herausstellte. Unser Vermieter fand ständig etwas zum Aussetzen und ließ die Putztruppe mehrere Stunden nachputzen! Aufpreis kostete das für uns allerdings nicht.

Endlich mal Sonne und etwas Wärme…

Am Tag unserer Abreise war es nebelig-trüb und kalt. Das störte uns jedoch nicht. Neben Nico und den Katzen war unser Auto mit jeder Menge Zeug vollgestopf, alles jedoch generalstabsmäßig sortiert, ansonsten hätte man nur die Hälfte unterbringen können.

Unser Ziel war Göteborg am Mittag zu erreichen und am frühen Abend die Fähre nach Kiel zu befahren. Zunächst ging es durch die fast herbstlich-winterlich anmutende Landschaft Mittelschwedens. Bei weitgehend fehlender Autobahn und Tempo 90 zog sich die Strecke in die Länge. Etwa 200 km weiter südlich von Falun bekamen wir ihn erstmals in diesem Jahr zu Gesicht: den Frühling. Auf einem Rastplatz wurden die Katzen und Nico Gassi geführt. Was für ein Spass!

 

Nico freute sich an den wärmenden Sonnenstrahlen und einer herumsurrenden Hummel, während die Maggi und Tonia tatsächlich die Chance wahrnahmen und das Katzenklo benutzten. Anschließend ging es weiter gen Süden. Tatsächlich klappte alles ohne größere Schwierigkeiten, sodaß wir am Abend die “Kabine für Passagiere mit Haustieren” beziehen konnten.

Diese ist bei den Fähren meistens mittig angelegt, sodaß man also kein Meerblick hat.Statt Kabine hätte man jedoch eher von “Zelle” sprechen können. Auf engsten Raum hatten wir als zwei Erwachsene und Baby schon Probleme, nicht auszudenken, wenn dann noch ein Rottweiler hätte Platz finden müssen, oder Herrchen ein kleiner Elefant gewesen wäre…

Nico und Maggi “eingeparkt”.

Die Belüftung war auch nicht besonders, weshalb wir die Tür den halben Abend offen ließen. Nach kurzer Eingewöhnung hatten sich jedoch auch unsere beiden Fellnasen mit der neuen Umgebung angefreundet.

Nach einem kleinen Frühstück ging es pünklich gegen 9 Uhr von Bord, sodaß wir unsere Reise Richtung Berlin rasch fortsetzen konnten.
Während mein Bruder in Osnabrück bereits den Umzugs-LKW in Empfang nahm und fleissige Helfer alles entluden (Danke!!!), hatten wir das nächste kleine Projekt zu meistern: Auflösung unseres Lagers in Berlin und alles nach Osnabrück karren. Zum Glück hatten wir auch hier fleissige Helfer, ohne die wird das nicht so ohne weiteres geschafft hätten (Danke u.a. Oxana und Daniel!).

Erstaunlich (praktische) Kombination. Hier kann man sich sprichwörtlich zu Tode saufen. – gesehen am U-Bhf Berlin-Mariendorf, der Friedhof ist 150m weit weg…

Mit einem gemieteten Transporter ging es dann wieder auf die Piste zur letzten Etappe: Berlin-Osnabrück. Auf halben Wege hatten wir das Glück, wieder unsere Weggefährtin Kristin mit ihrem kleinen Justus zu treffen.

Treffen mit Kristin

Ach wie herrlich!!! Wieder einmal wurde uns bewusst, wie sehr uns Bahrain und Middle East generell fehlen…

In Osnabrück angekommen wurden wir wärmstens empfangen. Nach ein paar Nächten auf einer Matratze gings erst einmal in ein preiswertes schwedisches Möbelhaus. Alles musste sehr schnell gehen, da ich bereits nach ein paar Tagen meine neue Stelle antreten musste. Daher verzögerte sich so einiges, sodaß wir noch immer nicht vollständig eingerichtet sind, und im Flur immer noch eine nackte Glühbirne von der Decke baumelt…

Ich “liebe” Umzüge… (aber wen es oft in die weite Welt zieht, muss diese Kröte schlucken)

Wie es einem so geht, wenn man wieder nach Deutschland zurück kommt, könnt Ihr im nächsten Blog lesen. Dann auch, ob wir jetzt eine richtige Lampe im Flur haben und warum Überlebensstrategien noch genauso aktuell sind wie in der Steinzeit…

Der Countown läuft…

Jetzt geht es ans Eingemachte. Die Tage vergehen wie im Flug und schneller als man (wieder einmal) dachte, beginnt die heiße Phase, die letzten Tage hier in Schweden. Nachdem wir Ende des letzten Jahres den Entschluss gefaßt hatten wieder in die Heimat zurückzukehren, stellte sich natürlich erst einmal die Frage “Wohin?”. Die Frage war schnell beantwortet: Berlin ist zwar meine Heimatstadt und ich werde im Herzen immer ein Berliner bleiben, aber für kleine Kinder ist das kein guter Ort, um groß zu werden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie zwei Mütter sich fast geprügelt hatten, weil verständlicherweise jede mit ihrem Kinderwagen in den Bus wollte. Und im U-Bahnhof die Stufen nach unten oder nach oben tragen ist bei Weitem keine Vergnügen, wenn kaum einer hilft und alle nur vorbeieilen. Zu gewissen Tageszeiten scheint es gar gänzlich unmöglich mit den Öffentlichen zu fahren und das Auto kann man sowieso vergessen (zumindest in Zentrumnähe). Von der gestressten Art wollen wir erst gar nicht reden.

Das Eis des gefrorenen Siljansees sieht aus wie gefrorene Wellen

Also war die Antwort klar: Osnabrück. Dort lebt ein wichtiger Teil der Familie, kleine Kinder inklusive. Also genau das Richtige für Nico. Hier in Schweden haben wir auch die Unterstützung der Familie vermisst, auch wenn wir wunderbare Menschen kennengelernt haben, die wir inzwischen zu unseren Freundeskreis zählen dürfen.

Nico zum ersten Mal im Flugzeug (Stockholm-Düsseldorf)

Die Stadt hat bei früheren Besuchen auf uns einen sympathischen Eindruck gemacht und die Osnabrücker scheinen generell etwas entspannter und freundlicher als die Berliner zu sein.

Bei unserem letzten Besuch im  haben wir diese -wie die Osnabrücker selber sagen- “große Kleinstadt” oder “kleine Großstadt” etwas genauer unter die Lupe genommen. Von Stockholm aus waren wir nach Düsseldorf geflogen. Die erste Flugreise mit Nico. Der hat allerdings die meiste Zeit gepennt, während die Zugfahrt über Dortmund wesentlich interessanter für ihn war.

Wir hatten das Glück die Nachbarwohnung von Gisela, einer Kollegin meines Bruders und seiner Frau zu nutzen. Die Einrichtung einer Wohnung sagt bekanntlich viel über den Bewohner aus, so auch hier. Die sorgfältig gewählten Bilder zogen gleich meine Aufmerksamkeit auf sich: Tierfotografien, Zeichnungen mit Wüstenmotiven. In den Vitrinen im Wohnzimmer eine Fülle von Gegenständen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten.

Allerlei Schmuck aus dem subsaharischen Raum

Holzmasken, Ketten, Muscheln und allerlei andere kunstvolle Utensilien vor allem aus dem subsaharischen Afrika und Bilder von Himba-Frauen Namibias, wie sie stolz den Schmuck tragen. An die Wand gelehnt ein kleines Heftchen, ein “Trecking Permit” für Kathmandu, Nepal, ausgestellt im Namen von “His Majesty”, Jahrzehnte alt.

Permit für Kathmandu, Nepal

Gisela hatte ihren leider vor Jahren verstorbenen Mann auf Reisen kennengelernt. Wenn man die Gegenstände und Fotos sah, so dann kann man getrost sagen, dass beide richtige Weltenbummler waren. Im Gespräch mit ihr merkte man, dass in ihrer Brust immer noch kräftig das Herz eines Entdeckers schlägt.

Mit dem Bulli durch die Wüste – herrlich!!!

Die Ecke zur Küche hatte es mir besonders angetan: Bilder von einem VW-Bus (einem alten Bulli), der mitten in der Wüste steht. Giselas Mann ist wohl oft durch die Sahara gereist, genauso, wie ich es mir immer vorgestellt hatte! Ein Vorbild! Ich bin immer noch begeistert, während ich diese Zeilen schreibe! Und endlich kann ich meinen Eltern beweisen, dass ich nicht der einzige bin, der solche Pläne hatte und vor allem, dass es auch funktionieren kann (wenngleich es heutzutage wegen Terror und Kriminalität momentan nicht besonders schlau ist). Schade, dass wir ihn nicht kennenlernen konnten…

Reifenpanne in der Wüste. Wunderbare Zeichnung von Giselas Mann

In Osnabrück hatte ich zwei Vorstellungsgespräche, die beide sehr gut liefen. Zugegeben: Bei der aktuellen Situation ist es aber auch nicht besonders schwer, eine Stelle zu bekommen.

In den wenigen Tagen hatten wir viel zu tun, aber auch eine Menge Spass mit den kleinen und nicht mehr ganz so kleinen Würstchen. Nico fand es sehr spannend mit seinen Cousins Zeit zu verbringen. So kann man sich gegenseitig Blödsinn beibringen und Tipps austauschen, wie man die Eltern am besten “zur Weißglut” bringt. Naja, so schlimm ist es (noch?) nicht.

Hübsch: die Altstadt von Osnabrück

Und tschüß…!

Nachdem wir wieder zurück waren, habe ich sofort meine Kündigung abgegeben. Mann, wie sich das anfühlt! Jetzt mussten noch 3 Monate überstanden werden.

Die letzten Wochen hatten es in sich gehabt. Viele sehr kranke Patienten, die ich -wie schon früher beschrieben- nicht an Spezialisten überweisen kann. Diese Detektivarbeit, die Arbeit als “Buschdoktor” werde ich vermissen. Ebenso die kleinen praktischen Tätigkeiten, wie zum Beispiel Rektoskopien (Nutella! 😉 ) und vor allem kleine Eingriffe. Meistens schneidet man nur unbedeutende Veränderungen heraus oder macht eine Stanzbiopsie (Gewebeprobeentnahme). Hin und wieder ergeben sich dabei aber auch erstaunliche Dinge. Bei einem Mann habe ich vor Kurzem eine unbedeutend aussehende Hautveränderung, eher einem Pickel ähnelnd aber ohne Entzündungszeichen, herausgeschnitten. Die Pathologie zeigte ein Malignes Melanom (schwarzer Hautkrebs). Da man seit Kurzem eine Art “Überholspur” für eine Reihe von Krebsdiagnosen und hochgradig krebsverdächtige Erkrankungen eingeführt hat, hat sich die Behandlung für solche Patienten deutlich verbessert. Solche Patienten müssen zum Glück nicht mehr warten, sondern alles geht sehr zügig. Also mal etwas wirklich Positives im hiesiegen Gesundheitssystem.

Ich bin schon gespannt, was sich alles in Deutschland verändert hat, immerhin habe ich nicht vergessen, daß es auch dort Probleme gibt.

Während der Arbeitsrythmus also weitergeht, krempeln wir zu Hause die Bude um. Sachen werden weggeworfen, verpackt, Kisten in den Keller gebracht,… Während wir so vor uns hinwurschteln hören wir meist Musik.

Party oder Marschmusik?

Nico – sobald er Musik auch nur von Weitem hört

Nico mag Musik, gleich welcher Art. Seit wenigen Wochen kann er auf seinen kleinen Beinchen stehen und hält sich an einem Gitter, dem “Knast” fest. Sobald er Musik hört gibt er quietschende Laute von sich, hebt ein Ärmchen und die kleinen Beinchen beginnem im Tackt zu zappeln. Er lacht und hat sichtlich Spass. Vorgestern waren wir im Stadtzentrum. Es war recht schön, “so mit Sonne und so” (ist momentan ja etwas Besonderes hier oben). Wie wir so an einer Ampel warteten fuhr ein Volvo (was sonst) mit zwei Jugendlichen vorbei. Die Fenster unten, die Musik voll aufgedreht. Nico hatte sie noch gar nicht gesehen, aber gehört: schon gingen die beiden kleinen Ärmchen nach oben und er machte mit den Fingern eine Art schnipsende Bewegung. Das ganze kleine Gesichtchen war ein einziges Grinsen, die beiden kleinen Schneidezähnchen lachten uns an. Herrlich!!!

Vor wenigen Tagen hatten wir ja den 1. Mai. Auch im “sozialistischen” Schweden wird der 1. Mai begangen. Ähnlich wie bei uns in Deutschland wird auch hier demonstriert. Allerdings bleibt es dann friedlich, nicht so wie der 1. Mai traditionell in Berlin mit Strassenschlachten. Allerdings hatten sich wie schon im letzten Jahr die Rechtsradikalen angemeldet. Während sie 2016 im benachbarten Borlänge (20 km, von hier kommen u.a. Musiker wie Mando Diao) aufmarschierten wollten sie dieses Jahr Falun beglücken. Während wir uns zunächst die bunten Kostüme der Gegenbewegung anschauten, erhaschten wir dann doch noch einen Blick auf die “strammen Jungs”.

Martialisch und zum Fürchten: Eigene Ordner mit Schutzschilden

Durch Absperrungen streng getrennt von den Gegendemonstranten lauschten die der Kundgebung ihrer Führerriege. Ich verstand nicht genau, was sie sagten, aber dem Tonfall nach war es wahrscheinlich eine auswendig gelernte Wochenschau von 1941. Schon irgendwie gruselig. Auch einige Mädels mit Röcken und Zöpfen, genauso wie die Mädels beim BDM… Wikipedia weiß zu berichten, dass die hier erstarkende “Nordischen Widerstandsbewegung” (Nordisk motståndsrörelse, NMR) sektenähnliche Züge aufweist und vornehmlich aus verurteilten Gewalttätern bestehen soll. Ziel ist es mittels einer Revolution eine “Nordische Republik” zu errichten. Aha. Na klar. Es ist irgendwie komisch, dass denen überhaupt erlaubt wurde zu spechen, und vor allem im Stadtzentrum der Gebietshauptstadt. Den wenigen hundert braunen Brüdern, die sogar eigene mit Schildern bewaffnete Ordner und  eine eigene Presseabteilung hatten, standen natürlich wesentlich mehr, lautstark protestierende Gegendemonstranten gegenüber. Wir entschlossen uns weiterzuziehen, der Sonne entgegen.

“NMR = Eine Schande für Schweden”. Gegendemonstrantin am Rande der Demo

Nico fand das alles lustig, besonders die laut schreienden Leute, die trotz allem gelöste, lockere Athmosphäre und die bunten Farben. Ich erklärte ihm, dass die lustigen netten Menschen alle gekommen waren, um seinen ersten Geburtstag zu feiern! Ob er´s verstanden hat? Immerhin schien er viel Spass gehabt zu haben und fiel hundemüde ins Bettchen… So ein Geburtstag ist schon anstrengend, vor allem, wenn man so viele schöne Geschenke bekommt, deren Verpackung zunächst viel interessanter ist, als der eigentliche Inhalt. Und: der liebe Gott war gnädig gewesen und hat ihm zum Geburtstag ein paar Haare auf die kleine Glatze gezaubert…

Der Winter, der nicht enden will

So kommt es uns wenigstens vor. Während für Deutschland schon Temperaturen um die 15 Grad plus an den ersten Märzwochenenden agekundigt worden waren, erreichen wir Ende des gleichen Monats gerade einmal die „schwarze Null“ und ein paar mickrige Grade darüber.

schon wieder Winter.jpg

Noch einmal Schnee…

Heute scheint die Sonne und es ist etwas wärmer. Der Schnee war in den letzten Tagen schon ordentlich weggeschmolzen, bis es gestern nachmittag wieder kräftig anfing zu schneien. Aber es gibt Hoffnung: die Tage werden merklich länger, die Winterdepression weicht der Frühjahrsmüdigkeit .

Naturlich sollte es uns nicht verwundern, dass die warmen Jahreszeiten hier etwas kürzer und weniger großzugig ausfallen, was die Temperaturen anbelangt.

 

(Aus-) Rutscher

An einem Wochenende vor zwei Wochen schneite es noch einmal richtig kräftig. Unsere ehemaligen Nachbarn waren zuvor im Januar in ein anderes Haus, etwa 200m weiter hangab, gezogen. Um etwa 15  Uhr waren wir zur Einweihungsfika (Fika = “Kaffetrinken”) eingeladen. Nett so etwas. Also rein in die warmen Klamotten, den kleinen Knilch schön warm eingepackt und los gings. Natürlich hatte unser Vermieter, der auch für den Parkplatz und den anschliessenden Weg zuständig ist, nicht gestreut. Der Weg war extrem glatt. Nico lag in seinem MaxiCosi, dem Auto-Kindersitz fur kleine Würstchen. Wenn ihm langweilig würde, so könnte er darin etwas schlummern. Wie wir nun versuchten wie alte Leute den Weg nach unten zu ertasten, immer auf der Hut nicht doch auszurutschen, sah ich beim Blick nach hinten, wie ein alter schrottiger Golf 2 den Weg zum Parkplatz fand. Drinnen zwei junge Burschen. Der Fahrer liess den Wagen auf dem Parkplatz schleudern. Es war halt so schon glatt…

 

Mitgehangen, mitgefangen – ein “Doppelpack Pussies”

Wir stolperten derweil weiter nach unten, ich Nico im Kindersitz im linken Arm. Plötzlich ein Hupen.  Eigentlich unverschämt uns hier vom Weg zu nötigen. Ich machte einen Schritt zur Seite – und schon war es passiert! Ich flog so schnell, so schnell konnte ich gar nicht gucken. Neben mir ging Nico in seinem Stuhl zu Boden, Olga hampelte derweil irgendwo am Rande vor sich hin. Hinter mir war bereits das Auto. Zuerst fuhr es gegen mich, was ich in diesem Moment gar nicht merkte. Ich versuchte nur wegzukommen. Dann erwischte das Auto Nicos Stuhl. Olga schrie wie am Spiess und versuchte verzweifelt das Auto wegzuschieben.

Bei mir lief dann plotzlich ein ganz anderer Film: ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich zwei Halbstarke im Auto sah, die uns platt machen wollten. Ich sprang auf. Der kürzeste Weg zum Auto war das offene Beifahrerfester. Ich stürmte drauf los, sah die beiden Typen, die uns bedrohten und schlug zu. Dem Erstbesten, den ich bekommen konnte, wurde “eingeschenkt”. Voll auf die Glocke! Ich schaute nach Nico, der schreiend im Stuhl lag und zappelte. Gott sei Dank!!!! Ihm schien es gut zu gehen. Olga war unter Strom. Ich wandte mich den beiden zu, die nur im Auto sassen und auch schrien! Die zitterten vor Angst! Lol! Der Fahrer war bleich, stammelte nur etwas, dass er nicht hätte bremsen können und der Beifahrer, der was auf`s Auge bekommen hatte,  schrie wie am Spiess.

Olga war außer sich. Als sie die beiden kreischen sah, schrie sie nur: “Was schreit Ihr so, was seid Ihr nur für Pussies!!!” (lol 😉 )

Zunachst hatten sie noch Angst gehabt, dass ich weitermache, aber langsam beruhigte sich die Lage. Nur ¨das Auge¨ schrie noch. Ich untersuchte ihn noch kurz, aber er hatte nur etwas am Jochbein abbekommen, sozusagen “etwas angditscht“.

pussi.png

Gelungene Werbung, oder?

Wie ein Tier war ich anscheinend auf die losgegangen. Eine Affekthandlung. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich mir nicht Zeit genommen hatte zum Fahrer zu spurten. In diesem Moment aber waren beide im gleichen Boot fur mich gewesen – und eine Bedrohung für meine kleine Familie! Unvorstellbar, was alles hätte passieren können, wenn Nico nicht im Kindersitz gesessen hatte!!! Er hatte schon beim Sturz sich den Kopf verletzen konnen und mit dem Autoreifen hatte er es erst recht nicht aufnehmen konnen…

Anschliessend gingen wir trotzdem noch zum Kaffeetrinken, am Abend schrieb ich eine saftige Email an den Hauseigentümer. Am liebsten hätte ich dem auch eine rübergebraten.  Am nachsten Morgen war überall gestreut…

Der Vater des ¨Auges¨ rief mich später an. Wir trafen uns in den darauffolgenden Tagen  um noch einmal darüber in Ruhe zu sprechen. Er wollte aber für seinen Sohn eine Entschädigung haben! Dazu könne er sich an seinen Kumpel und den Hauswart wenden, der nicht gestreut hatte, war mein Kommentar dazu.

Schon etwas dreist, immerhin hatten ja beide Buben Spass daran gehabt zu schnell und etwas verrückt zu fahren! Und wenn er nicht “im Weg” gewesen wäre, hätte ich ja auch den richtigen erwischt. Halt Pech gehabt, was muss er auch auf dem Beifahrersitz sitzen und die Augen so weit aufreißen… sorry!

 

Erklärter Ex-“Nutellist”

Natürlich gab es neben diesem Ereignis noch andere Dinge, mit denen wir uns beschäftigt haben. Z.B. den Kampf gegen den Zucker. Inzwischen bin ich stolz sagen zu können, dass ich “trockener Nutellist” bin. Ja, wirklich: ich esse kein Nutella mehr! Dieses geile cremige Zeug – nix mehr für mich. Ich versuche eigentlich ganz von der “süßen Droge” wegzukommen. Der Gesundheit wegen. Doch das ist wirklich extrem schwer! Es sind eigeschleifte Verhaltensmuster: ich habe Stress oder Langeweile, also öffnet sich die Luke und die Beisswerkzeuge werden aktiv.

“Immer rinn in die hohle Birne”  Das, was für alkoholische Getränke gilt, gilt für die Droge Zucker schon lange. Und: ist auch für unter 18 Jahren kein Problem zu bekommen und gesellschaftlich voll akzeptiert. Ich sehe allerdings so viele Diabetiker auf der Arbeit, dass mir regelmäßig schlecht wird. Der Kampf gegen die Sucht ist hart, was sich auch daran zeigt, dass ich gerade einen Schokoriegel zwischen den Zähnchen habe…

 

“Repatriation”

Und sonst? Wir bereiten unseren Weggang aus Schweden vor. Ja, Ihr habt richtig gelesen, wir haben genug gefroren hier oben. Zurück in die Heimat. Wie, wann und wohin genau, das werde ich beim nächsten Mal genauer beschreiben…