Abrechnung – Teil 3

„Warum Schweden?“

Wie versprochen, geht´s jetzt ans Eingemachte. Beginnen wir mit der o.g. Frage. Das wird sich der ein oder andere auch gefragt haben. Wie ich schon vorher schrieb, wird Schweden bei deutschen Ärzten besonders wegen der sog. „work-life-balance“ geschätzt, also das Verhältnis zwischen Arbeitsbelastung und Lebensualität könnte man sagen. Zumindest suggeriert es dieser Ausdruck. Da ist generell auch etwas dran, wenn auch nicht für jeden und nicht überall. Als ich 2010 in einem kleinen Potsdamer Krankenhaus anfing, war mir nach 3 Wochen klar: Ich muss mich entscheiden. Entweder Karriere oder Familie. Ich entschied mich für die Familie, und das war auch der Grund für unsere Hin- und Herreiserei in den letzten Jahren.

Schweden –  Als deutscher Arzt angeblich sehr geschätzt. Man geht pünktlich nach Hause, keine Überstunden, nette Kollegen, flache Hierarchien. Das stimmt teilweise auch. Aber die Hauptmotivation für uns nach Schweden zu kommen bestand in der Möglichkeit, eine gute Weiterbildung zu bekommen und dabei auch noch ein Leben zu haben.

Vårdcentral Rättvik

 Eine bessere Ausbildung als in Deutschland

Rein beruflich war das der Hauptgrund. In Deutschland ist die Ausbildung  zum Allgemeinmediziner oftmals ein Spießrutenlauf. Zum Einen ist man billige Arbeitskraft und nicht besonders geschätzt:

“Allgemeinmediziner wird der, der nicht weiß, was er mit seinem Studium anfangen soll, und möglichst billig einen Facharzt haben will. Nicht viel machen müssen und anschliessend Omas bequatschen, Rezepte, Globuli und anderen Müll verteilen. Also: keine Ahnung haben und sich ausruhen.”

So ein Bild bekommt man oft vermittelt. Die Realität sieht so aus: Allgemeinmediziner haben in Deutschland keine Lobby. Bezahlt wird nicht nach Arbeit, sondern nach allem, was man in Zahlen fassen kann. Also z.B. Eingriffe: wieviele Hüften, Herzkatheteruntersuchungen usw., auch wenn diese mitunter unnötig sind. Die Kohle muss fliessen! Der Patient als Objekt, der Arzt als Gerät und das Krankenhaus ist die Fabrik. Mehere „Prozessoptimierungen“ wurden wirklich aus der Industrie übernommen.

 

Der Patient als fette blöde Kuh, der Arzt am dicken Euter

Auch wenn es dort längst nicht mehr so viel zu holen gibt, so kämpfen viele Fachdisziplinen um den besten “Zapfplatz”. Und der Allgemeinmediziner? Der zieht schlichtweg an der falschen Stelle, vielleicht am Ohrläppchen oder mißt den Blutdruck… Zumindest wenn es um den wirtschaftlichen Aspekt geht scheint es so. Wie kann man denn ein Gespräch mit einem depressiven, „gewinnbringend“ abrechnen, der vielleicht noch drei oder fünfmal im Quartal oder Monat kommt?

 

„Facharsch für Allgemeingedönse“

Der angehende „Allgemeini“ ist ein beschwerlicher Kostenfaktor. Warum in einem Fach ausbilden, wenn er nach einem halben Jahr sowieso wieder verschwindet? Natürlich können kleine Krankenhäuser sich so etwas nicht leisten. Ausbildung muss sich lohnen und ein Assistenzarzt im 3. Jahr HNO kann eben schon verschiedene operative Eingriffe alleine machen und „rechnet“ sich. Und der Allgemeinmediziner? Nase-gucken kann er auch alleine vor dem Spiegel.

 

Ausbildung als Puzzle

Die „Rotationen“ in Deutschland muss man sich selber zusammenbasteln. In einem Krankenhaus der mittleren Größe kann z.B. ein Internist oft die gesamte Facharztausbildung durchlaufen, vorrausgesetzt er bekommt seinen 2-Jahresvertrag verlängert. In vielen Kliniken wird dann eine Rotation geplant, sodaß er nach 6 Jahren etwa fertiger Facharzt ist, womöglich noch mit Schwerpunktbezeichnung (z.B. FA für Innere Medizin und Kardiologie). Ansonsten muss man sich auch mal ab und zu einen andern Arbeitgeber suchen, aber das ist eher die Ausnahme.

Wir sind previlegiert: wir haben ein Röntgen

Wir sind previlegiert in Rättvik: wir haben ein Röntgen!

Der angehende Hausarzt muss sich hingegen immer wieder neu bewerben, egal ob Krankenhaus oder Praxis. Das ist natürlich nervenaufreibend und verlangt eine gewisse Zigeunernatur. Wenn man sich dann für einen Praxisarbeitsplatz entschieden hat, so ist die Arbeit dort mit erheblichen Einkommenseinbußen verbunden. Während ich im zweiten Jahr an einem Krankenhaus auf etwa 2800 Euro netto kam (mit Nachtdiensten über 3000 Euro), hatte ich in der Praxis lediglich 2100 Euro! Und das ist ein bedeutender Unterschied! Inzwischen gibt es ja die Initiative für die Ausbildung der Hausärzte, bei der die Praxisinhaber bezuschußt werden, sofern sie einen Weiterbildungsassistenten der Allgemeinmedizin anstellen. Wieviel dann davon aber an diesen dann weitergereicht wird, weiß ich nicht genau. Damals habe ich wie gesagt ein Quentchen bekommen, genug um zu überleben, inzwischen soll man davon aber leben können (Danke für die Info, Susanna!), sodaß es inzwischen anscheinend wirklich etwas besser aussieht.

 

Schweden als Vorbild – eigentlich

Und in Schweden? Zum Einen haben die Fachärzte für Allgemeinmedizin generell einen etwas besseren Stellenwert, zum Anderen werden sie besser bezahlt (ein paar hundert Euro mehr). Auch die Ausbildung ist strukturierter. Als ST-läkare (Arzt in Weiterbildung) hat man eine feste ST-Stelle bis zum Ende der Ausbildung. Ich habe z.B. einen unbefristeten Vertrag bekommen. Jeder ST hat einen persönlichen handledere (“Anleiter”), der einen in allen Fragen der alltäglichen Arbeit zur Seite steht und einmal in der Woche ein Weiterbildungsgespräch führt. Ausserdem hat man als ST einmal in der Woche einen halben Tag als Studienzeit zur Verfügung. Die nächste Instanz in der Ausbildungspyramide ist der „Studierektor“. Das ist ein Kollege, der mehere ST in einem Gebiet (bei mir z.B. Nordwest-Dalarna) betreut. Mit diesem werden Ausbildungsinhalte, v.a. Rotationen und Wünsche besprochen. Rotationen werden von ihm organisiert, sodaß man also einen festen Plan in die Hände bekommt, wann welche Rotation gemacht wird. So wurde bisher gefordert, dass ein angehender „Distriktsläkare“ (Allgemeinmediziner) in der Augenheilkunde, Gynäkologie, HNO, Kinderheilkunde, Chirurgie, Orthopädie, Inner Medizin usw. Erfahrung sammelt, ehe er sich zur Prüfung anmeldet. Diese ist wiederum freiwillig (hä? – Hab ich auch nicht recht verstanden, was das dann für einen Sinn macht). Zusätzlich muss man eine kleine wissenschaftliche Arbeit schreiben, dessen Thema man sich aussuchen kann. Dafür gibt es dann auch noch einen Kurs und einen wissenschaftlichen Supervisor als Hilfe.

Wenn man das so betrachtet, dann kann man in Deutschland schon neidisch werden. Und das war auch der Grund, um hierher zu kommen: Eine fundierte Ausbildung, nicht so wie in Deutschland, wo man statt Kinderheilkunde einen 2-wöchigen Kurs machen kann und anschliessend X Stunden in einer Praxis hospitieren muss. Wohlgemerkt muss man dem Praxisbetreiber etwas dafür bezahlen und dann kann man das Ganze entweder im Urlaub machen, oder nach der eigenen Arbeit!

Arztzimmer

Arztzimmer

 

Falsch deklarierte Ware

Also nix wie weg nach Schweden, dachten wir uns. Da ich schon mehere Fachrichtungen durchlaufen habe, wurde mir gesagt, dass ich meine Ausbildung “nur noch komplett machen” müsse. Etwa 2-3 Jahre inkl. Sprachkurs wurden mir suggeriert. Keine konnte mir genau sagen, was alles angerechnet wird, aber Gesamtpaket sah vielversprechend aus. Wenn ich von den Versprechungen die Hälfte abschnitt, so kam ich in den anscheinend realistischen Bereich, der für mich immer noch attraktiv erschien. Ausserdem muss man auch ein gewisses Risiko eingehen…

Nach dem Sprachkurs fing im im Januar diesen Jahres richtig an zu arbeiten. Die Kollegen erschienen nett, die Chefin etwas zu distanzgemindert und die Patienten sowie einige Schwestern fragten mich mit großen Augen, ob ich denn jetzt etwas länger bleibe (als die anderen). Aha...

Im Frühjar diesen Jahres war dann angedacht gewesen, dass ich meinen Studirektor treffen sollte. Wir wollten einen Plan machen, damit man etwas für den Herbst organisieren könnte. Im Sommer ist eh niemand da, also muss man bis Mai alles unter Dach und Fach haben. Nachdem ich selbst und meine Chefin mehrmals versucht hatten meinen Studirektor zu einem Treffen zu bewegen, wurde es still. Mehrfach sagte er kurzfristig Treffen ab. Auf einem ST-Treffen, bei dem wir am Rande sprechen wollten, ging ich auf ihn zu. „Ach so? Wir wollten heute reden? Das ist jetzt aber ungünstig“. Aha…

Im Juli (!) klappte es dann schliesslich. „Aber um etwas für den Herbst zu organisieren ist es jetzt zu spät“.  – Gesichtsmassage gefällig? Ich hätte ihn an die Wand klatschen können, aber die erworbenen diplomatischen Kenntnisse liessen nur ein mildes Lächeln zu. Und was wird mir anerkannt? Das roch jetzt langsam nach Mogelpackung…

 

„Jetzt mal runter mit den Hosen!“

Im Herbst trafen wir uns wieder. Diesmal mit der Idee einen Plan zu machen. Äh Moment, wollten wir das nicht schon vor dem Sommer machen? „Also Innere Medizin, Kinderheilkunde, HNO, Orthopädie, Chirurgie… musste Du ja noch machen.“

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Ach ja, Bahrain… Die Tasse habe ich bewußt gewählt…

Aha, und was wird mir dann anerkannt? Warum soll ich noch einmal 3 Monate Innere Medizin machen? Und Orthopädie? Hä? „Naja, das ist so…. blablabla…“ war die Antwort. Ich muss dazu sagen, dass mein Studirektor aus Skåne (sprich Skone) in Südschweden kommt. Wenn er redet versteht ich ihn nur mit einem Höchstmaß an Konzentration. Und er redete schnell. Dieser Dialekt klingt so, wie wenn ein Sachse Schwedisch spricht, nur noch viel schlimmer.

Ich fragte mehrmals nach, was mir denn nun endlich anerkannt wird, und als ich ihn nun endlich auf eine Aussage festnageln wollte, sagte er: „Meine Chefin kann ein qualified guessing machen“. Bitte was? Qualified guessing? Also Rätselraten für Fortgeschrittene? Wie wäre es denn mal mit einer richtigen Aussage? Ob es denn einen Kontakt bei der zuständigen Behörde gebe (dem Socialstyrelsen), fragte ich. Wieder nur Herumgedruckse. Ich war kurz davor an Ort und Stelle meinen Darm zu entleeren. Nach einigem Hin- und Her dann die Antwort: Nein, man könne nicht fragen. Wieso? Telefon? Email? Schließlich gab er dann zu, dass sie keinen Kontakt haben, keinen Ansprechpartner, keine Email, kein Telefon. Die einzige Möglichkeit: wenn man gedenkt, Facharztreife zu haben, kann man alles hinschicken, und  die Behörde sagt einem dann, was man noch alles machen muss. Kann also gut sein, dass man dann noch ein oder zwei oder… Jahre dranhängen muss. Ausserdem kostet diese „Anmeldung“ (Auskunft) gut 200 Euro… Hä, Wa???

Ich lass das jetzt mal so stehen, aber Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, was mir da so alles durch den Kopf gegangen ist.

Meine Chefin meinte, solange das ST läuft “ist doch alles super, ist doch egal, wie lange es dauert”. Eine Meinung, die ich nicht teile (Mann bin ich diplomatisch geworden), aber dafür bin ich zu Deutsch, also zu zielorientiert. In der Tat brauchen viele Kollegen (egal welcher Fachrichtung) unendlich lange. Ein deutscher Kollege berichtete es mir ebenfalls. Sie fühlen sich wohl, weniger Verantwortung, erst einmal Kinder gebären, Häuschen basteln usw. …

 

Mach doch was Du willst!

Wenn man sich einmal die „Weiterbildungsordnung“ anschaut, so gab es auch hier etliche Neuerungen in den letzten Jahren. Inzwischen sind die Beschreibungen so wässrig, dass es gar keine Pflichtrotationen mehr gibt, wenn man genau liest. Theoretisch kann man also die Weiterbildung so gestalten wie man will. Aber: Wird das dann auch vom Socialstyrelsen anerkannt? Das kann man wieder unter qualified guessing verbuchen…

Ich habe einen Kollegen, der eigentlich Facharzt für Augenheilkunde ist. Nach meheren Jahren hat er sich enstschieden noch den Allgemeinmediziner zu machen. Er möchte z.B. keinerlei Innere Medizin machen, was ich für totalen Quatsch halte. Wahrscheinlich möchte er Rettungsstellendienste  umgehen, die ein gewisses Stresslevel bereithalten und arbeitsaufwendig sind. Aber ein Allgemeinmediziner, dessen Arbeit sich zumindest 50-70% um innere Erkrankungen dreht ohne Innere Medizin? Natürlich muss man dazu sagen, dass die Arbeit in der Primärversorgung eine ganz andere ist, als im Krankenhaus. Klar sind Medikamente und Behandlungsstrategien dieselben, aber die Patienten in der Allgemeinmedizin gehen anschliessend nach Hause. Kontrolltermin? Wenn die allein wohnende Oma womöglich wegen meinem Blutdruckmittel jetzt aus den Latschen kippt, zu Hause mit geborchenen Oberschenkelhals 3 Tage auf dem Boden liegt, dann müssen andere Regeln gelten. Allerdings ist das Lernen und Arbeiten im Krankenhaus in der Inneren Medizin ein gewisser Grundpfeiler. Nur: was will ein schwedischer Arzt in 3 oder auch 5 Monaten lernen, was ich in 1,5 Jahren nicht sicher beherrschen kann?

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Alle medizinischen Einrichtungen auf der Welt sehen wohl ähnlich aus…

“Work-Life-Balance”

Das, womit so eifrig geworben wird, stimmt auch nur teilweise. „Keine Überstunden“ lautet die Devise. Weil jede Überstunde entweder in Freizeit oder Geld ausgeglichen wird (also der Mitarbeiter an einer anderen Stelle fehlt oder mehr kostet), darf man quasie keine Überstunden machen. Was sich zuerst schonend anhört wird total verdreht. Tatsächlich verbringen wir nur einen Teil mit den Patienten, ein großer Teil geht für „Administration“ drauf. Das was so nach Sekretärsarbeit klingt ist im Endeffekt auch Patientenarbeit: Laborbefunde durchgehen, Rezepte, Überweisungen… Alles in allem eine kraftraubende Sache. Selbst ein kleines Labor kann zu einer komplexen internistischen Detektivarbeit ausarten und keiner von den Schwestern (incl. Chefin) versteht, dass das nicht nur abzuhaken ist. Jeder kleine Zettel, jede kleine Überweisung ist mit großem Aufwand verbunden. So kommt es, dass einige Kollegen bis spät in den Abend (z.B. 22 Uhr) sitzen, am Wochenende kommen, oder sich Arbeit nach Hause mitnehmen! Anschliessend hagelt es Kritik von Seiten der Chefin, warum man denn nun schon wieder so viele Extrastunden gemacht hat.

Ich mache das nicht. Da hört der Spaß endgültig auf. Es gibt kaum einen schwedischen Kollegen in meiner Vårdcentral, der kein Burnout hatte. Es gibt Kollegen, die deswegen 1,5 Jahre krank geschrieben waren. Bei dem einen meinte die Versicherung (als er anschliessend mit Teilzeit wieder einstieg), er könne ja als zweiten Job Gras mähen gehen… Er entschied sich für den Vorruhestand.

Was das „handledning“ (Anleitung, Arbeit unter Supervision) angeht, so sieht es nicht viel besser aus. Also einfach nur Arbeit. Also das hätte ich auch in Deutschland haben können, dafür muss man nicht ins Ausland gehen und eine neue Sprache lernen.

 

Fazit:

Ein zusammenfassendes Statement abzugeben ist nicht einfach, die Facetten des Lebens (wie immer) zu vielfältig. Wir haben sehr viele schöne Sachen hier erfahren, auch Freunde gefunden, die wir nicht verlieren wollen, aber dennoch muss man sich fragen: Wo soll die Reise hingehen? Falun als Stadt ist ein Abstellgleis. Die Ausbildung droht zu einer „unendlichen Geschichte“ zu werden und nicht unbedingt die langen Winter machen uns zu schaffen, sondern die Art, Lebens- und Arbeitsweise.  Es ist eben nicht alles „lagom“ und fair verteilt.

Für Aspiranten, die gerade am Anfang ihrer Facharztausbildung stehen, oder Kollegen mit Facharzt, die vielleicht noch eine Subspezialisierung erlangen wollen, lohnt es sich eher nach Schweden zu kommen.

Trotzdem: Ich muß noch einmal betonen, daß wir jetzt nicht “total enttäuscht” und haßerfüllt unsere Köfferchen packen. Wir haben in den letzten Monaten auch sehr viele nette, wunderbare Menschen kennengelernt, Chancen bekommen, die wir so ohne weiteres nicht in Deutschland bekommen hätten. Das muss man auch ganz klar sagen. Wir sind trotz aller Distanz immer wieder sehr offen aufgenommen worden, was uns dann immer wieder erstaunt hat.

Schweden ist auch sehr kinderfreundlich, auch wenn es manchmal übertrieben wird. Das ist nicht zu unterschätzen. Dennoch nicht gerade leicht in der Ferne ohne Familienunterstützung die ersten Schritte als kleine Familie zu machen, zumal das Netzwerk mit anderen Familien und Freunden (noch) nicht so ausgebaut ist.

Am wichtigsten: Wir sehen uns hier nicht als Einwanderer, wir wollen keine Wurzeln schlagen, das haben wir inzwischen für uns festgelegt.

Was das jedoch genu heißt und welche Pläne uns durch den Kopf gehen, das behalten wir vorserst für uns 😉

 

Abrechnung Teil 2

Nachdem ich in meinem letzten Blogbeitrag etwas allgemein unsere Erlebnisse geschildert habe, so will ich mich jetzt mal langsam an die spannenderen Themen heranwagen.

Doch bevor ich loslege noch eine Bemerkung: Wie Ihr sicherlich gemerkt habt, unterlaufen mir immer wieder mal ein paar Rechtschreibfehler und eventuell ist mancher Satz stilistisch wert, zweimal gelesen zu werden (damit man ihn versteht).  Wenn man eine Weile nicht mehr in Deutschland lebt und hauptsächlich in anderen Sprachen kommuniziert und schreibt, so verändern sich manchmal etwas die Ausdrucksweisen, die Satzzeichen, Groß- und Kleinschreibung uswIch bitte Nachsicht walten zu lassen…

 

„Die Hölle für Patienten, das Paradis für Ärzte“

Beginnen wir mit dem Gesundheitswesen. Als ich das erste Mal hörte, dass Schweden ein schlecht(er)es Gesundheitssystem hat, wollte ich es gar nicht recht glauben. Ein reiches skandinavisches Land mit nur wenigen Einwohnern (9 Mio) mit einer schlechten Versorgung? Als nächstes hörte ich Aussagen, wie „Schweden – die Hölle für Patienten, das Paradis für Ärzte“. Aha, na mir als Arzt gefällt der zweite Teil des Satzes ganz gut, auch wenn mir die Patienten leid tun. Aber, so ganz stimmt das alles nicht, leider und auch zum Glück. Es gibt sicherlich schlimmere Orte für Patienten, aber auch bessere für Ärzte. Während in den vergangenen 10-15 Jahren die skandinavischen Länder offensiv rekrutiert haben, so sind heutzutage Angebote med bezahltem Sprachkurs, Hilfe bei Unterkunft, Umzugskostenübernahme, Kindertagesstätte usw, selten geworden. Einzig das Land Dalarna bietet noch solche Angebote, sofern ich weiss. In den letzten Jahren hat sich der Markt etwas gesättigt, auch wenn es nach wie  vor noch Bedarf, vor allem für Fachärzte aller Art, besonders Allgemeinmediziner gibt. Das ist die Folge eines, wie ich es nenne, „akademischen Migrantenstadels“, einer Bewegung von Wirtschaftsflüchtlingen in weiss. Während die Ost- und Südosteuropäer nach Deutschland strömen und in manchen Krankenhäusern deutschsprachige Ärzte Mangelware sind, strömen wir nach Norden, z.B. nach Schweden. Die schwedischen Ärzte (und Krankenschwestern) hecheln dem richtig großen Geld im Nachbarland Norwegen hinterher, das nach wie vor extrem gut bezahlt. Es gibt Krankenschwestern, die für 2 Wochen in Norwegen arbeiten und fast genauso viel auf das Konto überwiesen bekommen, wie für 4 Wochen in Schweden! Und das „Beste“: die Norweger wissen den „Fleiß“ der Schweden zu schätzen, sagte man mir… In unserem Sprachkurs löste das ein großes Gelächter aus…

Während das Nachbarland eigentlich nur fertige, erfahrene Fachärzte nimmt, kann man in Schweden eine Stelle als ST-läkare (specialist-tjänstegöring = in Ausbildung zum Spezialisten = Facharzt, läkare = Arzt) ergattern, was allerdings in den meisten Bereichen nicht einfach ist. Allein in der Allgemeinmedizin bekommt man die Stellen hinterher geworfen, von Skåne im Süden bis Kiruna im hohen Norden.

Wie dieser Marktplatz, so liegt vieles in Schweden scheinbar im Dunkeln und im Nebel

Wie dieser Marktplatz in Falun, so liegt vieles in Schweden scheinbar im Dunkeln und im Nebel

Das schwedische System wurde inzwischen dahingehend verändert, dass heutzutage eine Weiterbildung fest an eine ST-Stelle gebunden ist. Während man in Deutschland ja nur noch z.B. 2-Jahresverträge bekommt und dann ggf. das Krankenhaus wechseln muss, ist man mit seiner ST-Stelle an den Arbeitgeber (fast immer staatlich) gebunden und durchläuft hier die gesamte Ausbildung. Das funktioniert solange hervorragend, solange man zufrieden ist. Möchte oder muss man den Ort wechseln, so beginnt (wieder) der harte Kampf um eine ST-Stelle. Oder man begnügt sich mit einer „Vikariat“-Stelle. Früher lief das meistens so ab, und die angehenden Fachärzte suchten sich mit meheren Vikariat-Stellen ihre Facharztausbildung zusammen. Heutzutage ist also der Wechsel schwieriger, zumal eine Vikariat-Stelle meistens auf ein halbes oder ganzes Jahr begrenzt ist.

 

Nie wieder Nutella

Am Anfang fand ich es lustig: die schwedischen Ärzte haben 5-7 Patienten am Tag und fühlen sich geschlaucht. LoL!  In Deutschland hat man mitunter das 10-fache! Muss doch ganz entspannt sein, oder? Und warum will keiner Allgemeinmedizin machen? Warum mach ich das? Wer gerne mit Menschen zu tun hat, nicht besonders prestigeorientiert ist, sich gerne um seine Patienten kümmert und kein Alleswisser über ein mikroskopisch kleines Gebiet werden möchte, der wird Allgemeinmediziner. Hausarzt. Also einer, der über alles nix weiß, während die anderen alles über nix wissen. Soviel zu den bekannten Vorurteilen. In Schweden macht der Allgemeinmediziner weitaus mehr als in Deutschland: Hautbiopsien, Hautexzisonen, Lipomentfernung, Augenuntersuchung inkl. Augendruck und Augenhintergrund, HNO-Grunduntersuchungen, manchmal auch gynäkologische Untersuchungen (was beim Altersdurchschnitt der lokalen Bevölkerung kein Zuckerschlecken ist – Mann, das war lustig ausgedrückt) und auch schmackhafte Rektoskopien. Übrigens: Seitdem letztens ein Patient vergessen hatte sich den Darm mit dem Klistier zu säubern, esse ich kein Nutella mehr. Nur soviel dazu.

 

„Um krank sein zu dürfen, muss man gesund sein“

Hab ich was vergessen? Ach ja, Internist, Neurologe und Psychater darf ich auch spielen, wie auch Gutachter und ein paar andere Sachen auch noch. Man darf, dachte ich immer. Besser trifft es aber: man muss.

Diese breit aufgestellte Fachdisziplin ist weit mehr als die Summe der einzelnen Dinge, und das war es auch was mich reizte. In Wirklichkeit entsteht hier in Schweden diese große Vielfalt an Tätigkeiten durch einen eklatanten Mangel und Fehlinterpretation von Prioritäten und Kompetenzen. Schweden, das Land mit der höchsten Spezialistendichte (auf Einwohner halt bezogen) schafft es nicht eine gut funktionierende Versorgung auf die Beine zu stellen!

Doch schauen wir erst einmal, wie es einem Patienten ergeht: Um einen Arzttermin zu bekommen, muss man erst einmal bei der Vårdcentral anrufen. Dort meldet sich dann (nur auf Schwedisch 😉 ) ein Anrufbeantworter, auf dem man seine Personnummer hinterlassen muss (wenn man sie denn hat 😉 ). Man wird dann von einer Krankenschwester um eine bestimmte Uhrzeit zurückgerufen, die dann einschätzt, ob man einen Arzttermin braucht, oder ob es mit ein paar guten Worten und Hausmittelchen vielleicht reicht. Da es zu wenig Ärzte gibt und entsprechend die Termine knapp sind, stellen die Patienten in der Regel ihre Beschwerden schlimmer dar, als sie wirklich sind. So bekommen sie hoffentlich einen Termin, vielleicht schon in 3-4 Wochen. Geht man selbst zur Rezeption in der Vårdcentralso kann es sein, dass die Dame hinter dem Schalter schon überfordert ist.

Als ich mit meiner Sprachkurskollegin mal zu Vårdcentral hier in Falun gegangen bin, um einen Termin zu vereinbaren, so bekam der junge Mann schon bei unserem bloßen Anblick Schnappatmung. In holprigen Englisch wies er uns immer wieder darauf hin, dass wir anrufen müssten. Wir hingegen versuchten zu erklären, dass wir nix verstehen und dass wir noch keine Personnummer hätten. Naja, das löste sich dann irgendwann.

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Symbole mit wenig Raum für Interpretation

Die Patienten warten also in der Regel wochenlang auf einen Termin  beim Allgemeinarzt, während man das ja in Deutschland eher von Spezialisten gewohnt ist.

Wenn die Patienten dann erst einmal beim Arzt sind, so nutzen sie natürlich die Chance und tragen mehere Anliegen vor. Immerhin weiß man ja nicht, wann man das nächste Mal einen Termin bekommt.

In der Allgemeinmedizin gestaltet sich die Gesprächsführung schwieriger als in anderen Fächern, weil man ja der ist, der für alles da ist. Spezialisten haben oftmals einen konkreten Auftrag mit meistens präzisen Symptombeschreibungen („das Knie, Herr Doktor“). Als allgemeinmedizinisch arbeitender Arzt hat man es meistens jedoch mit vagen Beschreibungen wie Müdigkeit, „mir tut alles weh“ oder gar „ich fühl mich so komisch“ zu tun. Man muss sich da so durchwurschteln, bis man in etwa an den Kern des Problems gelangt ist. Hat der Patient denn wirklich etwas oder ist es in Wirklichkeit nur die erdrückende Einsamkeit? Vor allem die Fragen „Hat der Patient eine gefährliche Erkrankung oder nicht?“ und: „Habe ich für die weitere Detektivarbeit Zeit, oder muss der Patient in den nächsten 2 Wochen durchdiagnostiert sein?“ sind schwer zu beantworten. Zwischen den ganzen „Befindlichkeitsstörungen“ muss man also die „richtigen Patienten“ herausfischen.

Der Spruch „Jeder Hausarzt hat seinen eigenen Friedhof“ trifft das ganz gut, wobei ich nicht weiß, ob die der schwedischen Allgemeinärzte größer sind als die der deutschen…

Ganz im Ernst: Nicht etwa mangelndes Wissen, sondern das schier Unmögliche einen Patienten zu überweisen stellt oft das entscheidende Problem dar! Während in den meisten anderen Ländern „Vielen Dank für die freundliche Überweisung!“ auf dem Antwortschreiben steht, weigern sich schlichtweg die Fachärzte in den Krankenhäusern, Patienten anzunehmen. So reichen starke Magenschmerzen mit Erbrechen und langjährige Einnahme von Schmerzmittel wie Diclofenac (die die Magenschleimhaut angreifen) nicht aus, um zügig eine Magenspiegelung durchzuführen. Nein, es müssen erst „Alarmzeichen“ vorhanden sein… Hä, wie? Also wenn der Patient Blut kotzt, dann darf man mal anfragen???

Auf den abgewiesenen Überweisungen wird auf die Fülle der Überweisungen verwiesen und daß man diese und jene und noch 10 andere Untersuchungen und Therapieversuche unternehmen muß, bevor der Patient akzeptiert wird. Dann kommt er meist auf eine Warteliste.

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Wenigstens hier kümmert sich einer: kostenlose “Gummis” für die Jugend, verteilt (wie passend) von der Hebamme

Wartelisten sind auch so ein tolles Phänomen. Wenn ich z.B. eine Patientin habe, bei der ich eine Herzerkrankung vermute, so kann ich sie nicht einfach zum Ultraschall, Belastungs-EKG oder 24-Stunden-EKG überweisen. Selbst wenn sie dann akzeptiert wird, so muss sie mehere Monate auf die Untersuchung warten! Letztens bekam ich eine Antwort auf eine Überweisung, die meine Kollegin vor etwa einem Jahr abgeschickt hatte. Zudem kommen mitunter dumme Bemerkungen und generell herrscht ein gewisse Abwertung bzgl. der Kompetenz der Allgemeinärzte vor.

Das Problem in der Allgemeinmedizin ist, dass man auf andere Diziplinen mehr angewiesen ist, als die meisten anderen. Während man den Fortgang der Untersuchungen und Therapien dirigieren soll, wird man zeitgleich daran gehindert. Der Allgemeinmediziner (Facharzt) bekommt zwar ein kleinwenig mehr Geld als die anderen Disziplinen, hat aber nicht die Autorität, Prozeduren durchzusetzen, und darf sich anschliessend verantwortlich fühlen für den ausbleibenden Therapieerfolg.

Der bürokratische Aufwand für die „Allgemeinis“  ist erdrückend. Neben der ärztlichen Aufgabe müssen wir auch noch Krankschreibungen ausfüllen, die anders als in Deutschland von der Versicherung genehmigt werden müssen. Also nicht ich als Arzt, sondern die Versicherungsmitarbeiter entschreiden, ob jemand krank ist oder nicht! Besonders frustrierend ist jedoch, dass diese Mitarbeiter keinerlei medizinische Ausbildung genossen haben!!! Man neigt dazu zu hoffen, daß sie mit etwas Glück bei ihren Doktorspielen dazugelernt oder zumindest Emergency Room geschaut haben. Anfangs wunderte ich mich, dass ich Krankschreibungen zurück bekam. Ich verstand das nicht und ein älterer Kollege erklärte mir dann, dass ich quasi in Babysprache schreiben muss, weil die es sonst nicht verstünden…

Mehr noch: es soll die Zahl der Krankschreibungen gesenkt werden. Dazu erhalten die Mitarbeiter Punkte, was sich dann positiv auf den Lohn auswirkt…

Die Krankschreibung selbst umfaßt 2 DIN-A4 Seiten (elektronisch). Darauf muss u.a. ausgeführt werden, wie weitreichend die Funktionsbegrenzungen ausgeprägt sind, was aber nicht immer möglich ist. Wenn etwas für nicht ausreichend betrachtet wird, so bekommt man die Krankschreibung zurück und man darf ergänzen. Während ich für so eine Bescheinigung etwa 45-60 min brauche, verschiebt sich meine Sprechstunde nach hinten.

 

Sozialismus in Weiss

Im Sozialismus ist ja eine Aufhebung der Klassenunterschiede verankert. In der Sowjetunion wurde gleich ein großer Teil der Intelligenz unter Stalin verheizt. Der Arbeiter und Bauer ist mehr wert als der Akademiker, der sich nicht die Hände schmutzig macht. Wenn es um einen Vergleich geht, dann ist das schwedische Gesundheitssystem was den Umgang der Berufsgruppen angeht 200% sozialistisch. Josef hätte seine Freude. Schon in der Ausbildung lernen angehende Krankenschwestern, Anordnungen des Arztes in Frage zu stellen. Die Krankenschwester weiss es eh besser und überhaupt hat man etwas gegen das althergebrachte Hierarchiesystem in der Medizin. Grundsätzlich kein schlechter Gedanke, aber schlichtweg pervertiert. Es kommt zu Fehlbesetzungen, Personen werden Chefs, die überhaupt keine Kompetenz besitzen. Kompetenz und Inkompetenz sind nicht an Berufe gebunden, sondern an Personen. Aber das spielt scheinbar keine Rolle. Eine Krankenschwester als Chefin ist gern gesehen und schreibt den Ärzten vor, wie lange sie Zeit für Patienten sie haben und hat ihre ganz eigene Meinung, ob man Patienten wieder einbestellen darf oder nicht, ect.

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Pünktlich zur Vorweihnachtszeit werden in allen Krankenhäuser und Vårdcentralen tonnenweise ein und dieselbe Weihnachtsdekoration auf die Gänge gekarrt und in den Zimmern verteilt. Wer nicht zur Weihnachtsfeier erscheint wird komisch angeguckt. Bei der Bundeswehr hieß das “dienstliche Veranstaltung geselliger Art”. Na dann! Frohes Drauflos-weihnachten! – Ganz “spontan” und “individuell”…

 

Noch ein schönes Beispiel: In einer anderen Vårdcentral gibt es etwas mehr Ärzte, die auch etwas engagierter sind. Dort wird z.B. eine Röntgenbesprechung abgehalten, was ich für eine tolle Idee halte. Generell guckt kaum einer in meiner Vardcentral Röntgenbilder an, was ich für sträflich halte, aber „egal, scheiß drauf“. Die Idee der Röntgenrunde fand auch die Chefin toll und wenige Tage später verkündete sie stolz, dass unsere Röntgen-Unterkrankenschwester (!) sich bereit erklärt hätte, für uns Ärzte eine kleine Fortbildung zu machen, auf was wir bei den Röntgenbildern achten sollten, wenn wir diese interpretieren… Mir sind fast die Kronen aus dem Mund gefallen!

Das ist total verdreht, vollkommen Banane! Warum nicht gleich die Putzfrau als Referentin einladen?!

Diesen kleinen Aspekt zusammen mit den anderen zeigt eigentlich, dass „das System“ wie es im schwedischen Gesundheitsweden gelebt wird, nur sich selbst und seine eigene Gelüste bedient.

Die leidtragenden sind die Patienten, die für den ganzen Blödsinn Kraft haben müssen. Aber auch an den „Distriktsläkaren“ (Allgemeinmediziner) geht das nicht spurlos vorbei. So ist ein Großteil meiner Kollegen in der Vergangenheit ausgebrannt gewesen. Sich um alles kümmern, aber dann doch der Mülleimer für alle sein.

„Das ist mit inbegriffen“ sagte ein Kollege trocken zu einer anderen Ärztin in Weiterbildung. „Deswegen arbeite ich nur 60%“. Hä? Jahrelang studiert, ausgebildet, um dann möglichst wenig zu arbeiten? Also wenn dann die große Kohle fließt und man ein schönes Leben hat OK, aber nur „um nicht auszubrennen“???

Die Kategorie  „Arzt“ soll alle anderen respektieren, während sie selbst keinen Anspruch auf Respekt äußern darf. Das ärztliche Kunst wird zu einer austauschbaren Dienstleistung „downgegraded“ (in Deutschland ja nicht anders, man ist ja fast nur noch ein ökonomischer Faktor).

Fragt Ihr jetzt wirklich noch, warum den Job keiner machen möchte?  – Und ich? Gute Frage. Warum bin ich überhaupt hergekommen, wenn das alles nicht so „dolle“ klingt?

Das werde ich Euch in Teil 3 erklären… 😉

*Ja, Ihr müßt Euch halt schon noch ein wenig gedulden ;)*

“Alles wird gut”

Abrechnung – Teil 1

 

Es ist kurz vor 10 in Falun. Donnerstag. Mein „kleines Wochenende“, wie ich es nenne. Ich habe meinen pappaledig-Tag, kann also einen Tag zu Hause verbringen. Mit Nico und Olga. Was sich erst einmal nach Ausschlafen und Gammeln anhört, ist in Wirklichkeit Arbeit. Naja, so schlimm auch nicht. An diesem Tag (und an den Wochenenden) bin ich es , der in der Früh oder in der Nacht aufstehen darf um das Jungtier zu füttern, Popochen zu polieren usw., während sich Olga mit einem Lächeln auf den Lippen umdreht. Mach ich natürlich gerne, vor allem, weil Nico wunderbar bis 5-6 Uhr durchschläft. So hat man also doch einen guten Schlaf.

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Herbst in Mittelschweden

Ich sitze bei Waynes Coffee, einem Cafe im Zentrum. Nico an meiner Seite in seinem „Porsche“, wie ich seinen Kinderwagen nenne. Inzwischen schläft er wieder. Ich sitze vor dem Laptop und gehe durch die wunderbaren Bilder aus Bahrain und Oman, die wir damals gemacht haben und bin einfach sehr glücklich und dankbar, dass wir so eine spannende Zeit erleben durften. Es ist wie eine Reise durchs Leben, eine Reise, die immer noch weitergeht. Momentan sind wir in Schweden, aber wer weiss, wie es in 5, 10 oder 15 Jahren aussehen wird?

Inzwischen haben wir 1 Jahr „rum“, und ich denke, es ist an der Zeit mal eine Bilanz, sozusage eine 1-Jahres-Bilanz zu ziehen. „Inventur“. Wo stehen wir heute? Hat es sich gelohnt? Wie lange wollen wor hier bleiben? Spannende, wie auch sensible Fragen.

Während ich bisher wie in einem Reiseblog geschrieben habe, so will ich Euch heute mal an den alltäglichen Dingen teilhaben lassen, die man nicht unbedingt als normaler Besucher so in der Form mitbekommt. Ich beschreibe etwas genauer das Leben hier, bevor ich Euch an meinem Résumé teilhaben lasse.

Meine Beschreibung spiegelt meine/unsere eigenen Erfahrungen wider bzw. so viel wie wir selbst verstanden haben. Möglich, dass wir einige Sachen falsch aufgefasst haben oder sich geändert haben.

Doch beginnen wir zunächst sanft und zärtlich…

 

Natur

Die meisten Besucher Schwedens sind begeistert von der Natur. Auch wenn es hier nicht die atemberaubenden Fjorde des Nachbarlandes gibt, so hat es doch seinen besonderen Reiz durch diesen Teil Skandinaviens zu reisen. Während im Süden die Kulturlandschaften mit geringeren Waldbeständen und ausgedehnten Feldern vorherrschen, so übernimmt nördlich der großen Seen Vänern und Vättern die unberührtere Natur das Zepter.

Seen, Flüsse und Wälder prägen die Landschaft in weiten Teilen Schwedens

Seen, Flüsse und Wälder prägen die Landschaft in weiten Teilen Schwedens

Die Besiedelung wird dünner und die Waldbestände größer. Mehr und mehr wirkt die Natur uriger und mächtiger. Wenn ich hier von Wald spreche, so meine ich nicht die „Wäldchen“ in Deutschland. In Deutschland gibt es scheinbar fast nur noch Forst, aus dem querliegende Bäume herausgezogen werden und alle Pflanzen scheibar einen festen Abstand zueinander haben müssen. Spontan fällt mir nur der Steinwald in der Oberpfalz ein, der einen ursprünglichen Charakter zeigt. Hier in Schweden (Mittelschweden und „aufwärts“) sind Wälder richtige Wälder. Herrlich!!! Wilde Bäche durchziehen das Unterholz, große Findlinge, in der Eiszeit von den Gletschern einfach liegen gelassen, Sümpfe und einsame Seen. Hier ein Häuschen an einem „eigenen“ See mit eigenem Zugang zu erstehen ist kein Problem und kostet auch (noch nicht) viel.  Ich habe sogar einen Patienten getroffen, der auf seiner eigenen kleinen Insel wohnt!

 

Wie es weiter im Norden aussieht wissen wir aus eigenen Erfahrungen nicht, aber es gibt unendlich viele schöne Stellen, an denen man Wurzeln schlagen möchte…

Die Sommerzeit ist kurz und wird auch weiter nach Norden hin immer kürzer. Schnell holt sich der Winter das Land zurück, und damit auch die Menschen. Die Tage werden kürzer, dasd Leben stirbt förmlich. Die Blätter fallen innerhalb kurzer Zeit und schon ist der Herbst vorbei. Schon im Oktober hatten wir dieses Jahr mehrfach Temperaturen knapp unter Null und am 1. November schneite es 15 cm! Das ist hier in Falun jedoch nicht ganz so häufig. Bis in den Januar hinein läßt der Schnee auf sich warten, während die Temperaturen auf weniger als -25°C sinken. Alles erscheint dunkel und wenn der erst Schnee kommt, freuen sich die Leute wie kleine Kinder. Der Grund ist einfach: es ist nicht ganz so dunkel. Alle sind draussen, wandern, laufen Ski usw. Es gibt sogar eigens für Skilanglauf kilometerlange Pisten durch den Wald, sodass man also auch in der Dunkelheit durch die Gegend schlittern kann. Das Leben erwacht gewissermassen wieder.

 

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Soziales

Schweden, oder vielleicht ganz Skandinavien, ist, naja, wie soll ich sagen, „speziell“. Ich will mal ein paar Beispiele nennen. Wenn man am Wochenende mit Freunden und Familie in ein Café gehen möchte, wie das, in dem ich gerade sitze (zentral in einer kleinen Mall), so wird man um 15.45 Uhr darauf hingewiesen, dass man bald gehen muss, weil man um 16 Uhr schliesst. Aha, geht ja schon mal gut los. Ein Cafe, dass um 16 Uhr zu macht am Sonntag, auch im Sommer!

Doch schon vorher verschwinden alle Anzeichen von Leben. Die Strassen leeren sich und nur dumme Touristen und „Aussengeländer“ wie wir stehen herum und wundern sich. Das Leben spielt sich in den eigenen vier Wänden oder in Vereinen ab.

Das kann für Ausländer, vor allem solche aus den warmen Ländern Europas oder Nahost, Afrika usw., sehr anstrengend sein. Freundschaften mit Schweden zu knüpfen ist nicht einfach, so auch für uns. Wir sprechen inzwischen die Sprache, finden uns zurecht und fühlen uns trotzdem nicht angekommen.  Am meisten haben wir Kontakt mit Nicht-Schweden.

Unsere Nachbarn sind zwar Schweden, aber sie sind unser Alter. Interessant war die Reaktion Jimmys, eines unserer Nachbarn: nachdem wir in das Haus eingezogen waren, klingelten wir an allen Türen, um uns mal vorzustellen. So auch bei Jimmy. Ein junger Mann, etwa Anfang 30, rotes Haar, mit Sommersprossen im Gesicht, öffnete. Auf unser „Hej!“ machte er erst einmal einen grossen Schritt rückwärts. Wir haben uns einige Male zum Kaffee getroffen und er ist auch ein sehr umgänglicher Schwede, allerdings muss er viel arbeiten (ja, auch solche Schweden gibt es).20160704_201352

Das Pärchen nebenan ist geschätzt Ende 20 und haben eine kleine Tochter, Annie, etwa 2 Jahre alt. Erst mit der Geburt Nicos kam ein Kontakt zustanden, den man als „lockere Nachbarschaft“ bezeichnen könnte.

Auf Arbeit klappt es ganz gut. Man fühlt sich geschätzt, aber man weiss nie genau, was die anderen über einen denken. Es ist etwa so wie in der Schweiz: alle schön nett, aber mitunter kann man sich nicht ausstehen.

 

Bürokratie

Es gibt wie immer und überall zwei Seiten der Medaille. So natürlich auch hier.

Beispiel 1: Die „personnummer“

Das Leben eines Neuankömmlings in Schweden beginnt eigentlich erst und nur mit der sogenannten „Personnummer“ (sprich perschonnümmer). Dies ist eine 12-stellige Zahl, die sich in ihren ersten acht Ziffern auch dem Geburtsdatum und vier weiteren spezifischen Ziffern zusammensetzt. Aus den letzten Ziffer kann man das Geschlecht ablesen: gerade Zahlen für Frauen, ungerade für die Männchen. Diese personnummer ist weit mehr als nur eine Ausweisnummer oder so etwas. So gut wie alles ist mit dieser Nummer verknüft. Will man ein Konto eröffnen, so braucht man diese, will man eine Wohnung mieten ebenfalls… Der Vorteil ist, dass man sich nur einmal beim Skatteverket, der Steuerbehörde, anmelden muss und anschliessend wird man automatisch bei Krankenkasse, Rentenversicherung, Arbeitslosen-dingsbums usw. angemeldet.

Das Skatteverket (Finanzamt) - ebenso "beliebt" wie in Deutschland

Logo des Skatteverkets (Finanzamt) – ebenso “beliebt” wie in Deutschland

Auch bei einem Arztbesuch ist es recht einfach. In Dalarna gibt es ein gemeinsames System, das trotz aller Mängel den großen (und vielleicht einzigen) Vorteil besitzt, dass jeder Arzt in dieser Provinz mit der Personennummer auf alle relevanten Daten des Patienten zugreifen kann. In Deutschland hat jedes Krankenhaus, jede Arztpraxis seine eigene Datenverarbeitung, die nicht verknüpft ist mit denen von anderen Krankenhäusern. Wenn also ein Patient in die Akutsprechstunde kommt, oder Rettungsstelle, so reicht ein Blick in den Computer und man weiss Bescheid über Medikamente usw., auch wenn der Patient 250 km weiter eigenlich wohnt und dort seinen Arzt hat. Der Arzt dort wiederum kann nach der Entlassung des Patienten aus dem Krankenhaus dann direkt schauen, wie dieser behandelt wurde. Es gibt auch unzählige andere Beispiele, bei denen deutlich wird, dass so ein System vieles vereinfacht.

 

Soweit die Theorie,

… doch schauen wir uns einmal die Realität an: Olga und ich haben 5 Wochen (oder sogar mehr) auf diese bekloppte Nummer gewartet. Eine Zeit, in der wir vom  deutschen Konto gelebt haben. Natürlich wurde mir das Geld nachträglich überwiesen, aber eine finanzielle Belastung war das trotzdem (und wer bezahlt mir die Gebühren für die Auslands-Barabhebungen?).

Bei uns klappte es also mehr oder weniger. Bei unseren Bekannten, Krankenschwester und –pfleger aus München plus kleinem Sohn, lief das ganze aber weit aus dem Ruder: es dauerte etwa 3 Monate! Als er wiederholt beim Skatteverket vorstellig wurde und penetrant nachhakte, was denn nun mit seinem Antrag sei, so sagte man, der Antrag wurde gerade abgeschickt nach Örebro. Wohlgemerkt: er hatte den Antrag Wochen

Sicherheit wird v.a. für Kinder groß geschrieben (Bild: "Würmchen-Geschwindigkeit")

Sicherheit wird v.a. für Kinder groß geschrieben (Bild: “Würmchen-Geschwindigkeit”)

vorher abgegeben! Und: keiner konnte mir bisher erklären, warum die Anträge in verschiedene andere Städte zur Bearbeitung geschickt werden! Meiner landete vielleicht in Kiruna (Nordschweden), Olgas vielleicht in Trelleborg…  Er musste einsehen, dass er trotz des zarten schwedischen Gemüts mal seine Freundlichkeit vergessen musste. Mit den Worten (auf Englich) „was ist denn das für eine Bananenrepublik“ und einigen anderen Dingen, ließ er „mal den Deutschen raushängen“. Mit Erfolg. Am nächsten Tag hatte er für die gesamte Familie die ersehnte Nummer… Doch damit noch kein Geld. Mit der Nummer kann man die ID-kort beantragen, eine Identitätskarte wie der Perso. Aber das dauert auch wieder 2 Wochen etwa. Mit dieser kann man dann zur Bank gehen und ein Konto eröffnen. Geld kommt aber trotzdem noch nicht, weil die Auszahltermine ja eingehalten werden müssen.

Das Geld kommt übrigens wirklich pünktlich für jeden Schweden am 27. jeden Monats, oder eben früher, wenn das ein Wochenend- oder Feiertag sein sollte.

 

Beispiel 2: Die Skatt (Steuer)

Es wird ja immer viel darüber geredet, dass alles in Skandinavien so teuer sei. Stimmt ja auch, aber in der Schweiz ist es nun wirklich nicht billiger (auch dort habe ich in Bern mal eine Dönerbude gesehen, an der der Döner etwa 9 Euro kosten sollte). In der angeblich so immens hohen Steuer ist aber u.a. schon die Krankenversicherung inbegriffen und generell relativiert sich die Ansicht „teuer“ schon etwas. Mit Steuersündern gehen die Skandinavier aber besonders unzärtlich um. In Deutschland kann ich meine Steuererklärung machen, hier muss ich. Mir war das nicht so richtig bewusst, als ich die Formulare zugeschickt bekam und mit der Geburt Nicos verpasste ich dann natürlich die Frist. Im August bekam ich dann einen Brief, in dem stand, dass (Achtung schwedische Diplomatie bzw. Ausdrucksweise!) „erwogen wird, ob“ ich eine Strafe zahlen müsste. Dazu standen die verschiedenen Bußgeldniveaus, abhängig wie lange man getrödelt hatte. Bei mir belief sich die Summe auf über 100 Euro. Na super… Man kann aber ein Statement abgeben, was ich dann auch per Email tat. Ich erklärte die Situation mit Nico usw. (erst kurz in Schweden, blablabla) und wenige Tage später bekam ich eine Antwort, dass man auf ein Bußgeld verziechte, mit dem Schlusssatz „Willkommen in Schweden!“. Das war mal etwas wirklich positives!

 

Beispiel 3: Welches Land darf’s sein? – Geographie(un)kenntisse

Die Schweden bezeichnen ihr Land in der Regel als „klein“, wobei sie die Bevölkerungszahl meinen, nicht aber die geografische Größe. Dass man in unterschiedlichen Gegenden die eigene Lage unterschiedlich betrachtet (Süd-, Mittel, Norddschweden) hatte ich vielleicht irgendwann schon einmal erwähnt. Während die einen sich in Gävle schon zu „Norrland“ zählen, so ist es für die dort oben eher Südschweden, obwohl es geografisch gesehen eher Mittelschweden ist. Naja, soviel zur Eigenwahrnehmung. Richtig abenteuerlich wird es, wenn es um andere Länder geht:

Für Nico brauchten wir einen Kinderreisepass, weil die Eintragung in den Pass der Eltern nicht mehr vorgenommen wird. Dazu brauchten wir einen Auszug vom „Skatteverket“ („Steuerwerk“, als Finanzamt, dort, wo man die lustige Personnummer bekommt). Auf diesem mussten Namen, Geburtsort und –land, Geburtsdatum, Personennummer natürlich von uns allen inkl. Nico draufstehen. Eigentlich nur ein Ausdruck, nicht so schwer. Was Olga dann aber in die Hand bekam war ein Dokument, auf dem Olga als deutsche Staatsbürgerin geführt wurde mit Geburtsort „Brest in Russland“. Ok, also die gute alte Sowjetunion gibts ja nicht mehr, schon mal gut, dass sich das auch zu den Schweden rumgesprochen hat, und auch viele Deutsche werden nicht wissen, dass Brest in Weissrussland liegt, oder dass es so etwas überhaupt gibt. Aber: Olga eine andere Nationalität zu verpassen, wobei wir alles bei der Anmeldung hier und über das Migrationsverket (Ausländerbehörde) richtig gemacht haben… das ist schon… äh.. eigenartig. Noch besser: als Olga die Dame am Schalter darauf aufmerksam machte, fragte diese, woher Olga denn solche Informationen habe… Brest nicht in Russland??? Olga verwies die Dame an GoogleMaps und irgendwie drang das (vielleicht) auch zu ihr durch. Dennoch: die Änderung der Daten könne mehere Wochen dauern. Das könne man nicht einfach so schnell machen. Hä? Wa? Wir hatten Sommer, 2 Monate später wollten wir nach Deutschland fahren und die wollte uns womöglich auf den Herbst vertrösten?? Naja, Olga hat ihren Scharm spielen lassen und am nächsten Tag bekam sie einen Anruf: sie könne das Dokument abholen. Wir waren wirklich gespannt. Dieses Mal vielleicht mal die nordkoreanische Staatsbürgerschaft? Brest in Frankreich als Geburtsort?  Aber es klappte dann doch…

 

Der gläserne Bürger
Beispiel 4: Die Abschaffung des Bargelds

Das, was in Deutschland undenkbar wäre (zumindest momentan), ist hier schon längst Realität: eine möglichst lückenlose Überwachung des Bürgers. Die Kehrseite der personnummer z.B. ist die Verknüpfung von Daten, die aus meiner Sicht nicht an andere Stellen als z.B. die Gesundheitsbehörde usw. weitergereicht werden sollten. Weiter geht es mit den EC-/Kreditkarten. Man kann so gut wie alles fast überall mit der Karte bezahlen. In Stockholm gibt es auf dem Bahnhof eine m/w-gemischte Toilette (!), die glaube ich 50 cent oder 1 Euro kostet. Auch diese kann man mit der Karte bezahlen. Bargeld wird mitunter gar nicht mehr angenommen. Mit der Erhebung und wahrscheinlich auch Speicherung der Daten kann man also sehen wann ich wo auf der öffentlichen Toilette war, oder den Parkautomaten gefüttert habe. Es hinterlässt einen fahlen Beigeschmack.

Na, einen Snack mit Karte zahlen? - Automat im Krankenhaus

Na, einen Snack mit Karte zahlen? – Automat im Krankenhaus

Weiter geht es mit Besitz bzw. Einkommen. Es ist normal, dass in der Zeitung mit Namen und Betrag steht, wer wann welches Haus oder Grundstück zu welchem Preis gekaúft hat. Mehr noch: in zeitlichen Abständen wird in der Zeitung abgedruckt, wieviel ich jeden Monat verdiene. Mit Namen und Betrag! Ich werde auch gar nicht gefragt, ob ich im Telefonbuch erscheinen möchte oder nicht. Diese Daten werden anscheinend selbstverständlich veröffentlicht. Letztens entdeckte ich mich mit Altersangabe, Telefonnummer, Adresse. Ob die auch meine Hämorrhoiden zählen? Vielleicht sollte ich lieber die Behörden fragen, ob ich überhaupt welche habe, ich geh ja davon aus, dass die inzwischen mehr über mich wissen, als ich über mich selbst! Die Schweden scheinen das als ganz normal zu empfinden. Sicherheit wird gross geschrieben, was ja eigentlich nicht verkehrt ist.

Insgesamt passt das aber zu einer „gesamtsozialistischen“ Einstellung der Bevölkerung. Schweden hatte ja mal eine sozialistisch angehauchte Phase, aber so ganz haben sie die nicht überwunden. Dazu zählt die weitverbreitete Einstellung, dass „Papa Staat“ schon alles regeln wird und muss. Da nimmt man auch eine Einschränkung der Privatsphäre in Kauf.

Beispiel 5: Das Autokennzeichen

In Schweden besteht jedes Autokennzeichen aus 3 Buchstaben und 3 Ziffern. Da steckt glaube ich auch die Angabe drin, wann das Auto zum „bilprovningen“ (so etwas wie TÜV) muss, also in welchem Monat. Das muss man nämlich jedes Jahr. Ansonsten sagen den Buchstaben und Ziffern leider nichts aus über den Wohnort des Halters, wie etwa in Deutschland.

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Des Schweden liebstes Auto: der Volvo. Hier zwei ältere Modelle, die noch nicht in China gebaut wurden… (also, die Autos meine ich…)

Bei der Ummeldung eines im Ausland zugelassenen Autos ist das etwas unständlich (Ursprungskontrolle, technische Überprüfung und allerlei andere Sachen). Schliesslich bekommt man dann das Kennzeichen, dass übrigens eine Art Identität des Autos darstellt, nicht aber des jeweiligen Besitzers. Im Gegensatz zu Deutschland bleibt das Nummernschild immer am Auto, egal wie oft der Besitzer wechselt. Jedoch steckt noch etwas Anderes, „Gewitztes“ dahinter. Wenn ich wissen möchte, wem das Auto momentan gehört, kann ich auf einer Internetseite das Kennzeichen eingeben und anschliessend wird mir zwar (zum Glück) nicht der Name genannt, aber ob das Auto einem Mann/Frau gehört und in welchem Ort derjenige wohnt. Sind wir also wieder beim Thema Datenschutz, wobei sich das vielleicht bei einer Großstadt wie Stockholm doch etwas relativiert. Hier im ländlichen Bereich könnte man jemanden aber deutlich schneller zu Hause besuchen, als es diesem recht sein dürfte.

Neben diesen Informationen kann man aber, und das denke ich ist wirklich gut, sehen, wie alt das Auto ist, wie es versichert ist, wie oft es in der Reparatur war und wieviele Besitzer es hatte. Also mit viel rummogeln so wie in Deutschland ist es also nicht, wenn man gedenkt ein gebrauchtes Fahrzeug zu kaufen.

 

Arbeit und Arbeitsmoral

Ja, es gibt Leute in Schweden, die arbeiten. Warum ich das so sage? Naja, in Scheden gibt es eine andere Arbeitskultur, von der man in Deutschland schon etwas lernen könnte, andere Sachen aber ganz bestimmt nicht abkupfern sollte:

  1. Man hat Recht darauf mehere Wochen im Sommer Urlaub zu machen. Punkt. Das ist so, egal ob Kinder im schulpflichtigen Alter oder nicht.
  2. Arbeitnehmer kann man nicht so leicht aubeuten: stimmt in gewisser Weise. Es ist gesellshaftlich inakzeptabel, dass man mehere Stunden arbeitet, ohne eine Pause zu machen. Es wird erwartet, dass man sich als Arbeitnehmer mit seinen Kollegen zusammensetzt und eine „Fikapause“ macht. Das ist eine Kaffeepause mit anderen Worten. Wer sich verkrümelt uns weiter arbeitet wird als komisch wahrgenommen. Überstunden sind auch nicht richtig akzeptiert und überhaupt sollte man sich nicht kaputtmachen auf Arbeit. Das, was in Deutschland Alltag ist, ist hier nicht akzeptabel. Gut so! Dennoch funktioniert das auch hier nicht immer so, und generell gibt es in den öffentlichen Einrichtungen eine ganze Menge Leute, die gefühlsmässig nur „fika“ machen, während andere wirklich arbeiten.
  3. Kinder zu haben und zu arbeiten ist etwas normales in Schweden. Es gibt auch kaum Hausfrauen, da sich die „reichen Schweden“ das nicht leisten können. Dass man auch als Mann eine Weile zu Hause ist beim Kind wird geradezu erwartet, und das Bekanntwerden einer Schwangerschaft ist für einen Chef nicht gleichbedeutend mit einem heraufziehenden Atomgewitter. Auch wenn es den Chef vor Personalprobleme stellt, so wird die Ankunft eines neuen Erdenbürgers als viel positiver wahrgenommen, als in Deutschland.

In manchen privaten Betrieben sieht es mit den Pausen etwas anders aus, besonders wenn diese von ausländischen Eigentümern betrieben werden. Unser Nachbar Jimmy arbeitet in der nahegelegenen Kabelfabrik. Vor wenigen Jahren wurde die Fabrik von einem dänischen Unternehmer gekauft. Die Folge: Entlassungen, Mehrarbeit für die übrig gebliebenen Mitarbeiter. Diese spüren jetzt einen gewissen Druck, den es in Deutschland und anderen Ländern ja schon länger gibt. (Dennoch wird es bestimmt etwas milder sein als bei uns.) Die Arbeitnehmer haben in Schweden dank der sozialistischen Einstellung weitreichenden Schutz, anschheinend mehr noch als in Deutschland. Übrigens mit bedeutenden negativen Folgen für die Arbeitsuchenden: Einen Mitarbeiter zu kündigen ist noch schwieriger als in Deutschland. In der Folge gestaltet sich die Auswahl des geeigneten Mitarbeiters sehr kompliziert. Junge Aspiranten müssen (wie auch in manchen grossen internationalen Unternehmen) mehere Tage Tests und Prüfungen durchlaufen, bevor sie in die engere Auswahl kommen. Die Folge ist eine nicht unbedeutende Arbeitslosigkeit bei zeitgleichem Fachkräftemangel. Das was die deutsche Wirtschaft schon länger beklagt (unzureichende Schulkenntnisse) kann man auch hier antreffen und die Jugendlichen disqualifizieren sich selbst. Aber auch für die reiferen Kandidaten ist es nicht unbedingt besser, müssen sie doch mit den jungen „knackigen“ konkurrieren.

Die Rasenmäher-Roboter sind ja ganz modern hier, aber der hier ist sogar besser: ferngesteuert.

Die Rasenmäher-Roboter sind ja ganz modern momentan, aber der hier ist sogar besser: ‘ne Nummer größer und ferngesteuert.

Noch ein Wort zur Arbeitsmoral: Es fällt auf, dass sich viele Schweden als “arbeitsscheu” zeigen. Es wird betont langsam gearbeitet, was man eigentlich schon als geschäftsschädigend bezeichnen kann – würde man in einer Marktwirtschaft leben, in der Konkurrenzfähigkeit das Überleben der Firma sichert. Konkurrenten gibt es hier v.a. auf dem lande wenig und so kann man sich einen ruhigen Arbeitsgang auch leisten. Verantwortung? Nein, danke! Das ist auch so eine Haltung, die hier weit verbreitet ist. Und wenn man grad nicht weiter weiß, macht man eben ein Meeting. Das sind Veranstaltungen, auf denen viel, sehr viel geredet wird. Aber eigentlich sagt man nicht sehr viel, weil alles durch “Diplomatie” verwässert ist. Nach meheren Stunden bedankt man sich für das Gespräch und stell fest, dass man sich ja noch einmal zum gleichen Thema treffen müsse, weil man ja nichts beschlossen habe…

 

“Professionelle Amateure mit Spezialisierung”

Noch ein Wort zur Arbeitssituation in Schweden. Auffallend ist, dass auch unqualifizierte bzw. weniger qualifizierte Personen einen Job bekommen können, z.B. als Lehrer bzw. “Hilfslehrer”. Als solcher bekommt man natürlich nicht so viel Geld und überhaupt ist die Bezahlung von Lehrkräften recht mager. Dennoch: eine wunderbare Chance für jene, die dringend arbeiten müssen, aber keine richtige Ausbildung oder Legitimation haben. Auf der anderen Seite fragt man sich natürlich, wie eine mangelnde Qualifikation mit einem anspruchsvollen Beruf vereinbar ist. Viele haben keinerlei pädagogische Vorkenntnisse. Einzige Qualifikation ist z.B. Englisch als Muttersprache. Ein Fall verdeutlicht die Notsituation und prekäre Lage sehr gut: Olga hat eine italienische Bekannte, eine Junge studentin, die “Haushaltskunde” -oder Wissenschaft an einer weiterführenden Schule unterrichtet. Auf die Frage, was sie qualifiziere, antwortete sie, sie backe gerne Muffins… Hä?? Wie?? Kein Witz, stimmt wirklich!

Dieser Besonderheit begegnet man auch in anderen Bereichen, doch dazu später.

Soviel erst einmal zum Allgemeinen. In Teil 2 gibt`s mehr “lustiges Allerlei aus Schweden”, vor allem aus meinem beruflichen Alltag. Seid gespannt auf Neues aus dem Land der “ungeahnten Unmöglichkeiten” ! 😉

Träum, träum, träum…

Kaum wird es wieder kälter, sehnt man sich schon wieder nach der Wärme. Das kennt bestimmt jeder. In Bahrain haben wir uns so manches Mal nach einem kühlen, verregneten Tag gesehnt. Jetzt haben wir das wieder reichlich.

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Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel, 28°C – einfach nur geil! Naja…

Also sitze ich da, mit dem Kopf auf die Hand gestützt, in der Hoffnung mein Arm möge diese schwere, müde Murmel auch halten können. Ich stöbere mit lautem Seufzen durch die Bilddateien und stoße auf einen alten Famulaturbericht. Naja, ist schon ein paar Jahre her, möchte ihn aber trotzdem teilen, zumal er nicht nur für Medizinstudenten geschrieben ist:  Als Student im Oman (2006)

Eine Reise, die ist lustig…

… mer eller mindre (mehr oder weniger)

Samstag, 30 Juli 2016 –  Endlich Urlaub. Erster Tag nach anstrengenden Tagen, Wochen, Monaten. Das erste Mal seit einem Jahr geht es nach Berlin. Zu dritt im Auto – und natürlich einem kleinen Engel im Himmel. Ich weiss gar nicht wie, aber irgendwie ist das Auto gerammelt voll. Da sind weniger unsere Reiseklamotten, sondern vielmehr der Kinderwagen, der im Kofferraum nur ein paar kleine Spalten und Lücken übrig lässt. Wie erwartet brauchen wir mehere Stunden, bis wir endlich mal in die Gänge kommen. Das Auto hatte ich schon am Vortag gepackt, aber man reist mit Baby eben anders als zu zweit. Kaum will man los, sind die Hosen wieder voll, also Windeln wechseln und dann hat der kleine Mann natürlich Hunger. Anschliessend muss man noch das obligatorische Bäuerchen (liebevoll von uns auch „Farmerli“ genannt) abwarten und dann könnte man eigtentlich los. Aber dann muss man ja selber noch mal pinkeln und im Bauch zwickt es auch schon usw… Kurzum: gegen 12 sind wir dann unsere ca. 720 km weite Reise von Falun nach Trelleborg angetreten.

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Von Falun aus nach Trelleborg durchquert man praktisch ganz Südschweden

Wir haben einen schönen Tag erwischt. Die Sonne scheint, es ist nicht zu warm (haha, in Schweden zu warm…). Auf Land-, und „Bundes“strassen geht es Richtung Süden. Bis zur ersten richtigen Autobahn vergehen mehere hundert Kilometer. Zwischendurch gibt es immer wieder einmal etwas ausgebautere Streckenabschnitte, aber mehr als 100 km/h darf man dort in der Regel nicht fahren. Bei Motala nähern wir uns dem Vätternsee, dem zweitgrössten See Schwedens (1900 km2 – Bodensee 540 km2 Fläche). Hier überqueren wir wie auf unserer Anreise nach Falun im letzten Jahr den gleichnamigen Fluß Motala. Dazu müssen wir eine mautpflichtige Brücke benutzen. Eigentlich nichts besonderes, würde der schwedische Staat nicht die stolze Summe von ganzen 0,53  Euro erheben und diese auch per Post im Ausland eintreiben! Schon letztes Jahr erhielt ich ein Schreiben in Deutschland, in dem ich aufgefordert wurde, die entsprechende Gebühr zu überweisen. Gewöhnlich hat man dafür rund 2 Monate Zeit, aber versäumt man es fristgerecht zu zahlen, „so wird ein Verzugszuschlag von 32 Euro in Rechnung gestellt” !!! Das ist das 60-fache der eigentlichen Gebühr!!! Sehr gerne habe ich diese Summe auf 55 Cent aufgerundet, wobei ich wirklich gerne mal wissen würde, was das Porto des Briefes kostet…

Wir passieren die Ruine des Brahe-hus. Graf Per Brahe der Jüngere hatte es ursprünglich Mitte des 17. Jahrhunderts für seinen Frau erbauen lassen, die jedoch im Jahr der Fertigstellung verstarb. Anschliessend wurde es nur kurze Zeit genutzt und anschliessen „ausgeschlachtet“ und verlassen.

Die Fahrt ist ruhig, aber zieht sich endlos in die Länge. An einer Tankstelle werden Baby und Auto betankt. Ich gehe in den Laden um mir einen Schokoriegel zu kaufen, Nico auf dem Arm. Da kommt mir ein Mann entgegen mit einem kleinen Mädchen, vielleicht 3-4 Jahre alt. Das kleine Mädchen dreht sich in der Tür um, zeigt auf Nico und ruft ganz laut: „Guck mal Papa, da ist ein Baby!“ Nico guckt ganz entgeistert. Ich ahne, ich muss meinem Sohn zur Seite stehen, beuge mich ihr mit Nico entgegen und erwidere: „ Du bist doch auch noch ein Baby!“. Jetzt guckt das kleine Mädchen ganz entgeistert, während Nico vor sich hin grunzt. Ihr Vater lacht und ich habe auch meinen Spass, nur die Kleine (und bestimmt auch Nico) versteht die Welt nicht mehr…

Brahehus

Das Brahe-Hus am Vännernsee

Als es schliesslich dunkel wird kommen wir gegen 22 Uhr in Höllviken bei Trelleborg an.  Die Unterkunft, die ich in aller Eile gebucht hatte liegt etwa 50 Meter vom Meer entfernt. In der Abenddämmerung kann man die Öresundbrücke gerade noch erkennen. Eine wunderbare Lage, wären es jetzt nicht so spät.

In der stressigen Zeit vor der Abreise hatte ich übersehen, dass man bei einer späten Ankunft vorher Bescheid geben soll. So stehen wir jetzt vor der verschlossenen Eingangstür mit der Aufschrift „Rezeption schliesst um 20 Uhr“. Ich könnte ausrasten! Einerseits über die Schweden (bei welcher normalen Unterkunft ist in der Hauptreisesaison die Rezeption abens nicht nach 20 Uhr besetzt?), andererseits aber über mich selber! Wieso habe ich das Kleingedruckte nicht gelesen? Dort steht es ganz klar Schwarz auf Weiß! Außerdem: bei Stornierungen weniger als 24 Stunden vor der Anreise oder bei Nichterscheinen wird der volle Betrag in Rechnung gestellt! Na großartig!!! Wenn ich so gelenkig wäre, würde ich mir jetzt wirklich das Gesäß zerkauen!!! Andererseits hätte ich große Lust mich auf diese kleine Bank zu stellen und gegen die Fenster zu urinieren und…

Ich sehe es schon vor meinem geistigen Auge: junge Arztfamilie haust wie die „Clochards“ unter einer Brücke, das Kind schreiend in zum bersten vollen Windeln, die Rabeneltern zusammengekauert daneben mit knietiefen Augenringen und einem leeren Blick wie bei CrystalMeth-Konsum. Das mit der obdachlosen Kleinfamilie in bitterkalter Nacht klingt etwas nach Josef und Maria, aber das will ich mir nicht anmaßen. Außerdem sehe ich hier weit und breit keinen Stall. Und dann auch noch den vollen Preis von über 100 Euro bezahlt!!!! Ich könnte heulen…

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Strand bei Höllviken, im Hintergrund die Öresundbrücke, die Malmö mit Kopenhagen verbindet

Bevor ich mich an meinem zusammengeheulten emotionalen Sabber verschlucke klingelt das Telefon. Eine SMS informiert uns, dass wir in einem Safe in der Aussenwand  den Zimmerschlüssel finden können. What?? Wie…? Ich kann es kaum glauben, bin erleichtert und die Brücke vor meinem geistigen Auge verwandelt sich in ein angenehmes Hotelzimmer mit angenehmen Bett und Dusche. Ich könnte die Schweden umarmen – wenn sie denn hier wären!! Das klingt echt affektlabil: Eben noch gedanklich Bomben gebaut und jetzt Glücksgefühle wie ein Feuerwerk, aber die Nerven liegen etwas blank und wir sind hundemüde. Ich bin froh, dass ich doch nicht die Fenster „verziert“ und Exkremente an der Häuserwand verschmiert habe. Jedoch degeneriert das angenehme Hotelzimmer meiner verwunschenen Vorstellung zu einem kleinen Zimmer in dem uns erst einmal zwei fast nackte Doppelstockbetten angrinsen.

Trotzdem, wir sind dankbar für diese kleine Unterkunft, die unseren gesunkenen Ansprüchen voll und ganz gerecht wird. Auch das Fehlen der Bettwäsche, die man laut Aushang an der Rezeption ausleihen kann (LOL) oder besser gleich selber mitbringt, wird verträumt ignoriert. Ist nicht schlimm, bloß ein Bett, etwas fließend Wasser und alles ist gut. Die Kopfkissen werden provisorisch mit unseren Jacken überdeckt und so kann man das Haupt enspannt in den ersehnten Schlaf sinken lassen. Irgendwie scheint diese Reise auch eine Zeitreise zu sein, ein Gedanke, den ich noch öfters haben sollte. Dieses Zimmer, die dunkle gelblich schimmernde Lampe… das versprüht den Charm der alten NVA-Kaserne im tieftsten Brandenburg, in der ich damals meine Grundausbildung bei der Bundeswehr absolvierte. Mit rot-weiss karierter Bettwäsche könnte es aber auch fast so aussehen wie diese alten Bauernstuben aus dem Mittelalter. Ein bewohntes Museum. Sogar der Geruch passt. Es ist 1 Uhr nachts, als ich mich nun endlich aufs Bett werfe und  ich bin froh, dass es nicht gleich auseinander bricht.

 

Trelleborg

Um 4 Uhr in der Früh ist die Nacht schon wieder vorbei. Wir schälen uns aus den Betten und machen den Hasen fertig. Es dämmert und direkt an der Küste fahren wir die gut 13 km nach Trelleborg. Dort wartet bereits eine Schlange von Autos aus Deutschland, Polen, den Niederlanden und natürlich Schweden. Einige der Fahrer schlafen in ihren Transportern. Eine ältere Frau wühlt in den Mülltonnen nach Pfandflaschen, und fragt an jedem Auto danach. Was soll man denn auch in Deutschland mit schwedischen Pfandflaschen? Allerdings ist der Pfandwert mit 10-20 Cent umgerechnet auch nicht besonders uppig. Endlich ist es soweit, es geht los. Während die einen noch schlafen, fahren die anderen schon um die noch Schlafenden herum. Insgesamt geht es aber sehr geordnet zu. An dem kleinen Kontrollhäuschen legen wir die Pässe vor. Schweden hatte bereits letztes Jahr die Passkontrollen im Zuge der Flüchtlingskrise wieder eingeführt, was bedeutete, dass unser kleiner Hase ebenfalls einen Pass brauchte.

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Der Hafen von Trelleborg, der südlichsten Stadt Schwedens

Das war zum Glück leichter als gedacht. Zuständig für die Ausfertigung von Pässen ist die deutsche Botschaft in Stockholm. Für die erstmalige Ausstellung mit Anerkennung der Staatsbürgerschaft für Kinder deutscher Eltern im Ausland ist die Vorlage verschiedener Dokumente in beglaubigten Kopien erforderlich. Allerdings gibt es in Schweden kein dem deutschen vergleichbares Urkundenwesen. Auch nehmen es die Schweden nicht unbedingt so genau. Als Geburtsurkunde gibt es jediglich das Protokoll des Krankenhauses. Auf dem Auszug des „Melderegisters“ wird hingegen nicht der tatsächliche Geburtsort angegeben, sondern der Ort, an dem die Eltern zur Geburt des Kindes gemeldet waren. Aha. Daher, so war auf der Seite der deutschen Botschaft in Stockholm zu lesen, kann nur über Umwege auf Wunsch eine deutsche Geburtsurkunde nachträglich beantragt werden. Die Bestimmungen waren aber recht umfangreich, und eigentlich wollten wir erst einmal nur einen Pass für Nico haben. Alle Dokumente müssen als  beglaubigte Kopien in Stockholm vorgelegt werden und zu einer Identitätsprüfung muss das Kind incl. Beider Elternteile anwesend sein. Das kostet, dachte ich mir. Alleine die Beglaubigungen, dann die Reise nach Stockholm, ich müsste einen Urlaubstag nehmen… Zum Glück gibt es in der 8000-Seelengemeinde Rättvik einen Honorarkonsul der deutschen Botschaft. Wir konnten daher die ganze Prozedur abkürzen, weil dieser nicht nur bevollmächtigt ist, die Dokumente zu beglaubigen, sondern auch die Identitätsprüfung durchzuführen. Zudem verlangte er noch nicht einmal Geld für die Beglaubigungen! Gibt es denn noch so etwas?

Also stehen wir am Schalter, werden begutachtet und zur Fähre durchgelassen. Zum Glück haben wir eine Kabine gebucht, die einfach, aber nach dieser schlaflosen Nacht sehr angenehm ist. Wir frühstücken noch und haben immerhin 5 Stunden Ruhe bis zur regnerischen Ankunft in Rostock.

Die Tom Saywer schluckt ein Auto nach dem anderen

Die Tom Saywer schluckt ein Auto nach dem anderen

 

“Blowing in the wind…”

In Rostock geht alles erfreulich schnell. Jedoch stecken wir kurze Zeit später auf der Autobahn in einem Stau. Ich mache das Fenster auf und lasse mir den kühlen Wind um die Nase wehen. Sommer in Deutschland… soll das jetzt die nächsten vier Wochen so weitergehen? Es richt nach Zigarette, ekelhaft. Im Spiegel seh ich den Fahrer hinter uns, an sein Auto gelehnt, eifrig an seiner Zigarette ziehend. Ein Endfünfziger, schmal, Jeanshose, abgewetztes Hemd. Ich schliesse das Fenster, ist halt nicht so angenehm mit einem Kleinkind. Es regnet etwas mehr und genau jetzt muss Nico anfangen unruhig zu werden. Na toll. Aber eigentlich hat er sich bisher tapfer geschlagen. Nun ist es wieder an einer Mahlzeit für ihn. Wir also beide raus, ich den Regenschirm in der Hand, Olga steckt den Kopf ins Auto und betankt den Kleinen. Ein Sommermärchen: im Regen stehen und von Autos umgeben.

Spiegel

Immer wieder schön…

Der Fahrer hinter uns, der Raucher, hat sich in seinen überfüllten Skoda gesetzt. Unangenehm sieht er schon aus, irgendwie unappettitlich. Er grinst nur doof in die Landschaft. Neben ihm wahrscheinlich seine Frau, die ebenfalls an verrauchtes, welkes Obst erinnerte. Ich wendete mich ab. Im Wagen gegenüber eine Kleinfamilie, die Mutter mit Häkelarbeit beschäftigt, während der Vater meditativ die Finger in der Nase versenkt. Die Kinder langweilen sich, wie ich. Ich schaute wieder zu dem Raucherskoda. Jetzt sitzt nur noch der „Alte“ drin und guckt nach wie vor etwas eigenartig. Seine Begleiterin ist verschwunden, vielleicht hockte sie ja an einem der wenigen Bäumchen um sich zu erleichtern. Ein Krankenwagen huscht vorbei, dann wieder Langeweile. Die Familie gegenüber bietet auch keinen aufregenden Anblick. Die Mutter hantiert mit dem Garn, der Vater hat seine Aufmerksamkeit auf die Ohren verlagert. Nico kämpft derweil mit dem Fläschen und kein Ende ist in Sicht. Na toll. Ich schaue wieder zum Raucherskoda. Der Mann hat ein verzerrtes Gesicht, als ob er an einen Elektrozaun pinkeln würde. Seine Begleiterin ist immer noch abgetaucht. Apropos abgetaucht: plötzlich erhebt sie sich seinem Schoß, wischt sich mit der rechten Hand über den Mund und grinst das „Räuchermännchen“ an. Der macht jetzt einen ganz entspannten Eindruck und fummelt sich irgendwo rum, wahrscheinlich schliesst er gerade die Stalltür. Das war also das Bäumchen… Mir ist irgendwie übel. Andererseits möchte ich fast in schallendes Gelächter ausbrechen, während ich mich weiterhin am Regenschirm festhalte und es nicht erwarten kann wieder im Trockenen zu sitzen. Während ich beschämt zur Seite blicke, rieche ich wieder Zigarettenqualm…

hase tanken

Hase wird betankt

Irgendwann geht es dann doch weiter, aber mit viel Verzögerung erreichen  wir Hohen Neuendorf bei Oranienburg. Hier übernachten wir bei Oxana und Daniel, die wiederum gerade in Schweden sind und heute in Falun ankommen. Während wir hier unser Lager aufschlagen, hüten sie dort unsere Wohnung samt Katzen. Hier hingegen wartet Kater Lis auf uns, der nachts Streife läuft und sich tagsüber entweder auf dem Sofa hier oder bei den Nachbarn räkelt und verköstigen lässt.

Nach wenigen Tagen geht es dann übernachtungstechnisch zu meinen Eltern, die dann später wiederum selber in den Urlaub fahren und wir dann „sturmfreie Bude“ und Samia und Dani um uns herum haben.

Wir hatten uns eine Menge vorgenommen: unsere Lieben und Freunde treffen, unser Lager auflösen, unseren alten VW-Transporter verkaufen, den alten DDR-Simson-Roller zu Daniel transportieren… Und vor allem die breite kulinarische Vielfalt in Berlin geniessen. Während hier beim Inder die Gerichte um die 6-10 Euro kosten, geht es bei dem Inder in Falun erst einmal bei 16 Euro los. Aber auch endlich mal wieder einen Döner essen, die knoblauchreiche Soße am Kinn runterlaufen lassen oder Sushi in ausreichender Menge am Rathaus in Steglitz zu verschlingen. Unseren Lieblingsafrikaner (Äthiopische Küche) am Halleschen Tor nicht zu vergessen!

Von all dem schaffen wir nur teilweise das mir den Freunden und das mit dem Essen. Viele schaffen wir nicht zu sehen und das Lager, der VW-Transporter usw. stehen immer noch da. Übrigens: hat jemand Interesse an einem  VW LT Bj 1992?

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Fast schon Westerland: Strandbad Wannsee, die Riviera des Berliners

Mitte August steht die Hochzeit von Irina und Ludwig auf dem Programm. In der Nähe von Cloppenburg in Niedersachsen, gute 440 km von Berlin entfernt soll die kirchliche Trauung stattfinden. Es ist die beste Freundin von Olga, beide kennen sich schon aus dem gemeinsamen Studium an der Universität in ihrer Heimatstadt Kirov, da ist es doch selbstverständlich, dass man den Weg auf sich nimmt. Nach einer anstrengenden Fahrt erreichen wir den kleinen Ort. Die Eltern des Bräutigams haben ein wunderschönes Anwesen. Ein altes Bauerngut rundumerneuert, historisch wieder neu aufgebaut. Hier lernen sich auch Nico und die nur 1 Monat ältere Anna kennen, die Tochter von Irina und Ludwig. Beide beglotzen sich gespannt und Irina hatte uns schon gewarnt, dass Anna nicht jeden anlächelt. Aber Nico schafft es mit seinem Charme und beide betatschen sich im Gesicht und greifen nach den Händen des anderen.

Am nächsten Tag ist die kirchliche Hochzeit. Die erste für Nico. Mal gucken, wie er sich verhält. Es gibt auch andere Kinderwägen, und die Plätze sind so gewählt, dass man mit den quakenden Ungeheuern über einen Seitengang die Kirche schnell verlassen kann. Das Brautpaar marschiert ein. Irina sieht wunderbar aus, Ludwig trotz seines mächtigen Erscheinungsbildes wirkt schüchtern. Kein Wunder, würde mir auch so gehen bei gut 150 Gästen. Glücklicherweise scheint der Pfarrer meine Gedanken lesen zu können und die Zeremonie dauert nicht allzulange. Auch Nico war die ganze Zeit über sehr ruhig gewesen, währden seine „Kollegen“ dann doch noch einige Kommentare abgeben mussten und höflich nach draussen begleitet wurden.

Am Abend noch eine schöne Feier, sogar Nico hat seinen Spass. Wir ziehen uns gegen Mitternacht zurück, morgen soll es wieder nach Berlin gehen.

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Porta Westfalica mit Blick auf die Weser

Am nächsten Morgen geht es gegen 10 Uhr los. Durch eine Umleitung kommen wir zu sehr nach Süden, sodass wir uns entscheiden in Diepholz beim Bundeswehr-/Luftwaffenstützpunkt vorbeizufahren. Wieder eine Zeitreise. 1997-1998 habe ich hier bei einer elitären Nachschubeinheit gedient. Das Nivau war so hoch, dass ich später auf die Frage, ob ich Bundeswehr oder Zivildienst gemacht habe, antwortete: „Ich habe als Pfleger Zivildienst bei der Bundeswehr gemacht“. Komischerweise fragten dann viele „Ach so, das gibt es auch?“ (Unterbelichtung ist anscheinend nicht nur auf die Bundeswehr begrenzt). Dabei wollte ich doch nur meine innere Distanz zu dieser „Trümmertruppe“ (dem LwÜ/LmatDp 21) darstellen, die u.a. auf einer „Bildungsreise“ nach Hamburg mehr Pommesbuden und zwielichtige Spelunken (und damit meine ich keine Kneipen…) besucht hat als historische Gebäude usw. Ich war damals bewusst nicht mitgefahren. Mein kleiner Kumpel Guzzi, den man auch „Moto“ nannte (wegen “Moto Guzzi”) erzählte mir später, wie er alleine vor einem Bordell stehengeblieben war, während alle anderen das Gebäude „gestürmt“ hätten. Der arme. Ich habe während dieser Zeit gelernt, wie man sich „von der Arbeit verpisst“, eine sehr wichtige Lektion fürs Leben.

Nun stand ich also vor dem Kasernenkomplex, fast 20 Jahre später. Keine Soldaten, die Wache schieben. Die modernen Soldaten passen nicht mehr selber auf  sich auf. Früher hat sich der Kindergarten wenigstens noch selber bewacht, heute macht das ein privater Wachdienst. Schlimm, wo sind wir nur hingekommen…

Da auf der Autobahn schon wieder Stau irgendwie zwischen Osnabrück und Bad Oeynhausen angekündigt ist, entscheiden wir uns über Porta Westfalica zu fahren. Ich bin noch nie da gewesen, die Statue immer nur schemenhaft vom Zug damals gesehen. Die Fahrt zieht sich, aber schliesslich sind wir angekommen und genissen einen wunderschönen Blick.

Es geht weiter nach Magdeburg. In Hannover müssen wir weiträumig die Stadt umfahren. Nahe der Autobahn wird wieder einmal eine Weltkriegsbombe entschärft, ganze Viertel wurden evakuiert.

Justus Nico

Justus und Nico haben Spass

Am Abend treffen wir schliesslich in Magdenburg unsere Kristin aus Bahrain, und lernen auch ihren kleinen süßen Justus kennen. Er ist natürlich schon ein „ganz Großer“ im Vergleich zu Nico, aber beide interessieren sich füreinander. Es ist ein schönes, aber leider kurzes Treffen. Wir merken, wie wir alle das Leben in Bahrain vermissen und trennen uns schliesslich fast schon tränenreich. Das war echt toll gewesen und wir wollen die beiden gerne wiedersehen,  sobald wir wieder in Deutschland unterwegs sind!

Genauso gerne hätten wir auch Verena, Yousha und Ibrahim getroffen, aber wir haben es zeitlich nicht geschafft. Wir sind jetzt schon geschafft. Zu allem Überfluss werden wir auch noch kränklich. Die Nase läuft bei 30 Grad im Schatten und bestem Sommerwetter und wir krepeln vor uns hin. Meine Nebenhöhlen lassen grüssen. Allerdings schaffen wir es noch ordentlich einzukaufen. In Schweden sind die Klamotten nicht nur zu teuer, es gibt auch keine gute Auswahl! Natürlich gibt es auch H&M in jeder Stadt, aber insgesamt ist das Angebot überschaubar und viele Schweden fahren nach Deutschland (!) zum Einkaufen.

F-Strasse

Heimatgefühl trotz vieler Veränderungen: Bahnhof Friedrichstrasse

Die letzten Tage zerrinnen förmlich. Wir geniessen die Spaziergänge in Berlin und die Zeit mit Familie und Miezekatzen. Schliesslich wird es wieder Zeit die Koffer zu packen. Für ein paar Tage bleiben wir noch bei Oxana und Daniel, bevor es Richtung Norden geht.

Bosporus Bomber

Unser “Bosporus-Bomber” (in Anlehnung an die Autos der Deutschtürken, die in den 80er Jahren mit Sofa und Kühlschrank auf dem Dach Richtung Türkei rollten)

Wir sitzen endlich im Auto. Das Auto ist gerammelt voll. Jede kleine Lücke wurde von mir vollgestopft. Kinderwagen, Kleidung, Einkäufe. Unterm Fahrersitz 6 Gläser mit Geflügelwürstchen. Ich weiß, das ist irgendwie verrückt, aber ich habe in ganz Schweden noch nicht eine richtige Wurst gegessen!!!

Es ist kurz nach 10 Uhr und wir wollen um 17 Uhr die Fähre in Kiel bekommen. Aber zwischendurch wollen wir noch einen kleinen Abstecher nach Hamburg machen. Wir kommen gut durch und sitzen bei fast schon heißem Wetter an den Landungsbrücken und essen Matjes! Herrlich! (Grüsse an Dr. Jan und Isabell!)

Anschliessend geht es weiter nach Kiel, wo wir pünktlich unsere Fähre besteigen. Es ist ein noch grösseres Schiff als auf der Hinreise, die Kabine wie schon zuvor bequem und mit Fernseher. Von dem Abendbuffet für 70 Euro für 2 Personen halten wir uns dann doch fern  und nehmen statt dessen die Cafeteria, die Hauptsächlich für LKW-Fahrer ausgelegt ist.

Bevor uns die Müdigkeit vollens in die Waagerechte zwingt, erkunden wir noch das „Sonnendeck“. Hier ganz oben auf Deck 11 pfeift ein ordentlicher Wind, aber der Hase wird gut eingepackt und hält sich sogar selbst fest! Nach meheren Folgen „Criminal minds“ fallen die Augen zu.

romantiksonnendeck   deck11    Mittelfinger

 

50 Cent mit der Karte bezahlen

Am nächsten Morgen kommen wir pünktlich in Göteborg an. Zügig können wir das Schiff verlassen und schon sind wir in der Stadt. Da wir noch gut 450 km bis Falun vor uns haben, wollen wir nur wenige Stunden hier verbringen. Es ist eine interessante Stadt mit Ausstrahlung. Die neue Oper direkt am Meer enttäuscht jedoch. Man hätte sie vielleicht in einem Star Wars Film erwarten können, aber nicht hier. Im Einkaufszentrum frühstücken wir erst einmal und ich wundere mich beim Besuch der öffentlichen Toilette, dass ich nicht die 5 Kronen (50 Cent) mit der Karte bezahlen kann. Bin ich schon so schwedisch geworden? Aber immerhin bin ich nicht der einzige… In Stockholm kann man das übrigens auf der Bahnhofstoilette machen! Da habe ich auch zum ersten Mal eine gemischte (Damen/Herren) Toilette gesehen!!! Nur die “Keramik” für den stehenden Herrn fehlt.

göteborg

Göteborg

Gegen 14 Uhr machen wir uns auf den Weg nach Falun. Zuächst Richtung Osten geht es bald schon nach Norden, nach Karlstad. Diesmal fahren wir entlang der Westküste des Vänernsees, des größten Sees des Landes und by the way drittgrößten Europas. Während wir zunächst durch eine Kulturlandschaft rollen, wird es ab etwa ab Karlstad nicht nur wesentlich einsamer, sondern auch wilder. Eine herrliche Natur, anders als bei uns in Dalarna. Leider ist es zu dämrig um mit dem Handy Fotos zu machen.

Gegen 22 Uhr holen wir den Schlüssen von Alex, einer Freundin ab, die zwischenzeitlich auch auf unsere beiden Miezekatzen aufgepasst hat. Nico wird in neue trockene Tücher gepackt und anschliessen ist auch für uns Sendepause.

 

Insgesamt war es zwar wunderschön Familie und Freunde wiederzusehen, aber es war natürlich kein Urlaub. Einzig die Hin- und Rückfahrt selbst hatten etwas derartiges an sich, da man mal nicht tausend Sachen gleichzeitig machen musste. Wir haben uns fest vorgenommen, nächstes Mal alles anders zu machen (jaja, mal gucken, ob es klappt). Z.B. nur eine Woche Deutschland, anschliessend irgendwo anders hin, z.B. Bahrain… 😉

Midsommar in Schweden

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Midsommar in Leksand: volle Ränge, leere Bühne. Wann geht’s endlich los?

Es ist zwar schon einen Monat her, aber dennoch will ich ein paar Eindrücke vom schwedischen Sommer und von unserem ersten Mittsommer hier in Schweden mit Euch teilen.

Nachdem wir den ersten Winter mit den kalten dunklen Nächten (und teilweise auch Tagen) endlich hinter uns gebracht hatten, kam im Mai der Frühling mit grossen Schritten. Die Tage wurden länger und länger und die Sonne schien uns ganz anders als in Mitteleuropa auf uns runterzubrezeln. Zwar war es draussen noch recht frisch, aber in der Sonne heizte sich die Wohnung schnell auf 25 Grad und mehr auf. – Die Sonne brennt hier richtig, eher so wie in Bahrain.

Nachts wurde es gar nicht mehr richtig dunkel. Olga erinnerte das an die “weissen Nächte” in St. Petersburg. Tatsächlich konnte man um Mitternacht bei wolkenlosem Himmel draussen Zeitung lesen.

Das Mittsommerfest (schwedisch midsommar) -zwischen dem 20., 21. oder 22 Juni-  beinhaltet festliche Umzüge, Konzerte und allerlei andere Aktivitäten bis tief in die Nacht hinein, mit denen die Sommersonnenwende begangen wird. Anlass ist der Umkehrpunkt der Sonne. Jenseits der Sonnenwende werden die Tage wirder kürzer bis sie zur Wintersonnenwende zum 20./21. Dezember am kürzesten sind. Ursprünglich vorchristlich, später als Hochfest des Johannes des Täufers gefeiert, ist es heute auch durch die Möglichkeit des kollektiven Besäufnis bekannt und beliebt. Vielleicht haben besonders “pfiffige” Schweden die Verehrung “Johannes des Säufers” daraus gemacht? Eine Rechtfertigung für ausufernden C2H6O-Konsum findet sich schliesslich immer, auch bei den sonst so unterkühlten Schweden.

 

Der lange Weg zum Alk

Die Schweden freuen sich schon Monate vorher und planen das Wochenende um Midsommar ähnlich wie Weihnachten. Mit Festen, so etwas wie Maibaum aufstellen, drumherumhampeln und anschliessend im Kreise der Familie den Abend ausklingen lassen – oder halt mit dem Fläschchen.

Apropo Fläschchen: Wenn es um Alkohol geht, sind die Schweden immer noch etwas eigen. Bier heisst hier “Öl” und “Olja” ist das schwedische Wort für Öl. Das kann schon einmal der erste Stolperstein auf dem Weg zum kühlen Blonden sein. Es gibt unterschiedliche Sorten, auch wenn die Auswahl sicherlich nicht so gross ist wie in Deutschland. Vor allem ist die Unterscheidung zwischen “lättöl” (“leichtes” Bier mit max. 2,25 Vol%) und “starköl” (mehr als 3,5 Vol%) wichtig für den durstigen Schluckspecht.

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Systembolaget – Staatliches Alkoholgeschäft

 

Während es Lättöl meistens problemlos im Supermarkt gibt, müssen sich Kunden für “stärkere Öle” und Wein, Schnäpse usw. an das “Systembolaget” wenden. Das ist ein staatliches Unternehmen, das in Alkoholangelegenheiten das Monopol in Schweden hat. Nur hier kann man Getränke mit mehr als 3,5 Vol% erstehen. Es herrschen trotz neuerer Lockerungen (Selbstbedienung im Systembolaget wurde seit 1991 schrittweise eingeführt!) noch immer strenge Gesetze. So ist der Verkauf von Sixpäcks verboten, Rabattangebote gibt es nicht und entsprechend des “Gleichberechtigungsfimmels” (dazu später einmal) ist es z.B. verboten nur Teile des Sortiments gekühlt zu verkaufen, weil die wärmeren ja dann vielleicht weniger gekauft würden usw.

Ursprünglich zur Kontrolle des Alkoholkonsums der Bevölkerung gedacht, ist angesichts der in Skandinavien vorhandenen “Alkoholister” (Alkoholiker) nur noch ein kommerzieller Staatsbetrieb übrig geblieben, der jedoch den Alkoholkonsum nicht wirkugsvoll eingrenzen konnte.Trotz seines Monopols kann er nur einen Marktanteil von etwa 30% für sich beanspruchen. Angesichts der horrenden Preise ist “hembränt” (also selbstgebrannter Schnaps) mit Schwarzmarkt und Importware sehr populär. Seit 2007 hat das staatliche Unternehmen keine vorherrschende Position gegenüber selbstimportierter Ware mehr. Bis dahin mussten auch Alkoholbestellunge aus dem Ausland über das Systembolaget gordert werden.

 

“Das is ja wie im Osten hier!”

Wir entschieden uns dazu nach Leksand zu fahren, etwa 50 km von Falun entfernt. Der etwa 6000 Einwohner zählende Ort liegt an einer Bucht, die sich zum Siljansee öffnet, der in den Fluss Österdälälven abfliesst. Von hier aus kann man sicherlich herrliche Rentnerfahrten über den gesamten Siljansee unternehmen, u.a. nach Rättvik und Mora.

 

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Leksand, Österälvdalen mit Blick Richtung Siljan

Mein Kollege Bert und seine Fraui Ingrid hatten uns vorgeschlagen, dass wir uns mit Ihnen und zwei von Ingrids Spachkurskollegen (Ingrid hatte den Kurs nach uns belegt) dort treffen. Auf einer Wiese sollte es gegen 19.30 mit Musik, Tanz und Präsentation losgehen. Im herrlichen Sonnenschein trafen wir uns auf der Festwiese, die zentral eine Vertiefung hatte. Es war so wie ein natürliches Amphitheater:  Auf den Hängen der Wiese die Zuschauen, unten in der Senke eine kleine Bühne. Oben auf den Wägen rundherum ein paar Buden mit Nahrung. Da ich auch gleich bei Ankuft Hunger verspürte, entschied ich mich, für eine “Wurst im Brötchen”. Was ich allerdings bekam war eher ein “Würstchen im Töstchen”. Wieder einmal typisch für Schweden. Die Wurst so gross wie mein kleiner Finger (und meine Hände sind wirklich nicht gross!), rundherum etwas Pappe. “Is ja wie im Osten” dachte ich mir. Eine Auswahl gab es sowieso nicht. Die anderen Stände hatten nur Zuckerwatte und sonstigen Müll. “3,50 Euro dann bitte!” Dieses fleischfarbene Konglomerat schmeckte dann erwartungsgemäß nach Nichts, aber der Magen hatte etwas zu tun. Typisch Schwedisch: keine Auswahl, teuer. Das ist etwas, was wir inzwischen lernen mussten. Aber ein Wurststand für erwartete 40.000 Leute???

Egal, wir setzten uns zu Ingrid und Bert und zu den anderen drei. Allesamt Ärzte aus Berlin, ein Ehepaar, eine einzelne Ärztin. Jung, dynamisch, schwanger. Zumindest die eine. Nun hätte man ja meinen können, dass man sich etwas zu erzählen hatte wenn man aus der gleichen Stadt kommt usw., aber nach ein paar Sätzen verebbte das Gespräch und ich war wieder in Gesellschaft solch (anscheinend) typisch deutscher Ärzte. (Das es solche auch in schwedischer Ausführung gibt, dazu irgendwann mal später).

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Nico unterm Sonnenschirm

Die Zeit verging, unser Osterhase vergnügte sich in der Sonne bzw. eher unterm Regenschirm. Wann geht’s hier endlich los??? Der Zeit verging, die Massen strömten hinzu, aber nichts passierte! Zwischendurch mal ein Ständchen, aber das war’s. Langsam wurde der Hase unruhig und als dann plötzlich die Kapelle und eine bunte Masse mit traditionellem Fummel Einzug hielt, schrie er wie am Spieß!!! Kritik oder Beteiligung an den Feierlichkeiten? Der Hunger war es dann eher. Wir kämpften uns  gegen den Strom der trällernden Menge mit einem schreienden Baby. Ganz toll! Wir kamen uns wie Rabeneltern vor.  Am Auto war er dann wieder eingeschlafen. Na super!

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Auch diese Bikes aus Bayern hatten es bis nach Leksand geschafft. Respekt!

Allerdings war ich nicht sooo traurig gewesen, dass wir gehen mussten. Ingrid berichtete mir dann nach dem Wochenende, dass es nicht so berauschend gewesen sein soll und sie nächstes Jahr nicht unbedingt noch einmal hin muss.

Soviel zu unserem ersten schwedischen Midsommar…